Reader zur EKD-Synode 2000
Eins in Jesus Christus - Gemeinsam glauben, miteinander handeln
Der Weg der Deutschen Evangelischen Allianz in seiner ökumenischen Dimension
Hartmut Steeb
Gründung der Evangelischen Allianz in London
Unter den 921 Teilnehmern der Gründungskonferenz, die vom 18. August bis 2. September 1846 in London stattfand und von leitenden Christen aus 12 Nationen und 52 Denominationen besucht wurde, waren 12 Vertreter aus Deutschland. Dazu gehörten der schwäbische Missionswissenschaftler Dr. Christian Gottlob Barth aus Calw, der Herausgeber der Briefe Calvins, Pfarrer Jean Louis Bonnet aus Frankfurt, der Basler Missions-Inspektor Wilhelm Hoffmann, der Begründer des Deutschen Baptismus, Johann Gerhard Oncken aus Hamburg, und Prof. Dr. Fr. August Gottreu Tholuck aus Halle. Die Konferenzteilnehmer einigten sich auf eine gemeinsame Glaubensbasis, die einen Konsens reformatorischer Bekenntnisse in wenigen Sätzen beinhaltet. Sie ist für Mitarbeiter und Mitwirkende in der Bewegung der Evangelischen Allianz die verbindliche Einigung dessen, was gemeinsam geglaubt wird. Es gehört zum Selbstverständnis der Evangelischen Allianz, in weiteren theologischen Einzelfragen nach dem altkirchlichen Prinzip die Freiheit der Überzeugungen hoch zu achten: "Im Wesentlichen Einheit, in Nebensächlichem Freiheit, in allem aber die Liebe."
Als praktisches Zeichen der Gemeinsamkeit und als Herzstück der gemeinsamen Einheitsbewegung wurde der Aufruf beschlossen, sich jährlich in der ersten Woche über die Konfessions- und Denominationsgrenzen hinweg zum gemeinsamen Gebet zu treffen. Hieraus ist die weltweite Allianzgebetswoche entstanden. Die Gründungsversammlung setzte sich auch mit sozialen Missständen ihrer Zeit auseinander. Von dieser Gründungskonferenz ging z. B. eine weitere Ächtung gegen noch bestehende Sklavenhaltungen aus.
Entwicklung der Evangelischen Allianz in Deutschland
Die deutschen Teilnehmer haben am 1. September 1846 in London die Ausbreitung der Bewegung in Deutschland beschlossen. Sie sollte aus zwei großen Abteilungen bestehen, nämlich eine für Norddeutschland mit Sitz in Berlin und eine für Süddeutschland mit Sitz in Stuttgart. Schon damals wurde die Absicht bekundet, in den Städten örtliche Gruppen zu bilden. 1851 hat unter anderem Johann Hinrich Wichern, der "Vater" der Diakonie, an der zweiten internationalen Allianzkonferenz in London teilgenommen und dort auch eine wegweisende Rede zum diakonischen Auftrag gehalten. Er wurde begleitet vom Präsidenten des Deutschen Kirchentages, von Bethmann-Hollweg. Pfarrer Kuntze und der Baptistenprediger G. W. Lehmann aus Berlin haben 1851 die erste örtliche Allianzarbeit in Berlin unter dem Namen "Evangelischer Bund" begonnen. 1857 fand in Berlin die internationale Allianzkonferenz statt - mit ca. 1.300 Teilnehmern - unter der Schirmherrschaft des Preußischen Königs Friedrich Wilhelm der IV. Die Einladung zur Berliner Versammlung hatte der Stuttgarter Prälat von Kapff verfasst.
Die erste offizielle Allianzgebetswoche wurde für das Jahr 1858 ausgerufen. 1886 gründete sich die Bad Blankenburger Allianzkonferenz durch die Einladung von Anna von Weling, die bis heute jährlich stattfindet. Das Evangelische Allianzhaus Bad Blankenburg wird heute in Form einer eigenen GmbH geführt und ist das geistliche Zentrum der Deutschen Evangelischen Allianz. Der Bad Blankenburger Konferenz folgten in den nachfolgenden Jahren weitere Allianzkonferenzen in vielen Städten Deutschlands.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konstituierte sich die Deutsche Evangelische Allianz neu. Danach gestaltete sich die Evangelische Allianz in den beiden Teilen Deutschlands mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In der DDR war die Allianzarbeit geprägt durch die an bis zu 600 Orten stattfindende jährliche Allianzgebetswoche einerseits und die Bad Blankenburger Allianzkonferenzen. Diese nahmen im Laufe der Jahre einen großen Aufschwung. Zum Ende der DDR 1989 nahmen ca. 5.000 Menschen an dieser Bad Blankenburger Allianzkonferenz teil, nach Angaben der Staatssicherheit davon 82 % unter 25 Jahren. In der Bundesrepublik war die Arbeit der Evangelischen Allianz nach dem Zweiten Weltkrieg neben den Veranstaltungen der Allianzgebetswoche gekennzeichnet durch Allianzkonferenzen an ca. 30 Orten. Weitere unübersehbare Lebensäußerung waren die von der Deutschen Evangelischen Allianz initiierten und mitgetragenen Evangelisationen mit Dr. Billy Graham in den 50er und 60er Jahren.
Die Evangelische Allianz heute
Die Deutsche Evangelische Allianz versteht sich als Basisbewegung, die ohne besondere Organisationsstrukturen Einheit und Gemeinsamkeit der Christen fördert. Dabei geht es hier vorrangig um fünf Themenbereiche:
Einheit - Auf der Grundlage des gemeinsamen Glaubens (Glaubensbasis) sucht die Evangelische Allianz die Gemeinschaft derer, die sich in Jesus Christus verbunden wissen. Dabei ist die Konfessions- und Denominationszugehörigkeit deutlich nachgeordnet nach dem Bewusstsein, Glied des einen Leibes Jesu Christi zu sein. Das Wort evangelisch versteht die Deutsche Evangelische Allianz nicht konfessionalistisch eng geführt, sondern im Sinne des weltweiten Sprachgebrauchs "evangelical" als "evangeliumsgemäß".
Gebet - Die jeweils am Anfang des Jahres stattfindende Allianzgebetswoche ist zugleich der jährliche Auftakt für die Gemeinsamkeit der Christen in einem jeden neuen Jahr. Themenvorgaben für monatliche Allianzgebete werden derzeit verstärkt in örtlichen Allianzgruppen aufgenommen. Sie sollen dazu führen, dass das gemeinsame Gebet auch während des Jahres nicht verstummt. Dazu dient auch die dreimal jährlich herausgegebene Sammlung täglicher Gebetsanliegen in Zusammenarbeit mit der Lausanner Bewegung, die Christen in unserem Land in einer Gebetsbitte täglich eins macht. Der Jugendarbeitskreis der Evangelischen Allianz hat eine neue Gebetsinitiative "Let's pray together" gestartet. Durch ständig neu erscheinende Gebetsflyer werden Tipps zum gemeinsamen Gebet von Christen weitergegeben, wie z. B. das Gebet in der S-Bahn oder das Tagesschau-Gebet. Mitte November findet jährlich ein weltweiter Gebetstag für die verfolgte Kirche statt. Zu den Gebetsinitiativen ist seit einigen Jahren das "30 Tage Gebet für die islamische Welt" getreten, das zugleich zu einer geistlich-theologischen Beurteilung und zu missionarischem Gespräch herausfordert.
Evangelisation - Mit der politischen Wende ist eine neue Phase der Evangelisation eingeleutet worden. Am 10. März 1990 hatte der amerikanische Evangelist, Dr. Billy Graham, auf Einladung der Deutschen Evangelischen Allianz vor dem Reichstag in Berlin die Botschaft des Evangeliums 15.000 Menschen verkündet, wovon ca. 2.000 mehr Informationen über den christlichen Glauben wünschten. In Zusammenarbeit mit der Lausanner Bewegung wurde im Anschluss daran das neue evangelistische Modell ProChrist entwickelt, das inzwischen in Tausenden von Orten zu einer Gemeinsamkeit in der Evangelisation geführt hat mit breiten interdenominationellen und interkonfessionellen Trägerschaften. Die weite Basis der Evangelischen Allianz bietet dafür ebenso das mitarbeitergemäße Rückgrat wie für andere evangelistisch-missionarische Impulse, etwa die Willow Creek-Kongresse, die Christival-Kongresse für jugendmissionarische Arbeit und das gemeinsame Engagement bei der EXPO 2000 durch die Errichtung und den Betrieb des Pavillons der Hoffnung.
Bibel - Die Bewegung der Evangelischen Allianz hat sich in Deutschland wesentlich durch Konferenzen ausgebreitet, in denen Christen gemeinsam auf das Wort Gottes hören. Oben wurden schon die Bibel- und Gemeinschaftskonferenzen
auf der Ebene der Evangelischen Allianz erwähnt. 1998 und 1999 hat die Evangelische Allianz das GemeindeFerienFestival Spring mitgetragen, das in einer neuen Form eines ganzheitlich angelegten Kongresses neue Zugänge zur biblischen Botschaft in einer alle Generationen umfassenden Art und Weise bietet.
Gesellschaft - Es gehört zur selbstverständlichen Tradition der Gemeinschaft in der Evangelischen Allianz, sich nicht nur um innerkirchliche Themen zu bemühen, sondern die neu entdeckte Gemeinsamkeit auch zum gesellschaftlichen Engagement zu nutzen. Dies zeigte sich bereits in den ersten Jahrzehnten der Allianzgeschichte, als auf internationalen Tagungen ständig auch Menschenrechtsthemen zur Tagesordnung gehörten, wie der britisch-chinesische Opiumhandel in China, die unmenschlichen frühen Kinderverlobungen in Indien und Fragen der Religionsfreiheit für verschiedene christliche Konfessionen und Denominationen, aber auch für Menschen jüdischen Glaubens. In den vergangenen Jahren hat sich die Deutsche Evangelische Allianz gesellschaftlich vor allem in die Diskussion um das Lebensrecht von Menschen eingemischt, Thesen zur Familienpolitik erarbeitet und diakonisch-seelsorgerliche Initiativen unterstützt. Hierher gehört etwa die Drogenrehabilitation Lebenswende in Frankfurt und Hamburg, die Christliche Aidshilfe in Frankfurt und die Telefonseelsorge der Evangelischen Allianz in Marburg.
Weltweite Evangelische Allianz
Das Mutterland der Evangelischen Allianz ist England. Von dort ging in den ersten 100 Jahren der Allianzgeschichte die Leitung der Bewegung aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die weltweite Evangelische Allianz sich neu konstituiert in der Weltweiten Evangelischen Allianz. Die in 107 Ländern existierenden nationalen Allianzen arbeiten mit regionalen Allianzen und assoziierten Werken zusammen, um im Rahmen ständiger Kommissionen für Theologie, Kommunikation, Mission und Hilfen in Übersee den Gedankenaustausch, die Zusammenarbeit und das Zeugnis evangelikaler Christen weltweit zu fördern.
1952 wurde die Europäische Evangelische Allianz gegründet, der heute 27 nationale Allianzen Europas angehören, und die Zusammenarbeit über die Ländergrenzen hinweg fördert. Dies geschieht u. a. auch durch einen mit anderen internationalen Organisationen gebildeten Round Table, der das europäische missionarische Programm "Hope for Europe" aufgelegt hat, und durch die gemeinsame Vertretung bei der europäischen Union in Brüssel.
Das Verhältnis der Evangelischen Allianz zu den Kirchen
Zur Zeit der Gründung der Evangelischen Allianz auf Weltebene waren zwischenkirchliche Kontakte selten. Das konfessionelle Klima war mehr von Feindschaft als von Bruderschaft bestimmt. Die Evangelische Allianz konnte durch gemeinsames Beten und gemeinsames Handeln dazu ein progressives Kontrastprogramm vorlegen. Es hat zu viel Anerkennung zwischen den Kirchen bis hin zur Befriedung geführt. Die Evangelische Allianz hat mit ihrem personalen Ansatz der Gemeinschaft von Christen aus unterschiedlichen Denominationen und Konfessionen nicht zuletzt auch den Boden dafür bereitet, dass mehr institutionelle Zusammenarbeit in der mehr strukturierten und stärker organisierten ökumenischen Bewegung möglich wurde. Während weltweit die Evangelischen Allianzen meist auch in Form von Gemeinde- und Kirchenbünden bestehen und organisiert sind, ist in Deutschland die Evangelische Allianz ein gemeinschaftliches Netzwerk von Schwestern und Brüdern aus den verschiedenen Kirchen geblieben. Mangels anderer Strukturen sind aber dann die von ihr ausgehenden Initiativen häufig in eigene Werke gemündet, die sich als Alternativen und Ergänzungen zu kirchlichen Werken verstehen: Arbeitsgemeinschaft Biblische Frauenarbeit, Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen, Arbeitskreis für evangelikale Missiologie, Arbeitskreis für evangelikale Theologie, Christliche Fachkräfte International, Christliche Medien-Akademie, Evangeliums-Rundfunk, Hilfe für Brüder, idea, Konferenz Evangelikaler Publizisten, Ring Missionarischer Jugendbewegungen. In den letzten zehn Jahren kamen hinzu: Christliche InterNet-Arbeitsgemeinschaft (CINA), Spring, ProChrist, Pavillon der Hoffnung.
Die Evangelische Allianz versteht sich nicht als Organisation, aber als Organismus, nicht als Institution, aber als Bewegung. Es gehört sicher zu ihren Stärken, ein basisverbundenes Netzwerk zu gestalten, in dessen Mittelpunkt die Zielorientierung liegt "... daß sie eins seien, damit die Welt glaube!"
Es ist unser Wunsch an die EKD-Synode, dass diese Basisdienste der Evangelischen Allianz - in einem weithin ehrenamtlich arbeitenden Netzwerk in etwa 1.250 Orten und in etwa 170 Werken und Verbänden - stärker als bislang wahr- und ernst genommen werden. Wir würden uns freuen, wenn die EKD-Synode dieses besondere ökumenische Werk mindestens in der gleichen Weise beachten würde wie die später hinzugekommenen Parallel- oder Alternativstrukturen.
Der Autor, Hartmut Steeb, ist Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz in Stuttgart.
