Begründete Freiheit. Die Aktualität der Barmer Theologischen Erklärung
Buch-Tipp ![]()
Prominente und profilierte Theologen und Theologinnen aus Kirchenleitung und wissenschaftlicher Theologie erinnern an die Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung im Kontext des Jahres 1934 und versuchen gleichzeitig, ihre überzeitliche Aktualität aufzuspüren.
Die erste der sechs Thesen und Verwerfungen von Barmen behandelt Petra Bahr unter der Fragestellung: „Worauf hören? Die Kirche des Wortes und die Macht der Bilder“. In diesem prägnanten Vortrag rekonstruiert die EKD-Kulturbeauftragte die ungeheure Wirkmächtigkeit und Faszination der nationalsozialistischen Bilderwelt, die nicht zuletzt die Christen und Christinnen in ihren Bann gezogen hatte. Durch den Erfolg seiner Bilder sei der Nationalsozialismus so erfolgreich und die Machtergreifung nur über die „Machtergreifung der Herzen“ möglich gewesen (16). Gegen diese Bildermacht richte sich die erste Barmer theologische These mit ikonoklastischem Einspruch. Ins Aktuelle gewendet bedeute dies, die Bildermächte infrage zu stellen und professionell mit Bildern und Medien umzugehen, d.h. dem WORT die Möglichkeit zu schaffen, gehört zu werden.
Margot Käßmann fragt nach den aktuellen Herausforderungen der zweiten Barmer These, nach dem „Was tun – was lassen? Die Kirche der Freiheit und der Zwang zur Effizienz“. Dabei nimmt sie insbesondere den jüngsten EKD-Reformprozess ins Visier, um Missverständnisse aufzuklären. Es gehe nicht um Mitgliederstatistiken, sondern um den Ansatz jedweder Kirchenreform, nämlich Jesus Christus und die durch ihn geschehene Freiheit. So möchte die neue EKD-Ratsvorsitzende bei den Menschen die Sehnsucht nach dem Glauben wecken: „Wer ein Schiff bauen wolle, solle nicht Baupläne verteilen, sondern die Sehnsucht nach dem Meer wecken“, schreibt die EKD-Ratsvorsitzende. Dass es ihr gelingt, diese Sehnsucht bei vielen anzusprechen und den Mut zum Handeln zu fördern, zeigen nicht zuletzt ihre Bücher in den Bestsellerlisten …
Um die Gestalt der Kirche in gesellschaftlichen Umbrüchen und die Frage, woran man sich orientieren könne, geht es dem Heidelberger Professor für Systematische Theologie Michael Welker in der Auslegung der dritten Barmer These. Zunächst kritisiert er die Rede von der „Gemeinde von Brüdern“, indem er die rasante Entwicklung der zunehmenden Partizipation von Frauen am universitären und kirchlichen Leben in den letzten Jahrzehnten Revue passieren lässt. In der Einladung zu Barmen hatte es selbstverständlich geheißen, Männer seien zu entsenden – und tatsächlich fand sich unter den 138 Synodalen nur eine Frau. Die Aussage, die christliche Kirche sei eine Gemeinde von Brüdern, sei vor allen Dingen deswegen zu kritisieren – nicht weil sie nicht zeitgemäß wäre, sondern weil sie noch nie geistgemäß war. Schließlich erinnert Welker noch daran, dass die Barmer Theologische Erklärung zur Judenverfolgung schweigt.
Der Evangelische Militärbischof und Landessuperintendent der Lippischen Landeskirche Martin Dutzmann legt dar, wie sich im Anschluss an die vierte Barmer These kirchliche Führungsaufgaben begreifen lassen. Auch er geht zu Beginn seines Vortrages darauf ein, dass innerhalb der Kirche „die Einführung des nationalsozialistischen Führerprinzips von vielen mit großer Sympathie aufgenommen wurde“ (78f.). Wie Leitung in einer Dienstgemeinschaft von Brüdern und Schwestern zu verstehen ist, dekliniert er anhand seiner biographischen Stationen durch: Alle müssten einander als Gleiche anerkennen; es müsse Transparenz herrschen; die besonderen Kenntnisse und Fertigkeiten sowohl von Amtsträgern als auch von „Laien“ sollten anerkannt werden; nicht Einzelne sollen den Kurs bestimmen, sondern Mehrheiten; und schließlich kann und muss Leitung in der Kirche in unterschiedlichen Kontexten ein verschiedenartiges Gesicht haben, d.h., Leitung einer Gemeinde bedeutet etwas anderes als eine Leitungsfunktion innerhalb des Militärapparates.
Wolfgang Huber interpretiert die fünfte Barmer These vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise im Hinblick auf die Rolle von Kirche und Staat angesichts einer globalen Ökonomie. Zunächst konstatiert er, dass die Zeit der Grabenkämpfe theologischer Schulen vorbei sei, eine Gegenüberstellung von neulutherischer Zwei-Reiche-Lehre und der Königsherrschaft Jesu Christi sei verfehlt. So müsse man mit Barmen über Barmen hinaus, d.h., Wolfgang Huber würdigt die Errungenschaften der Barmer Theologischen Erklärung, macht aber gleichzeitig auf ihre – auch zeitbedingten – Defizite aufmerksam, wie etwa das Fehlen der Rede von der Gesellschaft. In einer globalen Welt mit entfesselter Ökonomie sei es die Aufgabe des Staates, regulierend einzugreifen, und die Aufgabe der Kirche, nicht Politik zu machen, aber Politik möglich zu machen.
Die Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen, Johanna Haberer, die übrigens leider im Autorenverzeichnis fehlt – was wohl auch dem raschen Erscheinen des Buches rund sechs Wochen nach dem letzten Vortrag geschuldet sein dürfte –, hatte von den Veranstaltern der Vortragsreihe den Auftrag erhalten, über „Wozu verkündigen? Die Kirche und die Quote“ zu sprechen. Zu Beginn plädiert sie für das absichtslose prophetische Wort – absichtslos seitens der Menschen, aber mit voller Absicht durch Gott. Angesichts der sechsten und letzten Barmer These, die vom Öffentlichkeitsauftrag der Kirche handelt, differenziert sie zwischen Öffentlichkeitsanspruch des Evangeliums und Öffentlichkeitsauftrag der Gesellschaft und des Staates bezüglich der Institution Kirche. Davon ausgehend analysiert sie sehr genau einige EKD-Kampagnen der vergangenen Jahre und fordert eine Ausrichtung auf die Inhalte – z.B. auf das Sonntagsgebot – anstelle der Sympathiewerbung für die Institution Kirche. Quoten können ein Indiz für den Heiligen Geist sein, aber herbeizwingen könne man ihn nicht.
Der letzte – leider recht kurze Beitrag – Beitrag stammt von einem der profiliertesten Theologen Ostdeutschlands, Heino Falcke, Probst i.R. Er bilanziert den orientierenden und kritischen Beitrag der Barmer Theologischen Erklärung für die Rolle der Kirchen in der DDR. So sei gerade die erste These mit ihrem herrschaftskritischen Impetus die fundamentale Orientierung für den Weg der Kirchen in der DDR gewesen. Die zweite These mit ihrer Christuszentrierung habe Ansätze für eine Befreiungstheologie im real existierenden Sozialismus geboten. Wie bei einem Blick durch eine Linse erlaubt dieser Beitrag eine Sicht auf die Stellung der Kirchen in der DDR zwischen dem Anspruch auf radikaler Systemkritik und dem Alltag einer Kirche im Sozialismus.
Das Buch sei all jenen empfohlen, die sich in Kirche oder Theologie mit der Barmer Theologischen Erklärung und ihrer Bedeutung nach über 75 Jahren auseinandersetzen. Ein Kapitel der jüngsten Kirchengeschichte, das es regelmäßig zu erinnern und zu befragen gilt.
Rajah Scheepers, Berlin/Erfurt
Begründete Freiheit. Die Aktualität der Barmer Theologischen Erklärung. Mit Beiträgen von Petra Bahr, Martin Dutzmann, Heino Falcke, Johanna Haberer, Wolfgang Huber, Margot Käßmann, Michael Welker. EVANGELISCHE IMPULSE Band 1, hg. im Auftrag der Union der Evangelischen Kirchen in Deutschland (UEK) von Martin Heimbucher. Paperback - ca. 160 Seiten. ISBN: 978-3-7887-2388-0 - Preis: 14,90 Euro [D] (15,40 Euro [A] - 27,30 CHF)

