"Herzlich willkommen zu Hause!"

Landesbischöfin Käßmann auf der Pressekonferenz zur Eröffnung des Kirchentages

25. Mai 2005

Dem Kirchentag kann ich heute nur sagen: Herzlich willkommen zuhause! 1949 wurde er hier von Gustav Heinemann per Akklamation ausgerufen. Kirchentagsinitiator Reinold von Thadden-Trieglaff wollte die Evangelischen unterweisen, damit sie nie wieder in die Irre gehen, wie zur Zeit des Nationalsozialismus. Kirchentage waren daher von Anfang an beides, ein Fest und ein Manifest des Protestantismus in Deutschland, ein Fest des Glaubens und die Konfrontation der Evangelischen mit den Herausforderungen der Zeit. Nach 1949, 1967 und 1983 hat die hannoversche Landeskirche den Kirchentag ein viertes Mal zum 50-jährigen Jubiläum 1999 eingeladen. Der Zeitpunkt war nicht realisierbar, weil der Leipziger Kirchentag eingeplant werden musste, dann Hannover durch die EXPO-Zeit beansprucht war und schließlich der Ökumenische Kirchentag in Berlin stattfand. So haben wir lange gewartet, dass die Gäste kommen und freuen uns jetzt, dass dieses evangelische Großereignis bei uns stattfinden kann.

Sicher, der Kirchentag ist auch ein Happening, und das darf er auch sein. Spaß ist erlaubt im Protestantismus, miteinander feiern und fröhlich sein. Der Kirchentag ist aber eben nicht nur ein Event, bei dem ich auf dem Platz stehe, zuschaue, was passiert. Der Schlüssel zum Erfolg des Kirchentages ist, dass er die Menschen einlädt zum Mitfeiern, Mitmachen und vor allen Dingen auch Mitdenken. Die fünf Tage, die wir jetzt sehen, sie sind über Monate inhaltlich vorbereitet worden. Das gilt für die Arbeitsgruppen des Kirchentages, aber auch für die Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen unserer Landeskirche. Wohl kein Arbeitsbereich hat sich dem Kirchentag entzogen, Menschen haben in den vergangenen Monaten ihr kirchliches Engagement ganz in den Dienst der Vorbereitung des Treffens gestellt. Ich denke beispielsweise an die Jugendarbeit unserer Landeskirche, die den ökumenischen Gottesdienst am Donnerstag am Steintor vorbereitet hat. Ich denke an den heutigen Abend der Begegnung, wo unsere Gemeinden von den Ostfriesischen Inseln bis kurz vor die Tore Kassels, von der Grenze nach den Niederlanden bis an die Elbe Sie herzlich willkommen heißen. Von weit hinterm Deich aus Ostfriesland, wo der Klönsnack beim Kopke Tee mit Kluntjes noch ein wertvoller Augenblick ist, haben die Gemeinden Matjes und Krabben, Mehlpütt und Pannkoeken mitgebracht. Das Hildesheimer Land heißt Sie willkommen mit Spargelsalat, Schmalzbroten und Scherper-Essen. Jugendliche zeigen, wie lebendig unsere Diakonie ist. Swinging Jazz kommt aus Einbeck oder die Ruett Rock Band „Sputnike“ von der Weser. Ich denke an unser Schulreferat, das die „Werkstatt Kirche und Schule“ vorbereitet hat, an die Halle der Spiritualität, die unsere Klöster und Pilgerwege mit prägen werden.

Unsere Kirche sieht sich derzeit vor großen Herausforderungen. Es gibt viel Innovation und Kreativität. Und gleichzeitig gibt es zurückgehende Mitgliederzahlen und sinkende Kirchensteuereinnahmen. Da ist Mut zur Zukunftsplanung gefordert, Entschlossenheit zum Handeln und auch ein gewisses Gottvertrauen: Wir werden auch in Zukunft Kirche sein in diesem Land. Nahe bei den Menschen und offen für die Fragen der Zeit. Aber wir werden uns verändern müssen, einiges wird nicht mehr möglich sein, von manchem werden wir uns verabschieden müssen. Ich weiß, dass uns da ein schmerzhafter Prozess bevorsteht, und gleichzeitig bin ich überzeugt, dass es auch in Zukunft lebendigen Glauben und neue Initiativen geben wird. So sehe ich den Kirchentag in diesen Tagen vor allem als ein Fest der Ermutigung: So vielfältig können Evangelische Gottesdienste gestalten, so zentral ist weiterhin die Bibelarbeit für uns, so energisch können wir in unserem Land Orientierung geben von den biblischen Wurzeln her, den Zehn Geboten, den Weisungen Gottes, der Verkündigung von Jesus Christus! Ja, ein Fest der Ermutigung wünsche ich mir, ein Fest, das den Beteiligten und auch vielen in unserem Land zeigt: Die evangelische Kirche ist da, mit den Inhalten des Glaubens und mit Energie zur Gestaltung auch in schwieriger Zeit.

Besonders freue ich mich, wie viele Menschen aus unserer Landeskirche engagiert sind. Ja, es gibt eine ungewöhnlich hohe, geradezu überwältigende Beteiligung aus Niedersachsen. Und auch in der besonders hohen Zahl ausländischer Gäste – weit über 3000 – spiegelt sich vor allem die gewachsene Beziehung zu den Partnerkirchen unsere Landeskirche in Übersee. Damit ist für mich überdeutlich: Ohne Landeskirche kein Kirchentag! Und gleichzeitig: Die Anregungen einer solchen Veranstaltung tun unserer Kirche gut. Unsere Landeskirche jedenfalls hat ihre Energie, ihre Innovationskraft und auch ihre erdverbundene Gelassenheit und sturmerprobte Verwurzelung im Glauben in die Vorbereitung dieses Kirchentages eingebracht.

Wir freuen uns auf das Fest, erwarten Anregungen für Glauben und Gemeindeleben und sind gespannt, welche gesellschaftlichen Themen im Mittelpunkt stehen werden. So wünsche ich mir einen 30. Deutschen Evangelischen Kirchentag zu Hause in Hannover unter Gottes Segen.



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