Sterben à la carte: Patientenverfügungen – Fluch oder Segen?

Tacheles am 1. November aus der Marktkirche Hannover

24. Oktober 2005

Wie selten zuvor bewegte das Sterben eines Menschen weltweit die Gemüter: Mit dem Tod der US-Amerikanerin Terry Schiavo startete eine Debatte über Sinn und Nutzen von Patientenverfügungen, wie sie kontroverser nicht sein könnte. Derzeit haben in Deutschland rund sieben Millionen Menschen eine Patientenverfügung unterschrieben, die aber unterschiedlich ausgelegt werden kann. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat zusammen mit der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) schon in mehreren Auflagen eine Christliche Patientenverfügung auf den Markt gebracht. Eine gesetzliche Regelung wird auf Bundesebene angedacht. Doch Gesetze können den Menschen die Unsicherheit nicht nehmen, meinen Kritiker. So bleibt die Frage, ob Patientenverfügungen tatsächlich der Schritt in die richtige Richtung für ein würdevolles Leben und Sterben sein können. Darüber diskutieren in der Talkshow „Tacheles“:

Der Vizepräsident im Kirchenamt der EKD Hermann Barth ist Mitglied im Nationalen Ethikrat. Er spricht sich für eine gesetzliche Regelung aus: „Menschen sollen in Zeiten, in denen es ihnen noch gut geht, Entscheidungen für schlechtere Zeiten treffen können und die Sicherheit haben, dass der persönliche Wille auch umgesetzt wird.“

Der Psychiater Prof. Klaus Dörner kritisiert Patientenverfügungen. Heute könnten z. B. 95 Prozent aller schweren Schmerzzustände so zufriedenstellend behandelt werden, dass die Betroffenen keineswegs "dahindämmern" müssten. Ein vorab erklärter Therapieverzicht missachte die Würde aller Beteiligten.

Der Arzt Peer Juhnke war durch den Familienstreit nach dem Tod seines Vaters Harald Juhnke persönlich betroffen. Er appelliert an alle, eine Patientenverfügung zu hinterlassen. „Jeder Mensch soll bei klarem Verstand festlegen, wer sich um einen kümmern soll, wenn man selbst nicht mehr entscheiden kann.“

Jeder solle sich bewusst zu Lebzeiten damit auseinandersetzen, wie er sterben und wie er nicht sterben will, sagt Meta Janssen-Kucz, Mutter eines verstorbenen jungen Mädchens und Landtagsabgeordnete der Grünen. „Eine gesetzliche Regelung, die individuell abgestimmt ist, entlastet die Angehörigen. Und ich kann entscheiden, ab wann für mich die menschliche Würde verletzt wird."

Walter Ullmer pflegt seit 14 Jahren seine im Wachkoma liegende Ehefrau. Er fürchtet, dass Patientenverfügungen dazu führen, dass lebenserhaltende Maßnahmen eingestellt werden, obwohl das Sterben noch nicht begonnen hat. "Ich kann und will nicht über mein Leben oder das Leben Anderer verfügen, weil ich nicht bestimmen will, ob ein Leben lebenswert ist."

Die Ausstrahlung bei Phoenix, dem Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF, ist am Mittwoch, 2. November, 17.00 Uhr sowie am Samstag, 5. November, 22.15 Uhr und am Sonntag, 6. November, 17.00 Uhr.

Hannover, 24. Oktober 2005

Pressestelle der EKD
Kerstin Kipp / Christof Vetter

Weitere Informationen im Internetangebot von "Tacheles"

Die Christliche Patientenverfügung von EKD und DBK



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