Jüdische Gruppen in Israel zur Zeit Jesu



Über die jüdischen Gruppen zur Zeit Jesu wissen wir nicht besonders viel - die meisten Informationen stammen aus den Texten des Neuen Testaments, manches berichtet uns auch Josefus. In der Zeit, in der die neutestamentlichen Schriften entstanden sind, gab es heftige Konflikte zwischen den eben erst entstehenden christlichen Gemeinden und den etablierten jüdischen Gemeinden. Diese Konflikte schlagen sich teilweise in den neutestamentlichen Texten nieder.

In der Folgezeit sollten diese Texte immer wieder dazu missbraucht werden, die Gewalt gegen Juden zu legitimieren - gerade auch während der grauenvollen Naziherrschaft. Dass Jesus und viele der neutestamentlichen Autoren selbst Juden waren, wurde dabei gerne verdrängt.

Erst in jüngerer Zeit ist man auf seiten des Christentums verstärkt auch auf die Selbstzeugnisse des Judentums aufmerksam geworden. Damit ist auch die Bereitschaft gewachsen, darauf zu hören, wie Juden sich selbst und die Schriften des Alten Testaments verstehen.





Abgesondert: die Pharisäer

Pharisäer Die Pharisäer waren eine jüdische Gruppe, die es seit ca. 135 v.Chr. in Israel gab. Sie waren eine vom Volk sehr geschätzte Laienbewegung, die sich besonders dafür einsetzte, dass die Gesetze, wie sie in den Büchern Mose stehen, genau eingehalten wurden - denn sie bezeugten engagiert, dass es ein gelingendes Leben nur im Schutzraum der Gebote Gottes geben kann. Deshalb sonderten sie sich streng von allen ab, die sich nicht an diese Gesetze hielten ("Pharisäer" bedeutet übersetzt in etwa "die Abgesonderten"). Diese "Absonderung" hieß aber nicht, dass sie sich von den Menschen fernhielten - im Gegenteil. Man traf sie überall. Aus Liebe zu ihrem Volk versuchten sie, wo sie nur konnten, Gottes Geboten Geltung zu verschaffen. Weil die meisten sich in den Büchern Mose so gut auskannten, nannte man viele von ihnen auch "Schriftgelehrte".

Jesus griff die Pharisäer oft hart an: Ihre Absonderung von den "Gesetzesbrechern" brandmarkte er als Lieblosigkeit; ihren Stolz auf die Kenntnis und Einhaltung der Gesetze nannte er Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit; er bezeichnete sie offen als Heuchler, weil sie ihre Frömmigkeit bewusst zur Schau stellten. Er kritisierte ihre eigene Auslegung der Gesetze, die immer komplizierter wurde und immer mehr auf beobachtbare Äußerlichkeiten Wert legte; sie hielten sie für ebenso wichtig wie die biblischen Gesetze selbst, obwohl Jesus ihnen vor Augen führte, dass ihre Auslegung teilweise unbarmherzig war (besonders, was die Einhaltung der Sabbatruhe anging) oder manchmal sogar gegen den eigentlichen Sinn des biblischen Gesetzes verstieß (vgl. Matthäus 15,1-20).

Aufgrund dieser harten Kritik gilt manchen Christen die Bezeichnung "Pharisäer" beinahe als Schimpfwort. Aber Jesus kritisierte die Pharisäer nicht zuletzt deswegen so hart, weil sie die Gruppe waren, die ihm am nächsten stand. Gerade die Ernsthaftigkeit, mit der die Pharisäer ihren Glauben lebten, ihre Gottesfurcht und die Liebe zu ihrem Volk war es, die viele Pharisäer mit Jesus verband - und die sie immer wieder miteinander ins Gespräch, auch ins Streitgespräch führte. Die Pharisäer waren die einzige jüdische Partei, die noch nach dem jüdischen Krieg, noch nach 70 n.Chr. weiterbestand. Nach dem Krieg gingen sie den Weg der strengen Absonderung von allem Nicht-Jüdischen - nicht zuletzt von allem Christlichen. Gerade dadurch aber haben sie Entscheidendes für das Weiterleben der jüdischen Religion geleistet.




Vornehm und reich: die Sadduzäer

Zu den Sadduzäern gehörten hauptsächlich die Vornehmen und Reichen, meist waren es Priesterfamilien, die aus alten Adelsgeschlechtern stammten. Aus ihren Reihen stammte auch der jeweils amtierende Hohepriester. Ihren Namen leiten sie wohl von Zadok, dem Hohepriester zur Zeit Davids und Salomos ab. Auch unter den Sadduzäern gab es Schriftgelehrte.

Sadduzäer Die Sadduzäer waren, ganz anders als die Pharisäer, der griechisch-römischen Kultur gegenüber sehr aufgeschlossen, gingen ins Theater und waren den Römern gegenüber eher freundlich gesonnen. Theologisch dagegen lehnten sie alle "Neuerungen" ab: Anders als die Pharisäer glaubten sie nicht an die Auferstehung der Toten, an ein Weiterleben nach dem Tode oder an die Existenz von Engeln und Geistern. Die pharisäische Auslegung des Gesetzes wollten sie nicht gelten lassen, in einzelnen Fragen konnten sie aber noch strenger sein als die Pharisäer.

Mit den Pharisäern teilten sie die Abneigung gegen Jesus; sie sahen in ihm allerdings mehr einen politischen als einen religiösen Gegner.

Die Partei der Sadduzäer ging im jüdischen Krieg unter.




Ganz oben: der Hohe Rat

Der Hohe Rat Der Hohe Rat (oder auch: Sanhedrin, Synhedrium von griech. synedrion = Versammlung) ist keine eigenständige Gruppe, sondern setzt sich aus den Mitgliedern der Pharisäer und Sadduzäer zusammen. Er war das höchste Regierungs- und Richterkollegium der Juden, dessen Macht durch die Römer allerdings stark beschnitten wurde: So durfte der Hohe Rat keine Todesurteile aussprechen.

Dem Hohen Rat gehörten 71 Mitglieder an; den Vorsitz hatte der Hohepriester. Die Sadduzäer waren darin die führende Gruppe, obwohl die Pharisäer zahlenmäßig die größte Partei darstellten; sie waren aber unter sich gespalten.

Obwohl der Hohe Rat die Verurteilung Jesu anstrebte, gab es wohl auch dort einige Anhänger: Josef von Arimathia (Markus 15,43; Lukas 23,50.51) und Nikodemus (Johannes 3,1; 7,50).




Gewalttätig: die Zeloten

Zeloten Die Zeloten (griech. = Eiferer) waren die radikalste der jüdischen Gruppen: Sie predigten ein starkes jüdisches Nationalbewusstsein, forderten den bewaffneten Widerstand gegen die römischen Besatzer und bestritten gegen diese einen Guerilla-Krieg, der 66 n.Chr. schließlich zum Ausbruch des jüdischen Krieges führte, der 70 n.Chr. von den Römern gewonnen wurde. Glaubt man dem Überläufer Josefus, bekämpften die Zeloten während des Krieges nicht nur die Römer, sondern auch die gemäßgten Juden in den eigenen Reihen, die gegen einen bewaffneten Aufstand waren. Die Partei der Zeloten wurde im jüdischen Krieg vernichtet.

Dennoch gab es etwas später erneut einen Versuch, die Herrschaft der Römer abzuschütteln; nicht zuletzt deshalb, weil besonders die ärmeren Menschen unter der hohen Steuerlast litten. Dieser Aufstand scheiterte 135 n.Chr. endgültig: Jerusalem wurde von den Römern zu einer rein heidnischen, für die Juden verbotenen Stadt gemacht und der Staat Israel vernichtet. Erst knappe 1900 Jahre später sollte es ihn wieder geben.

Evtl. hatte Jesus auch Anhänger unter den Zeloten; der Jünger Simon trägt z.B. dem Beinamen "der Zelot/Eiferer" (Lukas 6,15); vereinzelt wird spekuliert, ob Judas Iskariot ( "Dolchmann"?) ebenfalls ein Zelot gewesen sein könnte.

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