Bonhoeffers Vision einer dienenden Kirche

Erbe des vor 100 Jahren geborenen Märtyrers war in den evangelischen DDR-Kirchen lebendig

25. Januar 2006

Von Hans-Jürgen Röder (epd)

Berlin (epd). Für die ehemals acht evangelischen Landeskirchen in der DDR hat Dietrich Bonhoeffer seine eigene Bedeutung. Wie kein anderer hat er ihnen zu einem Kirchenverständnis verholfen, das an Aktualität bis heute nichts eingebüßt hat. Dabei ging es Bonhoeffer, der am 4. Februar vor 100 Jahren geboren wurde, gar nicht vorrangig um ein geschlossenes Konzept kirchlichen Handelns, sondern darum, wie christlicher Glaube glaubwürdig gelebt werden kann.

Die Radikalität, die Bonhoeffer dabei im Denken und Handeln zeigte, war kaum zu überbieten, erinnert sich der Berliner Altbischof Albrecht Schönherr. Er gehört zu den wenigen noch lebenden Weggefährten Bonhoeffers, der am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg als Mann des deutschen Widerstands von der SS ermordet wurde. Nicht minder radikal war aber auch der Bruch, den die ostdeutschen Kirchen nach Kriegsende und im Überlebenskampf mit dem militanten Atheismus der SED in den 50er Jahren erlebten.

Mit dem Bau der Mauer 1961 kam die Ernüchterung hinzu, dass die verhasste "Ostzone" wohl doch mehr als ein paar Jahre Bestand haben werde. Verbunden damit war die wachsende Einsicht, dass das volkskirchliche Modell, das im Westen längst wieder Tritt gefasst hatte, für die Kirchen in der DDR keine Zukunftsperspektive bot.

Nach dem Mauerbau wurde nach Alternativen zur Volkskirche gesucht. Dabei wurde immer häufiger an Bonhoeffer angeknüpft, denn auch er hatte dem Gewohnheitschristentum eine Absage erteilt, hatte auf die Chance der kleinen Zahl aufmerksam gemacht und zu einer verbindlichen Christusnachfolge aufgefordert, die auch existenzielle Konsequenzen nicht scheut.

Bonhoeffer ging es weder um ein elitäres Gemeindebild noch um Rückzug aus der Gesellschaft - im Gegenteil. "Beten und Tun des Gerechten" gehörten für ihn unabdingbar zusammen. Und so kam auch für die DDR-Kirchen kein Rückzug in ein frommes Getto und ein Überwintern in überkommenen Strukturen in Frage, sondern nur eine ebenso offene wie engagierte Auseinandersetzung mit der eigenen Gesellschaft - jedoch ohne die Radikalität, die ihnen Bonhoeffer vorgelebt hatte.

Mit Gründung des DDR-Kirchenbundes 1969 setzte in den evangelischen Kirchen eine neue Debatte über das Selbstverständnis ein, für das bald schon die missverständliche Kurzformel "Kirche im Sozialismus" Verwendung fand. Damit gemeint war aber weder eine Kirche für den Sozialismus noch eine sozialistische Kirche, sondern eine Kirche, die die Gesellschaft mit ihren Zielen und Ansprüchen ernst nimmt.

Dies ging einher mit der Forderung Bonhoeffers, sich als "Kirche für andere" in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Denn Christsein sei Dasein für andere und nur eine dienende Kirche sei wahrhaftig. Für Bonhoeffer war damit der Verzicht auf Macht und Privilegien verbunden, weil die über Jahrhunderte bestehende Verbindung von Thron und Altar immer auch zu ihrem Missbrauch geführt hatte.

Ende der 1970er Jahre erreichte der Verständigungsprozess in den DDR-Kirchen eine neue Qualität mit dem Vorschlag, aus dem damals erst zehn Jahre alten Kirchenbund eine Vereinigte Evangelische Kirche zu machen. Das Ziel des Zusammenschlusses, mit dem die komplizierten und kostspieligen gesamtkirchlichen Strukturen überwunden werden sollten, scheiterte später an der Sorge, mit einem Verzicht auf gesamtdeutsche Strukturen gehe auch ein Stück Verbundenheit zu den westdeutschen Schwesterkirchen verloren.



erweiterte Suche

 

Themenliste



Das könnte Sie auch interessieren...


EKD-Newsletter

Jetzt anmelden

Immer gut informiert mit dem Newsletter der EKD: kostenlos und schnell.