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Biblischer Impuls
Katholikentag in Mannheim 2012, Apostelgeschichte 15, 1-33 | Petra Bahr
Ich lese die Geschichte des ersten großen Krisengipfels der Kirche nach der Übersetzung Martin Luthers. Es ist die Muttersprache meines Glaubens, meine religiöse Heimat. Wer aufbricht, tut gut daran, sich seiner Herkunft zu versichern:
1 Und einige kamen herab von Judäa und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht beschneiden lasst nach der Ordnung des Mose, könnt ihr nicht selig werden. 2 Als nun Zwietracht entstand und Paulus und Barnabas einen nicht geringen Streit mit ihnen hatten, ordnete man an, dass Paulus und Barnabas und einige andre von ihnen nach Jerusalem hinaufziehen sollten zu den Aposteln und Ältesten um dieser Frage willen. 3 Und sie wurden von der Gemeinde geleitet und zogen durch Phönizien und Samarien und erzählten von der Bekehrung der Heiden und machten damit allen Brüdern große Freude. 4 Als sie aber nach Jerusalem kamen, wurden sie empfangen von der Gemeinde und von den Aposteln und von den Ältesten. Und sie verkündeten, wie viel Gott durch sie getan hatte. 5 Da traten einige von der Partei der Pharisäer auf, die gläubig geworden waren, und sprachen: Man muss sie beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz des Mose zu halten. 6 Da kamen die Apostel und die Ältesten zusammen, über diese Sache zu beraten. 7 Als man sich aber lange gestritten hatte, stand Petrus auf und sprach zu ihnen: Ihr Männer, liebe Brüder, ihr wisst, dass Gott vor langer Zeit unter euch bestimmt hat, dass durch meinen Mund die Heiden das Wort des Evangeliums hörten und glaubten. 8 Und Gott, der die Herzen kennt, hat es bezeugt und ihnen den Heiligen Geist gegeben wie auch uns, 9 und er hat keinen Unterschied gemacht zwischen uns und ihnen, nachdem er ihre Herzen gereinigt hatte durch den Glauben. 10 Warum versucht ihr denn nun Gott dadurch, dass ihr ein Joch auf den Nacken der Jünger legt, das weder unsre Väter noch wir haben tragen können? 11 Vielmehr glauben wir, durch die Gnade des Herrn Jesus selig zu werden, ebenso wie auch sie. 12 Da schwieg die ganze Menge still und hörte Paulus und Barnabas zu, die erzählten, wie große Zeichen und Wunder Gott durch sie getan hatte unter den Heiden. 13 Danach, als sie schwiegen, antwortete Jakobus und sprach: Ihr Männer, liebe Brüder, hört mir zu! 14 Simon hat erzählt, wie Gott zum ersten Mal die Heiden gnädig heimgesucht hat, um aus ihnen ein Volk für seinen Namen zu gewinnen. 15 Und dazu stimmen die Worte der Propheten, wie geschrieben steht (Amos 9,11-12): 16 »Danach will ich mich wieder zu ihnen wenden und will die zerfallene Hütte Davids wieder bauen, und ihre Trümmer will ich wieder aufbauen und will sie aufrichten, 17 damit die Menschen, die übrig geblieben sind, nach dem Herrn fragen, dazu alle Heiden, über die mein Name genannt ist, spricht der Herr, 18 der tut, was von alters her bekannt ist.« 19 Darum meine ich, dass man denen von den Heiden, die sich zu Gott bekehren, nicht Unruhe mache, 20 sondern ihnen vorschreibe, dass sie sich enthalten sollen von Befleckung durch Götzen und von Unzucht und vom Erstickten und vom Blut. 21 Denn Mose hat von alten Zeiten her in allen Städten solche, die ihn predigen, und wird alle Sabbattage in den Synagogen gelesen.
22 Und die Apostel und Ältesten beschlossen samt der ganzen Gemeinde, aus ihrer Mitte Männer auszuwählen und mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas mit dem Beinamen Barsabbas und Silas, angesehene Männer unter den Brüdern. 23 Und sie gaben ein Schreiben in ihre Hand, also lautend: Wir, die Apostel und Ältesten, eure Brüder, wünschen Heil den Brüdern aus den Heiden in Antiochia und Syrien und Zilizien. 24 Weil wir gehört haben, dass einige von den Unsern, denen wir doch nichts befohlen hatten, euch mit Lehren irregemacht und eure Seelen verwirrt haben, 25 so haben wir, einmütig versammelt, beschlossen, Männer auszuwählen und zu euch zu senden mit unsern geliebten Brüdern Barnabas und Paulus, 26 Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. 27 So haben wir Judas und Silas gesandt, die euch mündlich dasselbe mitteilen werden. 28 Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge: 29 dass ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht. Wenn ihr euch davor bewahrt, tut ihr recht. Lebt wohl!
30 Als man sie hatte gehen lassen, kamen sie nach Antiochia und versammelten die Gemeinde und übergaben den Brief. 31 Als sie ihn lasen, wurden sie über den Zuspruch froh. 32 Judas aber und Silas, die selbst Propheten waren, ermahnten die Brüder mit vielen Reden und stärkten sie. 33 Und als sie eine Zeit lang dort verweilt hatten, ließen die Brüder sie mit Frieden gehen zu denen, die sie gesandt hatten.
Was ist das Christentum nur für eine seltsame Religion. Schon die erste Generation der Heiligen benimmt sich so unheilig wie es geht. Da ist kein Platz für nostalgische Rückwärtssehnsüchte. Am Anfang der Kirche steht ein heftiger Streit. Und ihr Chronist, Lukas, vertuscht diesen Konflikt nicht. Es wäre so einfach gewesen, diesen verpatzten Start des Christentums zu kaschieren. Es wäre so einfach gewesen, die Anfänge der Kirche zu verklären. Wenigstens in grauer Vorzeit wird doch alles gut gewesen sein, damals als die Freunde und Freundinnen Jesu sein Gesicht noch vor Augen hatten und den Ton seiner Stimme, wenn er mit den Kindern sprach. Damals, als die stotternden Worte der Frauen am Grab noch in den Ohren klangen. "Gott hat Jesus von den Toten erweckt. Es ist nicht alles zu Ende. Im Gegenteil. Es beginnt erst, das Leben, das Gott uns verheißen hat." Damals, als die Euphorie der ersten Jahre alle Unwägbarkeiten wie Kleinigkeiten erschienen ließ und selbst die Repressionen und Verfolgungen die junge Kirche nicht in die Defensive zwingen konnte.
Doch der Autor der Apostelgeschichte mutet uns und all den Generationen vor uns einen tiefen Blick in die Wahrheit der Kirche zu. Nein, zu keiner Zeit war die Geschichte des Christentums eine Verfallsgeschichte aus einem Zustand heiliger Unschuld zu dem Zustand einer mutlosen, angefochtenen Institution, die sich schuldig gemacht hat, der viele Menschen nicht mehr trauen und die das Deutungsmonopol auf die letzten Fragen verloren hat. Die, die mit Angstlust die Story von den goldenen Zeiten verkünden, nach denen früher alles besser war, werden bei der Lektüre eines Besseren belehrt. Von wegen "früher war alles besser." Zur Geschichte der Kirche gehören von Anfang an die Krisen, verfahrene Situationen und der Konflikt über den rechten Aufbruch in die Zukunft.
"Ein nicht geringer Streit", bricht aus, heißt es in der Apostelgeschichte. Er muss schon länger geschwelt haben, im Untergrund. Dabei war das erste Pfingstfest und die ausgelassene Feier der Heiligen Geistes gerade ein paar Jahre vorbei. Ca. 48 nach Christus, so rechneten die Gelehrten, kommt es zum ersten großen Richtungsstreit der jungen Kirche. Die Streithähne haben eben noch zusammen gefeiert, sie haben einander umarmt, sie haben Gott gelobt, der sie zusammen geführt hat, über alle kulturellen Unterschiede hinweg. Menschen aus allen Völkern, die zum Glauben an den einen Gott gekommen waren. Sie haben gemeinsam gesungen, in allen Sprachen, die in der damaligen Welt gesprochen wurden. Lukas, der freihändige Chronist der ersten Christenheit, verbrämt das Maß des Zerwürfnisses nur unzulänglich. Von "großer Zwietracht" ist die Rede. Wir hören dem Bibeldeutsch die Dramatik vielleicht nicht mehr an. Doch muss es heftig gekracht haben im Richtungsstreit um die Zukunft der kleinen Ansammlung von Christinnen und Christen. Das klingt nicht nach feierlichem theologischem Disput am Konferenztisch mit Grußworten, Hauptreferaten und Vertagung in die Arbeitsgruppen. Eher schon nach verhaltener Wut und nach zugeschlagenen Türen, nach zorniger Solidaritätsbekundung und jede Menge Tratsch hinter vorgehaltener Hand. Wo so ein Richtungsstreit tobt, da reden sich auch die Heiligen der ersten Stunde schnell um Kopf und Kragen. Der Ton wird ungerecht und verletzend. "Wie können die nur. Also, das geht ja gar nicht. Das ist nicht mehr meine Kirche." Paulus, der Eiferer, hat den alten Jähzorn noch in sich, diesen dunklen Schatten seines gewaltigen Temperamentes. Das geistliche Kraftpaket ist auch ein Alphatier, ein Rechthaber, einer der laut und ungerecht werden kann. Viele alte Gemälde zeigen ihn so: mit glühenden Augen und einem wuchtigen Körper voller Spannung. Die Gegner aus der Gemeinde in Jerusalem sind aber nicht weniger unnachgiebig. Und Lukas hat durchaus Sympathien für sie. Im Galaterbrief, im 2. Kapitel, wo die Geschichte aus der Perspektive des Paulus aufgeschrieben ist, sieht das natürlich etwas anders aus. Für ihn sind sie die Ewig-Gestrigen, die die erfolgreiche Mission mit ihrer Bedenkenträgerei und ihrer Fixierung auf Recht und Tradition ausbremsen. Doch auch das leisten sich die heiligen Schriften.
Sie dulden die Diskrepanz der Zeugenaussagen, sie dulden Einseitigkeit und unterschiedliche Perspektiven. Vielleicht ist das die erste Einsicht für uns: Keine Angst vor Streit. Auch nicht vor Richtungsstreit. Er gehört von Anbeginn an zur Kirche, so wie die Krise zur Kirche gehört. Kaschieren, verschweigen, mit wohlklingenden Worten verbrämen, das ist die Sache der neutestamentlichen Autoren allerdings nicht. Die Berichte der Apostelgeschichten sind von großer Wahrhaftigkeit geprägt. Streiten ist erlaubt, aber der Selbstbetrug über die eigene Situation oder autoritäre Abwehr der inneren Debatten ist kein Weg, den die Kirche nehmen darf.
Aber weiter im Text, zur anderen Konfliktpartei. Die Jerusalemer Querköpfe haben die Tradition auf ihrer Seite. Ein starkes Gewicht! Mit der Gemeinde in Jerusalem beginnt schließlich die Geschichte der ersten Christen. Auf ihren Straßen ist Jesus gegangen. In ihrer Nachbarschaft hat er gepredigt. Hier hat er die Händler aus dem Tempel getrieben und mit Gelehrten Nachtgespräche geführt. Hier haben Jesus und seine Getreuen schon unter Lebensgefahr das Brot gebrochen und den Wein getrunken. Hier haben sie Jesus den politischen Prozess gemacht. Vor ihren Toren ist er gekreuzigt worden. Die Gemeinde in Jerusalem hat die Aura des Ursprünglichen, der sich auch die Christusgläubigen aus anderen Völkern nicht entziehen können. Die Wucht der Tradition hat bekanntlich ihre ganz eigene Überzeugungskraft. Sie braucht als Argument oft nur den Verweis auf die Herkunftsgeschichte. Die Jerusalemer Gemeinde hat auch das Recht auf ihrer Seite. Schließlich stammt es von Mose persönlich. Und der hat die religiöse Jurisdiktion schließlich von Gott selbst erhalten, damals, als Gott den ersten Bund auf dem Berg Sinai mit seinem Volk geschlossen hat. Deshalb scheint es für sie so unumstößlich. Das Recht, dass in allen Brüchen und Neuerungen für Kontinuität sorgt, die Verbriefung des Ewigen in den Wirren der Geschichte. Was im Exil gehalten hat, kann doch auch mit der Begeisterung der Heiden für den einen Gott nicht einfach preisgegeben werden. Was durch die Jahrhunderte gerettet wurde, kann doch nicht wegen der neuen Lage aufgegeben werden. Wer zum neuen Bund gehören will, muss beschnitten werden und die religiösen Gesetze achten. Das gilt auch für die, die im Neuen Testament der Einfachheit halber als "Heiden" zusammengefasst werden. Im Grunde ist der Begriff, der heute eher abfällig klingt, ein Abgrenzungsbegriff. Er meint: alle, die, die nicht aus dem Judentum kommen, all die Menschen aus Kleinasien und dem übrigen römischen Reich, die sich von der Botschaft des Evangeliums bewegen lassen, sich auf ein Leben in der Gemeinschaft mit anderen Christen einzulassen, auch wenn sie aus anderen Völkern, aus anderen Schichten, aus anderen Landstrichen kommen und nicht mal die gleiche Sprache, schon gar nicht die heilige Sprache sprechen.
Beide Parteien sehen sich auf der Seite Gottes. Beide wollen nur das Beste für die Kirche: klare Kriterien für die Zugehörigkeit, eine kraftvolle Verkündigung, die die Menschen wirklich erreicht und Maßnahmen, die den inneren Frieden auf Dauer stellen, ohne dass die, die eigentlich Geschwister sein sollten, einander provozieren oder gar absichtlich verletzen. Schließlich geht es um den ersten Aufbruch einer fragilen, umstrittenen und bekämpften Gemeinschaft in eine unsichere Zukunft. Lukas, der die frühste Kirchengeschichte nachzeichnet, hat durchaus Sympathien für beide Fraktionen. Hier wird keine Seite lächerlich gemacht oder ins Abseits gedrängt, auch wenn die Stimmung enorm angespannt gewesen sein muss. Das, was so vornehm als erstes Apostelkonzil erinnert wird, ist in Wahrheit ein Notgipfel angesichts massiver Verhärtungen eines Konfliktes, der aus dem Ruder zu gehen droht. Kann die Spaltung der Christus-Bewegung in einen jüdischen und einen anderen Teil verhindert werden? In Jerusalem tagt ein Krisengipfel. Und er tagt nicht allein. Natürlich haben sich charismatische Führer aus der jungen Bewegung herauskristallisiert, es wurden Apostel gewählt und Älteste berufen. Doch Lukas betont an mehreren Stellen, als wolle er uns durch die stete Wiederholung einschärfen, dass diese Beobachtung keine Nebensache ist, dass die ganze Gemeinde dabei ist. Hier wird nicht stellvertretend und in Abwesenheit hinter verschlossenen Türen nach einer Lösung gesucht. Hier wird nicht zwischen Laien und Geistlichen, zwischen Ehrenamtlichen und Ordinierten unterschieden. Die Leitung wird stellvertretend und vor der Gemeinde ausgeübt. Und die Gemeinde bleibt involviert. Ich bin sicher, dass sie nicht nur innerlich beteiligt bleibt und artig schweigt. Schließlich streitet man nach Auskunft des Lukas "lange", was immer das heißen mag. Tage oder Wochen? Eine Lagerbildung zeigt sich beim Zuhören durch böse Zwischenrufe und beim Essen durch die Sitzordnung: Die Anhänger von Paulus, Barnabas und Co auf der einen Seite, die Jerusalemer Fraktion auf der anderen Seite, die Reformer gegen die Traditionalisten. Dazwischen die Unentschiedenen, die Nachdenklichen, die Abwägenden, die Neuerungen wollen, aber auch die Konservativen verstehen. Ich höre förmlich, wie die Bedenkenträger argumentieren: "Ihr setzt für Euren Traum von der Mission der ganzen Welt die heiligen Weisungen außer Kraft. Ihr verhökert die Tradition. Ihr passt Euch an den Zeitgeist an und glaubt, so besser wirken zu können. "Gottesfürchtigkeit light" gibt es aber nicht. Nur wenn wir uns nicht anpassen und unsere Ansprüche an die Mitwirkung in der Gemeinde nicht anpassen, bleiben wir dem Evangelium und den Gesetzen des Mose treu. Nur so behalten wir das kritische Profil gegenüber der Welt. Zur Not bleiben wir eben eine kleine Schar. Die anderen verdrehen die Augen. Die Ungeduld ist ihnen anzumerken. Manche sehen müde aus, erschöpft von den Vorkämpfen, brüskiert wegen der langen Weile, in der sich nichts bewegt hat. "Mensch, wie borniert die Jerusalemer sind. Immer ein wenig erwählter als der Rest, immer ein wenig heiliger, immer winken sie mit den Gesetzen des Mose. Das ist reine Besitzstandswahrung. Die ganze Welt wartet auf das Evangelium. Die Herzen der Menschen sind offen. Alle sollen das Evangelium von der freien Gnade Gottes hören. Und dann sollen sie unter das Joch kirchenrechtlicher Gesetze getrieben werden? Paulus hat doch Recht, wenn er auf der Freiheit vom Gesetz insistiert. Nur die Nachfolge Christi ist wichtig. Was hat er da eben gesagt? "Warum versucht ihr Gott dadurch, dass ihr ein Joch auf den Nacken der Geschwister legt?" Ja, da soll ihnen mal was Schlaues zu einfallen, denken die Sympathisanten und klatschen. Die Gemeinde bleibt sicher nicht in der Zuschauerrolle. Das geht nicht ohne heiße Emotionen und böse Worte, Verdächtigungen und gegenseitige Belehrungen. Von ein paar Zynikern werden sogar Wetten abgeschlossen. Wird Paulus sich durchsetzen, weil er sich in die Logik der Traditionalisten hineinversetzen kann und besonders geschickt argumentiert? Oder werden wir die Gegenseite punkten, die die Gesetze des Mose hinter sich weiß? Doch dann werden alle ganz still. Jakobus ergreift das Wort. Er spricht ruhig und sachlich. Die Spannung im Saal verliert das Explosive. Erst mal durchatmen. Die Gelassenheit des Jakobus ist ansteckend. Das Murmeln, Grummeln und Klatschen verstummt. Alle hören zu: "Ich meine, dass man den Heiden, die sich zu Gott bekehrt haben, nicht Unruhe machen soll." Dann kommt ein Vorschlag, der alle Züge eines Kompromisses hat. Der Vorschlag geht als "Jakobusklausel" in die Geschichte ein. Manchmal helfen neue Regeln zu mehr Freiheit. Dieser Kompromiss ist alles andere als faul. Er vertuscht die Konfliktlinien nicht, er behauptet auch nicht, dass nun bis zum Ende aller Tage alle Probleme zwischen den jüdischen und den anderen Christusgläubigen ausgeräumt sei. Aber der Vorschlag ist wie ein feines Band, das die Verbindung zwischen den zerstrittenen Gruppen wieder wachsen lässt. Wenn sie es zulassen. Bestimmt gibt es auch die Hardliner auf beiden Seiten, die nicht von ihrer Position abweichen. Aber der Heilige Geist verbündet sich nicht mit Rechthabern. Er lässt die Liebe vor Recht ergehen. So lautet der Vorschlag des Jakobus: Die Heiden müssen sich nicht beschneiden lassen. "Sie können sich den konservativen Jerusalemer Geschwistern gegenüber aber auch nicht demonstrativ als die besonders Liberalen gebärden. Es gibt ja auch eine Liberalität, die sich im Dagegensein gefällt und aus lauter Lust an der Provokation selbst gnadenlos werden. Deshalb sollen die freien Christenmenschen aus aller Welt Rücksicht nehmen: beim gemeinsamen Essen kein Fleisch von Götzenopfern, keine Speisen, in denen Blut verwendet wird. Das ist keine Lappalie um Kochgewohnheiten und Geschmäcker, sondern ein Zeichen des Respekts vor den religiösen Gefühlen der anderen, auch wenn man sie nicht nachvollziehen kann. Nur so aber wird Gemeinschaft möglich. Manchmal sind es ja die vermeintlichen Kleinigkeiten, die die Zerwürfnisse zementieren und die kleinen Gesten, die Versöhnung stiften, die wichtiger ist als das geteilte Verstehen. Jakobus beruft sich auf eine Tradition, die schon in der Synagoge üblich war. Viele Menschen aus dem römischen Reich waren nämlich schon angezogen von dem strengen Monotheismus und der Lebensform der jüdischen Gemeinde. Sie konvertierten nicht, aber sie hielten sich an einige Regeln. Jakobus signalisiert den Jerusalemern, dass es ganz und gar unbotmäßig ist, sich über religiöse Traditionen und heiliges Recht einfach hinwegzusetzen. Gleichzeitig macht er ihnen deutlich, dass kein religiöses Recht über dem Evangelium stehen kann. Es darf nicht als Bollwerk gegen Veränderungen missbraucht werden, als Abschottung der Auserwählten gegen den bösen Rest oder als Alibi für die eigene Einflussangst. Jakobus betont das Verbindende, das über den Konflikt aus den Augen geraten ist: "Gott, der die Herzen kennt, hat es bezeugt und ihnen den Heiligen Geist gegeben wie auch uns. Er hat keinen Unterschied gemacht zwischen uns und ihnen, nachdem er ihre Herzen gereinigt hatte durch den Glauben. Wir glauben, dass wir durch die Gnade des Herrn Jesus seligwerden, ebenso wie auch sie."
Raus aus der Angst
Wenn wir uns heute diesen Text vergegenwärtigen, dann sind wir die Profiteure dieses ersten Krisengipfels. Wir sind die, die entweder immer noch Heiden wären, oder vom Traditionsstrom der Jerusalemer Gemeinde im Judentum abgeschnitten wären. Mit diesem "Konzil" beginnt die Erfolgsgeschichte des Christentums. Von hier aus werden Abendland und Morgenland christlich. Wir sind die, die von dem Aufbruch damals profitiert haben. Diese Erfolgsgeschichte ist von vielen Schatten, Konflikten und Verwerfungen überschattet. Oft ist es der Kirche nicht gelungen, mit abweichenden Positionen so umzugehen wie damals in Jerusalem. Die Zahl der Konzilien, die im Laufe der Kirchengeschichte noch kommen werden, ist groß. Konzilien sind immer auch Antworten auf Krisen und Veränderungsdruck. Nicht alle Konzilien dienten der Versöhnung. An ihrem Ende standen Spaltungen, unaufhebbare Verwerfungen, kaltes Schweigen und grausames Blutvergießen. Oft wissen wir über die Parteien, die verloren haben, kaum noch etwas. Das einseitige Gedächtnis des Christentums hat sie zum Verstummen gebracht. Denn theologische Fragen und Machtfragen sind oft eine tückische Verbindung eingegangen. Und die Gemeinde, also die, die ihren Glauben in der Welt bezeugten, waren lange ausgeschlossen. Die Apostel und Ältesten haben die Sache unter sich ausgemacht oder, wenn es genehm war, die weltlichen Herrscher an den Tisch eingeladen.
Unter diesen Verwerfungen leiden wir heute noch. Als evangelische Christin leide ich unter der Spaltung der christlichen Kirche. Ich möchte mit meiner besten Freundin zum Abendmahl gehen. Aber sie ist Katholikin. Ich wünsche mir unter den katholischen Geistlichen nicht nur Brüder, sondern auch Schwestern, mit denen ich mich beraten kann über die Zukunft unserer Kirchen. Vielleicht könnte im Diakonat für Frauen ja so etwas wie das Potential zu einer Jakobusklausel liegen.
Manche Konfliktlinien halten sich übrigens noch, nachdem die theologischen Gründe längst vergessen sind. Was antwortet eine junge Studentin auf meine Frage, worin denn der wesentliche Unterschied zwischen der evangelischen und katholischen Kirche besteht? "Ist doch klar", sagt sie und man hört den hessischen Dialekt, "die Katholiken glauben an Jesus Christus." So wie der Duft eines Parfüms noch von einer Person erzählt, die lange vorübergegangen ist, so erzählt diese Antwort vom Maß der Verwerfungen zwischen unseren Kirchen.
Manche Konzilien dagegen haben die Güte dieses ersten Krisengipfels der Christenheit. Das II. Vatikanische Konzil ist auch für mich als Protestantin so ein Dokument des Aufbruchs ins Offene mit vielen Jakobusklauseln. An vielen Stellen sind seine Beschlüsse noch unabgegolten. Ein Text, der im fünfzigsten Jahr seiner Entstehung immer noch auf die Zukunft verweist. Doch wenn wir heute den Text aus der Apostelgeschichte studieren, kommt es mir eher so vor, als müssten wir uns zu den Jerusalemern schlagen. Denn das große Projekt, das mit der Heidenmission beginnt und zum sogenannten christlichen Abendland führt, scheint an sein Ende zu kommen. Wir sind ängstlich und niedergedrückt. Wir sehen uns als Minderheit in einer zunehmend heidnisch geprägten Welt, die im Unterschied zu damals keinerlei Interesse an der Botschaft des Evangeliums zu haben scheint. Wir sind beleidigt und verstört und patzig, weil die Welt von uns nichts wissen will. Wir ziehen uns hinter unsere Kirchenmauern zurück und machen Konferenzen zur Milieuverengung der Kirchen. Wir wollen den Aufbruch wagen und rufen Strukturveränderungskommissionen ein. Wir reagieren verschämt und verhuscht und reden oft genug in Vokabeln, die so klingen, als wollten wir gar nicht, dass andere uns verstehen. Ach, unsere wohlfeilen Verlautbarungen und Kirchenregierungserklärungen. Aber wenn es ernst wird, wenn wir die Chance haben, den Unterschied zu machen, werden wir bürokratisch und verschanzen uns hinter der Kompliziertheit der Lage. Wir wollen uns nicht verunsichern lassen. Wir wollen die große Schuld nicht eingestehen, die die Kirche auf sich geladen hat. Wir wollen uns nicht befragen lassen. Wir predigen Wahrhaftigkeit und pflegen dann vor allem unser Image. Wir reden gerne und viel übereinander, wie suchen nach Unterstützern für unsere Partei und machen aus den Debatten um die Zukunft der Kirche schlechte Wahlkämpfe. Den Aufbruch wagen! Das schreiben wir als Banner über Synoden, Konferenzen, Kirchen- und Katholikentage. Wir stemmen uns gegen den demographischen Wandel, gegen die zunehmende Befragung all der staatskirchlich verbrieften Selbstverständlichkeiten und gegen die innerkirchliche Behäbigkeit. Wir versichern uns wechselseitig des Leidens an unseren Kirchen, wir sind verletzt, genervt und mit einer Spur von Selbstmitleid. Wir sehen Freunde, die der Kirche die kalte Schulter zeigen, weil sie nicht mehr glauben, dass sie hier eine religiöse Heimat finden. Uns schwirrt der Kopf von dem Stimmengewirr der Berater: den Unternehmensberatern und den Religionssoziologen, den Talkshow-Experten und den Bestseller-Autoren, die ihre Sicht auf die Kirche wortreich feiern und damit vor allem sich selbst huldigen. Den Aufbruch wagen. Das ist ein toller Slogan, der auf den zweiten Blick durchaus Fallstricke bereithält. Mir fehlt das Subjekt in diesem Slogan. Der Bericht von dem ersten Apostelkonzil in Jerusalem verzichtet auf das anonyme "man". Da ist auffällig oft von Menschen mit Eigennamen die Rede. Paulus, Silas, Barnabas, Jakobus. Wer soll denn aufbrechen? Oder was soll aufgebrochen werden? Mir fehlt auch der Richtungssinn des Aufbruchs. Wer losgehen will, ohne herumzuirren, braucht ein Ziel, einen Punkt am Horizont, den das Auge als Fixpunkt greift. Dann ist der Weg durch unwegsames Gelände möglich. Wo ist der Fixpunkt? Warum wollen wir eigentlich nicht, dass die Kirchen schwächer werden? Um eine altehrwürdige Institution zu retten oder gar das christliche Abendland? Weil wir uns in unserem Selbstverständnis und unserer Identität angegriffen sehen? Oder weil wir wollen, dass die Botschaft von Gottes Reich Menschen vom Fatalismus befreit, der sich wie Mehltau auf unsere westlichen Gesellschaften legt, in denen nur das einen Wert hat, was auch einen ordentlichen Preis erzielt? Hand aufs Herz: Wie würden wir denn reagieren, wenn all die Heidinnen und Heiden am nächsten Sonntag vor der Kirchentür stünden, ohne Schuhe oder im blauen Maßanzug, im knappen Mini oder mit Kopftuch, voller Fragen und Sehnsüchte; Menschen, die sich nicht für Kirchenrecht und nicht für Synodenbeschlüsse, nicht für Hierarchien und gewachsene Traditionen interessieren (), sondern nur dafür, für dieses großartige Versprechen, dass Gott den Menschen nahe kommt? Oder verschlägt es uns die Sprache?
Seien wir ehrlich, wollten wir in den Kirchen in Deutschland plötzlich ungebremst loslaufen, wir liefen sicher nicht in die gleiche Richtung, sondern in alle vier Himmelsrichtungen. Vielleicht ist es für den stürmischen Aufbruch einfach noch zu früh. Wir können von dem ersten Krisengipfel der Kirche lernen, dass Streit auch in der Kirche nötig ist. Streit um die Zukunft unseres Glaubens, aber auch um die Strukturen der Kirche. Auch das lehrt das erste Gipfeltreffen der zerstrittenen frühen Kirchenmänner. Sogar die Verletzungen, die Missverständnisse, die Unterstellungen und Gemeinheiten, die mit erhitztem Richtungsstreit einhergehen, können nicht vermieden werden. Wo gestritten wird, da sind wir auf Vergebung angewiesen. Lukas, der Chronist dieser schmerzhaften Zeit in der konstitutiven Phase des Christentums macht uns Mut zur Wahrhaftigkeit. Das heißt aber auch, dass die Konfliktparteien sich nicht aus dem Wege gehen. Das fällt mir auch auf diesem Katholikentag auf. Reformer und Traditionalisten, die die Eucharistie endlich auch aus den Händen von Priesterinnen empfangen wollen und die, die die lateinische Messe hochhalten wie das Gesetz des Mose, reden nicht mehr miteinander. Sie reden, wenn es hochkommt Rücken an Rücken, meistens nur noch in getrennten Räumen, gedeckt und gestützt von der eigenen Partei. Und die Gemeinden müssen draußen bleiben. Das ist so, als hätte es das erste Apostelkonzil niemals gegeben. Der Aufbruch wird der Kirche nur gelingen, wenn die, die um die Richtung des Aufbruchs streiten, das MITEINANDER tun, wenn sie sich wirklich in die Augen sehen und zuhören, statt sich gegenseitig die Ernsthaftigkeit des Ringens um die Zukunft der Kirche abzusprechen. Und die Gemeinde der Christinnen und Christen muss involviert bleiben. Wie in der Apostelgeschichte.
Aufbruch ist schwer. Aufbruch tut weh. Denn wer aufbricht, muss immer etwas zurücklassen. Wer sich mit voller Kraft ins Abenteuer stürzen will, kann nicht im behaglichen Zimmer sitzen bleiben. So kommen mir die Christinnen und Christen aber manchmal vor. Mit all den Engagierten und Frustrierten, die vom Sessel aus die Kirche bewegen wie die Fußballfans am Samstag die Ballverläufe ihrer Lieblingsmannschaft, lauter Kirchenreformexpertinnen und Experten, die die besseren Kommentatoren und die besseren Stürmerinnen sind - vom Sofa aus. So bleibt es trotz der engagierten Kommentare und der roten Köpfe immer schön bequem. In der Apostelgeschichte kommt der wahre Impuls für den Aufbruch aber nicht aus den Konzepten und Projekten, den Programmen und Vereinbarungen, den Plattformen, Foren und Diskussionen. Es ist der Heilige Geist, der die heillos zerstrittene junge Kirche in Bewegung versetzt. Es ist der Heilige Geist, der die Verhärtungen aufweicht, der den Trotz von der klaren Analyse scheidet und die Eitelkeit von der Sorge um den richtigen Weg, Niemand bleibt von dieser Energie verschont. Der Heilige Geist ist ein schöpferischer Geist. Das singt sich schön. Aber harmlos ist das nicht. Wo der Heilige Geist weht, gerät alles in Bewegung. Selbstbetrug und Feigheit müssen weichen. Keine Tradition und keine Vision, keine Struktur und keine Neuerung bleiben dabei verschont. Machtverhältnisse geraten ins Wanken. Wer sich in dieses Kraftfeld begibt, muss Schuld nicht länger verschweigen in einer Gesellschaft, die so verdruckst mit Schuld umgeht wie die unsere. Wer sich dieser Energie Gottes aussetzt, kann sogar auf die zugehen, die das Leiden an der Kirche hart und zornig gemacht hat. Wer sich diesen Impulsen aussetzt, dem vergehen die Einflussangst und der Kleinmut genauso wie die Neigung, diejenigen zu überhören, die lästige Fragen stellen. Lassen wir dem Heiligen Geist doch endlich genug Raum. Das ist riskant, denn wo der Heilige Geist durch die Winkel und verborgenen Ecken fährt, steht für alle was auf dem Spiel. Nichts und niemand bliebt unberührt. Doch nur von hier kommt der Impuls für den neuen Aufbruch, der uns allen Beine macht. Vielleicht aber brauchen wir vorher noch eine Zeit beherzter, schöpferischer Ratlosigkeit. Denn das ist ja der wahre Mut der Christinnen und Christen, dass sie sich eingestehen können, dass sie mit ihrem Latein am Ende sind. Nein, wir wissen nicht, wie es weiter geht mit der Kirche Jesu Christi. Das wäre vielleicht das erste Zugeständnis an den Heiligen Geist, das uns gelassen und vertrauensvoll werden lässt.