Mitteilung aus Ökumene und Auslandsarbeit 2006

Schwerpunktthema: Dietrich Bonhoeffer und seine Rezeption in der Ökumene

Dietrich Bonhoeffer und die asiatische kontextuelle Theologie

in ihrem Verhältnis zum Minjung (dem leidenden Volk, den Armen) und der Prajna (Weisheit) des Inter-being (Inter-esse, Zusammen-Sein)

Paul S. Chung

Dietrich Bonhoeffer ist nach wie vor eine einflussreiche Inspiration für die asiatische kontextuelle Theologie des minjung (der Armen). Neben der politischen Lektüre des minjung bietet die buddhistische Weisheit (prajna) eine Grundlage für das Verständnis der religiösen Dimension des minjung. Jedoch hat es bislang keine Diskussion über das Erbe der Bonhoefferschen Theologie nach Auschwitz in einem kritischen Dialog mit der asiatischen kontextuellen Theologie gegeben.


Die asiatische kontextuelle Theologie ist aus der Erfahrung des Glaubens inmitten der weltweiten politischen und religiösen Weltanschauungen heraus entstanden. In dieser kontextuellen Theologie bringen ausgebeutete Menschen ihr Bewusstsein der Unterdrückung zum Ausdruck, die sie seit Jahrhunderten erleiden. Aus diesem Aspekt heraus ist ein neues Geschichtsverständnis entstanden, in dessen Folge die christliche Theologie – in einem asiatischen Kontext – neu formuliert und in Auseinandersetzung mit der sozio-politischen Ungerechtigkeit und der religiös-kulturellen Spiritualität der Weltreligionen kontextualisiert wird. Der wandelbare Charakter der asiatischen Theologie konkretisiert die Bedeutung der Evangelien auf radikale Weise und erzeugt so eine neue Form des theologischen Bewusstseins – in der Veränderung der christlichen Theologie.

Im Kreis der minjung-Theologie in Süd-Korea findet Dietrich Bonhoeffer Anklang und wird zur Inspiration. Ahn Byung-Mu (1922-1996), der Begründer der minjung-Theologie, aktualisierte und radikalisierte Bonhoeffers theologische Richtung in Beziehung zu den Armen und Marginalisierten im koreanischen Kontext. Bonhoeffer hinterließ unauslöschliche Spuren in der Entwicklung der minjung-Theologie, indem er sich mit der Mündigkeit der Gottlosen und der Entzifferung der dunklen Seiten der Geschichte aus dem Blickwinkel derer, die leiden, beschäftigte, mit der Inklusivität Jesu Christi für "die anderen“.

Während seiner Haft gab Bonhoeffer seiner inklusiven Theologie schärfere Konturen und erweiterte sie im Zusammenhang mit den düsteren Erfahrung der Gefangenschaft, der Wirklichkeit leidender Menschen und der spirituellen Reife von Menschen anderer Glaubensweisen. Im Gefängnis hat Bonhoeffer eine inklusive Kreuzestheologie im Horizont von Jesaja 53 konzipiert. Dabei hat er eine Kontinuität zwischen jüdischem Leiden und dem Kreuz Christi einschließlich dem Leiden derer außerhalb der Mauern der Christenheit ausgedrückt. Im Mittelpunkt steht Bonhoeffers Grundgedanke über die Solidarität der Teilnahme an der Ohnmacht Gottes in der Welt.

Im Rahmen der minjung-Theologie kann Bonhoeffer als ein Anwalt des minjung verstanden werden, "der Ausgeschalteten, Beargwöhnten, Schlechtbehandelten, Machtlosen, Unterdrückten und Verhöhnten, kurz der Leidenden“ außerhalb der Mauern der christlichen Kirche.1

Neben der sich befreienden asiatischen Christenheit gibt es viele bedeutende Personen, die die buddhistische Spiritualität und Weisheit im Hinblick auf eine Veränderung des menschlichen Bewusstseins und der Gesellschaft ausgeweitet haben. Zum Beispiel setzte sich Thich Nhat Hanh, ein buddhistischer Mönch aus Vietnam, für die Friedensbewegung ein. Seine Lehre der mindfulness [meditativen Nachdenklichkeit] ist keine Weltflucht in eine individualistische Praxis der Meditation, sondern das Bemühen, bewusst in der Gegenwart zu leben. Thich Nhat Hanh argumentiert, dass die korrekte Anwendung der mindfulness mehr zu Frieden, Glück und Befreiung des einzelnen und der Gemeinschaft beiträgt als ein Vermeiden der Gesellschaft und eine Weltflucht. Die asiatische minjung-Theologie und der engagierte Buddhismus protestieren gemeinsam gegen die Diskriminierung der Unterdrückten und solidarisieren sich mit ihnen. Die prajna (Weisheit) und das Mitgefühl des Bodhisattva stehen nicht im Widerspruch zum Weg Jesu in Begleitung durch die jüdischen Armen (griech. ochlos [= die Menge]).

In diesem Vortrag zeichne ich Bonhoeffers Inspiration für die Entwicklung der asiatischen theologischen Reflexion Jesu und des ochlos-minjung nach. Danach werde ich die Beziehung zwischen der minjung-Theologie und dem engagierten Buddhismus des Thich Nhat Hanh untersuchen, um die vertiefte buddhistisch-christliche Beziehung aus der Realität der Armen, des Erkennens des Anderen und der Emanzipation zu beleuchten. Ich schließe ab mit einem asiatischen Zugang aus der Sicht der zweiten Generation. In Anlehnung an Bonhoeffers Theologie des Geheimnisses Gottes vor allem im Blick auf die jüdisch-christlichen Beziehungen bespreche ich die Realität des minjung und die Weisheit des engagierten Buddhismus.


1.  Dietrich Bonhoeffer und eine Theologie für die Anderen

Bonhoeffers Einzigartigkeit besteht in der christozentrischen Inklusivität insbesondere hinsichtlich der Verbindung zu denen, die außerhalb der christlichen Kirche stehen. Bonhoeffer behauptet, dass die Welt durch Jesus Christus "mündig geworden“ ist (DBW 8, 504). Auf der Grundlage der Evangelien und im Lichte Christi sind wir alle in die Verantwortung gezogen, das Mündigwerden der Welt zu bestätigen. Von einem christologischen Blickwinkel aus ist die Gottlosigkeit der Welt voller Verheißung, sogar in ihrer Haltung gegenüber der Religion und der Kirche. Sie steht Christus näher als die "religiös-christlich verbrämte Gottlosigkeit“, die Bonhoeffer "hoffnungslos“ nennt.2 Diese Betrachtung wurde deutlicher in einem Gedanken aus dem Gefängnis: "Die mündige Welt ist Gott-loser und darum vielleicht gerade Gott-näher als die unmündige Welt“ (DBW 8, 537). Deshalb besteht der Dienst der Kirche für die Welt darin, für andere da zu sein, so wie Jesus für andere da ist. "Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“ (DBW 8, 560).

Bonhoeffers Christologie der Solidarität bleibt tief verbunden mit solchen Anderen, die nicht den Namen Christi bekennen. Seine nicht-religiöse Interpretation spricht sich gegen die Menschen in ihrer maßlosen Abhängigkeit von der Macht Gottes in der Welt aus, in der Gott zum deus ex machina wird. Indes, gemäß der Bibel sind Menschen in Not verbunden mit der Ohnmacht und dem Leiden Gottes. Bonhoeffers grundlegende These lautet: "… nur der leidende Gott kann helfen. Insofern kann man sagen, daß die beschriebene Entwicklung zur Mündigkeit der Welt, durch die mit einer flachen Gottesvorstellung aufgeräumt wird, den Blick frei macht für den Gott der Bibel, der durch seine Ohnmacht in der Welt Macht und Raum gewinnt. Hier wird wohl die 'weltliche Interpretation’ einzusetzen haben“ (DBW 8, 534f.).

Die weltliche Interpretation, die auf eine Entmythologisierung der Macht des Gottes der Religion abzielt, bietet eine Basis zur Unterstützung und Erkenntnis der menschlichen Reife und Autonomie. "Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis.“ Die Wirklichkeit unseres Mündigwerdens führt uns zu einem Leben ohne Gott. "Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verläßt (Markus 15,34)! Der Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor Gott und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott selbst läßt sich aus der Welt herausdrängen an das Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt.“ Christus hilft nicht "kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens!“ Deshalb müssen wir "in der Welt leben … – 'etsi deus non daretur’“ (DBW 8, 533f.).

Bonhoeffers theologia crucis nimmt eine religionslose Form an und zeigt eine bemerkenswerte Solidarität Jesu mit der Arbeiterklasse. "Für die Welt des Proletariats … besteht … die Möglichkeit der Distanzierung Jesu von seiner Kirche; er ist nicht der Schuldige. Jesus ja, Kirche nein. Jesus kann hier zum Idealisten, zum Sozialisten werden. Was heißt es, wenn der Proletarier in seiner Welt des Mißtrauens sagt: Jesus war ein guter Mensch? Es heißt, daß man zu ihm kein Mißtrauen zu haben braucht. Der Proletarier sagt nicht: Jesus ist Gott. Aber mit dem Wort von dem guten Menschen Jesus sagt er jedenfalls mehr, als wenn der Bürger sagt: Jesus ist Gott.“3

Wie dem auch sei, Bonhoeffers Idee einer Arkandisziplin hindert die Diesseitigkeit daran, das christliche Evangelium in Weltlichkeit aufzulösen. Seine Idee der Arkandisziplin, die eine stille und verborgene Form des Christseins annimmt, findet ihren Ausdruck explizit im "Beten und im Tun des Gerechten“ (DBW 8, 435) in der Basisgemeinde des minjung. Bonhoeffers radikale Theologie der Inkarnation motiviert die minjung-Theologen, die sakramentale Gegenwart Jesu Christi in der Lebenswirklichkeit des minjung ernst zu nehmen.


2.  Jesus und der ochlos-minjung im Licht der Sozial-Biographie

Bonhoeffers Sicht, wie sie oben dargestellt wurde, d.h. "aus der Perspektive der Ausgeschalteten, Beargwöhnten, Schlechtbehandelten, Machtlosen, Unterdrückten und Verhöhnten, kurz der Leidenden“ (DBW 8, 38), regte die theologische Phantasie von Ahn Byung-Mu dermaßen an, dass er sich kritisch mit der westlichen Christologie auseinander setzte, indem er Jesus mit dem minjung identifizierte.

Ahn Byung-Mu verweist in seiner Studie über das Markus-Evangelium auf eine spezielle Klasse von Menschen, ochlos genannt. Der ochlos war nicht einfach das Volk (das hieße laos), sondern die unorganisierte Menge, die permanent um Jesus herum war. Sie waren anders als die Jünger und die herrschende Klasse. Wie die verachteten Zöllner oder andere mutmaßliche Sünder standen sie in Beschäftigungen, die nicht anerkannt waren im öffentlichen Leben. Darüber hinaus waren sie auf verschiedenste Weise krank, und Krankheit wurde für eine Folge von Sünde gehalten. Jesus akzeptierte sie dennoch ohne Vorbehalt. Ahn interpretiert den biblischen Terminus ochlos mit dem koreanischen Wort minjung (Min bedeutet 'die Armen’ und Jung bedeutet 'Menge’).

Wegen seiner Entscheidung für den ochlos und seiner Tempelreinigung wurde Jesus ausgeschaltet und zum Tode verurteilt. Der minjung erscheint in den biblischen Texten in verschiedensten Formen. Der minjung, das sind die Unterdrückten in Ägypten, deren Befreiung im Buch Exodus erzählt wird. Das hebräische Wort am ha’aretz (hebr. = Volk des Landes) bezeichnete ursprünglich den Landbesitzer, der von Gott gesegnet ist. Seit der babylonischen Invasion veränderte sich der Begriff; er wurde nun mit dem Volk der unteren Klassen assoziiert. Später in der rabbinischen jüdischen Religion wurde das Wort am ha’aretz neu definiert als die Sünder, die außerhalb des Gesetzessystems stehen. Diese Menschen wurden von der jüdischen Gemeinschaft ausgestoßen, obwohl sie Israeliten waren. Im rabbinischen Judentum bezeichnet am ha’aretz "die Armen und die machtlose Klasse, die verachtet und an den Rand gedrückt wird“4.

Im Evangelium nach Markus bezieht sich das Wort ochlos stärker auf die Gruppe um Jesus als das Wort laos, das gewöhnlich das Volk Gottes oder das Volk Israel bezeichnet. Zöllner und Sünder aus dem Hause Levi (Mk 2,13) versammelten sich um Jesus. Die Menge, die religiös verlassen war, die ökonomisch Entfremdeten und die politisch Unterdrückten waren der ochlos, der Jesus folgte. Sie hatten weder eine etablierte Position inne, noch gehörten sie zu einer erkennbaren ökonomischen Klasse. Sie waren die verachtete und entfremdete Klasse; und Jesus wurde kritisiert und getadelt, dass er mit ihnen zurechtkam. Doch Jesus zeigte eine freundliche Einstellung gegenüber dem ochlos, indem er sie akzeptierte und ohne Berührungsangst unterstützte. Er versprach ihnen das Reich Gottes als ihre Zukunft.5

Beginnend mit dem Leben und Handeln Jesu in Identität mit dem minjung las Ahn Byung-Mu die Geschichte des Volkes Gottes neu, indem er Gottes fortwährendes Handeln an ihnen wahrnahm und ihre Erzählungen in den theologischen Diskurs integrierte. Jesus wird als einer von ihnen dargestellt – ihr Schicksal und ihre Bestimmung teilend. Dies ist die wahre Bedeutung der kenosis [Entäußerung, Erniedrigung] Christi und seines Leidens. Was für Ahn von besonderer Bedeutung war, ist der leidende Gott, der auf Gott in menschlicher Gestalt verweist. Dieser Gott steht im Widerspruch zum allmächtigen Gott als deus ex machina.6

An dieser Stelle gibt es eine Parallele zwischen Ahns Reflexion Gottes in menschlicher Gestalt und der Bonhoeffers. Gemäß letzterem wird Gott als eine Arbeitshypothese oder als ein Lückenbüßer überflüssig im Blick auf die Mündigkeit der religionslosen Menschen. Die Begegnung mit Jesus Christus, die die Grundlage für die Transformation allen menschlichen Lebens ist, wird bedeutungsvoll dadurch, dass Jesus für andere da ist. Dieses Für-andere-Dasein ist, nach Bonhoeffer, durch Gottes Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart charakterisiert. Christlicher Glaube wird als eine Teilhabe am Dasein Jesu für die anderen verstanden (Inkarnation, Kreuz und Auferstehung). Die authentische Bedeutung der Transzendenz Gottes muss in Gott in seiner menschlichen Gestalt gefunden werden, dem "Menschen für andere“, wie es heißt: "… der Gekreuzigte. Der aus dem Transzendenten lebende Mensch“ (DBW 8, 559).

Ahn Byung-Mu zitierte Bonhoeffers Einsicht in der Absicht, die Existenz für die anderen auf das Leben der Unterdrückten und der Armen auszuweiten.7 Inspiriert von Bonhoeffers Aussage, dass "nicht die unendlichen, unerreichbaren Aufgaben, sondern der jeweils gegebene erreichbare Nächste … das Transzendente“ ist (DBW 8, 558),8 bezieht Ahn seine eigene Erfahrung der Gefangenschaft auf Bonhoeffers Bekenntnis. Gott ist transzendent, indem er in unserem Leben präsent ist. Wie Ahn fortfährt: "Wir, die Christen und Nicht-Christen in Süd-Korea leben wie Bonhoeffer zu seiner Zeit in der gleichen Situation. Wir erleben Leiden in Hoffnung, die auf die Zukunft ausgerichtet ist. Dabei ist die Tür offen für das 'Transzendente’. Wie Bonhoeffer sagt, 'wir leiden ohne Gott, aber wir leben vor Gott ohne es zu wissen’.“9

Aus dieser Perspektive zieht Ahn eine Schlussfolgerung für den christologischen Ansatz. Die dialektische Einheit zwischen Erfüllung (pleroma, Joh 1,14 oder Lk 2,40) und Entäußerung (kenosis, Phil 2,7) betreffend setzt Ahn den Akzent auf das Letztere, indem er betont, dass "Identifikation oder Dasein für die anderen in dem Wort 'Selbst-Entäußerung’ enthalten ist.“10 Diese sich selbst entäußernde Existenz für andere ist der Nichtsheit im Taoismus oder der sunyata im Buddhismus gegenübergestellt. Die buddhistische oder taoistische Vorstellung der Nichtsheit wird von einer christlichen Perspektive aus nur im negativen Sinne bewertet. Aber Ahn entgegnet: "Obwohl es eine Negation im Buddhismus oder Taoismus gibt, wendet sie sich in der Realität ins Positive. Was von Bedeutung ist, ist die Haltung des vollkommenen Einsatzes für die anderen, um eine vollkommene Erwartung und Bereitschaft zu erfüllen, und um sich selbst durch andere zu erfüllen.“11

Ahns Interesse am Buddhismus basiert auf seiner Sicht der Persönlichkeit und Gemeinschaft. Für Ahn ist Jesus eher ein Vertreter der Sozialgeschichte mit dem ochlos als lediglich eine Einzelperson. Ahns Christologie bezieht sich auf die inklusive Identitätschristologie, in der Jesus sich selbst mit den Geringsten unter den Menschen identifiziert (Mt 25,40). Ahns provokante These – Jesus und der ochlos in Galiläa – basiert auf seiner tiefen Reflexion des minjung, der die Sünden der bestehenden Mächte und Gewalten trägt. Jesus ist in ihr Leben und Schicksal involviert als ein Parteigänger. Wenn wir singen "… der Du trägst die Sünd’ der Welt“, werden wir an das stellvertretende und repräsentative Leiden des Knechtes Gottes erinnert (Jes 53).

Ahn betrachtet das buddhistische Prinzip der Relationalität zwischen der individuellen Person Siddharta und dem universellen Buddha aus der Perspektive der Sozio-Biographie des ochlos, indem er die hebräische Art und Weise, die Relationalität zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft auszudrücken, aktualisiert. Das impliziert, dass an Stelle des Zurückfallens in eine monistische Identifikation eine nicht-dualistische Beziehung zwischen Jesus und dem minjung notwendig ist. Jesus ist nicht identisch mit dem ochlos, aber er steht ihm auch nicht gegenüber. Diese nicht-dualistische Vorstellung unterstreicht und unterscheidet Ahns minjung-Erkenntnistheorie von dem westlichen Gedanken der Personalität. Wenn man dies berücksichtigt, kann Jesus zunächst nur verstanden werden in seiner Beziehung mit dem jüdischen ochlos, dann mit den Christen und Heiden, in anderen Worten: mit den Einwohnern Palästinas ohne Zuhause und Rechte im Jahr 70 nach der Zerstörung Jerusalems.12

Durch das gemeinsame Interesse an Ahns Auseinandersetzung mit Jesus und dem minjung werden im Kreise der minjung-Theologie die buddhistisch-christlichen Beziehungen erkundet und in Richtung auf eine Kooperation mit den engagierten Buddhisten für soziale Gerechtigkeit, Friedensbewegung und ökologische Pro-Existenz entwickelt. Einige Gelehrte sind darum bemüht, die befreiende Dimension von Sôn (Zen) in Bezug auf das Leben des minjung zu aktualisieren.

Obwohl Ahn sich nicht direkt mit dem engagierten Buddhismus von Thich Nhat Hanh beschäftigt, ist es für ein beiderseitiges Lernen und eine Erneuerung lohnend, die minjung-Theologie im Dialog mit der prajna (erleuchtete Weisheit) des inter-being (Miteinander-Sein) zu nutzen, wie sie im engagierten Buddhismus reflektiert wird. Der Nutzen eines solchen Gesprächs zeigt sich, wenn man Thich Nhat Hanhs Vision eines engagierten Buddhismus untersucht.


3.  Thich Nhat Hanh und der engagierte Buddhismus

Thich Nhat Hanhs Kernvorstellung wird unterstrichen durch die Herz-Sutra. Die  Herz-Sutra ist eine der ältesten Prajnapramita-Sutren. Das fundamentale Prinzip dieser Sutra ist, dass alle Dinge miteinander existieren (inter-are). Denn Sein heißt miteinander sein (inter-be). Inspiriert von der Erkenntnis des Bodhisattva Avalokita (chines. Kwan Yin, vietnam. Quan Am, japan. Kannon, korean. Kanum), dass „Gestalt … Leere (ist), Leere … Gestalt,“ oder dass „Gestalt … sich nicht von Leere (unterscheidet),13 Leere … sich nicht von Gestalt (unterscheidet)“ , interpretiert Thich Nhat Hanh die Prinzipien des inter-being in der Art, dass Leere als ein Leersein von Etwas offenbart wird. Inter-being bedeutet, leer (frei) von  einem separaten Substantiellen zu sein, das seinerseits erfüllt von allem ist. Die Kunst des Verständnisses bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die Durchdringung, was bedeutet, eins zu sein mit den anderen, um zu verstehen.

In Das Erwachen des Glaubens, einem der bedeutendsten Klassiker im chinesischen Hua-yen-Buddhismus, wird das nonduale Prinzip von Gestalt und Leere mit der Ganzheit des Wassers und der Wellen verglichen. „Das kann durch [das Gleichnis] des Wassers und der Wellen veranschaulicht werden, die vom Wind auf dem Ozean erregt werden. Hier ist das Wasser identisch [in einem Sinn] und nicht identisch [im anderen Sinn] mit den Wellen. Die Wellen werden vom Wind erregt, aber das Wasser bleibt dasselbe. Wenn der Wind aufhört zu wehen, klingen die Wellen ab; aber das Wasser bleibt dasselbe.“14

Gestalt (Wellen) unterscheidet sich nicht von Leere (Wasser), denn Leere unterscheidet sich nicht von Gestalt. Diese Erkenntnis führt Thich Nhat Hanh dazu, eine Dimension ernst zu nehmen, die erfüllt von allem ist, voller Leben, anstatt das absolute Nichts vorauszusetzen – im Gegensatz zu Masao Abe von der Kyoto-Schule in Japan,15 der über die Wirklichkeit der sunyata [Nichtsheit] nachsinnt.

Die radikale Bedeutung der gegenseitigen Abhängigkeit und der gegenseitigen Durchdringung ist in den ältesten Mahayana-Sutren verwurzelt und erreichte ihren Höhepunkt im späten Hua-yen-Buddhismus in China. Dieses Prinzip wurde die Grundlage für Thich Nhat Hanhs Vorstellung und ihre Anwendung bezüglich der Ausprägung der Welt. Das buddhistische Prinzip des voneinander abhängigen Miteinander-Entstehens wird gesellschaftlich angeeignet und praktisch aktualisiert in Bezug auf die Welt, in der wir leben. Die Einsicht in die Leere führt dazu, jede Diskriminierung hinter sich zu lassen. Durch diese Darstellung sagt Thich Nhat Hanh: "Rosen und Müll gehören zusammen (inter-are). Ohne die Rose können wir keinen Müll haben. Und ohne Müll gibt es keine Rose. Beide brauchen einander dringend, sind wirklich aufeinander angewiesen. Die Rose und der Müll sind gleichwertig.“16

3.1.  Das Prinzip des Inter-being und das soziale System

Wird das Prinzip des inter-being auf ein soziales System angewendet, kann ein armes Mädchen als eine verstanden werden, die gezwungen ist, sich zu prostituieren, weil die ganze Struktur dazu beiträgt, reiche Familien auf Kosten der Armen zu unterstützen. "Reichtum entsteht aus nicht-reichen Elementen, und Armut entsteht aus nicht-armen Elementen.“17 Vor dem Hintergrund des Prinzips des inter-being sind wir dazu herausgefordert, die Prostituierte in den sich nicht prostituierenden Menschen zu sehen und die sich nicht-Prostituierenden in den Prostituierten. Das Leben der jungen Prostituierten zu sehen, schließt eine Durchdringung der Wirklichkeit der Nicht-Prostituierten ein. Die wohlhabende Gesellschaft existiert in Abhängigkeit von der Gesellschaft, der alles vorenthalten wird.18

Die Nichtbeachtung der einen oder der anderen Seite würde dazu führen, das Leiden zu verachten, indem beide Seiten verletzt würden. Jedoch, aufrichtige Durchbrüche in Politik oder sozialer Gerechtigkeit verlangen ein inklusiveres, nicht-dualistisches Bezugssystem, das Gerechtigkeit für beide Seiten bietet. Für Thich Nhat Hanh ist die Transformation unseres Bewusstseins die unabdingbare Grundlage für unser Engagement für Frieden und soziale Gerechtigkeit in der Welt.

Emanzipation kommt von der Transformation des Bewusstseins der Armen, indem sie zum Prinzip des inter-being durchdringen. Durch diese Veränderung werden die Armen wissen, dass sie den Schmerz der ganzen Welt tragen. Die Reichen tragen ihren Schmerz, wenn sie tief in sich selbst hinein sehen. Dies ist das Prinzip der gegenseitigen Durchdringung, das die Erkenntnis, dass alles in allem ist, offenbart.19 Die Überwindung des diskriminierenden Bewusstseins bereitet uns auf die vollendete Freiheit und den Frieden vor. Das Wesen des inter-being – Koexistenz oder gegenseitige Abhängigkeit – ist in jedem Wort impliziert. Dies ist die Einsicht, die die Diamant-Sutra eröffnet. Wie die Lehre Jesu lehrt uns dieses Prinzip die Weisheit, dass die rechte Hand der linken Hand informell hilft.20

Mit dem Prinzip des inter-being vor Augen sind wir dazu aufgefordert, unsere Ängste und Sehnsüchte zu überwinden und uns selbst von Illusionen zu befreien, so dass wir die vollkommene Erleuchtung erkennen können. Die Sutra endet mit einem Mantra, das uns ermutigt und herausfordert, an das andere Ende der Welt zu gehen, vom Leiden zur vollendeten Freiheit und Befreiung. Wenn man das Mantra singt, beschreitet man den Weg, der zur Befreiung führt und der Freiheit für alles Leben bringt. Man schreitet vom Leiden zur Befreiung; man gelangt von der Achtlosigkeit zur Nachdenklichkeit [mindfulness], von der diskriminierenden Dualität zur nicht-diskriminierenden Non-Dualität. "Gegangen, gegangen, den ganzen Weg gegangen. Jeder ist gegangen zur anderen Seite, Erleuchtung, svaha! [wie "Willkommen!“ oder "Hallelujah!“]“.21 


4.  Buddhistisch-christliche Lernprozesse

Lassen Sie mich die minjung-Theologie und den engagierten Buddhismus miteinander vergleichen und erkunden, um ein beiderseitiges Lernen zu ermöglichen. In der minjung-Theologie ist die Frage, wie das Bewusstsein in Bezug auf das enorme Leiden der Armen und ihre spirituelle Bedeutung verändert werden soll, von zentralem Interesse. Das falsche Bewusstsein im dominanten ökonomischen und politischen System muss eliminiert werden, damit wir die authentische Situation der Welt einschätzen können. Die Geschichte von der Wirklichkeit der Leidenden aus sehen zu lernen (Bonhoeffer), inspiriert die minjung-Theologie, sich mit einem ideologischen System auseinander zu setzen, das den status quo als angemessen und akzeptabel präsentiert. Deshalb ist Ideologiekritik der erste Schritt auf dem Weg der Befreiung in Übereinstimmung mit einer Bewusstseinsveränderung für die minjung-Theologie. Die minjung-Theologie versucht, gegen die Sprache und die Nachrichten, die überwiegend in den Massenmedien propagiert werden, die politische Bedeutung eines inoffiziellen Diskurses ebenso wie die unter den Armen vorherrschenden Erzählungen wiederherzustellen.

In der buddhistischen Tradition entspringt das Prinzip der Wahrnehmung des Leidens und die Ideologie aus der Ersten Edlen Wahrheit des Buddha und dem buddhistischen Prinzip des Nicht-Anhaftens. Meditation hilft uns, mit dem Leiden zurechtzukommen und führt zu einer Erkenntnis der Ersten Edlen Wahrheit. Das Prinzip des nondualistischen inter-being dient als Ideologiekritik, indem sie die Absolutheit jeder Doktrin oder Perspektive, einschließlich der buddhistischen, herausfordert.

An dieser Stelle sollte die minjung-Theologie die buddhistische Einsicht der Nicht-Diskriminierung und des Nicht-Anhaftens bedenken, die dabei hilft, die minjung-Theologie von jeder Tendenz zu distanzieren, sich selbst zu romantisieren, und die jeglicher Form von apokalyptischem Fanatismus vorbeugt. Mit anderen Worten, der minjung-Messianismus, in dem wir eine Verwundbarkeit für den politischen Fanatismus erkennen könnten, muss durch eine innere Transformation des minjung in Form von Meditation und nicht-diskriminierender Weisheit ausbalanciert werden.

Die Bibel bietet hier keine Antwort; eher hängt die Antwort von der Frage des Lesers ab. Die Hermeneutik des minjung befürwortet keine christliche Doktrin oder einen dritten Standpunkt des Nicht-Engagierten, aber sie ermuntert zur Mit-Teilhabe des Lesers am biblischen Zeugnis von Gottes Anwesenheit in der Welt. An dieser Stelle zeigt sich eine Parallele zwischen der minjung-Hermeneutik und der buddhistischen Hermeneutik. Wie Thich Nhat Hanh bemerkt: "Da die Wirklichkeit nur gelebt und erfahren werden kann, würde buddhistische Lehre niemals die Beschreibung der Wirklichkeit zum Ziel haben. Die Lehre dient nur als Methode, als eine Leitlinie für die Praktizierenden [Anhänger] in ihrer Erfahrung dieser Welt.“22

In der Vorstellung des inter-being nach Thich Nhat Hanh muss jegliche Diskriminierung überwunden werden. Im Licht des Miteinander-Entstehens deckt die buddhistische nicht-diskriminierende Akzeptanz alles Guten und Bösen gleichermaßen eine Begrenzung der minjung-Theologie auf, die parteiischer ist, orientiert am Klassenkampf und sozialen Fortschritt. Indes ist die Sensibilität Jesu gegenüber den Kriminellen und den anderen erstaunlich. Nichtsdestoweniger, die Wirklichkeit des Bösen wird nicht gelöst werden bis zu Gottes letzter und universaler Erlösung. Gottes Prolepse (Vorwegnahme) wäre die Gegenthese zu der Zentrierung des Buddhismus auf die Gegenwart.

Für die minjung-Theologie ist der Protest gegen das kolonisierte Bewusstsein und die Mächte und Gewalten gerichtet, die die gegenwärtige Gesellschaft dominieren. Die Praxis der Transformation ist verwurzelt in der Vorstellung von Christus inmitten der Armen, wie es im Gleichnis vom Jüngsten Gericht in Mt 25 oder in dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter dargestellt wird. Der Barmherzige Samariter dient nicht als Beispiel für Jesus Christus, sondern umgekehrt bezieht sich der Ausgeraubte auf der Straße darauf, wo Jesus Christus gegenwärtig ist. Das Opfer, dargestellt als der Unterste der Untersten im Kontext des Jüngsten Gerichts in Mt 25, wird mit Jesus Christus gleichgestellt. Dieser Standpunkt erweitert den Horizont der theologia crucis auf die Wirklichkeit der Leidenden hin.

Für Thich Nhat Hanh ist die Transformation verwurzelt in der Vorstellung eines jeden in allen Lebenden und von allen Lebenden in einem selbst. Ähnlich zu der Geschichte des Jüngsten Gerichts Jesu Christi formuliert Thich Nhat Hanh die Präsenz Buddhas innerhalb der Untersten der Unteren im Sinne der Diamant-Sutra. Durch Abwesenheit von Gestalt, Erscheinung oder Bildern suchen wir Buddha "in stillstehendem Wasser und in Bettlern, die Lepra haben“.23

Die Vorstellung des inter-being intendiert nicht, den Aspekt des Widerstands zu mindern, sondern eher Selbst-Glorifizierung und Aufrichtigkeit auf Seiten der Widerständler zu blockieren. "Wenn du Mitgefühl hast, kannst du nicht reich sein. Du kannst nur reich sein, wenn du den Anblick des Leidens ertragen kannst. Wenn du das nicht ertragen kannst, musst du deine Besitztümer fortgeben.“24 Die Überwindung der Diskriminierung und Gegensätze kann durch ein Durchdringen der Situation der Reichen und der Armen durch Mitgefühl und Weisheit erreicht werden.

Das arme Mädchen in Manila, das sich prostituiert, weil es verzweifelt ist, ist zuinnerst bezogen auf den Lebensstil der wohlhabenden Familie, die zur Verzweiflung und dem Lebensstil des Mädchens beiträgt. "Nur wenn man mit den Augen des inter-being sieht, kann das junge Mädchen von seinem Leid befreit werden. Nur dann wird sie verstehen, dass sie die Last der ganzen Welt trägt.“25

"Die Last [Sünde] der ganzen Welt tragen“ (Joh 1,29) ist ein Schlüsselsatz für die Vorstellung der minjung-Theologie, indem er das persönliche Infragestellen Jesu inmitten seiner Jünger ernst nimmt. "Aber Ihr, wer sagt Ihr, dass ich bin?“ (Mk 8,29) Bonhoeffer versteht das Lamm Gottes, das die Last der ganzen Welt trägt, als "das – messianische – Leiden Gottes in Jesus Christus“ (DBW 8, 536). Ahn setzt die prophetische, befreiende Linie und Richtung Jesu Christi fort und versteht die Armen, die Gefangenen, die Blinden und die Unterdrückten als den ochlos Gottes, der das Tragen der Last der Supermacht in der Welt repräsentiert. Doch für Thich Nhat Hanh hilft das buddhistische Prinzip des inter-being den Armen, die Sünde der Welt zu tragen, ohne daran anzuhaften. Diese Einsicht radikalisiert den Protest gegen Ungerechtigkeit und Gewalt eher als ihn zu schwächen. Auf diese Weise fordert er die Parteilichkeit für die Armen um der Befreiung auf beiden Seiten willen.


Schlussfolgerung: Eine asiatische Notiz aus der Perspektive der zweiten Generation über minjung und prajna

Was den minjung und die prajna des Buddhismus betrifft, so beschäftige ich mich mit der Aneignung und Aktualisierung des Geheimnisses Gottes (oder der Freiheit Gottes) in Bezug auf Bonhoeffers Erkenntnis des Anderen (insbesondere der Juden) für den Dialog zwischen der minjung-Theologie und der Weisheit und dem Mitleiden (compassion) in der buddhistischen Nicht-Dualität. Meist nimmt die asiatische minjung-Theologie ihren Ausgangspunkt in dem Ansatz der minjung-Erfahrung des Leidens, der Selbst-Transzendenz und der Befreiung aus einer ungerechten Gesellschaft. Auf der Linie der prophetischen Tradition des Knechtes Gottes stellt sich an dieser Stelle eine theologische Negation der Juden und des Judentums ein: Jesus wird als der Große Befreier dargestellt, der vollkommen mit der etablierten jüdischen Religion bricht.

Meine Anfrage aus der Perspektive der zweiten Generation an die asiatische kontextuelle Theologie der Anderen beschäftigt sich mit Gottes Treue zu Israel und dem jüdischen Verständnis von Gott. Das Geheimnis Gottes kann sehr gut dahingehend verstanden werden, dass Gott nicht Gottes Volk verwerfen kann. Mehr noch, Gottes Geheimnis ist bezogen auf seine Treue zu seinem Volk trotz dessen Ungehorsams. Sie werden, tatsächlich, Gottes "Feinde um unseretwillen“ (Röm 11,28). Dieser Zugang zeigt nicht die Entfernung von Israel und dem Judentum an; vielmehr wird eine hermeneutische Rückgewinnung Israels fokussiert. Wird Israel als die "natürliche Umgebung“ Jesu in Erwägung gezogen (Karl Barth), zieht der dynamische Aspekt des Deus dixit [Gott spricht] die Aufmerksamkeit auf sich, was sich "je und je“ immer wieder neu ereignet.

Eine positive Rezeption der jüdischen Zurückweisung Jesu Christi wird zur Basis für eine interreligiöse Begegnung mit der Weisheit anderer Religionen. Gottes Solidarität mit denen, die außerhalb des Christentums leiden, sollte zunächst in der Bedeutsamkeit des israelitischen Neins zu Jesus als Messias und der Mündigkeit der Welt in ihrer Gottlosigkeit gesehen werden. Jeder ernstzunehmende Atheismus sowie die geistige Mündigkeit anderer Glaubensweisen haben ihre biblische Rechtfertigung im jüdischen Nein zu Jesus und in Israels treuem Handeln gemäß der Tora. F.-W. Marquardts Aussage knüpft an diese Tatsache an: "Im jüdischen Selbstverständnis ist das Nein zu Jesus Christus ein Akt der Treue zur Tora.“26

An diesem Punkt zeigt sich Bonhoeffers Offenheit gegenüber dem jüdischen Volk besonders deutlich. "Die abendländische Geschichte ist nach Gottes Willen mit dem Volk Israel unlöslich verbunden, nicht nur genetisch, sondern in echter unaufhörlicher Begegnung. ... Eine Verstoßung d[er] Juden aus dem Abendland muß die Verstoßung Christi nach sich ziehen. Denn Jesus Christus war ein Jude“ (DBW 6, 95).

In der Vertiefung und Aktualisierung der Einsicht Bonhoeffers über die mündig werdende Welt und über ihre Religionslosigkeit mit Bezug auf eine Kirche in der Selbstverteidigung, ist die asiatische kontextuelle Theologie der zweiten Generation bereit dazu, Risiken für den minjung zu wagen. Sie kann auch religiös Andere als erfüllt von Gottes Versprechen wahrnehmen. Angesichts des gewaltigen Leidens der Armen und ihrer Frömmigkeit, die in einer multi-religiösen Wirklichkeit verwurzelt ist, kann Gott vollkommen anders reden. Eine fremde, sogar unbequeme Stimme Gottes dient als Inspiration, um das Christentum von der Kirchturmpolitik zu befreien, und führt zu einer demütigen Einstellung und radikalen Offenheit für Gottes Versöhnung mit der Welt in Jesus Christus.

Gegen den "Offenbarungspositivismus“ in Barths Denken – obwohl es eine unglückliche Bezeichnung ist –27 ebnete Bonhoeffer den Weg zu einer Erneuerung der Arkandisziplin ebenso wie zu einer Wiedergewinnung biblischer Weltlichkeit, in der "Christus der Herr auch der Religionslosen werden“ kann (DBW 8, 404). Nach Bonhoeffer sollte die Welt nicht sich selbst überlassen werden. Vielmehr sollte die Welt ernst genommen werden im Lichte der Versöhnung mit Gott.28

So hören wir eine provokante Aussage Bonhoeffers, die auf Luther zurückführt, dass nämlich "die Flüche der Gottlosen in Gottes Ohren manchmal besser klängen als die Halleluhjahs der Frommen“.29 Gott steht in der Tat nicht in Opposition zum Pluralismus, weil Gott der eine ist, der den Pluralismus der Welt akzeptiert und in all seiner Vielfalt integriert durch seine inklusive Gnade in Jesus Christus für die Zukunft Gottes.

Gegen dualistische Denkweisen enthüllt buddhistische Hermeneutik des Mittelwegs oder des Nicht-Anhaftens die unbeschreibliche und unaussprechliche Natur aller Dinge. Die Wirklichkeit ist in einem kontinuierlichen Fluss, so dass es schwierig ist, eine Lebenswirklichkeit in Form eines rigiden linguistischen konzeptuellen Denksystems einzubinden oder zu konzeptualisieren. In der Tat gibt es eine Distanz zwischen menschlichen Worten oder Begriffen und dem, was sie beschreiben.30

Von einer hermeneutischen Perspektive der zweiten Generation aus impliziert Gott, der in Jesus Christus zum Opfer wird, und Gottes immer wieder neues Sprechen eine fortwährende Herausforderung des mimetischen Begehrens, das Gewalt gegeneinander erzeugt und Leidenschaft und Leiden verursacht. Jesus Christus tritt nicht in Konkurrenz zu dem Gott Israels und allen anderen. Vielmehr bleibt eher ein Stolperstein für die selbstgefällige Selbst-Gerechtigkeit und Zufriedenheit mit dem status quo. Er repräsentiert göttliches Mitleiden (compassion) für den minjung, das sich in der Torheit und der kenotischen [sich selbst entäußernden] Art zeigt, die Sünden der Welt für alle zu tragen. So ist der Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden.

Paul S. Chung ist Professor für 'Lutheran Witness and World Christianity' am Wartburg Theological Seminary in Dubuque/Iowa, USA, das der Partnerkirche der EKD, der Evangelical Lutheran Church in America (ELCA) gehört. Er hat 2006 im Rahmen des Stipendienprogramms der EKD an einem dreimonatigen Studienaufenthalt in Deutschland teilgenommen und diesen Beitrag als Ergebnis seiner Studien geschrieben  (s. auch Ralf K. Wüstenberg (Hg.). Kontextuelle Bonhoeffer-Interpretation in Südafrika, England, Amerika und Südostasien, Lang 2006).

 

Anmerkungen:

  1. D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft [DBW 8], 38. – Im Folgenden zitiert als: DBW 8.
  2. D. Bonhoeffer, Ethik [DBW 6], 113 u. 115. – Im Folgenden zitiert als: DBW 6.
  3. D. Bonhoeffer, Christologie, in: Gesammelte Schriften III, 174.
  4. Ahn Byung-Mu, "Jesus and the Minjung in the Gospel of Mark,“ in The Commission on Theological Concerns of the Christian Conference of Asia, ed. Minjung Theology, 150.
  5. Ibid., 142.
  6. Ahn Byung-Mu, Draußen vor dem Tor: Kirche und Minjung in Korea, ed. Winfried Glur (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1986), 14.
  7. Ibid., 37.
  8. Ibid.
  9. Ibid., 37-38. [vgl. DBW 8, 533]
  10. Ibid., 38.
  11. Ibid., 39.
  12. J. Moltmann, Experiences in Theology: Ways and Forms of Christian Theology, trans. M. Kohl (Minneapolis: Fortress Press, 2000), 258-259.
  13. Thich Nhat Hanh, The Heart of Understanding: Commentaries on the Prajnaparamita Heart Sutra, ed. Peter Levitt (Berkeley: Parallax Press, 1988), 1.
  14. Asvaghosa, The Awakening of Faith: The Classic Exposition of Mahayana Buddhism (Mineola: Dover Publications, 2003), 67.
  15. Massao Abe, Zen and Western Thought, ed. William R. Lafleur (Honolulu: University of Hawaii Press, 1985), 158.
  16. Thich Nhat Hanh, The Heart of Understanding, 31-32.
  17. Ibid., 33.
  18. Ibid., 32-33.
  19. Ibid., 39.
  20. Thich Nhat Hanh, The Diamond That Cuts Through Illusion: Commentaries on the Prajnaparamita Diamond Sutra (Berkeley: Parallax Press,1992), 37.
  21. Thich Nhat Hanh, The Heart of Understanding, 50.
  22. Thich Nhat Hanh, Zen keys, trans. Albert and Jean Low (Garden City: Anchor Books, 1974), 47.
  23. Thich Nhat Hanh, The Diamond That Cuts Through Illusion, 103.
  24. Daniel Berrigan and Thich Nhat Hanh, The Raft is Not the Shore (Boston: Beacon Press, 1975), 102.
  25. Thich Nhat Hanh, The Heart of Understanding, 38.
  26. F.-W.Marquardt, "'Feinde um unsretwillen’, Das jüdische Nein und die christliche Theologie,“ in F.-W. Marquardt, Verwegenheiten. Theologische Stücke aus Berlin (München: Chr. Kaiser Verlag, 1981), 315.
  27. Andreas Pangritz, Karl Barth in the Theology of Dietrich Bonhoeffer, trans. Barbara and Martin Rumscheidt (Grand Rapids: Wm.B.Eerdmans, 1989).
  28. Wie Bonhoeffer formuliert: "Im Leib Christi ist Gott mit der Menschheit vereint, die ganze Menschheit wird von Gott angenommen …“ (Ethik [DBW 6]); vgl. Ulrich Duchrow, Weltwirtschaft heute – ein Feld für Bekennende Kirche? (München: Chr. Kaiser, 1986), 69.
  29. D. Bonhoeffer, Akt und Sein. Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie (DBW 2), 160, Anm. 31) mit Anm. 66.
  30. Thich Nhat Hanh, The Diamond That Cuts Through Illusion, 95,109.