Reformation und Bildung - eine Erinnerung an Philipp Melanchthon

Nikolaus Schneider

26. Juni 2010

Festvortrag zum Jahrestag der Einführung der Reformation in Magdeburg

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist mir eine große Freude zum 486. Jahrestag der  Einführung der Reformation in Magdeburg zu Ihnen sprechen zu dürfen. Nichts liegt heute näher als den Blick auf den Zusammenhang von Reformation und Bildung zu richten und dabei im Jahr seines 450. Todestages an Philipp Melanchthon zu erinnern. Denn in der Tat, Reformation und Bildung gehören auf das engste zusammen: Menschen zu bilden, war elementares Anliegen der Reformation. Und erst als Bildungsbewegung gewann die Reformation ihre geistliche Kraft und kulturelle Wirkung. Und im Zentrum dieses überaus folgenreichen Verhältnisses von Reformation und  Bildung steht der „andere Reformator“: Philipp Melanchthon, der - wie sein Ehrentitel lautet - „praeceptor germaniae“, der Lehrer der Deutschen.   

Was tun, wenn die Welt Kopf steht? Wenn die sozialen Systeme nicht mehr greifen? Wenn die Banken den Vorrang vor der Politik beanspruchen? Wenn die Schere zwischen Armen und Reichen weiter auseinander geht? Wenn Gerechtigkeit kaum erschwinglich erscheint und das Recht selbst sich ständig ändert? Wenn ein großer Teil der Bevölkerung einfach abgeschrieben ist? Wenn völlig neue Berufe entstehen, auf die niemand vorbereitet ist? Wenn die Medien jede Nachricht in Windeseile in aller Welt verbreiten und diejenigen, die nicht virtuos mit ihnen umgehen können, hoffnungslos ins Hintertreffen geraten? Was tun?

Das ist nicht nur die Beschreibung unserer rastlosen Gegenwart, sondern die Situation des Zeitalters der Reformation. Ablösung des Tauschhandels durch Geldgeschäfte. Machtzuwachs der Bankhäuser, Erneuerung der Rechtssysteme, Entwicklung des bürgerlichen Standes, Erfindung und Weiterentwicklung des Buchdrucks. Eine Zeit also weitreichender Umbrüche. Umbrüche, die Angst machen. Die danach fragen lassen, wer und was denn verlässlich ist, in einer Zeit, in der alles wankt.

Auf die tiefgreifende Verunsicherung antwortet die Reformation mit der Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade. Der Artikel, mit dem alles steht und fällt. Aber wenn das Wort von der voraussetzungslosen Liebe Gottes Herz und Verstand erreichen soll, bedarf es der Bildung. Genauer gesagt: Religion braucht Bildung und Bildung braucht Religion.

Hier kommt  Phillip Melanchthon ins Spiel, dessen 450.Todestages wir in diesem Jahr gedenken. Er wurde in Bretten in der Kurpfalz am 16. Februar 1497 als Sohn des Waffenschmieds Georg Schwartzerd geboren. Schon früh fielen die außerordentlichen Begabungen des jungen Phillip auf, seiner besonderen Auffassungsgabe erschlossen sich das Lateinische, Altgriechische und das Hebräische so schnell und gründlich, dass sein Lehrer Johannes Reuchlin seinen Namen Schwartzerd 1509 zum Humanistennamen Melanchthon gräzisierte. Die Sprachen waren seine Leidenschaft. Über das Geschenk eines Grammatiklehrbuchs hat er sich als Elfjähriger so sehr gefreut, dass er sich mit einer Sammlung lateinischer Gedichte aus eigener Feder bedankte.

Mit zwölf Jahren begann Melanchthon seine Sprachenstudien in Heidelberg, wechselte nach dem Baccalaureat nach Tübingen und verfasste noch vor dem Magisterabschluss eine griechische Grammatik und  Einleitungen zu mehreren Schulbüchern.

Damit war der Grund gelegt für seine Rolle in der Reformation. Melanchthon, der sich  Martin Luther ein Jahr nach dessen Thesenanschlag in Wittenberg anschloss, wurde dort als junger Professor auf den Lehrstuhl für Griechisch und Hebräisch berufen. Die faszinierenden Vorlesungen des körperlich unauffälligen, 1,50 m kleinen Gelehrten mit dem leichten Sprachfehler überzeugten auch Luther unmittelbar. 1520 wurden in Luthers Vorlesungen 400, in Melanchthons Vorlesungen  500-600 Zuhörer gezählt. Unter Luthers Einfluss lehrte Melanchthon dann auch biblische Exegese und Dogmatik.

Erste bildungspolitische Akzente setze Melanchthon, weil zahlreiche Studenten für die Universität unangemessen vorbereitet waren. Er richtete in seinem Haus eine schola domestica, eine Art Privatschule ein. Bisweilen waren an seinem gastfreien Tisch 11 Sprachen zu hören, wie er einem Freunde brieflich mitteilt. Man muss sich die Dimensionen deutlich machen: Auf die 4000 Einwohner Wittenbergs kamen 2000 Studenten. Nach damaligem Maßstab wurden sie ausgebildet als Absolventen einer Reformuniversität. Und so verwundert es nicht, dass Melanchthon seine Antrittsvorlesung zu Fragen der Universitätsreform hielt.

Melanchthon hätte sich gern noch umfassender universitätspolitisch engagiert, doch er wurde immer stärker in die politischen, theologischen und kirchlichen Auseinandersetzungen seiner  Zeit  verwickelt. Aus dem folgenden Briefauszug an Melanchthon - entstanden während Luthers Wartburgaufenthalt am 12.Mai 1521 - wird deutlich, wie eng und  vertrauensvoll sich das Bündnis mit Luther gestaltet hatte:

Was machst Du inzwischen, mein lieber Phillip? Betest Du etwa für mich, dass jene Einsamkeit, die ich ungern zugegeben habe, etwas Größeres zur Ehre Gottes bewirken möchte?

Ich sitze hier und stelle mir den ganzen Tag die Gestalt der Kirche vor Augen… Deshalb bleibe Du inzwischen als Diener des Wortes standhaft, befestige die Mauern und Türme Jerusalems, bis auch sie (d.h. die Gegner der Reformation) auf dich eindringen. Du kennst deine Berufung und deine Gaben.
 
Wegen seiner außerordentlichen Sprachkenntnisse wurde Melanchthon wichtigster Mitarbeiter und  Berater Luthers bei dessen Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache. Dann, im Jahre 1521, formulierte er mit den „Loci Communes“ und 1530 mit der „Confessio Augustana“, dem Augsburger Bekenntnis, die Grundlagen evangelischen Glaubens.

Der im Kontrast zu Luther weniger kämpferische, eher introvertierte Melanchthon wollte mit diesen Grundlagen immer noch die Gemeinsamkeiten einer einheitlichen, auf die Aussagen der Bibel begründeten christlichen Kirche formulieren. Deshalb spielt auch heute noch sein Werk im ökumenischen Dialog eine wichtige Rolle.

Es war jedoch eine Situation der Weichenstellungen und Trennungen, gerade auch im Zusammenspiel mit dem anderen großen Humanisten der Zeit, mit Erasmus von Rotterdam: soll der Humanismus der alten Kirche treu bleiben oder sich für die Reformation entscheiden? Melanchthon schlägt sich deutlich und gerade auch als Humanist auf die Seite der Reformation. Das Zentrum bildet dabei die Rechtfertigungslehre. Sie ist nicht auf vorgeleistete Werke des Menschen sondern allein auf das Vertrauen des Glaubenden gegründet. In der Sprache unserer Zeit gesagt: Gott ist Dir ganz gut. Du wirst Dir, Gott und anderen gerecht, indem Du an Jesus Christus glaubst und auf ihn vertraust. Wir müssen Gott nicht erst durch Leistungen beeindrucken, um von ihm geliebt zu werden.

Das hat Folgen für die Kirche. Im siebten Artikel des Augsburger Bekenntnisses formuliert Melanchthon ein Kirchenverständnis, das bis heute auch für das ökumenische Gespräch fruchtbar ist: Die Kirche sei „die Versammlung aller Glaubenden, in der das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente sachgerecht gereicht“ werden. Dabei könne nach Melanchthon die Organisation der Kirche durchaus in unterschiedlichen Formen gestaltet werden. Heute würde man sagen: Einheit in der Vielfalt.

Melanchthon wird – ich sagte es bereits - Praeceptor Germaniae genannt, Lehrer Deutschlands. Zu Recht! Zum Gedenken an Melanchthon gehört gerade auch die Erinnerung an seine Beiträge zu einer christlichen Erziehung. Die Erziehungsnot in der Umbruchszeit der Reformation hatte Luther 1524 mit seinem Aufruf „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ folgendermaßen beschrieben:
 
Darum will´s hier dem Rat und der Obrigkeit gebühren, die allergrößte Sorge und Fleiß aufs junge Volk zu haben... Weil denn eine Stadt soll und muss Leute haben, und allenthalben deren größtes Gebrechen, Mangel und Klage ist, dass es an Leuten fehle, so muss man nicht harren, bis sie selber wachsen… Darum müssen wir dazu tun und Mühe und Kosten daran wenden, sie selbst erziehen und machen.

Denn wessen ist die Schuld, dass es jetzt in allen Städten so dünn sieht von geschickten Leuten, wenn nicht der Obrigkeit, die das junge Volk hat lassen aufwachsen, wie das Holz im Wald wächst, und nicht zugesehen, wie man ´s lehre und ziehe?

Für Melanchthon gehört die pädagogische Aufgabe in den Mittelpunkt aller Bemühungen.
Dabei erfolgt nach Melanchthon die entscheidende Einwirkung auf die Aufwachsenden durch Unterricht. Er erwartete, dass sich das Verstehen werthaltiger Inhalte auf die Ausbildung von Werthaltungen auswirkt.

Für ihn ist hierbei die Sprache das wichtigste Instrument des Geistes. Wer also die geistigen Kräfte der Aufwachsenden stärken will, muss auf ihre Sprache achten. Ein nachlässiger oder fehlerhafter Sprachgebrauch weist für Melanchthon auch auf fehlerhaftes Denken hin. Irrtümer oder fanatisches Denken treten häufig mit einer verworrenen Sprache und mit schlechtem Sprachstil gemeinsam auf.

Interessant, dass auch in unserer heutigen Situation die frühe Sprachförderung in der Elementarpädagogik ein wesentliches Konzept darstellt, Bildungsgerechtigkeit für alle Gruppen der Bevölkerung zu ermöglichen, besonders bei der anspruchsvollen Aufgabe der Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen erzieherischen, sprachlichen und kulturellen Voraussetzungen.

So ist auch schon für Melanchthon Erziehung das Mittel, um die Harmonie im Inneren des Menschen und in der Gesellschaft zu fördern.  Daher muss Werteerziehung religiöse Bildung voraussetzen. Denn die wesentlichen ethischen Impulse setzt das Evangelium selbst.

Für die Schulorganisation setzt Melanchthon auf eine breite Allgemeinbildung. Sie ist Voraussetzung für das Gelingen von Fachstudien. Dabei stellte Melanchthon fest, dass jemand auf einem bestimmten Gebiet nur etwas leisten kann, wenn ihn die Sache selbst interessiert und er sich damit nicht nur aus Gründen des Erwerbs oder aus Ehrgeiz beschäftigt.

Zum Lob des schulischen Lebens sagt er:
 
Keine Aufgabe ist Gott so wohlgefällig wie die Erforschung und Verbreitung von Wahrheit und Gerechtigkeit. Denn diese sind die besonderen Gaben Gottes, die seine Gegenwart am deutlichsten erkennen lassen. Auf ihre Bewahrung kommt es ihm hauptsächlich an, sind sie doch im besonderen dazu geschaffen, einander Gott und alles, was sonst gut ist, bekanntzumachen. Zu diesem Zweck hat Gott dem Menschen die sprachliche Verständigung gegeben. Deshalb kann kein Zweifel bestehen, dass der Lebensform des leeren und Lernens das größte Wohlgefallen Gottes gilt und dass den Schulen im Blick darauf der Vorrang vor Kirchen und Fürstenhöfen gebührt, weil man in ihnen mit größerem Einsatz nach der Wahrheit strebt.

Das Lob der Schule ist eine unbequeme Angelegenheit. Denn es stellt hohe Anforderungen an die Akteure im Bildungssystem. Der Slogan "Bildung für alle" ist bei Melanchthon vorgezeichnet. Gegenüber einer Gesellschaft, in der die familiäre Herkunft eines Kindes über den Bildungserfolg entscheidet, würde er alle rhetorischen Bataillone aufzubieten, um sie auf den Weg der Bildungsgerechtigkeit zu bringen.

Bildung braucht Religion, weil nur auf diesem festen Grund Orientierungswissen wachsen kann. Ohne die Vergewisserung der eigenen Wurzeln, ohne das Studium der Heiligen Schrift, ist es nach Melanchthon nicht möglich, ethische Kriterien zu entwickeln und das Zusammenleben zu gestalten. Denn Bildung zielt auf den ganzen Menschen, nicht nur auf den Kopf. Mehr noch: auf die ganze Menschheit! Denn mit seinem Bildungsbegriff hat Melanchthon nicht eine Wettbewerbsgesellschaft vor Augen, sondern einen Weg in Gemeinschaft. Im Zentrum der Bildung steht der Mensch in seiner Beziehung zu Gott, zu sich selbst, zum Nächsten, zur Welt. Es geht immer um die Menschwerdung des Menschen, um die Entwicklung eines Vertrauens ins Dasein in einer Landschaft der Entsolidarisierung und der Angst. Wir bleiben darauf angewiesen, dass Gott das Stückwerk gebliebene eigene Leben in Christus gnädig annimmt und erneuert.

Wenn man die Bildungsdebatte von dieser Leitlinie her beleuchtet, fallen folgende Probleme auf:

Aber Menschen fragen nach dem Sinn eines Lebens, das vom Chaos bedroht wird, also nach typisch religiösen Kategorien. Die Grundfragen nach dem Woher und Wohin, nach dem Zusammenhalt der Menschen in Solidarität und sozialer Gerechtigkeit, dem Leben zwischen den Generationen, dem Erhalt von Frieden und dem Umgang mit der Schöpfung sind in der spannungsvollen Auseinandersetzung mit der Verheißung des Glaubens zu beantworten. Kurz gesagt: Es ist unsere Aufgabe als Kirche, in der heutigen Bildungslandschaft darauf hinzuweisen, dass Wissen ein menschliches Maß braucht, wie es die EKD-Denkschrift „Maße des Menschlichen“ (2003) sagt. Sie betont deshalb den „Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertbewusstsein und Handeln im Horizont sinnstiftender Lebensdeutungen“.

Deshalb ist die Kirche auch selbst Bildungsträgerin. Sie will zentrale Orte der Selbstvergewisserung junger Menschen und der Besinnung auf die Grundlagen des Glaubens schaffen.

Die Kirche übernimmt inhaltliche Verantwortung für den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen nach den Maßgaben des Grundgesetzes (und setzt sich in diesem Zusammenhang übrigens auch für einen islamischen Religionsunterricht ein). Denn Kinder lernen biblische Geschichten kennen, bekommen Einblick in Glaubensinhalte und entwickeln die Kompetenzen, die zur eigenen Standortfindung nötig sind. Darüber hinaus führen sie den Dialog mit anderen Religionen. Die EKD-Denkschrift hat dies mit dem Begriffspaar „Identität und Verständigung“ beschrieben. Religionslehrer oder -lehrerinnen, die in ihrer konfessionellen Prägung erkennbar sind und Lehrpläne in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft tragen zur Identitätsfindung und zur Verständigungsfähigkeit bei. Die 10 Thesen des Rates der EKD zum Religionsunterricht (2006) sprechen in diesem Zusammenhang von einem Bildungsverständnis, das sich am Leitbild einer „gottoffenen Humanität“ orientiert.

Die Kirche trägt Kindertagesstätten und betont die Eigendynamik der Elementarpädagogik gegenüber einer vorschnellen Verschulung.

Im Zusammenhang mit der inhaltlichen Profilierung der kirchlichen Jugendarbeit und der Konfirmandenarbeit ist in den letzten Jahren zu Recht die große Bedeutung non-formaler Bildung für die Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher hervorgehoben worden. Wenn die Schule mit ihren Leistungs- und Zeitanforderungen alle anderen Erfahrungsbereiche minimiert, bleibt zu wenig Muße für ein Engagement in der Jugendarbeit, aber auch für Musik, Sport und Kunst. Studien zur Reichweite der kirchlichen Jugendarbeit zeigen, dass gerade informelle Lernorte sehr effektiv sind, wenn es darum geht, Verantwortungsbereitschaft, Engagement für andere, Vertrauen ins Dasein, Kommunikations- und Teamfähigkeit zu erlernen und zu erproben. Deshalb benötigen diese kirchlichen Angebote verbindliche Freiräume.

Bildung braucht Religion, haben wir gesagt. Aber Religion braucht auch Bildung. Mit dem Studium der alten Sprachen und den Bezügen zum Humanismus schafft Melanchthon Voraussetzungen für einen historisch-kritischen Zugang zu biblischen Texten. Dadurch ist er ein früher Wegbereiter der Aufklärung. Erst durch handwerklich solide Arbeit an den Texten wird verhindert, dass der Glaube zu einem weltlosen Heil in einer heillosen Welt wird. Das heutige Theologiestudium mit seinen wissenschaftlichen Methoden und seiner Diskursfähigkeit mit anderen Disziplinen und Religionen baut auf diesen in der Reformation  entwickelten Grundeinsichten auf.
 
Wir freuen uns in der Evangelischen Kirche, in diesem Jahr Melanchthons zu gedenken als einer der großen Gründungsgestalten der Reformation, der seine Talente nutzte, um Glauben, Wissenschaft und Erziehung in seiner Zeit so zu fördern, dass auch wir uns in unserer modernen Lebenssituation an seiner Lebensleistung orientieren können. Denn seit Philipp Melanchthon gehören Glaube und Bildung untrennbar zusammen. Diesem reformatorischen Erbe bleibt die Evangelische Kirche verpflichtet. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.