Materialien zu Luther
Bausteine für eine Veranstaltungsreihe zur Biographie Martin Luthers
"Er fühlt der Zeiten ungeheuren Bruch, und fest umklammert er sein Bibelbuch" (Conrad Ferdinand Meyer)
Martin Luthers Todestag jährt sich am 18. Februar 1996 zum 450. Male. Dies ist Anlass, ihn und sein Werk in den Mittelpunkt der gemeindlichen Bildungsarbeit zu rücken. Luther lebendig werden zu lassen sowie Neugier und Interesse am Menschen Martin Luther zu wecken sind die Ziele der hier konzipierten Veranstaltungsreihe. Sie stellt die Biographie Luthers ins Zentrum.
Didaktische Hinweise zum Veranstaltungsentwurf
Dieser Entwurf geht davon aus, dass Luthers Lebensgeschichte der Wurzelboden seines Denkens und Handelns ist. Dabei muss die Tatsache berücksichtigt werden, dass vielen Menschen Wissen über die Kultur des 16. Jahrhunderts sowie konfessionelle und kirchenkonstitutive Grunddaten nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung stehen. Blicken wir also auf die Lebensgeschichte Luthers und stellen unseren Gemeinden die Fragen: "Wie vertraut ist Ihnen Luther?" und "Was bedeutet er für uns heute?"
Die Entscheidung für das biographische Verstehen Luthers geht über die Anliegen von Aktualisierung und Information hinaus. Sie nimmt die didaktischen Grundsätze einer Lebensweltlich orientierten Erwachsenenbildung auf: Zwischen dem Bildungsinhalt und den Teilnehmenden gilt es, eine Beziehung herzustellen. Erst die Beantwortung eigener Fragen ist dann tragendes Motiv für die Beschäftigung mit Leben und Werk Luthers. In der Auseinandersetzung damit, "wer Luther eigentlich gewesen ist und wie sich innerseelisch und in seinem persönlichen Verhalten Glauben mobilisiert, artikuliert und feste Gestalt gewonnen hat, formt sich die eigene theologische Existenz, Lernt man selber, sich als Christ zu erfahren und zu überprüfen"(1).
Angesichts der zunehmenden Individualisierung sind die Menschen heute mit dem Vorgang der individuellen Sinn und Bedeutungsherstellung konfrontiert. Dieses Phänomen der "Biographisierung" weckt ein Interesse an Lebensläufen und -geschichten anderer Menschen, auch wenn ein großer Zeitabstand in Rechnung zu stellen ist. Dabei ist zu beachten, dass eine"historische Persönlichkeit nicht einfach auf unsere Zeit- und Erfahrungswirklichkeit hin reduzierbar und transponierbar ist. Ihre Vergangenheit und damit auch die Andersartigkeit und Fremdheit müssen im Blick bleiben. Das gilt sowohl für den Menschen Luther, der ganz aus dem Mittelalter heraus lebte(2), wie für den zeitgeschichtlichen Bezug und die Bedingtheit seiner theologischen Aussagen(3).
Martin Luther - Stationen seines Lebens
Für die Veranstaltungsreihe werden drei Abende/Einheiten von anderthalb bis zweieinhalb Stunden Datier vorgeschlagen. Die Inhalte und Medien(4) werden als Bausteine angeboten und sind nach den jeweiligen Bedürfnissen vor Ort zusammenzustellen.
Inhaltliche Schwerpunkte der drei Einheiten könnten sein:
- Martin Luther: Zeit-Herkunft-Lebenswende
- Die reformatorische Entdeckung und die Folgen
- Wirkungen-Scheidungen-Ausgang
Bausteine
1. Wer ist Martin Luther "heute"?
Ein motivierender Einstieg können Kontroverszitate oder Aussagen sein, die unterschiedliche Beurteilungen und Bewertungen der Person Luthers und seiner historischen Leistung und Bedeutung präsentieren (5). In der Anthologie "Luther gestern und heute" finden sich zahlreiche geeignete Texte quer durch die Jahrhunderte, die die Wirkungsgeschichte des Reformators in ihren wichtigsten Positionen veranschaulichen. Hier kann auf Luthers Beitrag zur deutschen Identität, der im Positiven wie im Negativen sichtbar wird, hingewiesen werden.
Die Sammlung "Und wenn die Welt voll Teufel wär" enthält fünfzig Prominentenstatements, in denen berichtet wird, wie Anstöße und Einsichten des Reformators bei den Autorinnen und Autoren weiterwirken. Sie können gute Impulse für einen Einstieg und eine Auseinandersetzung geben (das Buch erscheint im Januar 1996).
Es wäre denkbar, auch Luther selbst oder einen seiner Zeitgenossen zu Wort kommen zu Lassen. Geeignete Texte sind: Luthers Aussage zu seinem Lebensweg(6), sein Rückblick auf den Ertrag seiner Arbeit(7), Philipp Melanchthons Leichenrede vom 22. Februar 1546.(8)
2. Der "Herbst des Mittelalters"
Ein Kurzreferat führt in die Welt des Spätmittelalters, in die wett-, reichs- und kirchengeschichtliche Situation, in die religiösen und geistesgeschichtlichen Fragen sowie in die sozialen Verhältnisse ein. Der zeitgeschichtliche Hintergrund von Leben und Werk Martin Luthers wird so deutlich. Als Textillustrationen sind Abschnitte aus Richard Friedenthals Lutherbiographie(9), die Lebendige Schilderung mit wissenschaftlicher Zuverlässigkeit verbindet, sehr geeignet.
Das späte Mittelalter war eine Zeit apokalyptischer Ängste(10), des Teufels- und Aberglaubens. Sie wuchsen auf dem Boden der Alltagserfahrungen von Katastrophen, Kriegen, Seuchen, schnellem Tod.(11) Dieses Zeitkolorit zu erfassen gelingt vorzüglich der Darstellung Heiko Obermans.(12) Bildmaterial (Dias, Abbildungen, Videos), dass das Erleben des Todes, Gerichtsvorstellungen, Jenseitsphantasien illustriert und visualisiert, ist Leicht zugänglich.(13)
3. Persönlichkeit und Herkunft
"Luther - ein Mensch im Widerspruch", "Luther kontrovers': Dies ist plakativ und provokativ zugleich. Dabei soll die Person Luther in ihrer Widersprüchlichkeit im Mittelpunkt stehen. Er ist eine der umstrittensten Figuren der Geschichte, voller Gegensätze und unverkennbarer Brüche. Dessen war er sich selbst bewusst, wenn er über sich sagte: "Dass ich aber Baccalaureus und Magister wurde, dann das braune Barett ablegte, andern überließ und Mönch wurde, damit freilich Schande einlegte, was meinen Vater bitter verdross, - und dass ich dann trotzdem dem Papst in die Haare geriet und er mir wieder, dass ich eine entlaufene Nonne zum Weibe nahm, - wer hat das in den Sternen gelesen? Wer hätte mir das vorausgesagt.(14) Seine Selbsteinschätzung ist richtig: "Ich bin durch Verkettungen der Umstände, nicht aus freien Stücken und mit Absicht in diesen Sturm geraten, Gott ist mein Zeuge!" Aber Luther war auch Akteur. Er ließ sich provozieren, ließ sich durch sein Gewissen nötigen. Er hat sich nicht herausgehalten, sondern er hat "sich Leidenschaftlich ins Spiel gebracht“. (15)
Seine facettenreiche Persönlichkeit vereint in sich große Unterschiede. Sie wird sehr eindrücklich in den Tischreden erkennbar: Eine außergewöhnliche Vitalität, ein unbändiges Temperament, Momente des Ungezügelten, des Grobschlächtigen stehen neben Zügen von großer Sensibilität. Luther, fast mimosenhaft, ist oft irritiert und tief verunsichert. Sein Gesundheitszustand ist labil: Ohnmachtsanfälle, Erschöpfungszustände, Stoffwechsel- und Steinleiden, Herzbeschwerden, Altersstarrsinn. Hinzu kommen Teufelsvisionen, Ängste, Beklemmungen. Zugleich imponiert seine erstaunliche Arbeitskraft und immense Produktivität, seine durchaus singuläre theologische Denk- und Gestaltungskraft sowie die Sprachgewalt seiner Schriften und Übersetzungen.
Dabei sollte auch die lebensgeschichtliche Prägung durch seine Herkunft deutlich werden: der geographische und politische Raum, die soziale Schicht, die Persönlichkeit der Eltern, die Religion und die Frömmigkeit, die schulische und die wissenschaftliche Bildung.(16) Entscheidend geprägt hat Luther aber sein theologischer Beruf.(17)
4. Lebenswende - Eintritt ins Kloster
Hier wird das Faktum des Umbruchs, der Lebenswende ausgeleuchtet. An eigene Erfahrungen und Zeitzeugnisse kann angeknüpft werden.
Nachdem er eben auf Wunsch des Vaters mit dem Jurastudium begonnen hat, gerät Luther in eine innere Krise. Er ist ein schwermütiger Mensch. Er leidet an Depressionen. Erfahrungen mit Todesnähe bedrängen Luther: eine eigene schwere Verletzung, der Pesttod von Kommilitonen und Lehrern, das Blitzerlebnis bei Stotternheim am 2. Juli 1505 mit dem folgenschweren Gelübde. Luther bewegt die Sorge, sich an die Welt zu verlieren. Die Angst um das Heil seiner Seele wird zum Lebensziel: Er will Gott gehorsam sein, im Stand der Vollkommenheit leben und in den Himmel kommen.(18) Dazu scheint ihm eine Mönchsexistenz der geeignete Weg. Der Abbruch des eingeschlagenen Lebensweges geschieht plötzlich, doch nicht unvorbereitet. Am 17. Juli bittet Luther im Erfurter Kloster der Augustinereremiten um Aufnahme. Über diese Entscheidung kommt es zum schweren Konflikt zwischen Luther und seinem Vater.
Das Kloster wird für ihn zu einem Ort tiefer Ängste. Er erfährt Traurigkeit, Regelgenauigkeit, Gewissensqualen, übertriebene Bußübungen. Anfechtungen treiben ihn in die Verzweiflung der Gottverlassenheit. Johannes von Staupitz, sein Oberer, Beichtvater, Freund und Förderer, sein "Vater im Evangelium", gibt Luther den entscheidenden Impuls: "Es ist nicht Christus, der dich erschreckt hat, Christus erschreckt nicht, er tröstet.“(19)
Im Kloster hat Luther Theologie studiert. 1512 schließt er mit der Doktorpromotion ab. 1507 war er zum Priester geweiht worden. Er wird Prediger und Universitätslehrer. Mit Verwaltungsaufgaben betraut, reist er in Ordensangelegenheiten nach Rom. Seit 1511 ist Luther dauerhaft in Wittenberg, wo er bis zu seinem Lebensende bleibt.
5. Die reformatorische Entdeckung
Ausgangspunkt für die reformatorische Erkenntnis der Rechtfertigung aus Glauben ist Luthers Ringen um den gnädigen Gott. Es muss deutlich werden, dass sich dabei für Luther und seine Zeitgenossen die Sinnfrage stellte. Umgeben vom alltäglichen Tod, ganz bezogen auf die jenseitige Welt, schien zunächst die Mönchsexistenz der sicherste Weg zum eigenen Seelenheil. Aber weder eigene Werke noch Verdienste, weder Ordensgelübde noch strenges Leben - "vergebliche Möncherei" - geben Luther Sicherheit. Die Zweifel dominieren. Für die Jahre seines Mönchseins findet er diese Worte: "Abgrund“, "Anfechtung“, "Angst bis zur Trostlosigkeit", "Ungewissheit“, "Verdammung", "Wahnsinn".(20) Luther hat Gewissensbisse: "Du hast nicht genug getan", "Du hältst die Gebote nicht."
Luthers existentielle Frage nach dem gnädigen Gott soll nun Thema werden, Ihr soll Schritt für Schritt nachgedacht und nachgegangen werden. Welches Bild hat Luther von Gott? Wer ist Jesus Christus für ihn? Wie ist das Verhältnis Gott - Mensch? Dass Luthers Fragestellung so nicht mehr die unsere ist, ist auch Teil ihrer Wirkungsgeschichte!
Luther geht es um die "Gerechtigkeit Gottes" Theologie und Lebensgeschichte sind aufs engste verbunden. G. Ebeling spricht von einer "Verflochtenheit". "Wendet man sich seiner Theologie zu, so kann man nicht an seinem Leben, an seiner Erfahrung vorbeisehen.“(21) Luthers persönliches Ringen findet in seiner theologischen Arbeit eine Antwort. In den entscheidenden Jahren seines Durchbruchs zur reformatorischen Erkenntnis hat er große biblisch-exegetische Vorlesungen gehalten. Auf Luthers Erkenntnisweg sind folgende Stationen erkennbar:
- Christus erscheint Luther und vielen seiner Zeitgenossen als strenger Richter. Um diese Vorstellung zu verdeutlichen, eignet sich die damals gängige Darstellung "Christus als Weltenrichter auf dem Regenbogen thronend" (z.8. Schedelsche Weltchronik 1493, Sandsteinrelief auf dem Friedhof der Wittenberger Stadtkirche). Die spätmittelalterliche Frömmigkeit phantasiert für den Sünder grausame Strafen.(22)
- Das Erschrecken Luthers vor Psalm 31,2 "Errette mich durch deine Gerechtigkeit" (Psalmenvorlesungen 1513/ 1515): Kann Gott der Richter zugleich als Erretter angebetet werden?
- Der Kampf um die Bedeutung der "Gerechtigkeit Gottes" und das "Turmerlebnis" von 1514 als Erschließungserfahrung.
Das Ringen Luthers vermitteln z.B. die Auszüge aus den Tischreden(23) oder das Kirchenlied "Nun freut euch, lieben Christen g'mein" (EG 341/EKG 239). Luther selbst schildert seinen Durchbruch zur reformatorischen Erkenntnis in der Vorrede zu Band I der lateinischen Ausgabe seiner Werke (1545), einem der theologisch am intensivsten, erforschten Texte. Dieser Rückblick auf sein Leben und Rechenschaftsbericht über seine theologische Entwicklung ist so etwas wie ein Testament.
Dieser Text soll im Mittelpunkt stehen.(24) In seiner gerafften und etwas spröden Diktion bedarf er einer strukturierenden Bearbeitung. Es lassen sich retrospektive und prospektive Teile unterscheiden. Die Schlüsselworte sind "zuvor" und "jetzt" (im letzten Absatz). Er enthält lebensgeschichtlich beschriebene Erfahrungen, emotionale Aussagen mit negativer und positiver Konnotation und theologische Sätze. Die Zäsur wird theologisch formuliert: "Erbarmen Gottes" Durch das Erbarmen Gottes wird Luther die neue Erkenntnis als Geschenk zuteil. Sie widerfährt ihm.
Angesichts der Verdichtung des Textes sollte er durch Passagen aus der Römerbriefvorlesung(25) expliziert werden. Sie erschließen die Frage, wie der Christ, simul iustus et peccator, vor Gott bestehen kann.
Nicht durch das Tun des Gerechten werden wir gerecht, sondern weil wir gerecht gesprochen sind, darum können wir Gerechtes tun. Das ist die Quintessenz des Unterschiedes zwischen "traditioneller“ mittelalterlicher Soteriologie und reformatorischer Rechtfertigungslehre. Als Abschluss kann das Bild "Luther predigt" stehen. Dieses Teilstück des Flügelaltars von Lucas Cranach d.Ä. in der Stadtkirche von Wittenberg setzt das Zentrum von Luthers Theologie, die paulinische Rechtfertigungslehre, ins Bild: Luther auf der Kanzel weist mit der Hand auf den gekreuzigten Christus hin, vor ihm die zuhörende Gemeinde.(26)
Nach diesem Mit-Luther-Gehen soll sich der Blick auf uns richten. "Welches Gottesbild prägt mich?" Ob es da nicht auch ein Ringen und Suchen gibt - belastende Momente, Angst und frühkindliche Fixierungen?
Was bedeutet Rechtfertigung heute? Eine Klärung dieser existentiell-theologischen Frage kann durch das Hinzuziehen zeitgenössischer Positionen (G. Brakelmann, H. Zahrnt, H. Küng) versucht werden.(27)
6. Ungeahnte Folgen (1517-1521)
Hier soll deutlich werden, wie die Erkenntnisse Luthers die reformatorische Entwicklung vorantreiben und weitere Kreise ziehen.
Zuerst hatte Luthers Erkenntnis Auswirkungen auf seine Predigten und Vorlesungen. Später griffen das neue Schriftverständnis, das "Allein" des Evangeliums, dem Luther den neuen Glauben verdankt, und die Überzeugung der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben die alte Kirche fundamental an.
- Ablasswesen - 95 Thesen - Eskalation
Thema ist, wie Luthers theologische Einsichten im Ablassstreit konkret werden. Hier sind Informationen über das mittelalterliche Bußsakrament, die Ablasspraxis und die Auswüchse des Ablasshandels nötig (Kurzreferat und/ oder Textarbeit).(28) Interessant ist auch eine Arbeitseinheit mit den 95 Thesen (1517), die als Grundlage für eine theologischen Disputation gedacht waren.Der nächste Schritt gilt den Folgen: Was passiert, als die volle Tragweite von Luthers Vorgehen offenkundig wird? Das Verhör Luthers am Rande des Augsburger Reichstags (1518) durch den päpstlichen Gesandten offenbart ebenso wie die Leipziger Disputation (1519) die kontroversen Auffassungen bezüglich Ursprung und Begründung der päpstlichen Autorität und der Autorität von Konzilien.(29)
- Bannandrohung und Wormser Bekenntnis
Diese Sequenz lohnt, in der ihr innewohnenden Dramaturgie vermittelt zu werden: durch eine freie Nacherzählung oder in Rückgriff auf Vorlagen.(39) Die päpstliche Bannandrohungsbulle "Exsurge Domine" wird im Juli 1520 ausgefertigt. Sie bedroht Luther, sofern er nicht widerruft, mit der Ausstoßung aus der Kirche. Luther erklärt das Ende seiner Demut.(31) Symbolhandlungen werden zu Indikatoren des Konflikts. Der Papst befiehlt, Luthers Schriften zu verbrennen - Ausdruck der Entwertung und Verwerfung. Im Dezember gehen als Reaktion in Wittenberg die Bücher des kanonischen Rechts in Flammen auf, und Luther wirft ein Exemplar der Bulle ins Feuer. Luther wird gebannt. Der Bann hat die Reichsacht zur Folge. Dennoch kann Kurfürst Friedrich der Weise, Luthers Landesherr, seine Anhörung auf dem Reichstag in Worms im April 1521 durchsetzen. Dieser Tatsache verdanken wir eine identitäts- und identifikationsträchtige Szene und einen dramatischen Höhepunkt. Luther erklärt: "Widerrufen kann noch will ich nichts, denn es ist weder gut noch heilsam etwas gegen das Gewissen zu handeln." Und er schließt, wie er seine Predigten beendet: "Gott helfe mir, Amen .“(32)
Als "Junker Jörg" wird Luther - auf Veranlassung seines Kurfürsten - auf die Wartburg in Sicherheit gebracht, wo er das Neue Testament ins Deutsche übersetzt.(33)
7. Wirkungen - Scheidungen
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Zwischen Chaos und Ordnung
Luther kehrt 1522 von der Wartburg zurück nach Wittenberg und nimmt 1523 seine Vorlesungen wieder auf. Die Reformation breitet sich in Windeseile aus. Sie wird zur Massenbewegung. Ihre Anhänger kommen aus den unterschiedlichsten Traditionen (Humanismus, Spiritualismus, mystische und apokalyptische Strömungen). Luther setzt sein Vertrauen aufs Wort und hofft auf Reformen in geordneten Bahnen. Aber er setzt auf die Obrigkeit gegen die ungeordneten Bewegungen. Als Folge der Entwicklungen wird auch der Bauernstand in die allgemeine Bewegung der Umwertung und Erneuerung hineingezogen, was in die Bauernkriege mündet. Jetzt gilt es, Aufruhr und Empörung einzudämmen, dem Umbruch Gestalt zu geben und Fehlentwicklungen zu wehren. 1525 markiert das "Ende der reformatorischen Bewegung und den Beginn des Protestantismus" (B. Moeller).Als Einführung in diesen Themenkomplex ist das Video "Bürger Luther in Wittenberg"(34) gut geeignet, das den Zeitraum von Luthers Rückkehr von der Wartburg bis zu seinem Tod darstellt.
Im Wittenberger Kirchensturm und in überhasteten Reformen zeigen sich erste Anzeichen der Schwarmgeisterei und "Propheterei" (Zwickauer Propheten), die Luther aufs schärfste bekämpft.(35) Als sich Unruhen abzeichnen, verfasst er seine wirkungsreiche Schrift "Von der weltlichen Obrigkeit und in wieweit man ihr Gehorsam schuldig sei" (1523) mit dem Gedanken von den zwei Reichen.
Folgende weitere Themen können im Referat aufgenommen werden: Klärung der Frage, wer Träger konkreter kirchlicher Aufgaben ist; die Frage der Neuordnung des Kirchenguts (Leisniger Kastenordnung 1523); die Frage eines christlichen Schulwesens ("An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes“ 1524); die Frage der Ordnung des Gottesdienstes (Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdienstes 1526); das deutsche Kirchenlied (Geistliches Gesangbüchlein 1524). Zentral für die Entwicklung ist, dass Luther nur einen Weg sieht, die evangelische Kirche fest zu begründen: die Verbindung mit den Fürsten. Daraus entstehen die evangelischen Landeskirchen. Oberster Kirchenherr wird der Landesfürst als Notbischof. Mittel der Neuordnung sind die Visitationen (durch den sächsischen Kurfürsten 1525, 1527). Für Pfarrer, Eltern und Lehrer verfasst Luther 1529 den Großen und den Kleinen Katechismus. 1534 erscheint die ganze Bibel in deutscher Sprache.(36)
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Der persönliche Lebensweg Luthers
1524 hat Luther die Mönchskutte abgelegt. In das Schicksalsjahr der Reformation 1525 fällt auch Luthers Heirat mit der ehemaligen Zisterzienserin Katharina von Bora .(37) Bis dahin hatte er mit einem Mitbruder im Augustinerkloster gelebt. Was bedeutete Luthers Ehe? "Seine Ehe, das war der eigentliche, viel anstößigere Bildersturm“. Mit seiner ungenierten Sinnlichkeit berührte er ein Tabu und erntete er "genierte Ablehnung". Die Ehe war Katharina und Martin "Beruf und Berufung" und wurde glücklich.(38) Interessant ist es, Luthers Motiven nachzugehen.(39) Sicherlich spielen der Elterngehorsam und der Wunsch seines Vaters, den Familiennamen zu erhalten, eine wichtige Rolle. Zum andern hat Luther selbst seine Ehe eschatologisch begründet. Er fühlt sich dem Tod nahe und versteht seine Ehe als ein Ja zum Leben und zu den Ordnungen Gottes.Da das verlassene Augustinerkloster in Wittenberg oft als Prototyp des evangelischen Pfarrhauses gilt, liegt eine Beschäftigung damit nahe.(49) C. Brückner verleiht Katharina von Bora Worte.(41) "Ihre" Tischreden porträtieren Luther auf eine sehr orginelle Weise.
Am 18. Februar 1546 stirbt Luther in Eisleben, 63 Jahre alt. Dort hatte er einen Streit der Mansfelder Grafen geschlichtet. Am 22. Februar wird er in der Schloßkirche von Wittenberg begraben. Die letzen Tage schildert E. Jüngel.(42)
In den letzten Jahren seines Lebens trennten sich der Gang der Reformation und Luthers Biographie. Sein Lebensabend ist überschattet: "Die Resignation wurde ein immer häufigerer Gast."(43) Unmut ist seine Grundstimmung: über die Fürsten der Welt, über die "matten, verstockten Seelen", die geringe Wirkung des Wortes, den schleppenden Fortgang der Dinge. Körperliche Beschwerden und Krankheiten suchen Luther heim. (44)
Zwar setzt Luther seine literarische Arbeit bis kurz vor seinem Tod fort, aber jetzt überwiegt die Breite. Seine schöpferische Kraft lässt nach. Eine "Kostprobe“ seiner Polemik auf niedrigem Niveau lässt sich z.B. durch Zitate aus der Schrift "Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet"(45) geben.
Seine Altersschriften gegen die Juden(46) deren bekannteste "Von den Juden und ihren Lügen"(1543) ist, bekunden maßlosen Hass und enthalten das traditionelle Anklageregister der Christen gegen die Juden.(47) Luther fordert eine "scharfe Barmherzigkeit" und überträgt der Obrigkeit die Durchführung entsprechender Maßnahmen.(48) Der christliche Antijudaismus hat hier eine trübe Quelle. Die Wirkungsgeschichte ist nicht zu unterschätzen.(49) Noch in seiner Letzten Predigt in Eisleben, wo viele Juden lebten, fordert Luther am 15. Februar 1546, drei Tage vor seinem Tod, in der abschließenden Kanzelvermahnung zur Vertreibung der Juden auf.(50) Dies ist eine der dunkelsten Seiten Luthers. Sie darf jedoch im Gedenkjahr 1996, das auf den 50. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager folgt, nicht ausgeblendet werden. Dieses Thema aufzugreifen, ist sogar eine Bringschuld gemeindlicher Bildungsarbeit.
Anmerkungen und Hinweise
1 J. Redhardt, Luther auf dem Prüfstand der Psychologie. In: Religion heute, 1983, S. 50-54 (54).
2 H. A. Oberman, Luther - Mensch zwischen Gott und Teufel. Berlin 1982.
3 G. Sauter, Die Wahrnehmung des Menschen bei Martin Luther. In: Evangelische Theologie 43 (1983), S. 489-503.
4 Ein empfehlenswertes Medienangebot ist die 1991 vom FWU erstellte Serie von vier 15-19minütigen Videofilmen, zusammengeschnitten aus drei Dokumentarfilmen der DEFA (1983): 4201381-84 Schüler Luther aus Mansfeld, Der Beginn der Reformation in Wittenberg, Martin Luther auf der Wartburg, Bürger Luther in Wittenberg.
5 H. Glaser, K. H. Stahl, Luther gestern und heute. Texte zu einer deutschen Gestalt. Frankfurt 1983; U. Hahn, M. Mügge (Hg.), "Und wenn die Welt voll Teufel wär“. Neunkirchen-Vluyn 1996; H.Lilje, Luther. Reinbek b. Hamburg, S. 129ff.
6 H. Fauset, D. Martin Luther. Leben und Werk 1483 - 1521. Gütersloh 1983 (Calwer Luther-Ausgabe, Bd. 11), S. 13.
7 H. Fauset, D. Martin Luther. Leben und Werk 1522 - 1546. Gütersloh 1983 (Calwer Luther-Ausgabe, Bd. 12), S. 263 - 265); D. Steinwede (Hg.), Erzählbuch zur Kirchengeschichte, Bd. 2. Von der beginnenden Neuzeit bis zur Gegenwart. Lahr, Freiburg, Göttingen 1987, S. 22-30.
8 H. Glaser, K. H. Stahl, S. 85/86.
9 R. Friedenthal, Luther, Sein Leben und seine Zeit. München 1983; z.B. Klosterleben S. 53 ff.; Reiseerinnerungen S.87 f.; Heiliges Römisches Reich 5.184 ff.
10 Luther ist dem apokalyptischen Denken eng verbunden (seine Auseinandersetzung mit der Johannes Apokatypse) weitere Texte bei H. Fausel, Bd. 2, S. 296-302; vgl. A. Dürers Bilderzyktus "Die apokalyptischen Reiter."
11 Der Totentanz ist ein spezifisch spätmittetaltertiches Motiv.
12 H. A. Oberman, Anm. 2: z.B. Luthers Teufelsvorstellungen S. 107 ff., 112 ff., 163 ff.
13 Schulbücher, Unterrichtsmaterialien, Bildbände (H. Zahrnt Anm. 19), Sachbilderbücher (D. Steinwede, Reformation in Deutschland 1983), Diareihen, Videos.
14 H. Fauset, Bd 1, S. 13.
15 A. Zitelmann, "Widerrufen kann ich nicht". Die Lebensgeschichte des Martin Luther. Weinheim, Basel 1983, S. 137 (auch Luther-Zitate).
16 M. Brecht, Herkunft. In: H.J. Schutz (Hg.), Luther kontrovers. Stuttgart, Berlin 1983, S.43.
17 H. Zahrnt, Martin Luther in seiner Zeit - für unsere Zeit. München 1983, S. 49.
18 F. Steffensky, Der Mönch. In: H.J. Schultz, S. 54-65.
19 H. Fausel, Bd. 1, S.49-52.
20 H. Fausel, Bd. 1, S. 42- 47.
21 G. Ebeling, Luther. Einführung in sein Denken. Tübingen 4/1981, S. 23f.
22 Bildmaterial zu Hölle und Fegefeuer bei Zahrnt, 1983, und Steinwege, 1983.
23 H. Fausel, Bd. 1, S. 54-56.
24 H. Fauset, Bd. 1, S. 56/57. Für die Erarbeitung sehr hilfreich strukturiert liegt es als Arbeitsblatt 3 vor im Beitrag von C. Gremmels, Martin Luther und die Reformation. In: religio 4 (1991), S. 36-45 (41).
25 H. Fausel, Bd. 1, S. 62/63.
26 Diareihen z.B. bei Zahrnt, 1983.
27 A.H.P.H. Agatz-von-Brauchitsch, Arbeitsbuch Kirchengeschichte. Hannover 1986, S. 56/57.
28 H. Fausel, Bd. 1, S. 89 - 102.
29 H. Fausel, Bd. 1, S. 132 - 141.
30 R. Friedenthal, S. 327 - 338; D. Steinwede, S. 35 - 43.
31 H. Fausel, Bd. 1, S. 188.
32 H. Fausel, Bd. 1, S. 198.
33 FWU 4201383. Dieses Video veranschaulicht kurz und prägnant Luthers Auftritt in Worms und die Flucht auf die Wartburg.
34 FWU 4201384.
35 H, Fausel, Bd. 2, S. 46-51 (Invokavit-Predigt).
36 H. Fausel, Bd. 2, S. 59-64; 54/55; 55/56, 64; 68-70.
37 R. Friedenthal, S. 527-548; H. Fausel, Bd. 2, S. 87-95.
38 H. A. Oberman, S. 292-299.
39 H. Litje, S. 95-99.
40 I. Weber-Kellermann, Der Familienvater. In: H. J. Schultz,
S. 122-135.
41 C. Brückner, Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen. Hamburg 1983, S. 31-49.
42 E. Jüngel, Im Angesicht des Todes, In: H. J. Schultz, 162-172 (167-171 oben).
43 E.,Jüngel, In: H. J. Schuttz, S. 167.
44 R. Friedenthal, S. 638. 648.
45 H. Fausel, Bd. 2, S. 278.
46 H. Fausel, Bd. 2, S. 272-278.
47 A. H. Friedlander, Aus der Sicht eines Juden. In: H. J. Schultz, S. 252-264.
48 H. Fausel, Bd. 2, S. 275/276.
49 H. Glaser, K. H. Stahl, S. 211-226; H. Jürgens, Martin Luther und die Juden. Schuld und Erbe. In: entwurf 2/82, S. 59-63.
50 H. Jürgens, In: entwurf 2/82, S. 59 ( WA Bd.51, S.195f.).
Postfach 8103 40 - 70520 Stuttgart - Telefon 07 11-7181-0 - Telefax 07 11-7181-250
Diesen Beitrag hat verfaßt:
Petra Herre, MA, geboren 1947, Wissenschaftliche Referentin für Theologische Bildung, Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung,
Schillerstraße 58, 76135 Karlsruhe
Luther-Gedenken.'96
Bausteine und Materialien für die Gemeinde.
Redaktion: Detlef Puttkammer
1995 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
