Ökumene und Auslandsarbeit 2012

Posieren mit Luther in Venedig

Bernd Prigge, Pfarrer in Venedig

„Riforma e Musica“: Touristen und Einheimische kamen zu den 20 Kurzkonzerten in die älteste lutherische Gemeinde Italiens – nicht nur wegen der Musik.

Eigentlich gibt es ausreichend Fotomotive in Venedig, sollte man denken. Selbst Blumentöpfe vor maroden Fensterläden oder sogar Wäscheleinen werden abgelichtet. Die Lagunenstadt gehört wohl zu den fotogensten Städten der Welt. Die 21 Millionen Touristen jährlich – und es werden immer mehr - sprechen für sich. Dass nun auch ein „importiertes“ Plakat zum Fotografieren einlud, das gab es noch nie vor der lutherischen Kirche: Statt vor dem Gebäude posierten Menschen an Luthers Seite. Ein Cranachbild, verfremdet mit einem Kopfhörer – das Kampagnenmotiv für das Themenjahr „Reformation und Musik“ – war ein echter Hingucker in Venedig. Lutheraner aus Ohio oder Südafrika ließen sich mit „ihrem“ Luther fotografieren und konnten es kaum erwarten, mehr über evangelisches Leben in der italienischen Diaspora zu erfahren. Selbst italienische Zeitungen griffen gerne dieses Plakat auf und veröffentlichten es mit einem Veranstaltungshinweis. Was will man mehr als Veranstalter?!

So fand die Konzertreihe „Riforma e Musica“ von vornherein eine neugierige Zuhörerschaft, die nicht nur Freude an klassischer Musik hatte, sondern zugleich auch Interesse an Luther. Das Besondere: Die Gemeinde in der Nähe der Rialtobrücke an der Hauptroute für Touristen zur Piazza San Marco warb mit einer gewissen Leichtigkeit für ihre 20 Konzerte über fünf Wochen im Juni und August 2012. Man muss wissen: Im Sommer wird es den Venezianern eher zu heiß und sie flüchten vor der Schwüle in die Berge, doch die Touristen kommen zu dieser Zeit verstärkt in die Stadt Vivaldis und Schütz'. So musste die Gemeinde ein Programm anbieten, das den Umständen entsprach: nicht zu lang, attraktiv und in einem Rhythmus, der auch die daheimgebliebenen Venezianer ansprach.

16 Musikerinnen und Musiker aus Italien und Deutschland waren bereit, von Donnerstag bis Sonntag Kurz-Konzerte von jeweils 30 Minuten zu geben. Zu ihrem Repertoire protestantischer Kirchenmusik gehörten Werke von Bach, Telemann, Schütz, Buxtehude etc. Anknüpfungspunkte für Gespräche vor oder nach den Konzerten waren das Lutherportrait von Cranach, das im Besitz der Gemeinde ist, oder auch die Sauer-Orgel, von Kaiser Wilhelm II. 1896 gestiftet. Gemeindeglieder gaben gerne Auskunft und berichteten – fast beiläufig – aus der 500-jährigen Geschichte der lutherischen Gemeinde, die als die älteste Italiens gilt. Besonders erstaunte, dass Luther selbst 1543 zwei Briefe an die Evangelischen im Veneto geschrieben hatte und dass die Lutheraner fast 300 Jahre im Untergrund ihren Gottesdienst feiern mussten, um nicht als „lutherische Häretiker“ verurteilt zu werden.

Vor dem siebten Konzert passierte ein Unglück: Teile der Kirchendecke stürzten in die Tiefe und die Kirche musste geschlossen werden. Ein großes Drama für die Gemeinde, die sich mit den finanziellen Folgen des Einsturzes konfrontiert sieht, und wie sollte es mit der Konzertreihe weitergehen? Sollte man die weiteren Konzerte absagen? Der Kirchenvorstand entschied schnell, die Konzerte im eigenen Gebäude – wenn auch ein wenig improvisiert und ohne Orgel – fortzusetzen. Unterhalb der Kirche befindet sich im Erdgeschoss – typisch für eine ehemalige Scuola – ein durchaus geeigneter Raum. So wurde aus den Konzerten ein „Musikerlebnis protestantischer Art“ auf einer Baustelle. Venezianer und Touristen zeigten viel Mitgefühl mit der kleinen Schar der Lutheraner, die auf absehbare Zeit ihre Kirche am Campo Santi Apostoli nicht mehr betreten darf.