Reader zur EKD-Synode 2000
Innere Mission im Ausland
Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache Tokio-Yokohama
Wolfgang Haas / Eckhard Korthus
Die Geschichte
Seit 115 Jahren gibt es die Deutsche Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache Tokio-Yokohama, heute eine Gruppe von etwa einhundert Familien, Paaren und Einzelpersonen. Es sind vor allem deutsche, schweizerische und japanische Christinnen und Christen. Viele evangelische Richtungen fließen hier zusammen. Dazu kommen immer einige Besucher aus weiteren Ländern, anderen Kulturen. Die Gemeinde wurde im Oktober 1885 von einem Schweizer Missionar gegründet. Er fasste von Anfang an die evangelischen Christen in Tokio und Yokohama zu einer Gemeinde zusammen. Allerdings lag der Schwerpunkt anfänglich in Yokohama, wo sich die deutschen Kaufleute niedergelassen hatten. Seit der Gründung ist es bereits die dritte Kirche, in der die Gemeinde sich zum Gottesdienst trifft. Die erste Kirche wurde durch das Erdbeben im September 1923 zerstört, die zweite brannte in der Endphase des letzten Weltkriegs ab. Seit 1959 treffen sich die Gemeindeglieder in der Kreuzkirche, einer im japanischen Stil gebauten Holzkirche, oder im Gemeinderaum des sich anschließenden Pfarrhauses. Die Kreuzkirche mag auf den europäischen Betrachter zuerst überraschend wirken, überzeugt aber bald durch ihre Architektur, die mit ihren japanischen Elementen und in ihrer schlichten Schönheit eine große Wärme ausstrahlt.
Unsere Auslandsgemeinde ist in vieler Hinsicht eine "normale" Gemeinde. Auf dem Veranstaltungskalender stehen der regelmäßige sonntägliche Gottesdienst, der Kindergottesdienst, Arbeitskreise für verschiedene Altersgruppen, besondere Veranstaltungen für Frauen, der Konfirmandenunterricht und Konfirmandenfahrten, Bibelkreise, Seminare, Ausflüge, der jährliche Adventsbasar und vieles mehr. Auch eine Kantorei, ein überkonfessioneller Chor, gehört seit über 40 Jahren mit dazu.
In mancher Hinsicht ist die Gemeinde jedoch ganz anders! Am auffälligsten ist sicher die hohe Fluktuation unter den Mitgliedern. Nur der kleinere Teil von ihnen bleibt für längere Zeit in Japan. Anders ist auch die Organisationsstruktur. Sie liegt fernab der gewohnten Volkskirche. Freiwilligkeitsgemeinde nennen wir uns und sind es auch, da nur Mitglied sein kann, wer schriftlich seinen Eintritt bekundet. Die Gemeinde finanziert sich durch die Beiträge der Gemeindemitglieder und durch Spenden, durch den Schulunterricht des Pfarrers wird fast das Grundgehalt finanziert. Der Pfarrer oder die Pfarrerin wird durch die Gemeindeversammlung gewählt. Die Vorauswahl und ein Vorschlagsrecht liegt bei der EKD in Hannover, die dankenswerterweise auch den Pfarrer/die Pfarrerin auf die Aufgabe im Ausland vorbereitet und unterstützt.
Das ökumenische Umfeld und die Kooperationsebenen
Wichtig für eine Gemeinde im Ausland ist natürlich das Umfeld. Als erstes ist unsere Schwestergemeinde in Kobe zu nennen. Wir pflegen unseren Kontakt durch gegenseitige Besuche. Der Pfarrer unserer Gemeinde hält einmal im Jahr einen Gottesdienst in Kobe und der dort ehrenamtlich seit über 25 Jahren wirkende Pfr. Dr. Spennemann predigt an diesem Tag in der Kreuzkirche. Die Evangelische Gemeinde hält ständige Verbindung zum National Christian Council of Japan (NCC/J), Pfr. Korthus ist Mitglied des Deutschland-Unterausschusses und arbeitet in diesem Gremium mit. Ferner unterstützt die Gemeinde schon seit langer Zeit diakonische Projekte in Japan. "Ai no Izumi" nördlich von Tokio und "Kibo no Ie" in Osaka sind hier an erster Stelle zu nennen, Projekte, die nach dem Krieg von deutscher Hand gegründet wurden und jetzt selbständig sind bzw. von der Braunschweigischen Landeskirche unterstützt und begleitet werden. Besuche und Kontakte zu japanischen (Nachbar-) Gemeinden fallen eher sparsam aus, da sich hier das Sprachproblem sehr hemmend auswirkt. Das ist jedoch nicht nur ein deutsches Problem, auch die japanische Seite hat große Schwierigkeiten, sich in der dritten Sprache, dem Englischen, auszudrücken.
Hervorzuheben ist die gute und enge ökumenische Verbindung zur deutschsprachigen katholischen Gemeinde St. Michael. Die Kirchenvorstände und die Mitglieder beider Gemeinden sehen eher das Verbindende als das Trennende in den Konfessionen. Vieles wird daher gemeinsam gemacht: Familiengottesdienste, Fahrten der Konfirmanden und Firmlinge, die großen Feste und Veranstaltungen. Auch ein regelmäßiger Kanzeltausch ist Ausdruck der engen Beziehung beider Gemeinden. In dieser Zusammenarbeit wie auch in den anderen Strukturen erkennen wir ein Stück "Kirche der Zukunft".
Die Deutsche Schule Tokio-Yokohama (DSTY) spielt für uns eine besondere, weil dominante Rolle. Die meisten Kinder und Jugendlichen der deutschen Community besuchen diese vorzüglich ausgestattete Ganztagsschule. Sie liegt von der Kreuzkirche aus gesehen sehr weit, etwa 25 km entfernt. Die Schüler/innen sind von früh bis spät unterwegs und folglich für zusätzliche Aktivitäten an Wochentagen nicht zu haben. Alle anderen Aktivitäten, von Arztbesuchen bis zu Kindergeburtstagen, müssen auf die raren Wochenende gelegt werden, sofern die nicht auch noch von der Schule beansprucht werden. Auch die Gemeindearbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien findet daher zwangsläufig an den Wochenenden statt. Selbst der Konfirmandenunterricht konzentriert sich auf monatliche Konfirmandentage jeweils an Sonnabenden.
Der Kontext Japan/Asien
Japan ist nicht Asien, und Asien ist nicht Japan. Eine Identifizierung an dieser Stelle würde vieles verzerren. Selbst das erheblich kleinere Europa ist ja nicht auf einen Nenner zu bringen. Japan hat bis heute in Asien eher eine Sonderrolle gespielt und tut es noch. Bis zur Mitte des 19. Jhs. hielt es sich beinahe hermetisch von der übrigen Welt fern. Nur auf äußeren Druck hin öffnete es sich. Dann aber nahm Japan einen rasanten Aufschwung. Besonders deutsches Know-how im Bereich des Rechts, der Medizin, der Architektur stand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hoch im Kurs. Ja selbst die Ringbahn Tokios wurde in Anlehnung an den Berliner S-Bahn-Ring gebaut, mit Berliner Hilfe. So haben wir Deutschen in Japan immer noch eine relativ hohe Reputation. Vieles ist für uns leichter als für Angehörige anderer Nationen.
Japan war immer zentralistisch, vergleichbar mit England, auch was das Inselbewusstsein angeht, wenngleich die Hauptstadt oftmals in der Geschichte den Ort gewechselt hat. Tokio, die Hauptstadt der Regierung seit Beginn des Shogunats 1603, liegt in einer der wenigen Ebenen in Japan und ist umringt von weiteren Millionenstädten. In Tokio leben ca. 12 Millionen Menschen, in der Nachbarstadt Yokohama, der zweitgrößten Stadt, weitere 6 Millionen. Insgesamt zählt die Kantoebene, der Großraum Tokio, 30 Millionen Einwohner, beherbergt also ein Viertel aller Japaner/innen. Geschichtlich ist die berüchtigte Achse Berlin-Tokio zu nennen, basierend auf der Ähnlichkeit beider Länder, was den Umgang mit ihrem Nationalismus anging. Japan wollte durch den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg eine Einigung der asiatischen Länder unter japanischer Führung. Die Mittel waren ähnlich kriegerisch und brutal wie die des deutschen Faschismus. Da es aber im Gegensatz zu Deutschland bis heute keine Aufarbeitung und eine offizielle Entschuldigung für den Krieg gegeben hat, ist Japan besonders in Ostasien immer noch politisch isoliert, auch gegenüber Russland. Die Stärke Japans liegt vor allem in der Wirtschaft.
Das Christentum war während der Zeit der Abschließung verboten. Auch nach der Öffnung 1853 und dem Beginn der Missionierung blieb die Zahl der Christinnen und Christen bescheiden, was sich bisher nicht wesentlich geändert hat. Hält man Korea mit einem Christen-Anteil von über 40 % dagegen, ist man erstaunt über die knapp 1 % in Japan; optimistischere Schätzungen gehen von 3-5 % aus. Die Anstrengungen der unterschiedlichsten Missionen waren sicher nicht gering, ganz im Gegenteil. Japan wird von vielen, auch deutschsprachigen Missionen als Missionsfeld beackert. Die bisher beste Erklärung scheint zu sein, dass Japaner/innen keinen großen Bezug zum Bekenntnishaften besitzen. Denn gleichermaßen kommen die in Japan scheinbar so großen und weit verbreiteten Religionen wie der Schintoismus und der Buddhismus auch nur auf eine ganz kleine Schar von wirklich aktiven und engagierten Mitgliedern. Japan ist eben wirklich anders als andere asiatische Länder. Allerdings ist der christliche Einfluss erheblich höher als die Prozentzahlen suggerieren.
Die Situation der Deutschen vor Ort auf Dauer oder Zeit ist nicht ganz leicht zu beurteilen, da sich nicht einmal verlässliches über die Anzahl der hier lebenden Deutschen sagen lässt. Wir nehmen daher als Anhaltspunkt und pars pro toto unsere Gemeinde. Von ca. 100 Familien/Paaren/Einzelnen sind 60 % als sog. Expatriates entsandt, die für eine zunehmend kürzere Zeit in Japan arbeiten. Der heutige Standort Tokio ist, was die deutsche Community anbelangt, am ehesten noch vergleichbar mit Singapore. Hier sind viele Firmen vertreten, z. T. eben auch mit ihrem Hauptquartier für ganz Südostasien. Das ergibt eine besondere Mischung von Mitgliedern in der Evangelischen Gemeinde. Etwas verallgemeinernd haben wir unter den sog. Expats einen hohen Anteil an Personen aus dem gehobenen und mittleren Management. Zzt. beträgt die Verweildauer der Expats etwa 3 Jahre. Nach drei Jahren also haben 60 Familien die Stadt und leider auch unsere Gemeinde wieder verlassen. Personen dieser "Gattung" sind aufgrund ihrer Privilegien, wie häufige Heimflüge, nicht nur gedanklich viel in Deutschland. Sie können sich nur bedingt auf die japanische Situation einlassen und leiden dementsprechend stark unter den völlig anderen Rahmenbedingungen wie Sprache, Schrift, Verhalten, Klima usw. Die enorme Fluktuation stellt große Anforderungen an die übrigen Mitglieder, die sich ständig auf "die Neuen" einlassen müssen. Die Offenheit der Gemeinde, ihr Werben, ihre "Mission" ist sicher eins der wichtigsten Kriterien unserer und auch anderer Auslandsgemeinden. So ist der "Kirchenkaffee" nach dem sonntäglichen Gottesdienst der Punkt im Leben unserer Gemeinde, um sich kennen zu lernen und Informationen auszutauschen. Denn Begegnungen im Alltag sind eher selten, da unsere Lebensräume, Berufsfelder sowie soziale Stellung oft weit auseinander liegen. Gottesdienst und Kirchenkaffee sind auch immer wieder Anlaufpunkt für Studentinnen/Studenten, Praktikantinnen/Praktikanten und DAAD-Stipendiatinnen/-Stipendiaten - Gruppen, die meistens für eine noch kürzere Zeit im Tokioter Raum leben.
Besonders engagiert in der Gemeinde sind diejenigen, die ständig hier leben oder das zweite Mal nach Japan versetzt wurden. Ihnen ist die Gemeinde in ihren Strukturen bekannt, und sie sind gerne bereit, Verantwortung zu übernehmen, sich selbst, ihre Kenntnisse und oft auch ihre Firma mit einzubringen. Der Kirchenvorstand ist geprägt von diesem Personenkreis. Ein weiterer Teil besteht aus Deutschen, die mit Japaner/innen verheiratet sind. Hier fallen besonders die Unterschiede bei Frauen und Männern ins Gewicht. Wie auch in anderen Ländern ist es auch hier in Japan für deutsche Frauen schwer, in der japanischen Gesellschaft einen Platz zu finden und sich wohlfühlen zu können.
Die Wichtigkeit der EKD-Präsenz in Tokio
In erster Linie durch den Pfarrer und/oder durch Mitglieder des Vorstands ist die Evangelische Kirche in Deutschland gegenüber den deutschsprachigen Botschaften vertreten. In der Deutschen Schule Tokio-Yokohama gibt der Pfarrer Religionsunterricht und gehört zum Lehrerkollegium. Dazu kommen regelmäßige Sitzungen, Veranstaltungen in der OAG (Deutsche Ostasiengesellschaft) und weiteren Organisationen, an denen wir teilnehmen, mitarbeiten oder unsere Meinung einbringen können und wollen. Die wohl wichtigste Seite der Präsenz der Ev. Gemeinde liegt sicher in dem Gespräch mit Vertretern der Wirtschaft. Der Pfarrer besucht nach und nach die hier ansässigen Firmen, gewinnt dadurch einen Einblick in das Leben der Wirtschaftsleute der Community und des gemeindlichen Umfeldes. Diese zugegebenermaßen moderne Form der Mission können wir in ihrer Wirkung auf die Gemeinde kaum unterschätzen.
Erwartungen an die EKD
Seit Jahr und Tag unterstützt uns die EKD mit Rat und Tat, den Pfarrer auch mit finanziellen Zuwendungen, die besonders für Tokio, der mit großem Abstand teuersten Stadt der Welt, beträchtlich sind (laut dpa Juni d.J. liegt New York bei 100 %, Berlin bei 70,1 %, Tokio jedoch bei 169 %). Deshalb sei an dieser Stelle der EKD herzlich gedankt. Wir werden für unseren Pfarrer/Pfarrerin die Unterstützung der EKD auch weiter benötigen. Die Substanz unserer architektonisch schönen Kirche werden wir ebenfalls ohne Unterstützung aus Hannover nicht erhalten können. Hintergrund ist die Differenz zwischen der faktischen Freiwilligkeitsstruktur unserer Gemeinde und dem nach wie vor aus Deutschland nach Tokio importierten "volkskirchlichen Denken und Handeln", das unsere Finanzsituation 'verkompliziert'. Wir erleben es so, dass, was die eigene Gemeinde angeht, das volkskirchliche Bewusstsein relativ "verantwortungsfrei" ist. Die "Mater Ecclesia" wird es schon richten, so denken auch hier in Tokio leider noch viele! Aber hier sind es eben nur wir, die Gemeindeglieder, wir sind die Mater. Etwas anderes oder andere gibt es nicht. Selbst die Nachbargemeinden liegen in Peking, Seoul oder Hong Kong. "Wir sind das Volk", hieß es vor nicht langer Zeit. Ich würde gern diese Parole auf unsere Gemeinde anwenden und "wir sind die Kirche" durchgeben, im Sinne von nur wir sind die Kirche. Wer, wenn nicht wir, sollte die Gemeinde sein und sie repräsentieren, sie organisieren und finanzieren? Dies ist ein Punkt, an dem wir alle arbeiten und weiter arbeiten müssen und werden. Im Übrigen machen es uns die japanischen Gemeinden bestens vor: normalerweise zahlt dort jeder Mitgliedshaushalt 10.000 Yen (zzt. 200 DM) pro Monat und zusätzlich bei zwei oder drei weiteren Anlässen, und schon sind Pfarrer, Auto, Miete, Kopierer etc. bezahlt. Wir dagegen haben erheblich weniger Ausgaben, da z.B. die Personalkosten fast ausschließlich von der schulischen Tätigkeit unseres Pfarrers gedeckt sind.
Seit ihrer Errichtung vor 115 Jahren ist die Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache für viele Menschen, nicht nur aus den deutschsprachigen Ländern, ein Ort der stillen Einkehr, der Besinnung und des Gebetes, aber auch ein Ort der Gespräche mit Landsleuten und Freunden. Vielen haben diese Begegnungen das Einleben und Leben in Tokio erleichtert und aufkommenden Trennungsschmerz zu lindern geholfen. Die hektische Atmosphäre Tokios, wo die Zeit zwischen den Fingern zu zerrinnen scheint, verlangt nach einer Oase der Ruhe, um sich zu finden und Kraft zu sammeln. Daher sind wir den Gründern der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache, die im kommenden Jahr 115 Jahre alt wird, und vor allem auch den Erbauern der Kreuzkirche dankbar. Wir sehen darin eine Verpflichtung gegenüber unseren Nachfolgern, dieses uns anvertraute Erbe unversehrt weiterzureichen. Dazu bedarf es immer wieder der moralischen und materiellen Unterstützung aller Freunde der Kreuzkirche. Was unseren Vorvätern und Vätern unter zeitweise unvergleichlich schwierigeren Verhältnissen möglich war, sollte auch uns gelingen. Wir haben noch große Hoffnungen! Und die nehmen wir aus Gottes Hand.
Der Artikel wurde von Eckhard Korthus, Pfarrer der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg, durch die EKD seit 1996 in die Ev. Gemeinde Deutscher Sprache in Tokio-Yokohama entsandt, und Wolfgang Haas, dem Vorsitzenden des Kirchenvorstandes der Gemeinde, verfasst.
