Was sind die wichtigen Themen aus Busan?

Die Fülle der Themen, die in Busan verhandelt wurden, ist fast unüberschaubar

08. November 2013

Am letzten Tag der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) debattierten die Delegierten noch bis zum Schluss über zwölf öffentliche Erklärungen zu Themen von der Politisierung von Religionen bis hin zu Wegen zu einer atomwaffen- und atomenergiefreien Welt. Und das ist nur ein Ausschnitt aus der Arbeit der 10. ÖRK-Vollversammlung. Zwei Wochen lang wurde in täglichen Plenar- und zahlreichen Ausschuss-Sitzungen, Ökumenischen Gesprächen und Workshops, gemeinsamen Treffen beispielsweise aller Europäer oder aller Lutheraner, täglichen Bibelgesprächen und zahllosen persönlicher Begegnungen diskutiert und Erfahrungen ausgetauscht. - Was nehmen deutsche Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dieser Fülle für ihre Arbeit in Deutschland mit?

Klimagerechtigkeit ist das wichtigste Thema für Pastorin Anne Freudenberg, Referentin für Theologie und Nachhaltigkeit im Zentrum für Mission und Ökumene der Evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche). Sie war an der Zusammenarbeit beteiligt, durch die eine Erklärung zur Klimagerechtigkeit zustande kam, die ursprünglich nicht vorgesehen war: Deutsche, Dänen und Vertreter aus dem Pazifischen Raum haben in Busan in einem Ökumenischen Gespräch zur Klimagerechtigkeit den Text vorbereitet. Eine dänische Jugenddelegierte brachte das Thema dann mit Nachdruck ins Plenum der ÖRK-Vollversammlung ein. „Wir brauchen diese Erklärung, um deutlich zu machen, dass dies ein weltweites Thema ist“, sagt Pastorin Freudenberg, und ihre Kollegin Mirjam Freytag, Beauftragte der Nordkirche für den Kirchlichen Entwicklungsdienst, ergänzt: „Das stärkt unsere Arbeitsprozesse.“ Beide sind an der Vorbereitung einer Nordkirchen-Synode zum Thema Klimagerechtigkeit im Herbst 2014 beteiligt, auf der konkrete Maßnahmen zur Klimagerechtigkeit beschlossen werden sollen.

Die Verfolgung von Christen hat Pastorin Freudenberg fürsich als ein neues Thema entdeckt. „Es ist sehr hilfreich, dass wir von vielen Delegierten hier in Busan so stark für Verfolgungssituationen sensibilisiert wurden“, sagt Freudenberg. Und Martina Wasserloos-Strunk, Delegierte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), bestätigt: „Mich bewegt, was ich in Busan über Christenverfolgung gehört habe.“ Die studierte Politikwissenschaftlerin hat den Eindruck, dass dieses Thema in Deutschland kaum wahrgenommen wird, während man zum Beispiel in den Niederlanden ganz genau beobachte, wie Christen in anderen Ländern behandelt werden. „Wir haben in Deutschland eine begrenzte Wahrnehmung“, sagt Wasserloos-Strunk.

Das Thema Migration ist von großer Bedeutung für die Arbeit von Martina Wasserloos-Strunk, die in der Evangelischen Kirche im Rheinland ein Kirchenkreis-Bildungswerk leitet. „Angesichts der großen aktuellen Migrationsbewegungen in Europa wird auch für Kirchengemeinden die Frage immer wichtiger, wie sie damit umgehen sollen“, sagt sie. Für Bildungsreferentin Wasserloos-Strunk spricht deshalb die Erklärung über die Menschenrechte Staatenloser eine ganz zentrale Frage an. Ähnlich sieht es Petra Bosse-Huber, ab 2014 EKD-Auslandsbischöfin und Leiterin der Hauptabteilung „Ökumene und Auslandsarbeit“ im EKD-Kirchenamt. Für sie ist die Situation der Flüchtlinge die dringendste Frage in Europa: „Wie gehen wir mit den Flüchtlingen um?“ fragt sie. Während auf der ÖRK-Vollversammlung das Schicksal der Christen in Syrien beklagt werde, gebe es beispielsweise keine Visa für junge Syrer, die in Deutschland weiterstudieren wollen, so Bosse-Huber, und die Bundesregierung sei bisher nicht bereit, daran etwas zu ändern.

Die Pilgerschaft für Gerechtigkeit und Frieden, die vom ÖRK für die kommenden Jahre ausgerufen worden ist, hebt Petra Bosse-Huber als Ergebnis der Vollversammlung hervor: „Es ist hervorragend, dass wir nun eine gemeinsame Leitvorstellung haben.“ Bei der Umsetzung der Pilgerschaft werde es in den Ländern weltweit sehr unterschiedliche Themen geben - so wie in Europa eben die Frage der Flüchtlinge. „Wir sind aufgefordert, neue Schritte zu gehen“, sagt Bosse-Huber über das Konzept der Pilgerschaft. Es gehe darum, der Verheißung Gottes von Frieden und Gerechtigkeit näher zu kommen.  Vielleicht gerade gemeinsam mit neuen Partnern in und außerhalb der Kirche. Pastorin Anne Heitmann, EKD-Delegierte und Mitglied des neu gewählten ÖRK-Zentralausschusses, hat ebenfalls die Hoffnung, dass das Konzept der Pilgerschaft für Menschen attraktiv sein wird, die sich nicht schon immer im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung engagiert haben. „Vielleicht können wir damit auch einen Generationswechsel hinbekommen“, sagt sie.

Außerdem reizt Pastorin Heitmann der theologische Konvergenztext „Die Kirche: Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision“. „Dort geht es einmal wieder um die grundsätzlichen Fragen“, so Heitmann. Der Text, der jetzt mit der Bitte um Reaktionen an alle ÖRK-Mitgliedskirchen verschickt wird, wurde in der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung erarbeitet, in der auch die römisch-katholische Kirche mitarbeitet. Pastorin Anne Heitmann meint, dass das evangelisch-katholische Verhältnis in Deutschland immer ein Thema sei, da es am Ende um die Frage des gemeinsamen Abendmahls gehe. „Bei diesem Text ist aber viel Vermittlungsarbeit nötig“, so Heitmann.

Eine ganz praktische Anregung bringt Dirk Thesenvitz aus Korea mit, der bei der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland als Referent für internationale Jugendarbeit arbeitet. Er möchte ein Pilotprojekt für einen Jugendaustausch mit Nordkorea starten. „Es scheint in Korea Spielräume dafür zu geben“, sagt Thesenvitz. Er habe schon gute Erfahrungen mit einem Austausch mit den verschiedenen chinesischen Partnern in Peking und Taiwan gemacht. Da es bereits einige Austauschprogramme von deutschen und südkoreanischen Partnern gebe, sei die Ausweitung auf Nordkorea nach der ÖRK-Vollversammlung in Busan der folgerichtige nächste Schritt, so Thesenvitz.