Predigt in der St. Andreas Kirche zu Eisleben

Klaus Engelhardt

18. Februar 1996

 Liebe Gemeinde!

Martin Luther war zeitlebens von der Bibel gefesselt. In immer neuen Anläufen hat er sie ausgelegt. Wenige Tage vor seinem Tod stand er noch viermal hier in der Eislebener Andreaskirche auf dieser Kanzel und predigte. Wenn er die Bibel erklärte, horchten die Leute auf, quer durch alle Stände. Sie spürten: Die Bibel hat für das eigene Leben und für die Weltverhältnisse, für das persönliche Schicksal, wie für Politik und Wirtschaft viel zu sagen. Für Luther ist die Bibel das nie ausgelesene Buch geblieben.

So sollte uns heute die Bibel wieder packen! Aber wo anfangen, sich festmachen in diesem großen Buch?

Luther zeigt uns den Weg. Er konzentrierte sich immer wieder gerne auf e i n bestimmtes Buch in der Bibel: die Psalmen. Sie sind ihm unter den biblischen Büchern das liebste Buch. E i n Psalm hat es ihm besonders angetan. Zu Psalm 118 erklärt er, "daß ich diesen Psalm als meinen Psalm rühme". Und dort ist es e i n Vers, der ihm in die Augen springt. Er nennt ihn das Meisterstück des Psalms: " Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen."

Um von der Bibel gepackt zu werden, müssen wir nicht gleich die ganze Bibel begreifen. Es gilt, jenen Haft- und Haltepunkt zu entdecken, an dem unser Suchen nach Antwort nach Lebensfragen, unsere Sehnsucht und Hoffnung, die Erfahrung aus dem kleinen, eigenen Leben und aus dem großen Lauf der Welt zusammenkommen. Dann kann in einem einzigen Vers, wie in einem Kristall, in dem sich das Licht bündelt, Gottes Wort so zu funkeln beginnen, daß wir spüren: Gott hat Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um mich, gerade mich unüberhörbar anzusprechen.

"Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen." - Wenn das doch wahr wäre in unserer Welt mit den vielen Todesspuren. "Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen./ Wer ist, der uns Hilfe bringt, daß wir Gnade empfangen?" Das ist manchmal die Grundmelodie unseres Lebens und nicht erst, wenn die letzte Stunde geschlagen hat. Tod ist Beziehungslosigkeit, wie wir sie vielfältig erleben: wenn Ehen zerbrechen, Ausländerheime brennen, Arbeitslosigkeit Menschen ins Abseits drängt, Krankheit Lebensplanungen zunichte macht; wenn wir Zeugen von Erpressungen und Geiselnahmen werden; wenn wir Nachrichten hören und Bilder sehen von Kriegen und Bürgerkriegen mit unvorstellbaren Unmenschlichkeiten; wenn wir bei uns selbst hin- und hergerissen werden zwischen Gut und Böse, unfähig, das erkannt Notwendige zu tun; wenn wir Hilde Domin, der hochbetagten Heidelberger Schriftstellerin, recht geben müssen: "Wir, verurteilt zu wissen und nicht zu handeln"; wenn uns über Versäumnisse oder über Unrecht, das wir getan haben, das Gewissen schlägt. Todesspuren allenthalben! Luther hat diese dunkle Seite nicht verdrängt. Sein eigenes Leben, Kirche und Welt sieht er im Kampf zwischen Gott und Teufel. Seien wir doch nicht so oberflächlich aufgeklärt, um über solche Menschen- und Weltsicht erhaben zu sein! Da ist die dunkle Erfahrung, wie mitten in unsere scheinbar helle Welt das Böse einbricht. Das Böse, die Sünde bleibt in Urdatum. Keine Psychologie kann sie weginterpretieren oder in Gefühle auflösen, keine Soziologie kann sie auf Milieueinflüsse reduzieren. Luther hat sich nichts vorgemacht. Unseren Vers auslegend erklärt er: "Kein Kaiser kann eine Stadt mit solcher Gewalt stürmen wie der Teufel ein Gewissen stürmen kann." Das ist Todeserfahrung mitten im Leben. Können wir dem standhalten? Wenn die Bibel hier stumm bleibt, wenn hier nicht ein Bibelwort in diesen Todeszusammenhang hinein zum rettenden Lebenswort für mich wird, dann sollte ich die Bibel zugeschlagen lassen.

"Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen." Wir verstehen, warum für Luther vor dem Hintergrund seiner dunklen Erfahrungen dieser knappe Vers zu einem Meisterstück gegen den Tod geworden ist. Wir ahnen, daß dieses Wort auch uns Boden unter die Füße geben kann. Nicht sterben, sondern leben! Leben, ohne sich ständig auf den vielfältigen Todesspuren zu verirren, ohne von der Todeskultur unserer Welt erschreckt, manchmal auch erschüttert und umgeworfen zu werden. Wie ist das möglich?

Hier in der Eislebener Andreaskirche gibt es einen sogenannten "Gnadenstuhl". Das ist ein altes mittelalterliches Motiv. Gottvater hält den Gekreuzigten im Schoß, er hält den Gekreuzigten der Welt vor. Was soll da? Jesus Christus ist unendlich mehr als ein großer, vorbildlicher Mensch. Er gehört ganz auf die Seite Gottes. Aber nicht, um weit weg von uns zu sein, sondern um am Kreuz mit aller göttlichen Leidenschaft den vielfältigen Tod, der uns auf Schritt und Tritt zusetzt, auf sich zu ziehen, von uns wegzuziehen. Auf das Kreuz Christi laufen alle Todesspuren zu, damit wir Menschen gerettet sind vor uns selbst. Hier kann "der ganze Mensch in das Evangelium kriechen", hat Luther einmal plastisch gesagt.

Wir haben uns im letzten Jahr um das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Köpfe heißgeredet. Kann der Gekreuzigte der Öffentlichkeit zugemutet werden? Für Luther ist das Kreuz das untrügliche Ereignis, daß es von Gott her Rettung gibt, daß wir mitten in der Todeswelt vom Leben umfangen, zum Leben befreit sind. Von daher verliert dann für ihn das Sterben zwar nicht seinen Schrecken, aber es ist der Durchgang zum Leben, damit wir noch einmal ganz neu und ganz überraschend, ja überwältigend erfahren, daß uns Gott mit seinem unbegreiflichen Erbarmen nicht losläßt.

"Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen." Wir sind geretteter als wir wissen. Wer sich davon das Herz anrühren läßt, wird ein dankbarer Mensch. Dankbarkeit verklärt das Leben nicht in eine heitere Show, die alles Dunkle und Widrige locker übergeht. Das wäre eine sträflich fromme Harmlosigkeit. Dankbarkeit ist das Staunen darüber, daß wir über unauslotbaren Abgründen, die wir manchmal nur ahnen, von Gott gehalten werden. Dies nicht gelten zu lassen, ist Undankbarkeit - für Christen "das allerschändlichste Laster". Luther kennt den unheimlichen Sog in jene larmoyante Grundstimmung, da wir "Himmel und Erde vollschreien mit Klagen und Heulen, Murren und Flüchen". Und darum ist ihm dieser Psalm so wichtig geworden, in dem nichts beiseite geschoben wird; in dem von Angst die Rede ist, von Ohnmacht und Ausgeliefert sein an die Willkür des Menschen. Trotzdem bleibt er dabei. "Danket dem Herrn. Seine Güte währet ewiglich." Nicht die Todesmächte, das immer nur Negative haben das letzte Wort. Nein! Gott ist ganz und gar auf unsere Seite getreten, und nun befreit er uns, der Welt dieses Eintreten Gottes zuzurufen, allem Dunkel zum Trotz.

Aus solcher Dankbarkeit erwachsen Entschlossenheit und Kraft, die Welt und die Kirche nicht sich selbst zu überlassen, sondern sich einzumischen, mitzumischen, sie zu verändern. Luther hatte seine letzte Reise hierher nach Eisleben angetreten, um politischen Streit zwischen den beiden Mansfelder Grafen zu schlichten. Seine letzte Tat - eine Friedensmission! 1989 ist diese Andreaskirche ein Gebetshaus für den Frieden geworden. Aus ihren Mauern, wo sich unzählige Menschen zu den Friedensandachten getroffen hatten, ist der Friede in Lichter-Demonstrationen hinausgetragen worden auf die Straßen. Ebenso an anderen Orten in der damaligen DDR. Da spürten viele Menschen, Gläubige und Atheisten, in der Kirche Beheimatete und der Kirche Fernstehende die Kraft des Bibelwortes. Es führt über berechtigtes Beklagen der Zwänge und Widrigkeiten des Lebens hinaus: "Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen."

Wenn uns das zu Herzen geht, packen wir die Aufgaben an, die vor uns liegen trotz der Unvollkommenheit unseres Handelns. Wir sehen die Welt und die Menschen in einem neuen Licht, weil gilt, was Luther in seinem Weihnachtschoral zum Grundmotiv für Glauben und Leben von Christenmenschen gemacht hat:

Das ewige Licht geht da herein,
gibt der Welt ein' neuen Schein.

Amen.



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