Kanzel, Kreuz und Kamera

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Kanzel, Kreuz und Kamera

Zur Gottesdienstübertragung im ZDF versammelt sich an jedem Sonntagmorgen eine Fernseh-Gemeinde von knapp 1 Million Zuschauern. Ein Kirchengebäude für eine Gemeinde solchen Ausmaßes findet man in deutschen Landen an keinem anderen Ort. Das Fernsehen macht's möglich. Doch ist das Fernsehen überhaupt ein adäquater Ort für eine feiernde Gemeinde, die über die Republik verstreut wohnt und in einer nur medial vermittelten Weise an demselben Ort gegenwärtig ist? Die Fernsehgottesdienste haben im Laufe ihrer 25-jährigen Geschichte einen diskursiven Weg zurückgelegt, bis sie kirchlich als berechtigter liturgischer Raum anerkannt waren. Diese kirchliche Kontroverse um das Verkündigungsformat "Fernsehgottesdienst" ist zwischen den Zeilen in dem neuen Buch "Kanzel, Kreuz und Kamera" immer wieder zu lesen. Charlotte Magin, Senderbeauftragte der EKD beim ZDF, und Helmut Schwier, praktischer Theologe an der Universität Heidelberg, bringen publizistische Erfahrungen aus der Medienarbeit und homiletische Entwürfe in einem Handbuch für die Gemeinde-Praxis zusammen. Das Buch will Impulse aus der Inszenierung von Liturgie und Predigt im Fernsehen aufnehmen und für die Arbeit in der Ortsgemeinde fruchtbar machen.

Jedem Fernsehgottesdienst geht eine viele Wochen dauernde Projektphase voraus, die schließlich in einem Drehbuch mündet. Das Drehbuch regelt Minuten genau den Ablauf von Orgel, Gebet, Predigt und Lied: 45 Minuten dauert die Live-Übertragung im Fernsehen. Einen Nachschlag wie bei Gottschalks "Wetten dass..."  gibt es freilich nicht. Auf den "Roten Faden" eines Gottesdienstes komme es da in besonderer Weise an, so die Autoren des Buches. Das Konzept der thematischen Einheit und das Kriterium der Verständlichkeit empfehlen Magin und Schwier, bei jedem Gottesdienst in der Gemeinde konsequent anzuwenden. Obwohl es der Fernsehgottesdienst mit seiner notwendigen, weil mediengerechten Betonung des Bildhaften leichter hat, sich von der offiziellen Liturgie zu emanzipieren, wirkt das Buch nicht abgehoben und vermeidet pauschale Urteile über die vermeintlich zu verbessernde Situation in den Gemeinden. Aber angesichts der Erlebnisse in den Fernseh-Gemeinden stellen die Autoren durchaus heikle Fragen: So die Frage nach der freien Rede in der Predigt, nach der konsequenten Beteiligung der Gemeinde oder nach der Dramaturgie von Liturgie, die weit mehr ist als eine Inszenierung von Scheinwelten. Mutig wird die in der Theologie eher gemiedene Kategorie der "Atmosphäre" herausgestellt. Nur eine einladende Atmosphäre hält den Zuschauer am Bildschirm. Die Einschaltquote ist sicherlich nicht die schlechteste Motivation für die Gestaltung von Gottesdiensten. "Liebe Deinen Zuschauer wie Dich selbst" heißt eine Grundorientierung in der Rundfunk-Homiletik. Diese Maxime ist sicher eine provokante, aber doch heilsame Zuspitzung des Anliegens, niemals die Lebenswelt der Zuschauer aus dem Blick zu verlieren.

Besonders lesenswert sind die abgedruckten Drehbücher ausgewählter  Gottesdienste. Viele der angebotenen Checklisten zur Gestaltung von Gottesdiensten helfen vor allem den Gemeinden, die sich aktuell auf eine Fernsehübertragung vorbereiten. Der Fernsehgottesdienst ist ein besonderer Ernstfall medialer Verkündigung, wobei die Konsequenz seiner Inszenierung beeindruckt und die Notwendigkeit zur Innovation motiviert. Das Evangelium im Alltag des Menschen zur Sprache zu bringen und zu verbildlichen, steht gerade nicht im Widerspruch zu der Tatsache, dass die Zuschauer nebenbei Frühstücken oder im Bett liegen könnten. Dass sie vor dem Fernseher ein Kerze anzünden, mag eher der frommer Wunsch des Theologen bleiben. Aber immerhin schalten nur wenige auf ein anderes Programm weiter.

Tom O. Brok

Charlotte Magin / Helmut Schwier: Kanzel, Kreuz und Kamera. Impulse für Gottesdienst und Predigt, Beiträge zu Liturgie und Spiritualität Band 12, Leipzig 2005, 214 S., 18,80 Euro.

Magin / Schwier: Kanzel, Kreuz und Kamera, Leipzig 2005, 18,80 Euro.



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