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Berichte aus Vancouver

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"Die Menschenwürde wird herabgesetzt"

ZEIT online hat mit Pfarrer Weber gesprochen

Der Olympia-Pfarrer Thomas Weber kritisiert, wie Medien und Offizielle bei den Spielen mit den Sportlern umgehen. Der Athlet verkomme immer mehr zum Objekt, sagt er im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Weber, schon lange sind Olympische Winterspiele nicht mehr so umstritten gewesen. Es gab unzählige Stürze auf den Rennstrecken, darunter einen tödlichen Unfall, und jede Menge organisatorische Probleme. Wie haben die Sportler selbst diese Spiele erlebt?
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Thomas Weber: Die Atmosphäre war eigentlich sehr gut, sowohl in Whistler als auch in Vancouver. Die Menschen hier sind freundlich und hilfsbereit. Getrübt wurde das sicherlich von den Problemen in der Organisation. Dass zum Beispiel die Snowboard- und Freestyle-Wettbewerbe bei dem nassen Wetter auf Cypress Mountain vor den Toren von Vancouver stattfanden, war nach Meinung von Experten ein schwerer Fehler.

ZEIT ONLINE: Wie sehr hat die Athleten der Tod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili beschäftigt?

Weber: Ich habe mit dem Rodler gesprochen, der direkt nach dem Verunglückten hätte fahren sollen. Er sagte mir: Was bei diesem Unfall passiert ist, wurde Vielen erst deutlich später richtig bewusst. Zunächst war man so auf den Wettkampf fokussiert, dass alles andere ausgeblendet wurde. Angst herrschte nicht, eher Respekt vor der Strecke. Nachdem die Unglücksstelle ausgebessert worden war, fühlten sich die Rodler sicher.

ZEIT ONLINE: Wie sehen die Athleten den Trend, Rennstrecken immer schneller und anspruchsvoller zu machen, etwa auch bei den Alpin-Ski-Wettbewerben?

Weber: Es wurde heftig darüber diskutiert: Spielt es für die Fernsehzuschauer eigentlich eine Rolle, ob jemand mit 100 oder 130 Kilometern pro Stunde den Eiskanal herunterrast? Oder geht es für den Veranstalter nur darum, die schnellste Rodelbahn der Welt zu haben? Da gab es schon viel Kritik, auch an den internationalen Sportverbänden, die dafür mitverantwortlich sind.

ZEIT ONLINE: Biathletin Magdalena Neuner beklagte nach ihrer zweiten Goldmedaille, es sei schade, dass in Deutschland immer nur Gold zählt. Wird den Sportlern nicht genügend Wertschätzung entgegengebracht?

Weber: Das ist in der Tat ein großes Thema. Die durchgängige Meinung unter den Sportlern ist: Mit vielen der deutschen Berichterstatter ist es wirklich nicht einfach. Wenn man überlegt, wie viel Anstrengung nötig ist, um zu Olympia zu kommen, dann ist auch der 20. Platz noch Weltklasse. Wenn es dann aber selbst bei einem dritten Platz in den Medien heißt: "es ist nur Bronze", dann hat der Sport den Sinn verloren. Ich persönlich finde das, auch als Theologe, fürchterlich ungerecht.

ZEIT ONLINE: Neuner sagte außerdem, man werde von Offiziellen, die unter anderem die Einhaltung der Doping-Richtlinien überwachen, "schlimmer behandelt als ein Schaf, das zum Schlachten geführt wird". Haben auch andere Athleten dies so empfunden?

Weber: Ja, das spielt in den Gesprächen eine große Rolle. Gerade, was Frauen angeht, gibt es unwürdige Zustände bei den Doping-Kontrollen: Man wird bis in den intimsten Bereich untersucht und beobachtet, die Menschenwürde wird herabgesetzt. Aus Angst sprechen die meisten Athleten aber nicht darüber. Sie wollen nicht den Eindruck erwecken, sie hätten etwas zu verbergen.

ZEIT ONLINE: Werden die Sportler immer mehr zum Objekt?

Weber: Den Eindruck habe ich. Klar, dass die Maßnahmen gegen Doping wichtig sind. Aber so, wie die Athleten behandelt werden, könnte ein verantwortungsbewusster Vater heute kaum noch zulassen, dass sein Kind in den Leistungssport geht.

ZEIT ONLINE: War bei allen Schattenseiten dieser Spiele trotzdem so etwas wie der olympische Geist bei den Sportlern zu spüren?

Weber: Ja, alle waren begeistert, dabei zu sein. Man besucht auch andere Wettbewerbe, hat unvergessliche Erlebnisse. Bei den Winterspielen ist das Leben im olympischen Dorf deutlich übersichtlichter, man kommt leicht ins Gespräch, und hin und wieder sieht man auch deutsche Trainingsanzüge Arm in Arm. Schließlich ist es schwer, einen Partner außerhalb des Sports zu finden, der auch noch Verständnis für die vielen Entbehrungen hat, die dieses Leben mit sich bringt.

ZEIT ONLINE: Welche Begegnung wird Ihnen von diesen Spielen wohl am stärksten in Erinnerung bleiben?

Weber: Das ist schwer zu sagen. Besonders nahe gegangen ist mir das Gespräch mit einem Eishockeyspieler. Er sprach mit mir über den früheren Nationaltorwart Robert Müller, der vergangenes Jahr an einem Hirntumor gestorben ist. Das war auch für die Mitspieler damals eine Extremsituation. Mein Gesprächspartner hat mir erzählt, dass er damals vor der Frage stand: Was ist wirklich wichtig? Da wurde ihm klar: Sport ist eine Sichtweise auf das Leben. Aber nicht die einzige.

Die Fragen stellte Florian Meißner.

Link zum Originalartikel:
http://www.zeit.de/sport/2010-02/olympia-pfarrer-menschenwuerde


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Publikationsdatum dieser Seite: Freitag, 3. Februar 2012 00:13