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Im 21. Jahrhundert wandelt sich Wissen schneller, als man denken kann. Aber schon Philipp Melanchthon hat seine "Loci communes" wie ein Wikipedia des Glaubens behandelt und immer wieder überarbeitet. Die Versionen seines Werks als Wiki-Artikel: auch das funktioniert!
Von Nicole Kuropka
Wer etwas schnell wissen will, schaltet den Computer ein, tippt einen Suchbegriff in die Internetsuchmaschine ein, startet die Suche und fertig. Auf dem Bildschirm flimmert eine Auswahl an Webseiten. Beim Stichwort "Gott" ermittelt die Suchmaschine in 0,2 Sekunden über 37 Millionen Treffer. Wo anfangen zu lesen? Soll man der Suchmaschine glauben, dass die zuerst aufgeführten Seiten die wichtigsten sind, oder die Suchanfrage verfeinern?
Schon vor 800 Jahren gab es für Fragen der Religion eine "Suchmaschine", selbstverständlich in Buchformat, verfasst von einem gewissen Petrus Lombardus (ca.1100-1160). Der Lombarde, so nannte man sein Standardwerk, war damals so bekannt wie heute die einschlägigen Internetsuchmaschinen. In vier Büchern hatte er die Inhalte der wichtigsten theologischen Lehrer und Schriften thematisch sortiert, zusammengefasst und mit Querverweisen zu deren originalen Büchern versehen. Auch das Stichwort "Gott" findet sich dort. Mit zahlreichen Verweisen zu den vollständigen Titeln und Seitenangaben. Wer dann den ganzen Text lesen wollte, musste - ähnlich wie wir heute - die angegebene Seite im angegebenen Buch nachschlagen.
Wer "Gott" beim Lombarden nachschlägt, muss 210 Kapitel sichten und erlebt vermutlich eine ähnliche Verzweiflung wie bei den 37 Millionen Treffern im Internet: Wo anfangen zu lesen? Eine prominente Suchmaschine weist mit ihrem ersten Treffer zu "Gott" auf einen Artikel bei Wikipedia, einer Internet-Enzyklopädie. Systematisch gegliedert wird dort versucht, möglichst umfassend das Thema zu behandeln. Mehrere Autoren arbeiten an jedem Artikel. Sie überarbeiten ihn ständig, mühen sich um Verbesserungen, Aktualität und mehr Präzision in den Aussagen. Manchmal muss auch ein Artikel ganz neu verfasst werden, weil er den Anforderungen der Internetgemeinde nicht mehr reicht. Sehr viele Artikel sind in mehreren Sprachen abrufbar.
Aktualität und sinnvolle Systematik lagen auch Philipp Melanchthon am Herzen. Eine erschlagende Informationsvielfalt reichte ihm nicht. Er sah, wie notwendig es ist, schnell und treffsicher informiert zu sein. So hat er zu Beginn der Reformation ein "Wikipedia des Glaubens " verfasst. Drei Jahre nach seiner Ankunft in Wittenberg fasst Melanchthon die Hauptaussagen des evangelischen Glaubens systematisch zusammen. Sein Werk nannte er auf Lateinisch "Loci communes ", und später auf Deutsch "Heubtartikel ", die zentralen Grundgedanken. Wie die Wikipedia-Autoren hat auch Melanchthon die "Loci communes" immer wieder überarbeitet. Sein "Wikipedia des Glaubens" sollte stets aktuell bleiben. Neben zahlreichen Neuauflagen mit kleineren Änderungen hat er die "Loci communes" dreimal völlig neu geschrieben. Andere haben zeitgleich seine Arbeit in viele Sprachen übersetzt, unter anderem ins Deutsche. So fand dieses Grundlagenbuch europaweit Verbreitung.
Was man in den "Loci communes" nachschlagen kann? In der Einleitung zur ersten Auflage schreibt Melanchthon: "In diesem Buch werden die wichtigsten Hauptpunkte der christlichen Lehre vermittelt, damit die Jugend versteht, was sie beim Lesen der Heiligen Schrift beachten muss. Ich tue das nicht, um von der Heiligen Schrift abzulenken, sondern um zum Lesen der Heiligen Schrift einzuladen. Danach folgen unter anderem Abschnitte über den menschlichen Willen, die Sünde, das Gesetz, das Evangelium und die Rechtfertigung." Auf der Suche nach einem Stichwort "Gott" werde man in dieser ersten Auflage allerdings nicht fündig. Denn, so urteilt Melanchthon, jahrhundertlang sei über Gott, die Dreieinigkeit und das Geheimnis der Entstehung der Welt mit nichtssagenden Worten geschwätzt worden, ohne dass man dabei irgendetwas Wichtiges gelernt hätte. Daher nur Folgendes: "Die Geheimnisse Gottes sollten wir lieber anbeten als sie erforschen."
