37 Grad: Kein Schritt ohne Risiko. Als Soldat in Afghanistan
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Für Heinz Sonnenstrahl (56) war alles anders geworden. "Nach meinem Einsatz 2006 in Afghanistan juckten mich weder eine kaputte Waschmaschine noch eine unaufgeräumte Küche. Das war mir einfach egal." Seine Lebenswirklichkeit hatte sich nach mehreren Monaten Einsatz in Kunduz verschoben. "Als er zurück war, redete er nicht mehr. Ich wusste gar nicht was mit ihm los war", beschreibt seine Lebensgefährtin Monika von Heeg (47) die damalige Situation, die sie mit vielen anderen Soldatenfrauen teilt.
Heinz Sonnenstrahl hat Eigeninitiative gezeigt: Der Hauptmann im Sanitätsdienst a.D. hat schon vor sechs Jahren eine Selbsthilfegruppe namens Scarabaeus gegründet. Das Ziel: Durch niedrigschwellige Angebote wie Arbeitsvermittlung, Hilfe bei Behördengängen traumatisierten Soldaten zu helfen, den Weg zurück ins Leben zu finden. "Denn wenn Zeitsoldaten aus der Bundeswehr entlassen werden, kümmert sich kaum einer um deren Probleme", sagt Sonnenstrahl.
Nach offiziellen Angaben hat sich die Zahl der unter postraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leidenden Soldaten im vergangenen Jahr verdoppelt. Experten der Bundeswehr gehen aber von deutlich mehr psychisch erkrankten Soldaten aus, da nur diejenigen erfasst werden, die auch bei der Bundeswehr selbst behandelt werden. Rund 20 Prozent der Afghanistan-Rückkehrer, so die geschätzte Dunkelziffer, leiden unter der PTBS. Da aber die meisten die Anfangssymptome nicht ernst nehmen, bricht die psychische Erkrankung oft erst später aus. "Da reicht ein Geruch oder ein alltägliches Erlebnis, um die schrecklichen Bilder hochzuholen und die ehemaligen Soldaten in eine Lebenskrise zu stürzen", sagt die Traumatherapeutin Tina Mannfeld. Sie arbeitet am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg, zu ihren Patienten gehört Bernd Engler.
Der 49-jährige Oberstabsfeldwebel war in der Luftüberwachung in Kunduz eingesetzt. Immer wieder war er wie seine Kameraden Raketenangriffen ausgesetzt. Als er zurück in seinen Dienst nach Deutschland versetzt wurde und das erste Mal wieder vor einem Radarschirm saß, war er nicht mehr fähig, professionell zu reagieren und konnte einfach nicht reden. Eine erste Therapie im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus brachte nicht den gewünschten Erfolg.
Jetzt beginnt er eine zweite Therapie, ebenfalls in Hamburg. "Ich hoffe sehr, dass ich aus meinen Aggressionen raus komme", sagt Engler. Denn nicht nur die Ehe, sondern auch sein berufliches Leben droht sonst in die Brüche zu gehen. Wie bei vielen Rückkehrern aus Afghanistan. Englers Frau Margit steht trotz allem zu ihm. "Ich werde doch meinen Mann in so einer Situation nicht im Stich lassen!"
Auf seine Frau kann sich auch Tino Käßner verlassen. Vor fünf Jahren verlor der jetzt 34-jährige Soldat in Kabul durch ein Selbstmordattentat ein Bein. Heute ist er Deutscher Meister im Behindertenradrennen und bereitet sich auf die Paralympics vor. Seine Frau Antje war und ist immer für ihn da. Jetzt erst, nach fünf Jahren, denkt sie darüber nach, "selber mal Luft zu holen". Tino Käßner ist sich seiner Verantwortung bewusst. Als Botschafter engagiert er sich für die neu gegründete "Deutsche Kriegsopferfürsorge", die kriegsversehrten Soldaten zur Seite steht.
Die "37 Grad"-Reportage "Kein Schritt ohne Risiko" beleuchtet das Leben nach der Rückkehr aus dem Krieg. Wie werden Soldaten mit ihren Erinnerungen fertig? Finden sie Gehör in einer Gesellschaft, die selbst seit mehr als 60 Jahren keinen Krieg mehr erlebt hat? Autor Klaus Balzer begleitet Heinz Sonnenstrahl bei seinem Engagement für traumatisierte Soldaten und zeigt die Belastungen, denen Sonnenstrahls Beziehung zu seiner Lebensgefährtin ausgesetzt ist.
Er ist zu Hause bei Bernd Engler und begleitet ihn in seiner zweiten Therapie. Er erinnert sich mit Tino Käßner an den Anschlag in Kabul. "37 Grad" zeigt aktuelle Bilder aus dem Feldlager der Bundeswehr in Kunduz und schildert, wie Soldaten im Einsatz mit dem täglichen Risiko und den seelischen und körperlichen Verletzungen leben.
ZDF, Dienstag, 02.03., 22:15 – 22:45 Uhr

