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Berlinale - Grußwort zum Ökumenischen Filmempfang
Petra Bahr, Katholischen Akademie Berlin
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
wer in diesen Tagen nachts in Berlin durch die schicke neue Mitte wandert, sieht junge Menschen mit den kirchentagsverdächtigen Taschen aus den Kinos strömen. In den Szenekneipen unterhalten sich grauhaarige Intellektuelle in vielen Sprachen über Schnitttechnik und Regie, sie schieben ihre großen schwarzen Brillen zurück vor die müden Augen, die viele Stunden lang an die Leinwände gefesselt waren. Wer Glück hat, zu einer der ganz großen Parties geladen zu sein, kann einen Blick auf den Glamour des internationalen Films werfen. Die Berlinale ist die Fashionweek für Kinobegeisterte. Bunt, prall und harmlos. Doch der Eindruck täuscht. Die bewegten Bilder bringen Diktatoren um den Schlaf. Sie verunsichern die Mullahs und die selbstherrlichen Potentaten. Kinofilme sind gefährlich.
Daran erinnerte bei der Eröffnung des Festivals der leere Stuhl des iranischen Jurymitglieds. Jafar Panahi konnte nämlich nicht nach Berlin reisen, weil seine Bilder dem Regime im Iran zu gefährlich geworden sind. Zwanzig Jahre Berufsverbot und sechs Jahre Gefängnis. So lautet das Urteil eines Gerichtes ohne Anwälte. Hier um Raum sind junge Leute, die nicht einmal zwanzig Jahre alt sind. Stellen sie sich das vor: zwanzig Jahre nicht das machen dürfen, wozu es einen am meisten drängt. Zwanzig Jahre gefesselte Leidenschaft. Was für ein verächtlicher Umgang mit der großen künstlerischen Gabe des Filmemachers. Anlass sind nicht etwa die preisgekrönten Filme Panahis. Anlass ist ein Film, den es noch gar nicht gibt. So gefährlich sind Bilder, dass die Machthaber sich vor den Bildern fürchten, wenn sie noch nicht in der Welt sind. Diktatoren haben eine dämonische Phantasie. Deshalb trifft die Aggression von Diktatoren immer drei Gruppen zuerst: Künstler, Journalisten und religiöse Minderheiten. Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit, Kunstfreiheit und Religionsfreiheit haben die gleichen Wurzeln. Sie kommen aus der gleichen Erde. Dem Humus der Humanität, aus dem gleiche Freiheit, Anmut und Würde eines jeden einzelnen Menschen erwächst. Meine Damen und Herren, zu einer anderen Zeit und unter einem anderen Terror hat der Theologe Dietrich Bonhoeffer in einem Berliner Gefängnis kurz vor seiner Exekution einen denkwürdigen Satz geprägt. "Kultur ist der Spielraum der Freiheit". Das haben die Mullahs im Iran verstanden. Das Kino ist ein Spielraum der Freiheit. Hier werden sogar Blinde sehend. Deshalb fürchten sie die Spielräume des Geistes, die Filme, Romane, Bilder und Musik eröffnen. Wie die Machthaber in China, in Weißrussland und andren Schreckensregimen dieser Welt. Filme zeigen neue Möglichkeiten auf, auch wenn dieses Möglichkeiten unmöglich erscheinen. Sie geben sich nicht mit der Welt zufrieden, wie sie ist. Im Medium des Films ist ein mächtiger Einspruch gegen jeglichen Fatalismus möglich. Mit diesen Bildern im Kopf gehen in diesen Tagen die Massen auf die Plätze Nordafrikas. Durch diese Bilder scheint ein Spalt der Hoffnung auf eine andere Welt. Deshalb ist das Engagement der Kirchen für den Film keine äußerliche Angelegenheit sondern Ausdruck ihrer Botschaft. Jesus hätte heute Filme gedreht. Sie sind die Gleichnisreden der Moderne. Lassen wir uns durch sie beunruhigen und in Bewegung versetzen. Und vergessen wir die nicht, die sich nicht frei bewegen können.