Morgenandacht zur 1. Tagung der 9. Synode der EKD in Friedrichroda

Elisabeth Faber

24. Mai 1997

Wir haben vor einer Woche die Pfingstgeschichte gehört. Ich nehme für die heutige Andacht nur einen Vers heraus:

(2,47 Apg.) "Der Herr aber tat hinzu täglich, die da selig wurden, zu der Gemeinde."

und später heißt es ebenfalls in der Apostelgeschichte: 5,14:
"es wurden aber immermehr hinzugetan, eine Menge Männer und Frauen."

Erinnern wir uns: 3000 Menschen waren es allein an Pfingsten im Jahre 30 nach Christus.

Da könnte man doch neidisch werden.
Wir sind schon stolz, wenn wir weniger Austritte zu vermelden haben. Ich verweise auf Meldungen der letzten Zeit im epd: 1995 haben sich die Austrittszahlen nur wenig erhöht - große Hoffnung - große Freude? - 1996 rechnet man sogar mit deutlichem Rückgang der Austrittszahlen - wohlgemerkt nicht der Eintrittszahlen.

Nur zur Erinnerung: es waren 1995 allein 298.000 Menschen, die unserer evangelischen Kirche den Rücken kehrten.

"Der Herr tat hinzu täglich... neue Christinnen und Christen.
so war es damals.

Nun sitzen wir seit gestern im höchsten Synodalgremium unserer evangelischen Kirche in Deutschland und haben die Aufgabe nach Art. 23 unserer GO "der Erhaltung und dem inneren Wachstum der Evangelischen Kirche in Deutschland zu dienen".

"Erhaltung" nicht Austritte - Wachtum - keine Freude über Stillstand der Mitgliederzahlen.

Wie ich erst vor einigen Tagen durch einen Vortrag von Herrn Prof. Mehlhausen gelernt habe, sind wir durch das sogenannte "Siebsystem" Synodale geworden - also unsererseits, Anerkennung anderer, Wahlen, Aufgabenzuteilungen, Qualifikationen und anderes mehr.

Ich hoffe nicht, daß dieses auch heißen könnte, nur schlanke, abgerundete, glatte, stromlinienförmige Gemeindemitglieder erreichen eine Synode - diese EKD-Synode.

Zu den zitierten Sätzen aus der Apostelgeschichte zurück: sie sind durchgedrungen von Aufbrauch, Zuversicht, Hoffnung und Zukunft. Dahinter steckt die Freude, Menschen für die wichtigste Grundlage ihres Lebens zu gewinnen - für den Glauben an unseren Herren Jesus Christus, dem Auferstandenen.

Was war in den Predigten der Petrus oder der Jünger anders? besser? ehrlicher? direkter? überzeugender? glaubwürdiger? Ja, ansteckender? befreiender?

Mc. Kinsey, der Unternehmensberater schlechthin, sagt:" Das Produkt, die zeitlose Botschaft Jesu, muß kundengerecht dargeboten werden."

Da frierts mich!

Verkaufen wir ein Produkt? Müssen wir kundenoriente Unternehmenspolitik treiben? Ein anderer Unternehmensberater steigert sich noch und sagt: "Leistung muß sein, Siegertypen müssen her." - war Jesus ein "Siegertyp"

oder waren Petrus und Co. "Siegertypen", haben sie ihr Produkt zielorientiert an den Mann, an die Frau gebracht? War das "Controlling" bei der ersten Erfolgszahl 3000/pro Tag zufrieden?

Entschuldigen Sie die Ironie. Aber wie geht es Ihnen bei diesen Meldungen? Ich stelle richtig - eine gute Organisation wir Kirche und Diakonie und andere Werke - brauchen ein gutes Management - doch darum geht es im Moment nicht.

Ein in der Presse zitierter Satz aus dem Hamburger Kongreß "Unternehmen Kirche" zielt in eine andere Richtung, die mir nicht ganz unwahr erscheint: "Zur Erneuerung der Kirche ist von Seiten der Mitarbeiter eine Stärkung der Institution Kirche, die Nutzung professioneller Methoden und eine Bejahung des Glaubens notwendig und zweitens: Viele Kirchenvertreter mögen nicht über den Glauben reden."

Unsere Predigten haben auch Buße, Taufe, Vergebung und das Geschenk des Heiligen Geistes zum Empfang des Glaubens zum Inhalt - wie damals bei Petrus.

Wir predigen doch auch auf den Plätzen, wo die Menschen zu finden sind - oder gehen zumindest auf die Menschen auch außerhalb der Kirchengebäude zu - Stadien, Zelte, Fernsehen, Rundfunk, Kliniken, Arbeitswelt... Daran kann es allein nicht liegen. Wir haben eine gut ausgestattete Diakonie. Auch wie damals (s. Apg. Kap. 6) eine Ausgliederung aus der Gemeindepraxis, um Predigt und Diakonatsamt zu trennen. Sicher, um effektiver zu sein.

Mit dem Teilen und Abgeben klemmt es heute natürlich - wenn wie die Urgemeinde als Maßstab nehmen - nun gut, wir zahlen ordentlich Steuern und Sozialabgaben, aus denen die Witwen, Arbeitslosen und Arme sprich Sozialhilfeempfänger/innen bezahlt werden. Wir sitzen zwar nicht täglich bezahlt werden. Wir sitzen zwar nicht täglich beieinander, doch treffen wir uns in vielen Gruppen, Haus- und Friedenskreisen usw. und akzeptieren ein pluralistisches Nebeneinander - auch wenn es uns manchmal schwerfällt.

Zum Predigen auf dem Marktplatz noch ein Nachtrag: Wir geben doch fast jährlich eine Denkschrift oder andere gute - wirklich gute - Kirchenworte hinein in unsere Gemeinden und Gesellschaft. Wir verabschieden Anträge und Kundgebungen auf allen Ebenen, die mit dem klassischen Satz beginnen - nicht immer - aber oft - "Wir sind betroffen... - ob die Betroffenheit nicht reicht?...

Wir stellen unser Licht nicht unter den Scheffel - und sind trotzdem nicht das Licht der Welt, das viele in seinen Bann schlägt. Nun sind wir auch noch nicht das Salz, das, wenn es wirkungslos geworden ist, weggeschüttet wird und - wie es in der Bergpredigt heißt - von den Leuten zertreten wird. Soweit ist es noch nicht.

Im Gegenteil - Kirchenworte werden oft als "Verstärker" gewünscht und gefordert - und wir reagieren.

Seit ich in der EKD-Synode bin, das sind jetzt 12 Jahre, erlebe ich immer wieder, wie mit großem Sachverstand, mit aufrichtigem Glauben, wie im Hören auf die Schwestern und Brüder und wie im dialogischen, sachverständigen synodalen Abstimmungsprozeß oder auch in Kammer und Rat - hervorragende Texte in diese Zeit hinein erarbeitet, verabschiedet und veröffentlicht werden.

Sie werden gelobt, wenig getadelt - wenn dann von Kircheninternen (ein den Protestanten eigenes Geschick) - beachtet, flackern kurz auf dann ab - denn eine Ostdenkschrift gibt es nur einmal - jetzt erlangt vielleicht das Wort zur Wirtschaftlichen und Sozialen Lage in der BRD - einen ähnlichen Stellenwert - und haben doch nicht diese Strahlkraft, daß es heißt: "es kamen täglich hinzu viele...

Bei der Beschäftigung mit dieser Andacht kam mir wieder einmal das Buch von der Synode 1993 zum Thema "Leben im Angebot - Das Angebot des Lebens" in die Hand. Warum hat diese moderne Predigt nicht viel mehr Menschen erreicht? War sie für Protestanten zu einfach, zu klar und zu überzeugend? Ist sie im Verteilsystem von EKD sprich Hannover über die Gliedkirchen bis in die Gemeinden - den Christinnen und Christen vor Ort - hängengeblieben? Wir haben manchmal ein Hochmut der Theologie mit dem Anspruch der Einmaligkeit. Vielleicht reden wir lieber vom "Prozeß des Evangelisch-Seins" als von der Liebe Gottes zu allen Menschen.

Petrus und Paulus haben schon sehr schnell theologische Auseinandersetzungen geführt. Das gehört auch zur Geschichte der Gemeinde Christi. Manchmal habe ich den Verdacht, daß mit dem Begriff des "Gesundschrumpfens der trägen Volkskirche" nur Faulheit verbrämt wird. Eine Trägheit, Verkündigungssprache und Aussagen für die Menschen neben mir zu finden. Da der Begriff Mission nicht zum individuellen Handlungsbegriff mit konkreten Inhalten geworden ist, bleibt er in Zirkeln stecken.

"Durch den Glauben kommt Leben ins Leben" heißt es in der eben benannten Schrift. Mehr noch: es endet mit den Worten:
"Christen haben das Angebot eines erfüllten Lebens als Geschenk Gottes. Wir sollten nicht nur dafür dankbar sein. Wir sollten viel daraus machen - nicht allein für uns."

Was sagte der Unternehmensberater?: "Viele Kirchenvertreter mögen nicht über den Glauben reden."
und Petrus sagt demgegenüber:
..darum ist mein Herz fröhlich und meine Zunge freut sich."

Eigentlich ist es doch nicht so schwer weiterzusagen:
"Gott ist Liebe."
...und diese Liebe ist für mich und Dich da.

Wenn ich diese Aussage für mein Leben als Geschenk annehme, glaube und wenn ich es in meinem Leben erfahren darf, dann geht es mir wie Luther sagt - es ist ein Geschenk "ohn mein Zutun".

Das kann ich doch weitergeben, weitersagen, weiterleben...

damit...täglich viele hinzukommen.

Dazu möge auch unsere gemeinsame Zeit in dieser 9. Synode als Strahlkraft der Liebe Gottes dienen.

Der Herr möge uns segnen und begleiten.



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