Reader zur EKD-Synode 2000

Auf dem Weg zur vollen sichtbaren Einheit

Der theologische Dialog der EKD mit der Kirche von England

Paul Oppenheim

Prof. Günter Wenz, Landesbischof i.R. Johannes Hempel, Prof. Ulrich Kühn

Ab 1985 wurden zwischen der Church of England (CofE), dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Gespräche geführt, aus denen 1988 die Gemeinsame Feststellung "Auf dem Weg zu sichtbarer Einheit" und die Meissener Erklärung (Meißen) hervorgegangen sind. Darauf aufbauend, erzielten fünf Jahre später die anglikanischen Kirchen Großbritanniens und Irlands durch die Gemeinsame Feststellung von Porvoo (Porvoo) die volle Kirchengemeinschaft und Austauschbarkeit der Ämter mit den lutherischen Kirchen im Baltikum und in Skandinavien. Seither gibt es in den Beziehungen zu den Anglikanern ein Gefälle zwischen jenen evangelischen Kirchen Europas, die Bischöfe in historischer Sukzession haben, und jenen, die den "historischen Episkopat" weder bewahrt haben noch bislang bereit sind, ihn wiederherzustellen.

Die Kirchen der anglikanischen Konfessionsfamilie sind einem Einheitsmodell verpflichtet, das die Austauschbarkeit der Ämter und die Herstellung der "vollen, sichtbaren Einheit" an Bedingungen knüpft, die über das hinausgehen, was nach dem Augsburger Bekenntnis "zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirchen" genügt (satis est). Neben einer Verständigung über die Autorität der Heiligen Schrift, über die Sakramente der Taufe und des Herrenmahls sowie über die Geltung der altkirchlichen Glaubensbekenntnisse macht nämlich das so genannte Chicago-Lambeth Quadrilateral von 1888 auch die Anerkennung des "historischen Episkopats" zur Bedingung für die volle Kirchengemeinschaft von Anglikanern mit anderen Christen.

Meißen verpflichtet die Gliedkirchen der EKD und die CofE, "alle möglichen Schritte zu engerer Gemeinschaft auf so vielen Gebieten christlichen Lebens und Zeugnisses wie möglich [zu] unternehmen, so dass alle [ihre] Mitglieder gemeinsam auf dem Weg zu voller, sichtbarer Einheit voranschreiten mögen". Diese Verpflichtung zu konkreten Schritten, darunter auch zur Fortsetzung offizieller theologischer Gespräche, ist ein Charakteristikum dieses ökumenischen Dokuments. Die Gliedkirchen der EKD stehen somit in der Pflicht, sich mit dem Thema weiter auseinander zu setzen, das in Meißen nicht abschließend geklärt werden konnte.

Unter dem Titel "Visible Unity and the Ministry of Oversight" sind 1998 sämtliche Vorträge und Bibelarbeiten (zweisprachig!) veröffentlicht worden, die auf der Theologischen Konferenz zum Thema Episkopé im März 1996 in West-Wickham gehalten wurden. Diese Konferenz sollte die Frage beantworten, "ob es Möglichkeiten gibt, die noch bestehenden Unterschiede im Zusammenhang mit der Austauschbarkeit ordinierter Geistlicher zu überwinden", und der deutsche Ko-Vorsitzende der Theologischen Konferenz, Professor Ingolf Dalferth brachte mit seinen "Evangelischen Anmerkungen zu einigen ungeklärten Fragen" das Thema auf den Punkt: "Ist ohne dreifaches Amt, historischen Episkopat und bischöfliche Sukzession eine volle, sichtbare Einheit unserer Kirchen möglich oder nicht?". Er würdigte das Bemühen der Anglikaner, "deutlich zwischen kirchlichem Amt und Amtsträger zu unterscheiden" und die apostolische Sukzession im Bischofsamt der apostolischen Kontinuität der Kirche als Ganzes zuzuordnen. Gerade diese neue Entwicklung in der anglikanischen Theologie hätte aber konsequenterweise dazu führen müssen, die in Meißen vollzogene gegenseitige Anerkennung der Apostolizität der Kirchen und der "ordinierten Ämter [...] als von Gott gegeben und als Werkzeuge seiner Gnade" als ausreichende Voraussetzungen für die volle Austauschbarkeit der Ämter anzuerkennen. Dalferths Analyse der anglikanischen Position mündet in die Frage ein, ob "nicht doch einem kirchenrechtlichen Sachverhalt der Kirche von England ein ekklesiologisches Gewicht beigemessen [wird], das ihm theologisch nicht zukommt."

 Professor Stephen Sykes, einer der prominentesten anglikanischen Theologen der Gegenwart, stellte zwar dar, dass der "historische Episkopat" biblisch bezeugt ist und in der allgemeinen Praxis der frühen Kirche ausreichende Anerkennung genoss, um auch heute als ein Kriterium für die Anerkennung der Ämter zu dienen, fügte aber einschränkend hinzu, dass es sich um ein "untergeordnetes Kriterium" (subordinate criterion) handeln müsse.

Eine weitere theologische Konferenz haben die Kirche von England und die EKD im März 1999 in Springe (bei Hannover) abgehalten. Fünf Jahre nach der feierlichen Unterzeichnung der Meißener Erklärung mit der Verpflichtung, "gemeinsam nach der vollen, sichtbaren Einheit zu streben", haben die Gespräche zwischen deutschen und englischen Theologen doch deutliche Unterschiede in der Auslegung dieser Zielvorstellung ans Licht gebracht. Das Thema der Konferenz in Springe lautete dem entsprechend "The Unity we Seek - Die Einheit, die wir anstreben" und sollte der begrifflichen und inhaltlichen Klärung jenes Einheitsmodells dienen, das als "volle sichtbare Einheit" bezeichnet wird.

Der nordelbische Bischof Dr. Hans-Christian Knuth verwies darauf, dass in aller Regel der Glaube im Widerspruch zu dem stehe, was sichtbar sei. So glaube der Christ trotz des Kreuzes und nicht wegen des Kreuzes. - Der Bischof von Wolverhampton, Michael Bourke, nannte die Rede von der "Sichtbarkeit" einen "sprachlichen Eisberg" und machte den Vorschlag, im Deutschen den Begriff "Wahrnehmbarkeit" an dessen Stelle zu setzen. - Der Generalsekretär des Council for Christian Unity, Dr. Paul Avis, stellte hingegen die typisch anglikanische Frage, ob es denn Einheit geben könne, die nicht sichtbar sei.
Damit war die Diskussion eröffnet, die vier Tage lang den Begriff "Volle sichtbare Einheit" einer genauen Prüfung unterziehen sollte. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, was der Einheit zwischen Anglikanern und deutschen Protestanten denn fehle, damit sie als "sichtbare Einheit" bzw. als "volle sichtbare Einheit" bezeichnet werden könne.

Nachdem die deutschen evangelischen Landeskirchen das Bischofsamt in historischer Sukzession weder haben noch erstreben, galt es bei dieser Konferenz zu prüfen, inwieweit qualitative Fortschritte im Verhältnis zwischen der EKD und der Kirche von England überhaupt noch möglich sind.

Der Konferenz ist es gelungen, mit einer Reihe von Präzisierungen, hinter die nicht mehr zurückgegangen werden sollte, die ökumenische Zielvorstellung von der "vollen sichtbaren Einheit" so zu bestimmen, dass eine weitere Entwicklung der Kirchengemeinschaft durchaus möglich erscheint. Diese Entwicklung müsste auf eine deutlichere Bezeugung kirchlicher Einheit hinauslaufen:

Es wurde sehr deutlich unterstrichen, dass die "volle sichtbare Einheit" ein eschatologischer Begriff ist. Daran erinnert bereits die Gemeinsame Feststellung von Meißen, in der es heißt: "Die vollkommene Einheit muss auf das endgültige Kommen des Gottesreiches warten [...] Aber in einer gefallenen Welt sind wir verpflichtet, nach der "vollen, sichtbaren Einheit" des Leibes Christi auf Erden zu streben" (Meißen Nr. 7).


Es wurde festgehalten, dass "das Streben nach "voller sichtbarer Einheit" nicht als Versuch [zu verstehen ist], der von Christus schon gegebenen, in Wort und Sakrament wahrnehmbaren (sichtbaren) Einheit etwas hinzuzufügen", wie es in der abschließenden Stellungnahme der Konferenz heißt. Diese Klarstellung lag besonders den deutschen Theologen am Herzen, denen auf ihrem Erfahrungshintergrund von "Einheit in der Verschiedenheit" - innerhalb der EKD und in der Leuenberger Kirchengemeinschaft - die Unterscheidung zwischen der "geschenkten Einheit im Heiligen Geist" und "weltlichen Bedingungen von Einheit" besonders wichtig ist.


Es kam es zu einer Verständigung darüber, dass das Streben nach der "vollen sichtbaren Einheit" als das Bemühen der Kirchen zu verstehen ist, die geschenkte Einheit der Kirche "immer umfassender zu bezeugen und der in ihr enthaltenen Verheißung immer getreuer zu entsprechen". Mit dieser Klarstellung kann die Rede von der Sichtbarkeit bzw. Sichtbarmachung der Einheit auf die Ebene des Vollzugs einer bereits vorhandenen Kirchengemeinschaft bezogen werden.
Mit seinem Beitrag über die "Einheit in Stufen" hat Paul Avis methodologische Hilfestellung geleistet, indem er dazu aufforderte, von einem Alles-oder-Nichts-Denken im Blick auf Kirchengemeinschaft abzusehen und gerade auf dem Gebiet der Episkopé Schritte zu wagen, die über die Meißener Erklärung hinausgehen. Er schlug vor, die vorhandenen Möglichkeiten gemeinsamen Handelns auf der Ebene der Kirchenleitung und der pastoralen Aufsicht weiter auszuschöpfen und auf eine Praxis gemeinschaftlicher Ordinationen zuzugehen.

Im Anschluss an die Konferenz in Springe haben die EKD und die CofE ein Modell erarbeitet, das den Austausch von Pfarrern im Kontext einer bestehenden deutsch-englischen Gemeindepartnerschaft ermöglicht. Dieser Durchbruch beweist, dass es praktische Möglichkeiten gibt, die in der Meißener Erklärung festgestellte Gemeinschaft erfahrbar zu machen.

Die zahlreichen deutsch-englischen Kirchenpartnerschaften bieten viele Anlässe, die bestehende Koinonia im Lebensvollzug der beiden Kirchen wahrnehmbar werden zu lassen und die Gemeinschaft in jeder Hinsicht praktisch zu vollziehen. Das gemeinsame Engagement deutscher und englischer Gemeinden im Rahmen der Erlaßjahr 2000 Kampagne für die Entschuldung der ärmsten Länder war für viele Christen eine wichtige Erfahrung kirchlicher Einheit.

Das Feiern gemeinsamer Gottesdienste im Rahmen der Partnerschaftsbesuche (aber auch als Feierabendmahl auf dem Kirchentag) spielt ebenfalls eine hervorragende Rolle. Die Teilhabe an Visitationen und gegenseitige Einladungen zu Einführungen und Ordinationen von kirchlichen Amtsträgern sind praktische Möglichkeiten, die gegebene Einheit in wahrnehmbarer Weise auch auf kirchenleitender Ebene zu bezeugen.

Nachdem nun auch die reformierten und lutherischen Kirchen Frankreichs mit der Erklärung von Reuilly eine Vereinbarung mit den anglikanischen Kirchen Großbritanniens und Irlands beschlossen haben, wird eine für das Frühjahr 2001 geplante theologische Konferenz erneut versuchen, das Leuenberger Einheitsmodell der "versöhnten Verschiedenheit" und das anglikanische Einheitsmodell der "vollen sichtbaren Einheit" miteinander in Einklang zu bringen.

Am Ende des Weges könnte sich eine Gemeinschaft von lutherischen, reformierten, unierten, methodistischen und anglikanischen Kirchen in Europa herausbilden, die bei aller inneren Vielfalt von außen doch als eine Kirche wahrnehmbar wäre.


Aktualisierter Beitrag auf der Grundlage früherer Artikel für Mitteilungen aus Ökumene und Auslandsarbeit 1998 und 1999 von Oberkirchenrat Paul Oppenheim, theologischer Referent für Nord- und Westeuropa im Kirchenamt der EKD, Hannover.



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