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Was hat Astrologie mit dem Christentum zu tun?

Melanchthon war einer der populärsten Astrologielehrer der Zeit

Von Eduard Kopp

Er war einer der wichtigsten Reformatoren in Deutschland: Philipp ­Melanchthon (1497-1560). In Wittenberg verband ihn eine enge Freundschaft mit Martin Luther, aber sie hatten auch einen klaren Dissens: über die Bedeutung der Sterne für den Lauf der Welt. Melanchthon war einer der populärsten Astrologielehrer der Zeit.

Mit seinen astrologischen Vor­lesungen zog er mehr als 2.500 Studenten in seinen Bann. Nie vor oder nach ihm kam der Sterndeutung im akademischen Betrieb ein solcher Stellenwert zu. Eine seiner Reden ist sogar in der Schriftensammlung "Corpus Reformatorum" enthalten, andere gingen in das Lehrwerk "Einführung in die Physik" ein. Melanchthon übertrug auch die astrologischen Bücher des antiken ­Wissenschaftlers Ptolemäus ins Deutsche und kommentierte sie.

Was hat die Astrologie mit dem Christentum zu tun? Das Verbindungsglied ist der Wunsch, den Willen Gottes zu verstehen und seine Pläne mit den Menschen vorauszusehen. Zwischen dem, was auf Erden, und dem, was im weiten Kosmos geschah, glaubte man klare Zusammenhänge zu sehen. Die Astrologie galt lange nicht als Rivalin eines frommen, bibelorientierten Glaubens, sondern als ein weiterer Weg zu Gott. Nicht auf die Gestirne selbst, sondern auf ihren Schöpfer richtete sich die eigentliche Aufmerksamkeit.

Auch wenn im vierten Jahrhundert die christlichen Konzilien ihren Mitgliedern das Erstellen und Einholen von Horos­kopen verboten - was bald auch ins staatliche Recht geschrieben wurde -, hielt sich die Sterndeutung: Päpste beschäftigten persönliche Astrologen, in mittel­alterlichen Kirchen wurden astrologische Uhren aufgestellt, Klöster forschten weiter. Erst im späten 17. Jahrhundert mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften war Schluss mit der Astrologie an den Universitäten, wie Christine Lindemann in ihrem Buch "Die Handschrift ­Gottes lesen - Astrologie" beschreibt.

Und heute? Haben die Sterne einen Einfluss auf den Lauf der Dinge? Eine ­direkte Kausalität anzunehmen, gilt in den modernen Geisteswissenschaften als Vulgärastrologie. Ein eindeutiger Zusammenhang lässt sich empirisch weder be- noch widerlegen, er ist Glaubenssache. Wer sich heute mit Astrologie befasst, muss sich darüber Rechenschaft ablegen, ob die erwarteten Ereignisse nicht sowieso eingetreten wären. Horoskope in Zeitschriften funktionieren nur dann, wenn man ihre Prognosen unbedingt für wahr halten will - oder Spaß am Spiel hat.

Vielfach verbirgt sich hinter den Interessen an der Astrologie eher eine Art Psychologie: Welche Stärken und Schwächen habe ich - in welche Richtung kann ich mich weiterentwickeln? Das wäre noch harmlos. Sie aber als Vorausschau konkreter Ereignisse zu verstehen, wäre naiv. Das gehört in die Zeit von General Wallenstein, der sich während des Dreißigjährigen Krieges von seinem Astrologen Johannes Kepler die persönliche Zukunft und den Ausgang von Schlachten voraussagen ließ - und das nicht immer zutreffend.

Die eigentliche Intention der Astrologie war, den Menschen die kosmischen Ab­läufe, die "ewige Zeit", vor Augen zu führen. So wie die Termine von Kirchenfesten, zum Beispiel von Ostern, nicht beliebig fest­gelegt, sondern nach astronomischen Regeln bestimmt wurden (zur Tagundnachtgleiche), so suchten die Menschen eine Harmonie mit der ganzen Schöpfung. Und sie empfanden angesichts dieser endlosen Himmelsweiten tiefen Respekt - ganz auf der Linie des Psalmtextes: "Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?" (Psalm 8,4f.).

Eines späten Abends, so heißt es, sind Martin Luther und Philipp Melanchthon auf dem Rückweg nach Wittenberg. Vor der Elbbrücke stockt Melanchthon. Luther fragt nach und erfährt: Ein Astrologe hatte Melanchthon geraten, im Dunkeln große Wasser zu meiden. Nun stand der große Denker ängstlich da. Die Geschichte soll so weitergegangen sein: Die beiden suchen einen Gasthof auf, und Luther kommentiert: "Der Philipp Melanchthon schaut in die Sterne, ich auf den Grund meines Känn­lein Bieres. Das Ergebnis ist das Gleiche. Du willst nicht nach Hause, weil du Angst vor dem Wasser hast - und ich, weil ich noch was trinken will."

Zur Person

Wer war Philipp Melanchthon? Wie müssen wir ihn uns vorstellen? Als Theologe schrieb er die erste Systematik der neuen, reformatorischen Theologie.
Wunderkind hat man ihn gerufen und Martin Lutehr nannte ihn mit Vorliebe "den kleinen Griechen".

Spurensuche

Nicht nur in Deutschland hat Melanchthon seine Spuren hinterlassen und Kirche und Gesellschaft geprägt. Tipps und Hinweise für Reisen im Melanchthonjahr.

Bildung und Politik

Melanchthons Einflüsse auf Politik, Gesellschaft und Bildung sind auch heute noch deutlich erkennbar. Dass Gmynasien nach dem "Lehrer Deutschlands" benannt werden, ist da schon fast etwas Alltägliches.


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Publikationsdatum dieser Seite: Dienstag, 23. Juni 2015 09:53