Macht und Geld

von Thomas Begrich

"Macht und Geld" heißt das Thema dieses Vortrags[1]. Was für unglaubliche Assoziationen gehen einem da durch den Kopf! Und ist das nicht ein Thema, über das schon Jahrhunderte, ja Jahrtausende, Philosophen und Religionen, Politiker und Literaten nachgedacht und gestritten haben? Die Regale der Bibliotheken füllen sich jährlich Meter um Meter mit solchen Fragen!  Was soll man dazu eigentlich noch sagen? Uns, als evangelischen Christen, fällt natürlich zuerst die Heilige Schrift ein und das deutliche Wort unseres Herrn Jesus Christus dazu: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. Wie sehr er uns damit an unsere besondere Verantwortung mahnt!

 

Macht und Geld in der Diktatur

Um uns diesem schwierigen Thema zu nähern, möchte ich zunächst einmal diese Frage am Beispiel einer Diktatur betrachten, nämlich an der Diktatur der DDR, in der ich ja groß geworden bin. Die Macht in der DDR nannte ihr Herrschaftssystem ziemlich hochtrabend "Demokratischer Zentralismus". Es erweckte den Eindruck, als würde das Volk tatsächlich etwas zu sagen haben, als würde das Volk tatsächlich wählen können. Was für eine Farce die Wahlen auch immer waren: es gab zum Schluss immerhin ein Parlament, das den Ministerrat bestimmte, Regeln für das Zusammenleben der Gesellschaft in der DDR erließ und Gesetze vorbereitete. Ähnlich wie in einer Demokratie. Aber eben nur ähnlich. Denn alle Ebenen waren förmlich durchsetzt durch die entscheidend das Leben prägende Sozialistische Einheitspartei - die SED. Und so bestimmte tatsächlich alles ihr Zentralkomitee. Im Ergebnis erfüllte dieser Machtmechanismus geradezu apodiktisch die Macht-Definition von Max Weber: Macht bedeutet jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen.

 

Kommen wir zum Geld, bei dem man bekanntlich vier Funktionen unterscheiden kann: es dient dem Austausch, man kann es verleihen, man kann es aufbewahren und man benutzt es als Recheneinheit. In einer zentralgesteuerten "Bonzokratie" wie in der DDR spielte nun das Geld eine seltsame Zwitterrolle. Für die DM - also eine fremde Währung - bekam man letztlich alles, aber der Wert der eigentlichen Währung, der Mark der DDR, war begrenzt. Bekanntlich wurde die Wirtschaft der DDR als Planwirtschaft bezeichnet. Planwirtschaft deswegen, weil die staatliche Plankommission den Auftrag hatte, die gesamte Wirtschaft zentral zu steuern. Die staatlichen Betriebe, die immerhin gut 90% der Volkswirtschaft ausmachten, hatten ihre Gewinne an den Staatshaushalt abzuliefern. Damit waren sie nicht in der Lage aus eigener Kraft zu investieren und sich zu entwickeln. Die Staatsbank gab dann dafür diesen Unternehmen Kredite zu festgelegten Konditionen und kontrollierte die volkseigenen Betriebe. So wurde die gesamte Wirtschaft zentral gelenkt - aber das Geld wurde auf diese Weise seines eigentlichen Sinnes entleert. Es fungierte nicht als Austauschmittel, wurde vielmehr zur bloßen Verrechnungseinheit (dies sogar im gesamten Ostblock, in dem der Warenverkehr über "transferable Rubel" im Austausch abgewickelt wurde). Im Ergebnis zeigte sich, dass dieses System ganz und gar nicht funktionieren konnte. Geld als bloße Verrechnungseinheit wird eben funktionslos und so bricht die Wirtschaft eines Tages zwangsläufig zusammen. Ganz so weit ist es dann zunächst doch nicht gekommen: Die Menschen  machten sich vorher frei von einem System, das sie mehr und mehr als Bedrückung empfanden. Und ist es nicht ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass sich mit dem, was 1989 in der DDR und den anderen mittel-osteuropäischen Ländern geschah, ausgerechnet ein Satz von Lenin bewahrheitete: Revolutionen geschehen dann, wenn die Beherrschten nicht mehr beherrscht werden wollen und die Herrschenden nicht mehr herrschen können?

Die DDR hatte auf einem ihrer Geldscheine das Porträt, des - wie sie es nannte - frühbürgerlichen Revolutionärs Thomas Müntzer, eines radikalen Reformators, abgedruckt. Vielleicht hätte sie ja diesen Satz von Thomas Müntzer beherzigen sollen: Man soll dem Gottlosen keine Macht geben über die Menschen.

 

Macht und Geld in der Demokratie heute

Nun komme ich in unsere Welt und in unsere Gegenwart. Wie verhält es sich mit Macht und Geld in der Demokratie? Wenn wir uns zunächst die "Macht" in der Demokratie anschauen, so ist uns das alles ganz klar: Die wahlberechtigen Bürgerinnen und Bürger wählen die Parlamente in unserem Land. Es gibt eine gut funktionierende Gewaltenteilung. Die Legislative bestimmt die Exekutive. Die Judikative ist unabhängig. Die Parteien in unserem Land bestimmen allerdings unsere Demokratie in einem Maße, dass man darüber manchmal sehr, sehr nachdenklich werden kann! Ich jedenfalls werde manchmal an einen Satz aus dem Wahlkampf zur ersten freien Volkskammerwahl 1989 erinnert: Wir wollen nie wieder zulassen, dass eine Partei ihr eigenes Wohl über das Wohl des Landes stellen kann.

Vielmehr gilt in der Demokratie Wolfgang Hubers Machtdefinition: Macht ist nicht nur die Fähigkeit, die eigenen Ziele gegen das Widerstreben anderer durchzusetzen, sondern ebenso die Fähigkeit, mit anderen ein Einverständnis über Ziele zu erreichen und im Blick auf diese Ziele zu kooperieren.       

 

Wie Macht in der Demokratie funktioniert, ist uns also allen klar. Die Frage ist dann aber doch - und darum soll ja dieser Vortrag gehalten werden - wie ist das Verhältnis von Macht und Geld? Stimmt es noch? Wenn ich Ihnen dieses Bild von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zeige, wird schnell klar, dass das fröhliche Lächeln der beiden vielleicht nicht ganz so spannungsfrei ist, wie es scheint - auch wenn dieses Bild hier nur als Symbol zu verstehen ist und keineswegs die konkreten Personen meint. Geld in der Demokratie - da fallen uns schnell die gegenwärtigen Probleme ein: Diese wahrlich unheimliche Finanzkrise! Oder auch, wie der Spiegel es nennt, die Schuldenfalle mit der Frage: Wie viel Griechenland können wir uns noch leisten? Hier ist in der Finanzwelt doch etwas geschehen, das uns sprachlos gemacht hat und macht! Innerhalb weniger Tage - genau betrachtet einer Nacht - wurden die Regierungen der Europäischen Union etwa genötigt, für die Währung dieser Union, den EURO, einen gigantischen Rettungsschirm aufzuspannen. 750 Milliarden EURO mussten potentiell bereitgestellt werden. Allein auf die Bundesrepublik Deutschland entfallen davon 148 Millionen EURO - fast genau die Hälfte des für ein ganzes Jahr ausgelegten Bundeshaushaltes!  Wenn man beobachtet, wie intensiv dieser diskutiert und wie über jeden EURO gestritten wird (zu Recht), ist es erschreckend, wie rasant Finanzprobleme "die Macht" in die Knie zwingen! Also hat der Volksmund recht? Geld regiert Welt?  Und sind wirklich die Spekulanten Schuld, wie die Politiker gern sagen? Nun, ich will die Spekulanten nicht in Schutz nehmen, aber sie tun nur das (allerdings sehr exzessiv), was in einer Marktwirtschaft fast jeder tut - seinen eigenen Vorteil suchen. Die Frage ist doch, wieso können sie das? Das ist wie auf der Straße: Der drängelnde Porschefahrer, der mit höchster Geschwindigkeit über die Autobahn rast und die anderen Verkehrsteilnehmer gefährdet, kostet auch nur aus, was ihm möglich ist: Er kann ein Auto kaufen, das 250 Sachen fahren kann und ist durch keine durchgreifende Geschwindigkeitsbegrenzung gehindert! Wenn wir so etwas nicht wollen (und ethische Wertvorstellungen nicht reichen), brauchen wir andere Regeln - jedenfalls viel stringentere Regeln als bisher. Und schon da wundert man sich manchmal, dass die Politik ganz offenkundig nicht beherzter handelt. Und so passiert, was passieren muss - die Macht verliert der, der sie aus der Hand gibt,  die Macht verliert, wer das Geld nicht beherrscht.

 

Geld regiert also doch die Welt? Aber wie? Die aktuelle Staatsverschuldung ist an sich schon erschreckend genug. Das Bild ist uns leider aus gerade in den letzten Wochen nur allzu vertraut. Wenn man die Verschuldung am Beispiel des Jahres 2009 ansieht, kann man natürlich sehen, dass Griechenland über die Maßen hoch verschuldet ist, höher verschuldet ist als die meisten europäischen Länder, aber das ist letztlich nur ein gradueller Unterschied. Eigentlich lautet die Frage ja auch nicht: Wie viel Griechenland können wir uns leisten? Sondern: Wie viel Staatsschulden können wir uns alle noch leisten? Und da ist fast kein Land ausgenommen. Erstaunlicher Weise Estland vielleicht, oder Rumänien oder Russland! Wieso haben ausgerechnet diese Länder eine so vergleichsweise geringe Staatsverschuldung? Meine These ist: weil sie noch nicht so lange Gelegenheit dazu hatten, wie die übrigen europäischen Länder, sich zu verschulden. Warum aber haben sich die meisten der Industrieländer so hoch verschuldet? Haben sie denn nicht genug Wirtschaftskraft, ihre Schulden zu tilgen? Waren die Politiker zu kurzsichtig? Warum ist die Staatsverschuldung in der Bundesrepublik Deutschland seit 1950 geradezu exponentiell gewachsen und liegt wie Blei auf allen öffentlichen Haushalten? Eine Fama ist es, es läge an den Kosten der deutschen Einheit. Tun wir nur einen kleinen Blick hinter die Kulissen: Dem statistischen Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland ist zu entnehmen, dass der Wert der Neuverschuldung im Zeitraum von 1950 bis 2008 nahezu exakt identisch ist mit den Zinszahlungen, die für eben diese Schulden in dieser Zeit zu zahlen waren! Wenn man also einen Strich darunter zieht, kommt man zu dem ernüchternden Ergebnis: außer Spesen scheinbar nichts gewesen! Es sind Zins und Zinseszins die unsere Schulden treiben.

 

Man muss kein Prophet sein, wenn man vorhersagt, dass wir aus dieser Schuldenfalle nicht wieder heraus kommen - jedenfalls nicht ohne unendliche Mühen. Im Haushalt der Bundesrepublik Deutschland ist der Haushaltstitel "Bundesschuld" - und dahinter verstecken sich die Zinszahlungen - bereits der größte Einzelposten nach dem Haushaltsteil Arbeit, Soziales und Gesundheit. Er ist größer als die Haushalte für Verteidigung, Verkehr und Bildung zusammengenommen! Wenn unsere Regierung zusammensitzt, um zu sparen, hat sie nicht viele Alternativen. Es ist aber klar: an diesen Haushaltstitel kann man nicht heran - der wird uns noch Jahrzehnte begleiten. Ich halte einige der jüngsten "Sparbeschlüsse" dennoch für unvertretbar: Die Verlierer müssen quasi nochmals zahlen - warum ich das so sehe, will ich gleich erklären. Jedoch wäre es zu einfach, nur die Politiker für die Verschuldung unseres Landes und unserer Länder verantwortlich zu machen. Es ist die Art und Weise wie die Schulden durch Zins und Zinseszins getrieben werden. Man kann das gut an zwei Grafiken erkennen, die ich Helmut Creutz, einem wenig bekannten, aber tiefgründigen Wirtschaftsanalytiker, verdanke. Er zeigt, dass die Geldvermögen und die Verschuldung in der Bundesrepublik Deutschland seit 1950 um das 46fache gestiegen sind, Zinsen um das 37fache, aber das Bruttoinlandsprodukt nur um das achtfache! Geldvermögen und Schulden sind fast sechs mal so groß! Stehen den Vermögen wirklich entsprechende Werte gegenüber? Und können diese Schulden wirklich alle getilgt werden? Ich fürchte jedenfalls, dass die Geldvermögen tatsächlich nur einen begrenzten Wert haben. Bürger und die öffentliche Hand haben zu wenig Geld, die "Geldanleger" umso mehr. Nun passt beides nicht mehr zusammen. Das ist dann auch einer der Gründe, warum über die Märkte dieser Welt täglich Billionen von Dollar und EURO vagabundieren. Die gegenwärtige Finanzkrise ist im Ergebnis nichts als eine Überschusskrise: Es gibt zu viel Geld.

 

Wenn wir uns in dieses Problem noch etwas mehr vertiefen, wird auch deutlich, wer die gewaltigen Zinslasten zahlen muss, die aus diesem System resultieren. Helmut Creutz hat das auf folgende Weise untersucht: Er hat die Haushalte der Bundesrepublik Deutschland in zehn gleich große Gruppen eingeteilt, die sich nach ihren jährlichen Haushaltsausgaben unterscheiden. Alle Gruppen zahlen Zinsen und alle Gruppen haben Zinserträge. Die ersten acht Gruppen zahlen mehr Zinsen, als sie erhalten. Erst die letzten beiden profitieren, die letzte Gruppe überproportional. Sie ist Gewinner dieses Systems. Zu Ende gedacht bedeutet dies auch, dass sich die Geldverteilung zwangsläufig mehr und mehr verschiebt. Das Geldüberschussproblem wird größer; dafür hat ein wachsender Teil der Bevölkerung immer weniger. Und bei denen soll nun wirklich noch gespart werden? Das ist nicht nur unsozial, das systemisch falsch! Die Geldfunktion "Horten" ist es, die nolens volens die anderen Geldfunktionen gefährdet. Da helfen keine Appelle, die Menschen mögen mehr konsumieren! Die einen können nicht, weil sie wenig haben, die anderen können nicht, weil es zu viel ist. Geld wird zum Selbstzweck und dann gefährdet es das Zusammenleben der Menschen und wegen der Überschüssigkeit auch die Wirtschaft. Hat Martin Luther recht, wenn er sagt: Das gegenwärtige Geld lässt den gegenwärtigen Gott verachten?

 

Was sagt uns nun die Bibel dazu? Sie kennen alle Jesu Wort, dass wir nicht Gott und dem Mammon dienen können. Er sagt aber im gleichen Zusammenhang: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon. Wenn ich diesen Abschnitt unter dem Blickwinkel dieser Betrachtung interpretiere, verstehe ich das so: Lernt mit dem Mammon umzugehen, ohne dass ihr euch von ihm beherrschen lasst. Es kommt darauf an, dass nicht das Geld uns beherrscht, sondern, dass wir die dienende Funktion des Geldes wieder entdecken, seine Austauschfunktion stärken! Das ist so einfach nicht - ich will aber deutlich betonen, dass es dringlich ist, diese Frage wirklich einmal zu Ende zu denken. Er setzt jedenfalls an der Stelle an, die auch unsere Bibel für nicht ganz unwichtig hält - nämlich genau der Frage des Umganges mit dem Zins.

 

Wenigstens aber sollten wir uns an Calvin halten, der manchen ja geradezu als ein "Vater des Kapitalismus" gilt. Zu Calvins wesentlichen Forderungen über den Umgang mit Geld und Schulden und Zinsen gehören diese bemerkenswerten Regeln: Aus dem Geschäft des Geldverleihs sollen Schuldner und Gläubiger gleichermaßen etwas haben. Menschen, die in der Not sind sollen überhaupt keinen Zins zahlen (Staaten, die in der Not sind, sollen keinen Zins zahlen?). Und vor allem soll der Nutzen der Allgemeinheit über dem Nutzen  der am Geschäft Beteiligten stehen. So etwa steht es bekanntlich auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Es wird Zeit, dass die Politik wieder die Macht über die Finanzmärkte übernimmt. In dieser Hinsicht eindeutige Finanzmarktregeln sind unverzichtbar!

 

Macht und Geld in der Kirche

Nun wollen wir uns aber auch an die eigene Nase fassen: Wie steht es mit Macht und Geld in der Kirche? Dieser Slogan aus der Bildzeitung ist in der evangelischen Kirche sehr beliebt: Wir sind Papst. Ich halte diesen Satz für wenig angemessen, denn ein zentral auf eine Person ausgerichtetes System ist kein Vorbild für die evangelische Kirche, auch nicht im Plural. Schließlich heißt es in der 4. These der Barmer Theologischen Erklärung:

Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.

Das ist uns vertraut und das gefällt uns. Dahinter verbirgt sich meines Erachtens dennoch ein Problem. Wir machen daraus den Grundsatz, dass die Leitung der Kirche im gemeinsamen Zusammenwirken aller kirchenleitenden Organe zu geschehen hat. Dies aber kann zuweilen recht schwierig werden: Was heißt gemeinsames Zusammenwirken? Wie oft müssen Entscheidungen Gremien durchlaufen? Ist es wirklich nötig, dass alle Gremien mit den gleichen Fragen befasst werden? Machtteilung ja, aber Verantwortungsteilung? Wie geht das denn? Und wer führt die Aufsicht? Ich glaube, wir haben hier so manches Mal eine etwas schwierige Ordnung. Wolfgang Huber beschreibt Macht in der Kirche so: Macht in der Kirche ist letztlich die Fähigkeit, die Handlungsfähigkeit ihrer Mitglieder zu mobilisieren. Das ist eine Herausforderung! Diese zu bewältigen, wird eine der nicht unwichtigen Aufgaben in unserer Kirche sein. Vielleicht sollten wir uns die Regeln einer corporate governance auch zu eigen machen?

    • Arbeitsteilige Ausrichtung der Leitungsfunktionen:    

Leitung und Aufsicht trennen und  definieren

    • Aufsicht wahrnehmen
    • Geschäftsführung und Leitungsaufgaben definieren
    • Kommunikation sichern
    • Transparenz
    • angemessener Umgang mit Risiken

 

Wie verhält es sich nun aber mit dem Geld in der Kirche? Schauen wir uns kurz die kirchlichen Finanzkreisläufe an. Vielleicht zunächst den Gemeindekreislauf: Das Geld kommt von der Gemeinde, wird über die Verwaltung bei den Kirchenbanken zwischengelagert, wird wieder abgerufen, in kirchliches Handeln investiert und - wenn die Gemeindeglieder damit zufrieden sind - werden die Gemeindeglieder von neuem Geld bereitstellen. Dieser Gemeindekreislauf umfasst immerhin 10 Milliarden EURO im Jahr! Alles über alles wird in der evangelischen Kirche so viel Geld in einem Jahr bewegt; dabei ist der Kreislauf der Diakonie hier nicht einmal eingeschlossen.

Im von mir so bezeichneten Funktionskreislauf haben die Kirchenbanken eine ganz wesentliche Funktion:  Das ihnen anvertraute kirchliche Geld geben sie als Kredite an kirchliche und diakonische Einrichtungen und ermöglichen diesen so, ihren wirtschaftlichen Aufgaben gezielt nachzugehen. Ein funktionierender Funktionskreislauf umfasst so vielleicht in der evangelischen Kirche in Deutschland insgesamt 15 Milliarden EURO. Die dienende Funktion des Geldes wird so wirksam. Es ist nicht zuletzt ein großer Beitrag der Kirchenbanken, dies zu ermöglichen. Darum sind die Kirchenbanken so wichtig: Sie helfen uns, unsere eigenen Kräfte zu stärken: Kirchliches Geld in kirchliche Kassen. So funktioniert die Tauschfunktion des Geldes. Sicher ist das einer der Gründe, dass die Finanzkrise erfreulicher- und für manche auch überraschenderweise, weder bei den Kirchenbanken noch bei den Kirchen wirklich stattgefunden hat.

Nicht ganz so einfach ist es allerdings mit dem sogenannten Generationenkreislauf. Wenn wir unseren Enkeln nicht unsere Zahlungsverpflichtungen für unsere Pensionslasten überlassen wollen, müssen wir heute natürlich entsprechende Vorsorge treffen. Das aber geht nicht ohne das System der Groß- und Investmentbanken. Hier begeben wir uns direkt und unmittelbar in den großen Kreislauf der großen Finanzwelt - und wir horten auch. Hier sind wir auch durch Mitwirkung in diesem schwierigen Finanzsystem ein Teil seiner Gefährdung für uns und auch für andere. Damit ich nicht missverstanden werde: die Manager unserer Pensionskassen leisten hervorragende Arbeit. Sie tun das in unserem Auftrag - aber hier agieren auch wir auf eine Weise, die eben nicht ohne Probleme ist.

 

Es ist deutlich, dass wir auch in der Kirche auf beiden Gebieten, dem der Macht und dem des Geldes, noch einigen Handlungsbedarf haben. Ich bin aber nicht pessimistisch. Die Leitungen der Gliedkirchen haben sich von Nord nach Süd auf den Weg gemacht, diese Prozesse zu bedenken und verantwortlich zu gestalten. Unsere evangelische Kirche ist im Aufbruch.

Aber: in der Gesellschaft und in der Kirche ist noch viel zu tun.

Darum darf ich zur Mahnung an uns alle, dass wir dies nicht aus den Augen verlieren, zum Schluss noch einmal Johannes Calvin zitieren:

Gott wird seiner Herrschaft beraubt, wo das Geld regiert.

Lassen wir eben das nicht zu!                        


[1] Vortrag vor der Generalversammlung der KD-Bank in Dortmund am 17. Juni 2010.

 

 


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Publikationsdatum dieser Seite: 14.07.2014 11:10