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Mein Lieblingsbild

Bildbetrachtung: Mönch am Meer

 

Mein Lieblingsbild besuche ich regelmäßig. Ich steige die prachtvollen Treppen der Alten Nationalgalerie in Berlin herauf, schleiche mich an all den kostbaren Gemälden vorbei, mit leicht schlechtem Gewissen, weil ich sie schon wieder links liegen lasse und hoffe, dass es da hängt, wo es hingehört. Dann stelle ich mich hinter den Mönch und blicke über seine Schulter. Vor ihm liegt dunkel drohend das Meer. Fast spüre ich den Sand zwischen den Zehen. Als stünde ich selbst am Strand, so zieht es mich ins Bild.

Als meine Liebe zu dem Bild von Caspar David Friedrich noch jung war, habe ich mir manchmal vorgestellt, ich müsste mich besonders leise an die dunkle Gestalt heranschleichen, um sie nicht zu stören. Die Gestalt in der Kutte rührt mich, wie sie da steht, so verloren in der riesigen Fläche des Bildes und auf geheimnisvolle Weise doch stark und mit gradem Rücken. Längst habe ich verstanden, dass er sich von mir oder anderen Betrachtern nicht ablenken lässt. Sein Blick hängt fest am wütenden Himmel über dem Horizont. Die Wolken über der Wasserlinie rotten sich zu Ungeheuern zusammen. Der Mönch weicht nicht zurück. Er ist wie gebannt.

Wer jemals Urlaub am Meer gemacht hat, kennt die Faszination, die so ein düsterer Himmel auslösen kann. Faszinierend und unheimlich zugleich. Natürlich liebe ich dieses Bild, weil ich das Meer liebe. Wie der Künstler vor zweihundert Jahren mag ich lange Spaziergänge an der Wassernarbe. Urlaub am Meer ist eine tolle Erfindung. Nach ein paar Tagen stellen sich Gedanken ein, die sich im Alltagstrubel in die hinterletzte Ecke meines Kopfes zu verstecken scheinen. Bin ich an der See, trauen sich auch die nicht alltäglichen Ideen wieder hervor. Was mich sonst fest im Griff hat und dann und wann sogar den Schlaf raubt, verschwindet wie der Sand, der durch die Finger rinnt. Und wenn sich eine Gewitterfront über der Ostsee zusammenbraut, wenn der blaue Himmel sich grün einfärbt, die Lenkdrachen zu Boden gehen und die Leute sich in ihre Feriendomizile zurückziehen, wickle ich mich fest in meinen Kapuzenmantel und warte auf das "Mönch-am-Meer-Gefühl".

Oft stellt es sich ein, das Gefühl, wie der Mönch auf dem Bild winzig und verloren im riesigen Weltall zu stehen. Es ist ein gutartiges Zwergengefühl, nicht wie nach einer Demütigung, eher wie wenn etwas überwältigend ist. Dieses Gefühl ist nicht immer beruhigend. Einmal ist man ganz nah bei sich, ein anderes Mal droht man verloren zu gehen in den Gedanken, die im Kopf herumtosen wie die aufgepeitschte See. Trotzdem möchte ich das "Mönch-am-Meer-Gefühl" auf keinen Fall missen. Vor dem Hintergrund der grandiosen Kulisse ordnet sich das, was wichtig und was unwichtig ist, allmählich in die richtige Reihenfolge. Das Leben, das oft wie nebenbei gelebt wird, wird mit einem Mal kostbar und intensiv.

Ein Zeitgenosse des Malers, der berühmte Theologe Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher nannte dieses "Mönch-am-Meer-Gefühl" "Sinn und Geschmack fürs Unendliche". Genau diese innere Stimmung fängt der Maler ein. Und wenn es gut geht, zieht er mich mitten ins Bild und führt mich selbst zurück zum Wesentlichen, mitten in Berlin, wenn ich schräg hinter dem Mönch den aufgewühlten Ostseehimmel betrachte, während draußen vor dem Museum die Taxis hupen und mein Handy in der Tasche lautlos klingelt.

Friedrich malt mit dem "Mönch am Meer" mehr und anderes als eines dieser Urlaubsbilder, die in urigen Strandklausen hängen und in Touristenshops als Drucke für die Wohnzimmerwand zu haben sind. Sein Bild zeigt einen inneren Zustand. Auch wenn der "Mönch am Meer" als Kunstpostkarte verramscht wird, bleibt noch eine Ahnung davon, dass hier jemand eine Seelenlandschaft malt. Genau das hat er von einem Kunstwerk verlangt: "Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, er soll auch malen, was er in sich sieht", hat er einmal notiert. Es klingt verrückt, aber Caspar David Friedrich hat in meinem Lieblingsbild auch das gemalt, was ich dann und wann in mir entdecke, an einem einsamen Tag am Meer.

Haltung bitte!
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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 11. April 2013 10:35