Materialien zu Luther
Glosse
Bibelsprüche auf Trinklieder?
Der Geräuschpegel hunderter murmelnder Stimmen in der Schloßkirche zu Wittenberg ebbte ab, als Landeskirchenmusikdirektor Prof. Dr. Dr. Müller-Torgau ans Rednerpult trat. Halbglatze, schlohweiß wehender Langhaar-Kranz, hellgrauer Rollkragenpulli aus den 70er Jahren, blauviolettes Seidenjacket von heute. Er hüstelte ins Mikrofon, und damit war die europäische Tagung der Kantoren, Organisten und Musikwissenschaftler quasi eröffnet. Schon das Konferenz-Thema hatte Kontroversen ahnen lassen: „Heilig wie bayerisches Bier! Das neue Reinheitsgebot für Sakralmusik." Fast jeder der Anwesenden hielt dieses Programm-Faltblatt in Händen. Doch was nun im Eröffnungsreferat passierte, überstieg alle Erwartungen:
„Wir leben in einer reizüberfluteten Zeit der Musikvideos und der schnellen grellen Bilder, meine Damen und Herren, alle glotzen Fernsehen, keiner will mehr hinhören, wenn wir, die evangelischen Kirchenmusikerinnen und -musiker ..."
„Die Wunder, die sich unseren Augen bieten sind geringer als die Wunder, die sich unseren Ohren bieten!"
Was war das? Unhöfliches Weiterreden einiger Zuspätgekommener? Professor Müller-Torgau sprach ungerührt weiter: „ ... wenn wir unser Können an der Kirchenorgel entfalten, jener Königin unter den Instrumenten, die wie kein anderes geeignet ist, das Erhabene des Gottesdienstes auszudrücken. Die Orgel, die das Herz derer erhebt, die gehobene Ansprüche haben, die ..."
„Allermeist geschieht's um der Einfältigen und des jungen Volkes willen, welches soll und muss täglich in Gottes Wort geübt und erzogen werden. Wo es denen förderlich wäre, wollt' ich lassen mit allen Orgeln dazu pfeifen, wie man Kindern Äpfel und Birn' gibt."
Nun hatten es offenbar auch die Zuhörer in den ersten zwei Reihen bemerkt. Von vorne, irgendwo jenseits des Rednerpults, kamen Störgeräusche. Oder stapelte hinter den Kulissen ein unsensibler Hausmeister Stühle aufeinander? Der Referent konzentrierte sich sichtlich: „ ... die Orgel also, deren Klang allein schon unterscheidbar macht, was Kunst und was Kitsch, Kirchen- oder Kneipenmusik, Gottesdienst- oder Götzendienst ist! Jawohl, verehrte Kolleginnen und Kollegen, es muss gerade heutzutage wieder deutlich werden, warum Kirchenvater Augustinus schon im 4. Jahrhundert skeptisch war gegenüber ..."
„Wenn die jungen Mädchen und Gesellen einander Reigentänze absingen und das in Gesang und Gebärden ehrlich zugeht, so ist das ein menschlich Tun, das mir wohl gefällt. Pfeifen und Tanzen sind keine Sünde, weil es des Landes Sitte ist wie Gäste laden, schmücken, essen, trinken und fröhlich sein. Freilich ohne Übermaß und Unzucht, aber man muss der Welt ihr Recht lassen. Würde der heilige Augustin heute leben, er machte sich kein Gewissen aus solch unschuldigen Freuden."
Müller-Torgau schnappte nach Luft. Leichenblass. Nein, das war nicht das penetrante Quietschen irgendeiner Seitentür, dies war der deutlich bis in die Mitte des Raumes vernehmliche Monolog einer Fistelstimme mit leichtem Hall. Die Neugierde der gespannt nach vorn gebeugten Zuhörerschaft galt einzig diesen Unterbrechungen! Es war der Referent, der inzwischen störend wirkte, als er fortfuhr: „... skeptisch war gegenüber aller Anbiederei an vulgären Zeitgeschmack. Hatte die frühe katholische Kirche mit gregorianischem Psalmodieren und lateinischen Litaneien nicht eine viel attraktivere Alternative zum tumben Tralala der derben Bevölkerung ..."
„Wie wollen die Papischen bestehen, wenn Christus sagen wird, dass der Kinder Singen und Tanzen auf den Gassen ihm lieber gewesen sei denn all ihr Geheule und Gemurre in den Kirchen?!"
Im Publikum entstand inzwischen eine Situation wie bei Turbulenzen und Luftlöchern im Flugzeug: Die einen krallten sich an ihren Banklehnen fest und drückten die Wirbelsäule grade. Die anderen setzten eine Miene auf, die betont routiniert und souverän wirken sollte. Der Professor schaute ruckartig hinter sich, aber nichts war zu sehen. Sein Blick wurde starr, seine Stimme scharf: „... und hatte ihre Kirchenmusik nicht gerade deshalb Zulauf; weil sie eben nicht mit populären Melodien und Motiven der seichten Unterhaltungsbranche liebäugelte, sondern nichts, ich wiederhole, aber auch gar nichts zu tun haben wollte mit ...
„Gassenhauer, Reiter- und Bergliedlein, christlich, moralisch und sittlich verändert, müssen wir haben. Damit böse und ärgerliche Weisen, unnütze und schandbare Liedlein anderswo zu singen mit der Zeit vergehen möchten, wenn man christliche, gute, nützliche Texte und Worte dazu haben könnte!"
Die Veranstaltung drohte zu platzen. Kein Zweifel: Irgendwoher oberhalb der Grabplatte Martin Luthers machte jemand eigentümlich mittelalterlich klingende Zwischenrufe. Von der Halbglatze des Kirchenmusikdirektors nahmen weithin glänzende Schweißperlen ihren Weg Richtung Augenbrauen. Seine zitternden Hände umklammerten flehentlich das Mikrofon, da ergriff in Reihe fünf eine füllige Beherzte das Wort. Stand auf und sagte:
„Entschuldigen Sie, ich weiß nicht, warum ich die ganze Zeit an Martin Luther denken muss, Von den 42 Luther-Liedern, die wir haben, hat er nur 35 ohne weltliche Vorlage komponiert. Aus ,Begierlich in dem Herzen mein’ wurde ,Ach Gott; vom Himmel sieh darein', aus ,Innsbruck, ich muss Dich lassen' wurde ,Oh Welt, ich muss Dich lassen' und ..." Die Frau mit dem Profil einer Operndiva wurde von ihrem Banknachbarn unterbrochen, einem untersetzten Italiener: „... und fünfzig Jahre' nach Luthers Tod wurde aus ,Al´ieta Vita' doch ,In Dir ist Freude in allem Leide', oder? Ein Walzer, prego ..."
„Vom Himmel hoch, da komm' ich her,` ich bring Euch gute neue Mär'..."
Jetzt schien der mysteriöse Tenor aus dem Nirgendwo auch noch zu singen! Ein Weihnachtslied ohne Rücksicht auf die Jahreszeit, ein mittelalterlicher Schlager fahrender Troubadoure, wie die Historiker sofort erkannten. Plötzlich rief man von überallher Choral-Titel durch die Wittenberger Schlosskirche. Geradezu tumultartig.
„,Es ist gewißlich an der Zeit' hieß mal ,Entlaubet ist der Walde!" ’, „,Weiß' mir ein Blümlein blaue' singen wir als ,Nun lob mein Seel den Herren!’ " „ - MüllerTorgau schrie dazwischen. Er schrie, ungeniert. „Ruhe! Ich bitte um Ruhe! Sie wollen mir das musikhistorisch diffizile Problem der sogenannten Kontrafaktur entgegenhalten, ja?! Haha! Hahaha!"
Der Professor begann hysterisch zu lachen, er hatte jegliche Form verloren: „Dass Martin Luther die Melodie zu ,Ein feste Burg ist unser Gott’ angeblich in der letzten Nacht vor dem Reichstag zu Worms aus einem Oppenheimer Kneipenfenster gehört habe, ja? Legende! Legende!! Nichts als Leeegändäää...." Bevor sich zwei langjährige Freunde und Bewunderer des Referenten erheben konnten, um die unwürdige Szene zu beenden, erstarrten alle Streithähne noch einmal. Da! Da war sie wieder, die Stimme aus dem Altarraum.
„Musica ist eine Disziplin und Zuchtmeisterin, so die Leute gelinder, sanftmütiger, sittsamer und vernünftiger macht. Musica ist das beste Labsal einem betrübten Menschen, dadurch das Herze wieder zufrieden, erquickt und erfrischt wird. Ich bin nicht der Meinung, dass durchs Evangelium sollten alle Künste zu Boden geschlagen werden, wie etliche Abergeistliche meinen! Sondern ich wollt’ alle Künste, sonderlich die Musica, im Dienste dessen sehen, der sie geschaffen hat.“
Der Referent und Tagungsleiter hob das Glas Wasser zum Mund, das seit Beginn des Vortrags völlig unbeachtet neben dem Pult gestanden hatte. Diese Armbewegung wirkte trotz ihrer Müdigkeit wie ein „Prost!" auf das eben Gehörte. In einer Mischung aus Grusel und Faszination rief jemand von der Seite: „Das hat doch Martin Luther gesagt, oder?" Und Müller-Torgau, der den Einwurf wegen des eigenen Schluckgeräusches nur halb mitbekommen hatte, fragte zurück: „Was soll ich gesagt haben?"
Andreas Malessa
© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
