„Feministische Theologie: Initiativen, Kirchen, Universitäten – eine Erfolgsgeschichte“

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In der Veröffentlichung „Feministische Theologie: Initiativen, Kirchen, Universitäten – eine Erfolgsgeschichte“, herausgegeben von Gisela Matthiae, Renate Jost, Claudia Janssen, Antje Röckemann und Annette Mehlhorn, Gütersloh 2008, wird die Institutionalisierung einer „einstmals belächelten Disziplin“, der Feministischen Theologie, als Erfolgsgeschichte gefeiert.

Auf rund 400 Seiten legen die über 60 Autorinnen des Bandes dar, wie sich die Etablierung der Feministischen Theologie in Initiativen, Kirche, Universitäten und der Ökumene in den letzten 30 Jahren allmählich vollzogen hat. Tatsächlich dürfte es wohl kaum einen Studierenden der Theologie meiner Generation oder einen derzeitig amtierenden Professor geben, der sich nicht mit der Feministischen Theologie auseinandersetzen musste. So ist es heutzutage auch eine Selbstverständlichkeit, dass Bewerber und Bewerberinnen um eine Pfarrstelle mit der Frage konfrontiert werden, wie sie es denn mit der Feministischen Theologie hielten – und die Antwort will gut bedacht sein, um nicht weite Teile der Gemeinde gegen sich aufzubringen. Vor nicht einmal zwei Jahrzehnten wäre eine solche Frage noch als Anfrage eines Sonderlings oder einer „Emanze“ abgetan worden, vielleicht.

Wie vollzog sich nun diese Erfolgsgeschichte, welche Gründe trugen zu ihrem Gelingen bei, was wirkte kontraproduktiv? Und vor allem: Wo scheiterte die Feministische Theologie?

Das erste Kapitel legt zu Recht den Fokus auf diejenigen, ohne die die Feministische Theologie bis heute vermutlich keinen Eingang in die Kirchengemeinden und Vorlesungsverzeichnisse der theologischen Fachbereiche gefunden hätte: die Initiativen, Netzwerke und Vereine. Dank einer Vielzahl von äußerst engagierten Frauen wuchsen seit Mitte der 1970er Jahre so verschiedenartige Gewächse wie feministisch-theologische Veröffentlichungen (etwa die „Schlangenbrut“, der FrauenKirchenKalender, die feministische PredigtReihe oder Enzyklopädien), Vereine gründeten sich, sei es, um das theologische Arbeiten von Frauen zu fördern oder die Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Feministischer Theologie voranzutreiben (z.B. die ESWTR, Grenzgängerin), Preise wurden gestiftet, wie der Leonore-Siegele-Wenschkewitz-Preis, und schließlich, und dies dürfte wohl einer der Hauptgründe für den Erfolg der Feministischen Theologie sein, wurden unzählige Netzwerke gegründet. So vernetzten sich katholische Frauen etwa in AGENDA, lesbische Frauen schufen sich ihre Netzwerke, die Frauensynodenbewegung veranstaltete Frauensynoden mit bis zu über 1.000 Teilnehmerinnen aus ganz Europa, und auch in der DDR versammelten sich engagierte Frauen, z.B. um mit dem „Lila Band“ frauenbewegte Rundbriefe herauszugeben.

Auch die Kirche nahm diese Bestrebungen und Anliegen schließlich auf, davon berichtet das zweite Kapitel. Eine erste, wichtige Wegmarke bildete die 7. EKD-Synode in Bad Krozingen 1989 unter der Überschrift „Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche“. Beschlossen wurde seinerzeit die Förderung theologischer Frauenforschung. Von der Synode ging der Impuls zur Einrichtung eines Frauenstudien- und -bildungszentrums und zur Einrichtung eines EKD-Frauenreferates aus. Den Anstoß dafür hatte die EKD nicht zuletzt durch die Ökumenische Dekade „Kirche in Solidarität mit den Frauen“ von 1988 bis 1998 bekommen. So fanden ab Mitte, spätestens Ende der 1980er Jahre viele Ideen, nicht zuletzt in Gestalt feministisch-theologisch denkender Frauen, Eingang in alle Ebenen der Kirche, angefangen von den großen Frauenverbänden der evangelischen Frauenarbeit über die zahlreichen Bildungsinstitutionen wie Akademien oder religionspädagogische Institute bis hin in die Gestaltung der Gottesdienste. Liturgie und Gottesdienstsprache erfuhren eine Revision mit Hinblick darauf, wo sie frauenverachtende oder -negierende Traditionen fortschreiben. Jüngstes Beispiel für diesen oftmals erbitterten Kampf um eine Sprache, die auch der Lebenswirklichkeit von Frauen gerecht wird, ist die „Bibel in gerechter Sprache“. Sie ist vielleicht nicht ganz zufällig die erste Bibelübersetzung, zu der sich der Rat der EKD geäußert hat. Doch die Diskussionen um dieses Bibelprojekt zeigten auch die Konflikte innerhalb der sich als feministisch verstehenden Theologen und Theologinnen auf. Neben diesem Beispiel ist ein besonders augenfälliges Ergebnis einer, wenn man so will, fortschreitenden „Feminisierung“ der Kirche der Einzug von Frauen in das Pfarramt. War es noch in der letzten Generation umstritten, ob Frauen überhaupt ein volles Pfarramt ausüben können, insbesondere mit Kindern, so ist es inzwischen nahezu selbstverständlich, eine Pfarrerin auf der Kanzel zu sehen, in einem Gewand, dem Talar, das über Jahrhunderte Männern vorbehalten war. Mittlerweile sind ca. ein Drittel der Pfarrämter durch Frauen besetzt, über 50 % der Theologiestudierenden sind Frauen. Auch wenn sich diese Tendenz bisher nur vereinzelt in den hautamtlichen Leitungsgremien der Evangelischen Kirche niederschlägt, so gibt es doch erste Stimmen, die vor einer „Feminisierung“ des Pfarramtes und einem damit einhergehenden Reputationsverlust warnen. Auf römisch-katholischer Seite kann vor allem auf die Etablierung des Dienstes der Pastoralreferentin hingewiesen werden, eine Öffnung des Priesteramtes für Frauen scheint momentan unvorstellbar.

Das dritte Kapitel geht auf die Situation an den Universitäten ein: Dem eben erwähnten Anteil von Frauen unter den Studierenden steht ein Anteil von ca. 10 % unter den Professuren der höchsten Besoldungsgruppe gegenüber. Es gibt momentan drei Professuren mit explizit feministisch-theologischem Profil in Deutschland, davon zwei Juniorprofessuren (Kirchliche Hochschule Wuppertal und Humboldt-Universität) und eine C3-Stelle an der Augustana, der Kirchlichen Hochschule Neuendettelsau. Für die anderen theologischen Professuren konstatieren die Herausgeberinnen, dass eine Schwerpunktsetzung in Feministischer Theologie in der Berufungspolitik de facto ein Ausschlusskriterium ist, da Feministische Theologie oftmals als verengte Perspektive und nicht als alle Bereiche eines Faches umschließendes Analyseinstrumentarium betrachtet wird. Im Zuge der Einleitung dieses Kapitels werden auch die Begriffe „Feministische Theologie“, Frauenforschung und Gender Studies – endlich – definiert und voneinander abgegrenzt: So wird unter „Feministischer Theologie“ eine mit der Frauenbewegung verbundene Theorie bezeichnet, die darauf abzielt, die gesellschaftlichen Verhältnisse dahingehend zu ändern, Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen. „Frauenforschung“ ist demgegenüber ein unpolitischer Begriff, der umfassend Forschungen bezeichnet, die Frauen und ihre Geschichte zum Gegenstand haben. „Gender Studies“ schließlich untersuchen und analysieren Geschlechterverhältnisse mit Hinblick auf Frauen und Männer, um die Interdependenzen der Lebenswelten von Frauen und Männern und ihre Theoretisierung zu verdeutlichen. Dargestellt werden im weiteren Verlauf des Kapitels einige theologische Fachbereiche und deren Bemühungen, feministisch-theologische Forschung zu etablieren sowie einige wenige Beispiele für die Umsetzung der Institutionalisierung Feministischer Theologie im katholischen Bereich. Resümierend wird bemerkt, dass sich in den letzten dreißig Jahren immer noch zu wenig getan habe, da Feministische Theologie immer noch häufig in Form von schlecht bezahlten Lehraufträgen oder autonomen Projekten ihren Platz habe – wenn überhaupt. Gefordert wird demgegenüber eine Institutionalisierung in Form von regulären Professuren, Qualifikationsstellen und veränderten Prüfungsordnungen – nicht zuletzt, um einen dem Frauenanteil unter den Studierenden analogen Frauenanteil unter den Professoren zu erreichen.  

Das letzte Kapitel ist schließlich der Ökumene und dem interreligiösen Dialog gewidmet. Dadurch und durch die Darstellung jüdischer und muslimischer Feministischer Theologinnen öffnet sich der Blick auf den weltweiten und religiöse Grenzen transzendierenden Horizont der Feministischen Theologie.

Die Publikation hat viele Vorzüge und eignet sich in mehreren Hinsichten: als Kompendium, um den gegenwärtigen Stand der Feministischen Theologie festzuhalten und zu beschreiben, als ersten Einstieg, um sich zu informieren, als Nachschlagewerk im Sinne eines Best-Practice-Handbuches und nicht zuletzt als Anregung für die nächsten dreißig Jahre Gestaltwerdung der Feministischen Theologie in Deutschland. Das von über 60 Autorinnen – die älteste ist 82 Jahre alt, die jüngste Autorin knapp 23 – verfasste Werk bietet ein buntes Panorama der Erfolgsgeschichte, aber auch der Geschichten vom Scheitern und erfolglosen, unfruchtbaren Kämpfen um die Durchsetzung der Feministischen Theologie. Es zeigt auf, dass schon jetzt viel erreicht worden ist. Und dennoch noch nicht genug – zumindest für die, die von einer geschlechtergerechten Theologie und Kirche träumen.

Gisela Matthiae (Herausgeber), Renate Jost (Herausgeber), Claudia Janssen (Herausgeber), Antje Röckemann (Herausgeber), Annette Mehlhorn (Herausgeber). Feministische Theologie: Initiativen, Kirchen, Universitäten - eine Erfolgsgeschichte, Gütersloher Verlagshaus 2008, 408 S., ISBN: 978-3579080321, geb.: 39,95 Euro



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