Ansprache zur Gedenkveranstaltung in der Sophienkirche zu Berlin
Wolfgang Huber
09. November 1998
Im 74. Psalm heißt es: "Sie verbrennen alle Häuser Gottes im Lande". Dietrich Bonhoeffer, der Berliner Theologe und Märtyrer im Kampf gegen den NS-Terror, unterstrich diesen Satz in seiner Bibel und schrieb an den Rand: "9. November 1938".
"Sie verbrennen alle Häuser Gottes im Lande". Die Fortsetzung dieses Satzes versah Bonhoeffer damals mit einem dramatischen Ausrufungszeichen: "Unsere Zeichen sehen wir nicht, und kein Prophet predigt mehr, und keiner ist bei uns, der weiß wie lange." Aus jener Zeit stammt wohl auch der Satz Dietrich Bonhoeffers, seinen Vikaren im Predigerseminar vorgehalten, die so gern zur alten Kirchenmusik ihre Zuflucht nehmen wollten: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch Gregorianisch singen."
Die Zeichen der Zeit werden nicht verstanden und kein Prophet predigt mehr. Das war schon vor dem 9. November 1938 so. Denn sonst wäre es nicht möglich gewesen, daß Christen schweigend zusahen, daß getaufte Glieder der Kirche Jesu Christi sich beteiligten, daß hämische Schadenfreude sich ausbreitete, daß wenig später Kirchenleitungen sich auch offiziell von der Gemeinschaft mit getauften Gliedern des jüdischen Volkes lossagten. Es war zu sehen, wohin der 9. November 1938 führen mußte. Und man kann auch nicht die Augen davor verschließen, was ihm vorausging. Lange hatte die Judenfeindschaft sich vorbereitet, die in den Antisemitismus und die Shoah mündete. Christliche Theologie und Verkündigung hatten dazu viel beigetragen, zu viel.
Aber es schwiegen nicht alle. Am 16. November 1938, dem Buß- und Bettag jenes Jahres, kam hier in Berlin die Dahlemer Gemeinde zum Gottesdienst zusammen. In die atemlose Stille hinein wurden die zehn Gebote verlesen. Helmut Gollwitzer, der den eingekerkerten Martin Niemöller vertrat, predigte. Er, an dessen neunzigsten Geburtstag wir uns am 29. Dezember dieses Jahres erinnern, er, der damals noch nicht Dreißigjährige, begann seine Predigt mit folgenden Worten: "Liebe Gemeinde! Wer soll denn heute noch predigen? Wer soll denn heute noch Buße predigen? Ist uns nicht allen der Mund gestopft an diesem Tage? Können wir heute noch etwas anderes, als nur schweigen? Was hat nun uns und unserem Volk und unserer Kirche all das Predigen und Predigthören genützt, die ganzen Jahre und Jahrhunderte lang, als daß wir nun da angelangt sind, wo wir heute stehen?" Und dann heißt es: "Was muten wir Gott zu, wenn wir jetzt zu Ihm kommen und singen und die Bibel lesen, beten, predigen, unsere Sünden bekennen, so, als sei damit zu rechnen, daß Er noch da ist und nicht nur ein leerer Religionsbetrieb abläuft! Ekeln muß es Ihn doch vor unserer Dreistigkeit und Vermessenheit? Warum schweigen wir nicht wenigstens?"
Ja, warum schweigen wir nicht? In der Heiligkreuzkirche hier in Berlin stehen seit zwei Jahren die Holocaust-Skulpturen des englischen Bildhauers und Psychotherapeuten Ismond Rosen. "Christus im Holocaust" ist in ihnen dargestellt. Rosen hat das so begründet: "Wenn Christus in unserem Jahrhundert gelebt hätte, wäre er sicher ein Opfer des Holocaust geworden." Zu sehen ist Christus an einem zerteilten Kreuz, mit einem zum Fragment gewordenen Körper: Christus im Holocaust, Christus in der Reichspogromnacht.
Sich ein solches Bild vor Augen zu stellen, sich auf die Erinnerung einzulassen, ist eine Aufgabe aller Generationen, der Jungen wie der Alten. Dabei geht es nicht darum, den Jüngeren die Schuld aufzubürden, die frühere Generationen auf sich luden. Erst recht geht es nicht um ein Schuldritual. Denn es stimmt, daß man sich nicht ständig die Schande der eigenen Großväter vorhalten lassen kann. Ich jedenfalls kenne auch aus meinem eigenen Leben die Zeiten, in denen ich um Konzentrationslager einen Bogen machte und sie nicht besuchen, mich dem Grauen nicht stellen wollte. Wir wissen auch: Wer Kinder und Jugendliche mit dem Vernichtungsthema unausgesetzt überrollt, bewirkt unter Umständen das Gegenteil dessen, was er beabsichtigt. Die Warnung ist berechtigt, daß Gedenken nicht zum Ritual erstarren darf.
Doch auch eine solche Warnung darf man nicht mißbrauchen. Man darf sie nicht in einer Sprache vorbringen, in der die Nachfahren der Opfer sich verhöhnt fühlen müssen. Denn dann entgleist nicht nur die Sprache, sondern auch das Denken. Das ist geschehen, als Martin Walser von der "Moralkeule Auschwitz" sprach. Hätte er so auch in Auschwitz selbst geredet? Rolf Wernstedt, der Präsident des niedersächsischen Landtags, hat das gefragt. Er hat gefragt, ob Walser "seine Worte auch angesichts der Schornsteine von Birkenau und der noch gesprengten darniederliegenden Gaskammern gewählt hätte." Etwas, was man zu diesem Thema nicht in Auschwitz sagen könnte, darf man aber auch an keinem andern Ort aussprechen.
Im Gedenken geht es um mehr als um unsere individuelle Befindlichkeit. Es geht um die Verantwortung, die wir heute zu tragen haben. Es geht um den Protest gegen ein gewaltsames, menschenverachtendes, gottwidriges Sterben und Töten, das zu den bleibenden Signaturen unseres zu Ende gehenden Jahrhunderts gehört. Allzu oft ist gerade dieses Sterben mit einem christlichen Mantel behängt worden. Gerade als Christinnen und Christen haben wir die Pflicht, ihm den christlichen Mantel von den Schultern zu reißen und es in seiner nackten Unmenschlichkeit anzuschauen. Gerade als Christinnen und Christen haben wir die Pflicht, die Schuld zu benennen am Tod der schwächsten und wehrlosesten Brüder und Schwestern Jesu, wie Dietrich Bonhoeffer sich ausdrückte. Denn er wußte: Jesus war Jude.
Das schweigende Hinnehmen, das untätige Geschehenlassen, das aktive Mittun: schon als die antijüdischen Verbrechen begannen, wäre Zivilcourage eine christliche Tugend gewesen. Seitdem wissen wir, daß Zivilcourage eine unaufgebbare christliche Tugend ist. Seitdem kennen wir die Richtung verantwortlichen Handelns: Hinschauen, nicht Wegschauen. Ich kann mich nicht damit abfinden, wenn von einer "Kultur des Wegschauens" die Rede ist. Denn weder ist es eine Kultur - noch darf es dabei bleiben.
Man setzt Damaliges mit Heutigem nicht gleich, wenn man aus der Erinnerung an den 9. November 1938 die Folgerung zieht: Seid wachsam, bevor Synagogen oder Asylantenheime brennen. Man setzt Damaliges mit Heutigem nicht gleich, wenn man heute sagt: Nur wer sich auf die Seite der Bedrohten stellt, darf auch Gregorianisch singen.
Die Parteinahme für die Bedrohten und Gefährdeten ist heute bei weitem nicht so gefährlich wie vor sechzig Jahren. Aber sie kann auch heute gefährlich werden, gewiß. Umso wichtiger ist es, daß wir uns nicht vereinzeln, sondern gemeinsam dem Ungeist von Rassismus und Gewalt entgegentreten, wo immer er sich ausbreitet.
Die Glaubwürdigkeit jeder Erinnerung an die Shoah zeigt sich nicht in Monumenten - so wichtig sie sein können, wenn ihre Gestaltung überzeugt. Die Glaubwürdigkeit des Erinnerns zeigt sich im Einsatz für die gleiche Würde der Menschen, im Kampf für eine demokratische Kultur, in der überzeugenden Absage an den Geist der Gewalt.
Wir sollten alles tun, damit im fünfzigsten Jahr der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, im fünfzigsten Jahr des Staates Israel, im sechzigsten Jahr des Gedenkens an die Pogromnacht von Deutschland ein Signal ausgeht, das sagt: Hier in Deutschland sind die Menschenrechte endgültig verwurzelt; sie sind in den Herzen der Menschen angekommen und sind deshalb auch in guten Händen. Das wichtigste Mahnmal des Holocaust bleiben Zivilcourage und gelebte Demokratie.

