Kirchentag des Aufbruchs - Eine neue Kultur des Fragens

Kirchentagspräsident Ekhhardt Nagel auf der Pressekonferenz zur Eröffnung des Kirchentages

25. Mai 2005

Heute ist ein guter Tag. Viele haben sich in Bewegung gesetzt – Kirchentag – Kirche in Bewegung. Ein Signal für uns, für das Land in dem wir leben, für die Welt, die mit uns in Hannover zu Gast ist. Ein Zeichen der Zuversicht, wir wollen ein Zeichen sein gegen die Depression der Zeit, gegen die Traurigkeit beim Blick in die Zukunft – wir brechen auf – indem wir fragen als Kinder – wie Kinder – mit unseren Kindern – nach unserer Herkunft, nach unserer Gegenwart, nach unserer Zukunft.

„Wenn dein Kind dich morgen fragt…“ dieser Satz aus dem Alten Testament macht in seinem Kontext deutlich, wie wichtig es ist, seine Wurzeln zu kennen und die Gegenwart zu verstehen, um die Zukunft zu gestalten. Fragen ist hier mehr als das Warten auf Antworten. Fragen bedeutet auch nicht, dass wir orientierungslos sind, dass wir uns zurückziehen von der Wirklichkeit Gottes auf das Mögliche des Menschen, „vom Glauben auf den Zweifel“, wie Dietrich Bonhoeffer es ausdrückt. Im Gegenteil: Fragen öffnet das Leben, ist Herzensanliegen, Ausdruck der Suche nach Wahrheit, Glauben und Toleranz. Die Bereitschaft zum Fragen ist Ausdruck der Spiritualität, in der wir erfahren haben, dass Gott selbst größer ist als alle Antworten, die wir hören (sola experimentia facit theologum – Martin Luther). Fragen schafft Raum, in dem Gott sichtbar wird, lüftet den häufig undurchlässigen Schleier der vorschnellen Antworten, die das Leben in oberflächlichen Koordinaten zu erklären versucht. Diese Kultur des Fragens bewegt unsere Herzen, öffnet unsere Ohren, macht uns zu Mit-Menschen, zu Menschen mit Herz und Verstand.

Der Kirchentag mitseinen über 3000 Veranstaltungen will diese Kultur des Fragens üben und erlebbar machen. Erlebbar z.B. in Themenhallen: in der Halle der Spiritualität, in der unser Aufbruch in Gestalt eines Pilgerweges erfahrbar wird. In der Halle Kunst-Bildung-Wissenschaft, die die Suche nach Wahrheit in den Mittelpunkt stellt. In der Halle Globalisierung, die nach Werten im Wandel für die Wirtschaft in der Weltgemeinschaft fragt. Erstmalig in einem Kinderzentrum – und noch nie haben sich so viele Kinder für den Kirchentag anmelden lassen.

Die Kultur des Fragens lebt vom Dialog, vom aufeinander Zugehen, einander Zuhören, einander Achten in Unterschiedlichkeit, einander Respektieren und Vertrauen darauf, dass Verständigung möglich ist: Verständigung zwischen Generationen, Nationen, Konfessionen und Religionen. Diese Kultur des Fragens entspricht unserem protestantischen Selbstverständnis: Verzicht auf starre Bilder und unfehlbare Antworten, berührt und bewegt sein vom Evangelium, Mut und Bereitschaft zu Protest für - zum Eintreten für – Gottes Wahrheit im alltäglichen Leben.

Auch die aktuelle politische Diskussion in unserem Land wird sich wohl mehr darauf ausrichten, die aufgeworfenen Fragen noch zu präzisieren und gegebene Antworten nicht als Dauerlösung zu vermitteln, denn das wird dem Entwicklungsprozess unseres Lebens nicht gerecht und führt nur zu entsprechenden Enttäuschungen. So sind wir nicht weniger politisch als 1983, dem 20. DEKT, der ebenfalls hier in Hannover stattfand. In dem Umbruch unseres Lebensraumes, in dem Wandel zu einer Informationsgesellschaft mit einem hohen Grad an Individualisierung, haben wir nicht nur keine Antworten auf viele politische Probleme, sondern auch noch keine Antwort auf die Frage gefunden, wo neben der Realität des Alltags unsere Seele beheimatet ist. In diesem Suchprozess wollen wir Hilfe geben, die Wegweiser zu finden, die Werte für den Wandel, eine Orientierung in dem Leben als Mensch – an den Gott denkt, als Kind – das wirklich angenommen wird und so zur Zukunft erst werden kann.

Wir bekennen uns dazu, dass nicht wir selbst die Wegweiser sind – auch wenn uns das hier und dort den Vorwurf der Beliebigkeit einbringt – aber unser Glaube lässt uns aushalten, die Mittler zu sein, nicht die Macher. Denn wir sind davon überzeugt, dass wir, dass jeder, auf Höheres angewiesen bleibt – für das es keine Exklusivität, kein Vorverkaufsrecht und kein Monopol gibt.

Mit Mut und in Demut brechen wir heute auf, danken unseren Gastgebern von Herz zu Herz und freuen uns auf den vor uns liegenden 30. Deutschen Evangelischen Kirchentag!

 



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