Bonhoeffer und Breslau

Die Geburtsstadt im heutigen Polen bewahrt das Andenken an den berühmten evangelischen Theologen

25. Januar 2006

Von Jens Mattern (epd)

Warschau (epd). Das Geburtshaus von Dietrich Bonhoeffer in Breslau ist zugleich ein Symbol für die Stadt, die 1945 stark zerstört wurde: die mächtige Villa erlitt Schäden durch sowjetische Bomber, ihre Fassade wurde teilweise restauriert, der linke Teil des Hauses ist ein schlichter Nachkriegsbau. Hier wurde Dietrich Bonhoeffer am 4. Februar 1906 geboren, hier verbrachte er seine ersten sechs Lebensjahre - "behütet", wie sein Vater Karl Bonhoeffer schrieb, der 1912 mit seiner Familie nach Berlin zog, um einen Lehrstuhl für Psychiatrie zu übernehmen.

Eine zweisprachige Tafel am Geburtshaus im heute polnischen Wroclaw ehrt Bonhoeffer als "ein Mitglied des deutschen Widerstandes im Kampf gegen Hitler". Die Tafel hat Janusz Witt 1996 angeregt. Der pensionierte 71-jährige Lehrer gründete im gleichen Jahr die polnische Sektion der ökumenisch getragenen "Internationalen Bonhoeffer Gesellschaft". Der polnische Lutheraner Witt ist Generalsekretär in der Pfarrgemeinde der evangelisch-augsburgischen Kirche, die in Breslau 700 Mitglieder hat.

Auch die Aufstellung des Bonhoeffer-Denkmals von Karl Biedermann wurde von Witt initiiert. Der kreuzähnliche Torso aus Metall steht seit 1999 vor dem wuchtigen Backsteinbau der Elisabethkirche in der Altstadt. Es ist eine Zweitfassung des Denkmals, das auch an der Zionskirche in Berlin steht. Dort wirkte Bonhoeffer Anfang der 30er Jahre. Das Erinnern an Bonhoeffer werde von der Stadt Breslau mitgetragen, auch der Priester der heute katholischen Garnisonskirche freue sich über das Denkmal des deutschen Theologen, versichert Witt.

In der Nachkriegszeit wäre dies nicht möglich gewesen. Die Situation in Breslau wie in ganz Polen war für evangelische Polen nicht einfach. Sie standen unter dem Generalverdacht, mit den deutschen Besatzern kooperiert zu haben. Alles Deutsche, dazu zählte auch der lutherische Glaube, war verhasst. Die wenigen deutschen Protestanten, die nicht vertrieben wurden, durften erst 1959 einen Gottesdienst auf Deutsch feiern. In der restaurierten St. Christopheri Kirche lädt die heute 240 Mitglieder umfassende Pfarrgemeinde sonntags zum Gottesdienst in deutscher Sprache ein.

Bonhoeffer und auch der deutsche Widerstand wurden ab 1970 durch das Buch "Ein Christ im Dritten Reich" der Journalistin Anna Murawska in katholischen Kreisen der damaligen Volksrepublik bekannt. In Stettin (Szczecin) haben die polnischen Lutheraner 1995 ihr Gemeindehaus nach Bonhoeffer benannt, seit 2003 gibt es zudem ein internationales Begegnungszentrum.

Bonhoeffer hielt in Stettin-Finkenwalde bis 1939 seine berühmten Predigerseminare ab. Sein Einfluss in Polen ist unter anderem Thema der "Internationalen Bonhoeffer Konferenz" vom 3. - 8. Februar, an der auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, und der Primas der Anglikanischen Kirche, Rowan Williams, teilnehmen. Getragen wird das Treffen primär durch die "Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit".

In einer Ausstellung sollen die Taufurkunde und die Heiratsurkunde von Bonhoeffers Eltern gezeigt werden, die erst jüngst gefunden wurde. In den Archiven der Stadt sucht die polnische Bonhoeffer-Gesellschaft weiter nach seinen Spuren, allerdings sind 1945 viele Dokumente verbrannt.

Den Krieg hat Janusz Witt noch deutlich in Erinnerung, er erlebte am 1. September 1939 die Bombardierung der polnischen Stadt Wielun durch deutsche Flugzeuge. Doch Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg durch die Nazis hingerichtet wurde, stehe für das andere Deutschland, betont Witt - "das muss man unterstützen".



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