Synode Pfeil Aktuelles

3. Tagung der XIII. Synode vom 15. bis 19. November 2000 in Magdeburg

Bildreportage    punkt Tagesordnung / Tagesablauf
punkt Rechenschaftsbericht der Kirchenleitung
punkt Visitationsbericht zur Jugendarbeit
punkt Rechenschaftsbericht des Konsistoriums
punkt Bericht des Diakonischen Werkes
punkt Bericht des Bischofs
punkt Bericht des Gesamtausschuss für die Mitarbeitervertretungen
punkt Grussworte
punkt Kooperationsvertrag
punkt Ehrenamtliches Engagement in Kirchengemeinden
punkt Aufruf gegen Rechtsextremismus und Gewalt

Predigt zur Eröffnung der 3. Tagung der XIII. Provinzialsynode Magdeburger Dom
Gedanken zum Tage am 16. November 2000
Gedanken zum Tage am 17. November 2000
Gedanken zum Tage am 18. November 2000
Predigt im Abschlußgottesdienst zur Synode am 19. November 2000

Predigt zur Eröffnung der 3. Tagung der XIII. Provinzialsynode

am 15.11.2000 im Domremter zu Magdeburg von Dekan Martin Herche, Heiligenstadt

„Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater. So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der eckstein ist, auf welchen der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“ (Epheser 2, 17-22)

Liebe Synodengemeinde,
da ist nun die Mauer gefallen und eine neue soll nie mehr errichtet werden. Wir haben uns gefreut. Wir waren glücklich, als die Mauer fiel.
„Wahnsinn“, sagten schon die ersten, die die Grenze überschritten, und nach ihnen viele: „Wahnsinn, einfach Wahnsinn“. Wir hatten die Freiheit gewonnen. Wir genossen sie. Es war wie im Traum. Und wir waren glücklich, dass alles im Frieden geschah. Fremde Menschen begegneten einander mit unglaublicher Offenheit. Wer könnte die vieltausendfache Herzlichkeit an den Grenzübergängen und in den Rathäusern und Kirchen vergessen. Sie begegnete uns im Land der Freiheit.
Doch je länger je mehr wurde auch deutlich, daß uns dieses Land fremd war, anders die Menschen. Ängste wurden spürbar, Mißtrauen, Ablehnung. Nicht nur auf einer Seite. - Wenn Mauern fallen, wird Freiheit gewonnen, aber Schutzräume gehen verloren. Wir haben es erlebt und wir mühen uns bis heute, der neuen Situation gerecht zu werden.
Es ist wohl immer ein schwieriger Prozeß, wenn Menschen zusammenfinden, die Mauern trennten. Für die Juden- und Heidenchristen in den ersten Gemeinden war es nicht anders.

Liebe Schwestern und Brüder!
Durch den Tod Christi ist die Grenze zwischen einem Innerhalb und einem Außerhalb der erwählten Gottesgemeinde überwunden. allen gilt Gottes Heil. Das ist jetzt klar. Keiner muß mehr außen vor bleiben. Da gibt es keine geistlichen Ausländer. Die Heilsbürgerschaft wird allen ohne Unterschied zuerkannt.
Ich stelle mir das nicht einfach vor für die Christen aus dem seit alters erwählten Volk der Juden. Plötzlich sollte alles anders sein. Was früher galt, worauf man sich verlassen konnte, es war überholt. Die Zeiten hatten sich geändert. Die Anderen, die nichtjüdischer Herkunft waren, gehörten jetzt dazu. Mußten die Judenchristen sich nicht selbst fremd vorkommen in der eigenen Heilsgeschichte?
Und die Frage lag auf der Hand: Was habe ich nun davon, daß ich ein Christ, eine Christin bin? Was bringt es mir? Ob sie aus dem Epheserbrief eine Antwort heraushören konnten?
Christus, großartig gedacht als der Herr des Kosmos, der Himmel und Erde eint und befriedet. Er, der Herr des Kosmos, „kam und verkündigte euch Frieden!“ - So vernahmen sie es. - Aus Fremden können Freunde werden. Ja, mehr noch: Sie hören: „Durch sein Geist habt ihr Zugang zum Vater.“- „Ihr gewinnt Geschwister. Ihr werdet zur Familie Gottes. Ihr könnt erleben: das Verbindende ist stärker als alles Trennende.“
Und es wird ihnen das Bild vom Haus ans Herz gelegt, von Gottes Haus, in dem sie alle Heimatrecht haben. Es hat offene Türen. Wir finden in ihm Platz, wer wir auch sind, woher wir auch kommen, alle. Und es endet nicht in der Katastrophe, wie wir nicht zusammenpassen, wir haben Anteil an seinem Heil und dürfen miteinander leben und glauben.
Liebe Schwestern und Brüder, er kam und verkündigte euch Frieden! Sein Friede! - davon hängt alles weitere ab. Wir hören diese gute Nachricht am Beginn unserer Synodentagung. Uns gilt sein Friede. Hören wir es für uns. Er läßt uns über unsere Möglichkeiten hinauswachsen zu Gottes Möglichkeit.
Dort, wo wir uns als von Gott geliebte erkennen, als Menschen des Friedens Gottes, kann der Umgang miteinander unbefangen sein und da regiert Vertrauen. Und jedes Beisammensein, jeder Gottesdienst, jeder Kirchentag, jede Synode wird gleichsam zu einem Familientreffen. - Es wär’ doch was, wenn wir es in den nächsten Tagen spüren könnten. Der Geist Gottes führt zusammen. Aber wir bleiben nicht hinter verschlossenen Türen, wenn es denn Gottes Geist ist.
Der MDR berichtete in seiner Infosendung am Samstag vom Eröffnungsgottesdienst der diesjährigen Friedensdekade. Das Mühen um den Frieden war mit Recht eine Meldung wert. Im Hause Gottes leben Friedensstifter. Sie wollen und können nicht unter sich bleiben.
Das Haus Gottes ist ein einladendees Haus und es geht der Friede von ihm aus, der Friede, der die Welt verändert. Wir gehören nicht nur in dieses Haus. Wir sind es selber. - Das Bild verändert sich: jetzt ist davon die Rede, daß wir wie Steine sind, aufgemauert auf dem Fundament der Apostel und Propheten.
Es kommt wirklich auf jeden Stein an. Ich kann ein Lied davon singen. An unserer Martinskirche in Heiligenstadt fehlen seit Wochen etliche Steine. Die Handwerker warten darauf, doch die Steine werden einfach nicht geliefert. Dabei sind sie dringend nötig, nicht nur aus optischen Gründen. Sie haben ihre Funktion im Ganzen des Bauwerkes, tragen bei zu seinem Halt und schützen als Gesimssteine vor Feuchtigkeit.
Im Bauwerk Gottes geht es um uns. Wir sind wichtig für das Ganze. Jeder von uns wird gebraucht. Aber entscheidend ist der Schlußsstein, ist Christus. Er hält die auseinandertreibenden Kräfte zusammen. Die 1. These der Barmer Theologischen Erklärung hat es der Christenheit neu ans Herz gelegt: „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“
Durch ihn, so der Epheserbrief, wird das Gebäude zu einem geschlossenen Ganzen zusammengefügt und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn heran.
Wer enttäuscht ist über sich selbst, über seine Gemeinde, seine Kirche, hör es: Unser Glaube, unser Gemeinde. unser Kirchesein ist im Werden begriffen. Es kann nocht etwas wachsen unter uns - geistlich wachsen. Gott hat mit uns viel vor. Es kann noch etwas wachsen, wenn denn Jesus Christus für uns der Entscheidende bleibt und wir unser Fundament nicht verlieren: das Zeugnis der Apostel und Propheten. Wo wir dieses Zeugnis hören, ist Leben. Da ist das Haus des Glaubens lebendig. Da hat - um den Dichter heranzuholen - die Nachtigall ihren Platz. Kennen Sie die Verse?

„Im Anfang war die Nachtigall.
Sie sang das Wort: Zuküht! Zuküht!
Und wie sie sang, sproß überall
Grüngraß, Violen, Apfelblüht.

Sie biß sich in die Brust, da floß
Ihr rotes Blut, und aus dem Blut
Ein schöner Rosenbaum entsproß
Dem singt sie ihre Liebesglut.

Uns Vögel all in diesem Wald
Versöhnt das Blut aus jener Wund’;
Doch wenn das Rosenlied verhallt
Geht auch der ganze Wald zu Grund’.“

Auch das Haus geht zu Grund. Der Glaube erlischt. Die Kirche wird ein Trümmerhaufen, wenn nicht der Glaube in der Liebe Gestalt findet, wenn nicht Christus unter uns gegenwärtig ist. Fremde bleiben sich dann fremd. Doch wir haben sein Wort! „Er kam und brachte uns Frieden.“ Das reicht.
„Durch seinen Geist haben wir Zugang zum Vater.“ - Judenchristen und Heidenchristen; alle, die sich seinem Geist öffnen. Die Nachtigall singt uns, und der Rosenstrauch wächst, blüht und gedeiht. - Der Verfasser des Epheserbriefes mag es mir nachsehen, dass ich beide seinem Bild vom Hause Gottes beifüge. Aber wenn ich ihm sagen könnte: Von Heinrich Heine, dem getauften Juden stammen die Verse - dem Dichter, der uns Christen oft so fremd ist - würde er nicht erfreut ausrufen: Ja, so kann es sein! Der Fremde wird euch vertraut und in der Begegnung mit ihm werdet ihr gewinnen!
Liebe Schwestern und Brüder, die Freude ist schon berechtigt, wenn Mauern fallen und wir Freiheit gewinnen. Miteinander sieht das Leben anders aus. Christus ist unser Friede. Wir können in Freiheit miteinander leben. Amen.


Gedanken zum Tage am 16. November 2000

Da freut sich der Landwirt in mir: wo guter Boden ist, da kann auch etwas ordentliches wachsen.
Den Acker in unserer Genossenschaft kannte ich ganz gut.
Wo Boden viel Humus und gute Wasserführung hatte, da war der Ertrag ziemlich sicher, auch in schlechten Jahren.
Bei der Vorbereitung auf die Synode wurde mir schon etwas flau im Magen.
Ein ganzer Ordner voll mit Papieren, den verschiedenen Gesetzentwürfen, Rechenschaftsberichten, Haushaltsplanung und auch dem Kooperationsvertrag mit der Thüringischen Kirche...
da liegt ein gewaltiger Berg Arbeit vor uns. Wir haben weitreichende Entscheidungen zu treffen. Ob die Vorbereitung wohl ausreicht? Sind alle möglichen Konsequenzen bedacht?
Finden wir die richtigen Worte um unsere Gedanken mit einzubringen?
Die kirchlichen Strukturen werden ständig neu gestaltet, wir bemühen uns zu sparen, weil das Geld immer knapper oder auch weil alles immer teurer wird. Erkennen die Gemeinden die Chancen des Zusammenrückens der kleinen Orte zu größeren Kirchspielen, des Zusammenwachsens zu größeren Kirchen?
Wo bleibt die Zeit und vor allem auch die Kraft, die frohe Botschaft weiterzugeben, selber ein wenig zu leuchten?
Wie erfreulich ist da solch ein Wort vom Gottvertrauen. Wir können uns auf den Herrn verlassen, und in der Zuversicht auf Ihn diesen Tag mit seiner Anbetung beginnen.

Annette Rothe


Gedanken zum Tage am 17. November 2000

Die Pharisäer hielten Rat, wie sie Jesus mit seinen eigenen Worten in eine Falle locken könnten. Sie sandten ihre Jünger zu ihm samt den Anhängern des Herodes. Die sprachen: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemandem; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. Darum sage uns, was meinst du: Ist's recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?" Jesus bemerkte aber ihr Bosheit und sprach: "Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? Zeigt mir die Steuermünze!" Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. Und er sprach zu ihnen: "Wessen Bild und Aufschrift ist das?" Sie sprachen zu ihm: "Des Kaisers." Da sprach er zu ihnen: "So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon. (Matth. 22, 15-22)
Ich kenne diese Geschichte aus dem Kindergottesdienst. Uns wurde erzählt: Die Pharisäer hätten Jesus eine Falle stellen wollen. Auf die Frage nach der Steuer habe es keine richtige Antwort gegeben. Jesus hätte sagen können, daß man keine Steuern zahlen solle. Dann hätte man ihn bei den Römern anzeigen können. Oder er hätte sagen können, man solle Steuern zahlen. Dann wäre er ein Verräter gewesen, ein Freund der verhaßten Römer. Die Frage war also schwierig zu beantworten.
Bis dahin hat mir die Geschichte damals eingeleuchtet. Gar nicht einleuchtend fand ich allerdings die Antwort Jesu. Warum sollte der Kaiser Münzen kriegen, auf denen sein Bild war? Das konnte nicht stimmen. Auf Münzen und Geldscheinen sind Bilder von Leuten, aber denen gehört das Geld nicht. Das wußte ich damals und kann ich auch heute mit Bestimmtheit sagen. Der Kaiser bekam die Steuermünze nicht, weil sein Bild auf ihr war.
Worum geht es also wirklich? Jesus hat die ihm gestellte Frage anscheinend nicht beantwortet. Weicht jemand einer Frage aus, kann das bedeuten, daß der Befragte die richtige Antwort nicht sagen will, weil sie ihm oder einem Dritten zum Nachteil gereicht. Oder der Frager soll in höflicher Form darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Frage unverständig, unangebracht oder überflüssig ist. War die Frage dumm und überflüssig? Israel stand unter römischer Herrschaft. Gerade fromme Juden konnten die römische Herrschaft nicht anerkennen. Sie widersprach der Herrschaft Gottes über sein auserwähltes Volk. Die Ankunft des Messias stand nach Ansicht vieler frommer Juden dicht bevor. Die Frage nach der Steuer könnte nicht nur eine Falle, sondern eine echte Gewissensfrage gewesen sein. Stellte sich der Steuerzahler dem Reich Gottes in den Weg, wenn er den Kaiser unterstützte? Wäre er nicht vielmehr verpflichtet, dessen Herrschaft zu beenden, um Raum für Gottes Reich zu schaffen? Jesus ist der ihm gestellten Falle ausgewichen. Hat er die Frage nach der Steuer gleichwohl beantwortet? Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, ist keine Antwort. Damit ist nämlich nicht gesagt, daß Steuern gezahlt werden sollen.
Frühere Ausleger sahen das anders. Dieser Satz - gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist - bildete zusammen mit Römer 13 die Grundlage einer Staatslehre, die auf einer Trennung von Kirche und Staat beruhte und in beide Richtungen Gehorsam forderte. Aber das wird man so nicht sagen können. Was, des Kaisers ist, ist nicht zwingend das, was dieser selbst so alles haben will. Die Antwort Jesu läßt sich also auch ganz anders verstehen. Der Frager soll entscheiden, was des Kaisers ist, und das dem Kaiser geben. Das wäre allerdings eine Antwort, und zwar eine Antwort, die der schwierigen und anspruchsvollen Frage angemessen ist.
Und noch ein zweiter Punkt läßt sich festhalten: Von vornherein ausgeschlossen und mit dem kommenden Reich Gottes unvereinbar war das Steuerzahlen scheinbar nicht; das hätte Jesus sonst wohl doch gesagt.
Stellen wir uns vor, wir könnten Jesus eine Frage stellen. Wäre Jesus leibhaftig unter uns gewesen: was würden wir ihn fragen? Nicht nach den Steuern, die lästig, aber nicht von existentieller theologischer Bedeutung sind. Nicht mehr als ein schöner Traum ist auch die Vorstellung, ihm die Tagesordnung nebst allen Materialien mit der Bitte um weitere Veranlassung in die Hand zu drücken.
Selbst eine Frage wie die nach der Fusion mit Thüringen oder der EKU - Ost, die mit großem Ernst erörtert wird und deren Entscheidung weitreichende Konsequenzen hat, wäre nach allen kaum legitim. Wir dürfen kaum mit einer klaren Antwort rechnen. Unsere Entscheidungen nimmt niemand ab. Ein einfaches "richtig" oder "falsch" gibt es in der Regel nicht. Es gibt auch keine theologischen Gründe, die uns zwingend in die eine oder in die andere Richtung weisen. Das heißt auch: Wir können irren. Trotzdem entscheiden wir Verantwortungsvoll und so, daß wir unsere Entscheidungen vor Gott und den Menschen verantworten können. Über alledem sollten wir den letzten Teil des Textes nicht vergessen - die Antwort, die Jesus gab, obwohl er danach gerade nicht gefragt worden war: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber gebt Gott, was Gottes ist!

Ich schließe mit der Losung für den heutigen Tag (Psalm 95, 2 - 3):

Laßt uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen!
Denn der Herr ist ein großer Gott.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Ilse Lohmann


Gedanken zum Tage am 18. November 2000

Herr, du bist unsere Zuflucht für uns für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Du lässest sie dahinfahren wie eine n Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst, dass am Morgen blüht und sproßt und des Abends welkt und verdorrt.
Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen. Denn unsere Missetaten stellst du vor dich, unsere unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht. Darum fahren alle unsere Tage dahin durch deinen Zorn, wir bringen unsere Tage zu wie Geschwätz. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin als flögen wir davon. Wer glaubt's aber, dass du so sher zürnest, und wer fürchtet sich vor deinem Grimm? Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Herr, kehre dich doch wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig! Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang. Er freue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagtest, nachdem wir so lange Unglück leiden. Zeige deinen Knechten dein Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.
Und der Herr, unse Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände bei uns. Ja, das Werk unserer Hände wollest du fördern. (Psalm 90)

Die Ethikkollegin in der Schule hat mit ihrer Unterrichtsgruppe aus der 13. Klasse wieder eine ernüchternde Erfahrung gemacht: ohne innere Bereitwilligkeit haben die Mädchen und Jungen die hochkarätigen Texte gelesen. "Der Mensch ist ein Mängelwesen" - ohne den Autor dieser Zeilen, Arnold Gehlen, verlässt keiner die Schule. Und köstlich ist es, sich die Sophokles-Übersetzungen vorzulesen: "Ungeheuer ist vieles, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch." Oder heißt es besser nach dem Griechischen: "Der Welt Gewalten sind so viel - der Mensch gewaltiger als sie alle."? Aber die Schüler lassen es links liegen und spüren nicht das Delikate an der Frage, was der Mensch wohl sein.
"Warum", mögen die Mädchen und Jungen gedacht haben, "fragen wir immer noch nach dem Menschen"? Mühsam genug, am Morgen mit passablen Klamotten, Gel in den Haaren oder geübten Schattenstrichen unter den Augen einen Menschen im Spiegel herzurichten, als der man dann einen ganzen Tag durchhalten kann. Aufregend genug ist es, die wichtigen Alltäglichkeiten im Gespräch untereinander nicht zu verpassen. Was soll die Frage nach dem Menschen. Und vor allem: Was gibt es da zu lernen, was in den Büchern stehen könnte oder was die durchaus akzeptierte und geschätzte Lehrerin zum Unterrichtsthema machen könnte?
Im Psalm 90 stehen die Sätze der Bibel zum Thema: Es ist kein Bisschen Gott im Menschen. Er fährt dahin, sprosst und welkt, fliegt davon und hat ein flüchtiges Wesen.
Nun heißt aber "geistlich leben": fromm sein und beten, sich selbst Gott unter die Augen zu halten. Wer sich selbst nicht herzuzeigen vermag, kann nicht das sein, was die Bibel hier sagt: ein Mensch, ein Wesen, eine ganze Existenz und irdische Wirklichkeit. Nur in der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist auch ein Bild da, das vor Gottes Augen passt. Und nur, wenn du die Wahrheit sagen kannst, magst du bestehen. Die Wahrheit - wir können eben überlegen: was hat uns gestern wirklich bewegt? Das, was wir uns wirklich vorgenommen haben, nur selten; das, was wir zu tun hatten, nur äusserlich; das was wir sein wollten, immer nur für Augenblicke. Und kaum hatte man fünf Worte gesprochen, war der ganze Zauber des Ich-weiss-was-ich-will schon wieder verflogen. - Es ist kein Wunder, wenn die 18-Jährigen in der Ethikgruppe den Kern der Sache nicht entdecken wollen. Es gibt keinen Satz, keine Zeile, die über den nächsten Augenblick hinaustragen könnten.
Wahrscheinlich haben wir dieses Defizit schon eine ganze Zeit auf dem Tisch: Da sind Menschen - Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Reifende und Reife - mit denen wir im Alltag unser Kirchengemeinden zu Gott gehen. Und da ist andererseits die Erfahrung, dass wir, die wir ein wanderndes Gottesvolk sein wollen, unser selbst nicht so sicher sind. 70 oder 80 Jahre zu zählen ist noch ein Leichtes. Kirchengrenzen zu bewegen, scheint schon schwerer. Aber wir haben es gemerkt: Es ist kein Ding jenseits von Raum und Zeit. Unsere Kategorien werden auch diese Frage bewegen und lösen können. Nur das Wandern zu Gott will uns nicht so recht in den Kopf. Wie auch wollte so ein unschlüssiges, unstetes, vorläufiges Wesen wie der Mensch einen solch großen Weg finden?
Defizite sind da, behoben zu werden. Das ist normalerweise unser Ansatzpunkt. Im Unterricht in der Schule reißen wir die Tore der Weisheit weit auf, damit sich den Schülern die Lösungen vor die Füße legen. Ich mache zunehmend die Erfahrung, dass sich die Abiturienten darüber amüsieren, mit welch weit ausholenden Bewegungen ich versuche, alle äußersten Zipfel der Welt selbst im Religionsunterricht zu ergreifen. Oft wollen sie eigentlich nur wissen, wie ich mit meinem Glauben klar komme, wie ich Jesus finde und warum ich von Gott nicht lassen kann. Defizite zu beheben - wir haben es in den letzten Tagen fast in jedem Antrag und jedem Beschluss irgendwie versucht, die Defizite aus der Welt zu schaffen. Könnte es nicht sein, dass wir - jedenfalls hier, wo im Schreibbüro die Mitarbeiterinnen willig unsere Protokolle und Beschlussvorlagen schreiben und auf Festplatten speichern - dem Himmel ein Stück näher sind und aus der herzlichen Bitte um den Beistand des Heiligen Geistes auch schon ein bisschen Qualitätssiegel geworden ist? Wo so ernsthaft gebetet wird, kann es nicht misslingen?
Nun aber dieser Psalm. Am Sonntag haben wir ihn gebetet und gestern in der Morgenandacht. Es ist halt so: Der Mensch ist nicht viel. Er kann, wenn er denn will, sich ein wenig mit Gottes Zorn vergleichen. Aber die Bibel benutzt solche menschlichen Eigenheiten Gottes auch nur, um das weniger Heilige am Heiligen darzustellen. Der Mensch - ein Stück für Gottes schlechte Laune? Irgendwie hat das für mich das Flair einer Morgenstunde, in der ich drei Kinder wecken, vergessene Hausaufgaben erledigen, Schulbrote machen und auch noch einen anständigen Tee zu Stande bringen möchte. Und das soll dann ich sein? Ich muss mich nur in der nullten Stunde am Montagvormittag vor meine Schüler setzen, dann weiss ich für den Rest der Woche, was der Mensch sei. Aber es treibt uns, treibt mich, die Defizite aus der Welt zu schaffen. In den besten Stunden habe ich besonders viel davon bewältigen können. Ob es ein Haufen Laub im Garten oder ein längst überfälliger Besuch in der Gemeinde ist - ich greife an bei den Defiziten, dem ewig Unerledigten, dem immer noch Schuldigen. Das muss doch wegzubügeln sein!
Man könnte aber auch singen: "Gott, du bist unsere Zuflucht für und für." Es ist eine große Überraschung auf vielen Seiten der Bibel, dass es da nicht ums Beseitigen und Ausbügeln geht. Es ist keine Perspektive zugelassen. Denn wer wollte in die Zeit schauen, ehe denn die Berge und die Welt geschaffen wurden. Und was könnte es überhaupt austragen, einen einzigen Gedanken höher heben zu wollen, als das: "Du lässt die Menschen sterben". Solche Sachen lassen sich wahrscheinlich doch nur singen. Dass ich ein Zuflüchtiger bin, das kann ich niemals lernen. Ich bekomme es nicht in die Welt meiner Begriffe und meiner Grundsätze. Ich habe nur ein ganzes Leben - von einer Zuflucht zur anderen; und immer zu der, die ich meinen Gott nennen will.
Ich lasse - wie meine Kollegin in der Schule - nicht davon ab, die Sache spannend zu halten. Eines Tages werden wir es wissen, was der Mensch ist. Und wenn ich klug bin, habe ich unterwegs auch das Singen gelernt, wie dieser Psalm singt. Singen, was sich nicht wissen lässt. Und leben, was sich aus Wissen und Singen zusammenfügt.
Wir werden heute gewiss nicht ablassen, zu suchen, was uns Vernunft und Glaubensgelassenheit zu tun gebieten. Und ich wünsche mir, dass wir dann und wann das Gefühl haben, "als flögen wir davon." Dann wird uns richtig gut sein. Und wenn wir dann nachlesen im Psalm 90, wissen wir, dass Fliegen so ist: flüchtig und fahrend - zuflücktig - und Werk aus Gottes Händen.

Christoph Carstens


Predigt im Abschlußgottesdienst zur Synode am 19. November 2000

(Propst Waldemar Schewe, Naumburg)

Liebe Gemeinde,
wir haben auf unserer Synode eine Visitationsordnung beschlossen. Es kommt ja häufig vor, dass Gemeinden besucht werden, damit andere die Situation vor Ort wahrnehmen und die Gemeinden so Hilfen für die Zukunft bekommen. Am Ende einer solchen Visitation gibt es deshalb dann einen "Visitationsbescheid".
Die Schreiben an die Gemeinden, wie wir sie in der Offenbarung des Johanns lesen, sind solche "Visitationsbescheide". Da wird gelobt und getadelt. Das Sendschreiben an die Gemeinde in Smyrna aber enthält weder Lob noch Tadel, sondern allein Ermutigung:

"Dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut - du bist aber reich - und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind die Synagoge des Satans. Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens gegeben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode." (Offenbarung 2, 8-11)

Von Armut und Bedrängnis ist zu hören. Schlimmer kann die Situation einer Gemeinde nicht sein. Deshalb wird sie mit diesem Schreiben nicht getadelt, sondern ermutigt und getröstet. Und das gelingt mit der Feststellung: Eigentlich aber bist du reich!
Es gibt also zwei verschiedene Deutungen ein und derselben Situation. Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was die Gemeinde wahrnimmt: wir sind Armut, Not und Gefängnis ausgesetzt - und dem, was andere in ihr beobachten: Du bist reich!
Unsere eigene Situation, liebe Gemeinde, können wir genauso deuten, wie es hier aufgeschrieben ist: gegen unsere Armut und Not stet die Feststellung: Du bist reich.
Ich will Ihnen erzählen, was ich bei meinem jüngsten Besuch in Tansania erlebt habe: nämlich eine Armut, die uns Besucher dort geschmerzt hat, die uns beinahe körperlich weh getan hat. Aber die Gemeinde hat getanzt, gesungen und Gott gelobt. Und das in einer Weise, die mir meine eigene Armut aufgedeckt hat: Warum bist du in deinem materiellen Reichtum so arm!
Ich stelle mir vor, dass Menschen trotz aller äusseren Armut und trotz aller Bedrängnis anfangen, Gott zu loben und zu preisen. Und ich wünsche mir, dass wir uns in unseren Gemeinden gegenseitig unseren Reichtum bescheinigen und bestätigen könnten.

Ein Zweites fällt mir auf:
Unser Predigttext enthält auch Worte der Prävention, der Vorbereitung auf die Zukunft, auf das, was auf die Gemeinde zukommt: Bedrängnis und Gefängnis. Der Grund dafür, dass wir solche Erfahrungen machen wird benannt: Damit Ihr versucht werdet. - Das ist die Zukunftsaussicht für die Gemeinde.
Ich erinnere noch einmal an die Tagung unserer Synode. Sie hat einen Aufruf gegen Rechtsextremismus und Gewalt verabschiedet. Darin wird an unsere Spach- und Redegebaren erinnert. Wenn ich diesen Aufruf mit dem in Verbindung bringe, was wir in unserem Predigttext lesen, dann glaube ich, dass der vor unserer Synode kaum bestand hätte. Denn was hier geschrieben steht, ist eigentlich antisemitisch. Jede Gemeinde meint, dass sie auf der rechten Bahn wandele und die jeweils anderen die Ursache für ihre Not seien. Wir wissen aus unserer Geschichte - der heute Volkstrauertag erinnert uns insbesondere daran - das wir nicht frei von Untaten sind. Darum können wir diese Rede wohl verstehen, aber wir können sie nicht weiter vermitteln.
Es gibt also Menschen, die die Gemeinde durch Lügen und Intrigen zerstören möchten. Muß man da nicht Angst haben?
In dem Abschnitt aus der Offenbarung lesen wir: Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden mußt. Aber der Trost, den wir daraus erfahren, liegt nicht in der Hilfe durch andere, sondern darin, dass wir wissen dürfen: Das sagt der Erste und der Letzte. Die Gemeinde wird also erinnert an den Herrn, in dessen Händen alles liegt, der tot war und lebendig geworden ist. Diese Erfahrung kann die Bedrängnis überwinden.
Der Glaube schenkt so Mut zum Widerstand. Mindestens die Theologen unter uns kennen Polykarp von Smyrna, Der ist dort im Jahre 155 den Feuertod gestorben. Zwar hatte der Stadthalter mit ihm Erbarmen und wollte ihn freilassen - wenn er seinem Herrn abschwören würde. Aber Polykarp hielt fest am Glauben: Ich gehöre dem Herrn, wie könnte ich das tun!
Das ist der Glaube, der auch über den Tod hinaus erretten kann. In ihm findet das Leben seine Erfüllung. Diese Erfüllung gelingt nicht durch private materielle Vorsorge, sondern allein durch die Treue zum Herrn, der der Erste und der Letzte ist und der uns die Krone des Lebens geben will, der uns also nicht mit dem Gericht droht. Deshalb steht hier die Ermutigung: "Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben".
Ich wünsche mir die Ermutigung für uns alle, in dieser Treue zu bleiben, die uns der "Visitationsbescheid" an die Gemeinde in Smyrna erklärt. Amen.


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