Predigt im Abschlußgottesdienst der 1. Tagung der 9. Synode der EKD
Roland Hoffmann
25. Mai 1997
"Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!"
Liebe Schwestern und Brüder hier aus Waltershausen und Umgebung
und Sie alle, die Sie zur EKD-Synode gehören!
Wenn ich das so in die Luft male - von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge - ergibt sich eine Figur, ähnlich einem Rad mit Nabe, Speichen und Felge. Wenn die Verzahnungen stabil sind, rollt es und ist tragfähig auch durch die Schlammpisten dieser Welt.
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge - wenn das stimmt, hat Gott für uns und die Dinge dieser Welt eine Mittelpunksstellung. Jedes einzelne Ereignis auf der Peripherie hat seine Verbindung zu ihm. Von ihm her haben die Dinge und die Ereignisse ihren Sinn. Durch ihn wird unser Lebenskreis rund und kann rollen. Hat Gott eine Mittelpunktsstellung in unserem Leben, in unseren Kirchen, in der Gesellschaft?
Was ist Ihre Mitte?
Ehrlich: Im Lauf des Lebens wechseln unsere Mittelpunktswerte. Bewußt oder unbewußt sucht sich jeder seine Mitte. Sind Sie in dem Alter, in dem sich alles um die Gesundheit dreht? Wenn dem so ist, dann joggen Sie und fasten, hören auf zu rauchen und verzichten auf Süßes. Hauptsache gesund! Früher war es vielleicht die Arbeit, der Dienst, um den sich alles drehte. Davor vielleicht die Familie. Als Jugendlicher war es der Fußball oder die Liebe oder das Moped. Manche Mittelpunktswerte gelten für eine bestimmte Zeit. Schlimm ist es, wenn sie ganz wegbrechen. Dann brichts auch auf der Peripherie zusammen und es rollt gar nichts mehr. Sie kennen Zeiten oder auch Menschen, denen die Mitte fehlt. Liebeskummer ist dabei noch die kleinste Katastrophe.
Auch eine Gesellschaft hat einen Mittelpunkt. In der alten Ära war es bei uns der Frieden. Klar, dagegen konnte niemand etwas haben. Das war ein schöner runder Wert nach außen und offiziell. Es regiert aber meistens der inoffizielle Wert, der Schattenwert, der oft viel stärker ist. Wir haben in diesem Landstrich alle gewußt, daß wir eigentlich auf den Sozialismus ausgerichtet gewesen bzw. geworden sind. "Wir werden die Macht nie, nie wieder aus den Händen geben." An diesem inoffiziellen Mittelpunktswert erbricht letztlich eine Gesellschaft.
Heute ist der offizielle Wert die Freiheit. Bald werden wir es wieder auf den Wahlplakaten lesen. Freiheit ist schön und erstrebenswert. Der inoffizielle Wert, scheint mir, ist heute Geld und Besitz. Klar, was ist die Freiheit wert, wenn du nichts hast, womit du sie gestalten oder bezahlen kannst. Ich sage, an ihrem Schattenwert zerbricht eine Gesellschaft oder sie begreift, daß es über Freiheit, Geld und Besitz, Gesundheit und Arbeit einen ganz anderen Mittelpunkt gibt, alles Genannte auf die Peripherie, auf die Kreislinie drückt, mit der wir fröhlich durch unsere Zeit rollen können.
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Unser Dreieiniger Gott ist der Mittelpunkt. Ihn sollen wir über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.
Als Kinder haben wir in der Schule lernen müssen, mit dem Zirkel einen Kreis zu schlagen. Das konnten wir nicht auf anhieb. Im Heft auf der Bank war das noch einfach: Wir haben die Zirkelspitze ins Heft gerammt und konnten dann ohne Schwierigkeit den Kreis drehen. So ging es gut. Viel schwerer war es schon an der Tafel mit dem großen Zirkel. Da rutschte die Spitze einfach weg, die Kreide brach ab und der Zirkel viel runter und der Lehrer sagte: schwierig was? Als mein Vater bei einer Qualifizierung mit dem Zirkel umgehen lernen mußte und den Mittelpunkt auch nicht halten konnte, habe ich spontan gesagt: Du bist verrückt. Da hat er mir eine geknallt. Verrückt wollte er nicht sein. So läuft das in der Welt.
Mir scheint, wir sind auf der Suche nach einem Mittelpunkt. Nein, besser: Wir möchten, daß es rollt in Kirche und Gesellschaft, in jedem einzelnen Leben. Und dabei kommt mir manchmal unser Rotieren vor wie ein Mikadospiel. Die Speichen liegen kreuz und quer durcheinander. Jeder versucht die seinen mit dem höchsten Wert herauszuziehen. Manche wollen gleich mehrere auf einmal ziehen und es rollt trotzdem nicht.
Bildung zum Beispiel war bei uns in der alten Ära die Ansammlung von Wissen, vielleicht noch reduziert auf naturwissenschaftliches Wissen. "Wissen ist Macht." Manche denken heute noch so und meinen, jetzt gehört auch religionsgeschichtliches Wissen dazu. Bei Melanchthon lernen wir gerade in diesem Jahr: Bildung ist Erkennen. Das Wissen soll zu Erkenntnissen helfen. Dazu gehörte bei Melanchthon auch der Glaube als Speicher, als lebendige Verbindung zur Mitte hin, zum lebendigen Gott. Denn durch ihn und von ihm und zu ihm läßt sich die Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis finden. Das löst den Jubel aus, der beflügelt und andere begeistert. Dazu lädt uns das Trinitatisfest ein.
Hier in dieser Kirche sind wir dem Mittelpunkt ganz nahe. Wir sind ausgerichtet auf Altar, Kanzel und Orgel. Vielmehr: Wir sehen in den offenen Himmel. Dort ist die Mitte. Mit den Säulen haben wir die Verbindung, die uns wie Arme und Speichen an diesen offenen Himmel binden. Mit allem was wir tun, reden und haben sitzen wir in der Peripherie und sind im Augenblick an den lebendigen Gott über uns gebunden. Nehmen Sie mit, was Sie hier erleben und in diesen Tagen geredet haben. Sorgen Sie, daß Sie und andere sich auf diese Mitte hin ausrichten und auf den lebendigen Gott einlassen können. Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir verstehen und begreifen können, sei mit Euch allen.
Amen

