Dietrich Bonhoeffer

Buchtipps

Ich bin Bonhoeffer

Roman eines glaubwürdigen Lebens

Paul Barz

Cover 'Ich bin Bonhoeffer'

Leseprobe (S. 161-164):

>> Sieht so ein Heiliger aus?

Der Zug derer war lang, die an diesem 15. Februar 1936 von Julie Bonhoeffer Abschied nehmen wollten, und an seiner Spitze gleich hinter dem Sarg schritt im Talar ihr Enkel Dietrich.
Er war auf diesen Augenblick spätestens seit dem letzten Dezember vorbereitet, als die 93jährige eine heftige Grippe befallen hatte.

Und doch war ihm bei diesem Tod, als sei urplötzlich ein Stück Welt entzwei gegangen.
Mit dir, Großmama, dachte er jetzt und hatte zugleich den Geschmack von Ingwerplätzchen auf der Zunge, tragen wir eine andere Zeit zu Grabe, und unsere Pflicht wird sein, dass mit dir nicht auch deren Werte dahingerafft werden, ihre Vorstellungen von Mut, Anstand und Wahrhaftigkeit.

Das sagte er dann auch an ihrem Grab, er hatte dabei an ihre Demonstration damals vor dem KadeWe gedacht. „Ihre letzten Jahre waren getrübt durch das große Leid der Juden, an dem sie mittrug und mitlitt“, rief er mit erhobener Stimme und ignorierte das leise Erschrecken in vielen Gesichtern. Sein Blick suchte den Schwager Leibholz. Der nickte ihm mit kleinem Lächeln zu.

Im Haus der Eltern war er dann gleich hinauf in die kleine Mansarde gegangen, die sie ihm eingeräumt hatten. Dies war nun schon die Marienburger Allee, wohin die Bonhoeffers im Jahr zuvor gezogen waren, in ein kleineres, aber noch schöneres Haus, und „dies hier“, hatte die Mutter gesagt, als sie die Tür zum Zimmer im Dachgeschoss öffnete, „wird immer dein Reich sein, Dietrich.Hier bist du zuhause, wo du dich auch aufhältst.“
Es klopfte. Eberhard trat ein. „Ich störe doch nicht?“ Stets von Neuem rührte Bonhoeffer die leicht sächsische Klangfarbe in der Stimme des gebürtigen Magdeburgers.

„Du störst nie.Und anklopfen musst auch nicht. Dies ist dein Zimmer wie meines.“ Eberhard hatte den Freund zum Begräbnis der Großmutter nach Berlin begleitet, und die Eltern Bonhoeffer hatten ihm ein Bett in Dietrichs Mansarde gestellt. Das sollte die nächsten Jahre so bleiben. Denn der Freund des Sohnes war für sie in aller Selbstverständlichkeit wie ein eigener Sohn.

Es stand seltsam um diese Freundschaft. Als sich Bonhoeffer im Seminar ein erstes Mal den anderen gegenübersah, kaum einer wesentlich jünger als er, hatte er sich eigentlich wie einer von ihnen gefühlt und erst allmählich recht schmerzhaft zu spüren bekommen, dass er eben doch nicht war wie sie. Kein Freund, kein Bruder. Der andere eben, der Lehrer, der Chef. Er hatte das zunächst burschikos zu überspielen versucht, vergeblich, und einmal, das war am letzten Pfingstfest gewesen, hatte er abends einige der Seminaristen reichlich angeheitert in einer Kneipe überrascht.
Er hätte sich gern zu ihnen gesetzt, ein Bier mitgetrunken, mit ihnen gelacht, gespaßt. Aber der erschrockene Respekt, mit dem sie vor ihm aufgesprungen waren, hatte Abstand geschaffen, und er hatte, ärgerlich über die eigene kleinkarierte Reaktion, die Stirn in pädagogisch strenge Falten gelegt: „Ich fürchte, liebe Brüder, dies ist nicht die rechte Art, den Heiligen Geist zu begrüßen. Oder?“

Nur mit Eberhard war es anders. Der war lustig und lebhaft und freimütig, mit einem jungenhaften Humor, der in manchem an den früheren Franz Hildebrandt erinnerte, ohne dessen leicht zynische Note.Und wie zu Hildebrandt gab es zwischen beiden keine Schranke, so selbstverständlich unbefangen gingen sie miteinander um, fast wie Brüder, wobei vom Jüngeren auf den zuweilen arg vergrübelten Älteren ein Hauch der eigenen Leichtigkeit übergriff.
„Jetzt habe ich doch noch den kleinen Bruder, den ich mir immer gewünscht hatte“,musste manchmal Bonhoeffer denken und dachte zugleich an die eigenen älteren Brüder und wie andächtig er zu ihnen aufgeblickt hatte.Nun sah ein anderer, ein jüngerer zu ihm auf. Das hoffte Bonhoeffer jedenfalls.

„Du schreibst wieder an deinem Buch?“ Bonhoeffer nickte. Es war unter den Seminaristen kein Geheimnis, dass ihr Chef jede freie Minute auf ein umfangreicheres Werk verwendete. „Und du hast schon den Titel?“
Bonhoeffer lehnte sich zurück:“Wie schon? Die Nachfolge.“ Eberhard schmunzelte: „Dein ewiges Thema.“
Ja, seit der New Yorker Zeit hatte ihn tatsächlich diese Vorstellung nicht mehr losgelassen, Jesus müsse gleichsam in einem jeden Gläubigen auferstehen, er würde in der Gemeinde wiedererschaffen, und jeder Gläubige würde so seine Nachfolge antreten, nach den Regeln der Bergpredigt: Selig sind, die reinen Herzens sind, die Leidenden, Barmherzigen, Sanftmütigen, die Friedfertigen, alle, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen … „Willst du am Ende eine neue Religion gründen?“ hatte ihn einmal in Finkenwalde Eberhard leise stichelnd gefragt, und Bonhoeffer hatte den Stift sinken lassen, lange vor sich hin geschaut.

„Keine neue Religion. Die alte neu, befreit von allem Ballast, der nur vom eigentlichen Glauben ablenkt. Aufs Wesentliche konzentriert und so einfach, dass jeder sie versteht und ihren Geboten folgen kann“, hatte er endlich geantwortet, „und wir müssen uns damit beeilen, bevor uns die anderen zuvorkommen.“ Er hatte in diesem Augenblick die grauen Mietskasernen im Wedding mit ihren Menschen voll dumpfer Sehnsucht nach etwas Lebensglück vor sich gesehen: „Der Kommunismus verspricht das Schlaraffenland. Das ist nicht so gefährlich. Ein Schlaraffenland gibt es nicht, das merkt irgendwann jeder. Die neuen Herren sind schlimmer. Die versprechen das Heil.“

Er wurde lebhafter: „Ja, der Nationalsozialismus, das wird mir immer klarer, ist mehr als eine politische Richtung. Er will eine Religion sein, das neue Evangelium, viel mehr vom Gefühl bestimmt als vom Verstand.“ Er dachte an Hitlers Messias-Blick, seine oft wie segnenden, beschwörenden Gesten, an sein häufiges „Ich aber sage euch …“, an die Ekstase seiner Gläubigen.Hitler-Reden – er musste beim Gedan- ken heftig schlucken – waren, nun ja, pervertierte Bergpredigten.Und er hatte zu Eberhard gesagt: „Viele haben gemeint, sie könnten Hitler bekehren. Ganz falsch! Er bekehrt uns. Oder versucht es jedenfalls. Und ist schon ziemlich weit damit gekommen, leider.“

Er sah das Erschrecken in Eberhards Jungengesicht und fuhr rasch fort: „Vielleicht hat das auch einen Vorteil.Wir Christen sind endlich gezwungen, uns auf den eigenen Glauben zu besinnen. Auf das, was jeder einzelne sein muss in seinem Zeichen. Du, ich, alle …“ Er hatte lächelnd abgebrochen, und Eberhard lächelte auch: „Du siehst dich also in der Nachfolge Christi …“ „Jeden. Das habe ich doch gesagt.“ Bonhoeffer war etwas verlegen geworden. „Aber dich besonders.“

Eine kleine Pause war entstanden. „Ich verstehe allmählich. Du schaffst nicht nur einen neuen Glauben „, hatte endlich Eberhard leise gesagt, „du willst gleich auch dich selber neu schaffen ….“
„Ich mich selber? Warum denn das?“

Eberhard hatte nun ein Lächeln um den Mund, wie man so weise nur mit Mitte zwanzig lächelt: „Weil es dir nicht reicht, einfach Dietrich Bonhoeffer zu sein.“ Bonhoeffer war leicht zusammengefahren: „Und wer bin ich denn?“ „Vielleicht …“, Eberhard zögerte, dann: „Vielleicht ein Heiliger.“

Bonhoeffer blickte wie ertappt, zumal ihm so was schon mal Franz Hildebrandt mit leicht zynischem Spott gesagt hatte: „Du ruhst nicht, altböser Feind, bis du heilig bist und wir alle vor dir knien müssen, nicht wahr?“
Jetzt versuchte Bonhoeffer ein Lachen, das ihm aber nicht recht glücken wollte: „Vielleicht keine schlechte Zeit heute, ein Heiliger zu werden. Allerdings …“ Er hatte gezögert und schließlich mit scheuer Geste die Brille abgenommen: „Sieht so ein Heiliger aus?“ Dabei hatte er dann wieder ein kleines, trauriges Kindergesicht gehabt. <<

Mit freundlicher Genehmigung des Gütersloher Verlagshauses

1. Auflage 2006
Gütersloher Verlagshaus
319 S. Geb. mit Schutzumschlag
EUR 19,95
ISBN 3-579-07114-9



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