Logo der EKD

Athen 2004

zurück

Der Engel über Athen

Mittler zwischen Tradition und Gegenwart

Seit gestern, Sonntag, ist der Wind da. Stürmisch, in Böen bis zur Windstärke 9 aufbrausend, fegt er durch die Strassen und über die Plätze der Olympiastadt. Was für die Athleten und Mannschaften im Olympischen Dorf an der nördlichen Bergkette für angenehme Abkühlung sorgt, lässt die Wettkämpfe der Ruderer oder die Trainingseinheiten der Kanuten zum Erliegen kommen. Aber der prächtige Stimmung im Deutschen Team - wie überhaupt in der ganzen Stadt - kann er nichts anhaben, sie lässt sich nicht einfach wegfegen. Endlich, nach den langen Wochen und Monaten der Vorbereitung, sind die Wettkämpfe angelaufen, die ersten Medaillen erkämpft. Tief drinnen kämpfen Glück und Stolz über das Dabei sein und Aufregung und Anspannung um eine gute Platzierung um die Vorherrschaft. Es sind eigentlich ganz gute Arbeitsbedingungen, trotz der stürmischen Winde, für den Engel über Athen.

Seit Freitagnacht schwebt er über Athen. Nein, nicht in Form des großen Zeppelin, der majestätisch seine Kreise über dem Olympiastadium zieht, nein, auch nicht in Form des leuchtenden Bogens, der die gigantische Stadionstahlkonstruktion in einer schwungvollen Leichtigkeit hält, nein, der Engel über Athen ist drüber und drunter, mal leuchtend und mal im Schatten - eben überall, wie es der "Engel Art" ist.

Eine wunderschöne Inszenierung, war das einhellige Urteil aller Mannschaften nach dem Einmarsch über die Eröffnungsfeier. Emotional dicht ohne kitschig zu sein, historisch und modern zugleich, imposant ohne protzigen Pathos. Solche Eröffnungsfeiern sind ja seit ihren großartigen Regie- und Dramaturgieleistungen (die sich inzwischen wohl selbst die großen Opernbühnen dieser Welt kaum noch leisten können) seit Barcelona 1992 immer eine Gradwanderung zwischen nationalem Stolz und dem Wissen, mit Olympischen Spielen die Bühne der Welt für die kommenden 16 Tage zu bespielen. Dort, an diesem grandiosen und mit allen Mühen versöhnendem Eröffnungsabend war der Engel von Athen zum ersten Mal im Bild zu sehen, wie er im (Wagen)Zug der Geschichte von Zeitalter zu Zeitalter, von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe, von Generationen zu Generationen das Verbindende weitereichte: Die Begabungen und Talente, die Errungenschaften, Sitten und kulturellen Bräuche - eben all das, was das Leben ausmacht. Ein geflügelter Bote der Götter, schwebend zwischen Himmel und Erde, Mittler zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Religion und Sport, Bewahrer und Förderer des kulturellen Gedächtnisses.

Natürlich war er auch schon vorher da, zum Beispiel in den unglaublichen Anstrengungen und Arbeiten für die Spiele - es war ein wenig wie zu Hause, wenn wir Besuch bekommen. Erst auf die letzte Minute wird alles fertig, aber dann kann das Fest beginnen. Und ich bin nach den ersten Impressionen dieser liebenswürdigen Stadt sicher: Es wird ein großartiges Fest. Natürlich ist der Engel in jedem Augenblick zu spüren: in der Freundlichkeit der wunderbaren freiwilligen Helferinnen und Helfer, die die Zimmer aufräumen, die Spielfelder herrichten, für Getränke sorgen, den Transport organisieren und für alle Fragen und Nöte mit Rat und Tat einspringen.

Wir wissen es aus unserem eigenen Alltag schon Lange: es müssen nicht Männer (und Frauen) mit Flügeln sein, die Engel .... es ist die helfende Hand, die tröstende Umarmung nach der Niederlage oder das jubelnde 'Sich-in-die-Arme-Fallen' nach dem glücklichen Erfolg - wie haben unsere Volleyballerinnen nach dem 3:2 gegen Cuba gestrahlt!

Der Engel über Athen wird viel Arbeit haben. Wie viele ihn brauchen werden? Es werden ihn mehr anrufen, als wir es ahnen; wie gut, dass er unzählige Mitengel hat. Ja, er wird gebraucht werden als Schutzengel oder als verschwiegener Partner, vor dem Start oder für die letzten Sekunden des Wettkampfes, für die nötige Ruhe und den nötigen "Kick'. Das Schöne am 'Engel über Athen' ist ja, dass er keinen Exklusivvertrag hat und keinem Menschen allein gehört. Und trotzdem jeden Gedanken von jedem Menschen versteht und aufnimmt. Freuen wir uns, wenn wir ihn in den nächsten zwei Wochen deutlich und oft in Athen bei den Olympischen Spielen sehen. Nicht nur in den großen Gesten, sondern vor allem im Verborgenen - wie gut, dass unser Engel in das kleinste "Herzenskämmerlein" hineinpasst.


EKD
Evangelische Kirche in Deutschland
Copyright © 2012 Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) | Datenschutz | Impressum
Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 4. April 2012 14:47