Predigt in St Marien zu Berlin

Wolfgang Huber

08. November 1998

"Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebende Herr sei."
(Römer 14,7-9)

Liebe Gemeinde!

1.
Zeit des Gedenkens; Morgen begehen wir den 9. November. Viele Erinnerungsdaten verbinden sich mit diesem Tag. Zu ihnen gehört hier in Berlin vor allem die Erinnerung an den 9. November 1989, an den Fall der Mauer, aber auch an die Ausrufung der Republik am 9. November 1918, genau vor achtzig Jahren. Doch vor alle anderen Erinnerungsdaten schiebt sich immer wieder das Gedenken an den 9. November 1938 vornean, an die Reichspogromnacht vor sechzig Jahren.

So hatte es begonnen. 17 000 polnische Juden waren am 28. Oktober 1938 in das Niemandsland zwischen Deutschland und Polen geschafft worden, nachdem die dortige Regierung polnischen Juden die Rückkehr aus den Gebieten unter deutscher Herrschaft untersagt hatte. Hershel Grynszpans Eltern gehörten zu dieser Gruppe. Der siebzehnjährige Sohn schoß, nachdem er vom Geschick seiner Eltern erfahren hatte, am 7. November in Paris auf den Gesandtschaftssekretär Ernst vom Rath, der am Nachmittag des 9. November starb. Noch am gleichen Tag rief Joseph Goebbels zu "Aktionen" gegen die Juden auf. Anweisungen in alle Teile des Landes folgten unverzüglich. Synagogen wurden zerstört und niedergebrannt, die Schaufenster jüdischer Läden eingeschlagen und die demolierten Geschäfte geplündert. Jüdische Wohnungen wurden gestürmt, ihre Bewohnerinnen und Bewohner tätlich angegriffen. Die offizielle Statistik zählte schon am 11. November, daß 815 Geschäfte, 29 Warenhäuser, 171 Wohnungen und 267 Synagogen angezündet oder vollständig zerstört worden seien.

"Reichskristallnacht" wurde die Nacht vom 9. zum 10. November 1939 vom hämischen Volksmund genannt; damit bezog man sich auf das zerschlagene Glas und die zu Bruch gegangenen Kronleuchter von Geschäften, Häusern und Synagogen. Einen Namen, den man ohne Zögern aussprechen könnte, gibt es bis heute nicht. Dieses nächtliche Brandschatzen war ja nur ein Teil der immer weiter sich verschärfenden Angriffe auf Juden in Deutschland und Österreich. Jüdischer Besitz sollte "arisiert" werden, wie man das nannte. Ungefähr 30 000 jüdische Männer wurden unmittelbar nach dem 9. November verhaftet. Die Listen, nach denen das geschah, waren offenbar schon von langer Hand vorbereitet. In Sachsenhausen, Buchenwald oder Dachau wurden sie interniert und häufig von der SS gefoltert. 3- bis 4 000 von ihnen kamen an den Folgen der schweren Mißhandlungen ums Leben. Jüdinnen und Juden wurden gezwungen, Deutschland zu verlassen - unabhängig davon, ob sie für die Auswanderung ein Ziel hatten oder nicht. Als angebliche Wiedergutmachung für den Tod Ernst vom Raths wurde der jüdischen Gemeinde eine "Sühneleistung" von einer Milliarde Reichsmark auferlegt.

Im 74. Psalm heißt es: "Sie verbrennen alle Häuser Gottes im Lande". Dietrich Bonhoeffer unterstrich damals in seiner Bibel diesen Satz und schrieb an den Rand: "9. November 1938". Die Fortsetzung aber versah er mit einem dramatischen Ausrufungszeichen: "Unsere Zeichen sehen wir nicht, und kein Prophet predigt mehr, und keiner ist bei uns, der weiß wie lange." Aus jener Zeit stammt wohl der Satz Dietrich Bonhoeffers, seinen Vikaren im Predigerseminar vorgehalten, die so gern zur alten Kirchenmusik ihre Zuflucht nehmen wollten: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch Gregorianisch singen."

Die Zeichen der Zeit werden nicht verstanden und kein Prophet predigt mehr. Das war schon vor dem 9. November 1938 so. Denn sonst wäre es nicht möglich gewesen, daß Christen schweigend zusahen, daß getaufte Glieder der Kirche Jesu Christi sich beteiligten, daß hämische Schadenfreude sich ausbreitete, daß wenig später Kirchenleitungen sich auch offiziell von der Gemeinschaft mit getauften Gliedern des jüdischen Volkes lossagten. Es war zu sehen, wohin der 9. November 1938 führen mußte.

Aber es schwiegen nicht alle. Am 16. November, dem Buß- und Bettag, kam die Dahlemer Gemeinde zum Gottesdienst zusammen. In die atemlose Stille hinein wurden die zehn Gebote verlesen. Helmut Gollwitzer, der den eingekerkerten Martin Niemöller vertrat, begann seine Predigt mit folgenden Worten: "Liebe Gemeinde! Wer soll denn heute noch predigen? Wer soll denn heute noch Buße predigen? Ist uns nicht allen der Mund gestophft an diesem Tage? Können wir heute noch etwas anderes, als nur schweigen? Was hat nun uns und unserem Volk und unserer Kirche all das Predigen und Predigthören genützt, die ganzen Jahre und Jahrhunderte lang, als daß wir nun da angelangt sind, wo wir heute stehen?" Und dann heißt es: "Was muten wir Gott zu, wenn wir jetzt zu Ihm kommen und singen und die Bibel lesen, beten, predigen, unsere Sünden bekennen, so, als sei damit zu rechnen, daß Er noch da ist und nicht nur ein leerer Religionsbetrieb abläuft! Ekeln muß es Ihn doch vor unserer Dreistigkeit und Vermessenheit? Warum schweigen wir nicht wenigstens?"

Ja, warum schweigen wir nicht? In der Heiligkreuzkirche stehen seit zwei Jahren die Holocaust-Skulpturen des englischen Bildhauers un Psychotherapeuten Ismond Rosen. "Christus im Holocaust" ist in ihnen dargestellt. Rosen hat das so begründet: "Wenn Christus in unserem Jahrhundert gelebt hätte, wäre er sicher ein Opfer des Holocaust geworden." Zu sehen ist Christus an einem zerteilten Kreuz, mit einem zum Fragment gewordenen Körper: Christus im Holocaust, Christus in der Reichspogromnacht.

Nur dieser Gedanke von Ismond Rosen, nur seine Skulptur hilft mir in diesem Jahr, den Satz des Paulus nachzusprechen: "Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn." Weil der Herr gemeint ist, den Ismond Rosen dargestellt hat, kann ich den Satz nachsprechen. Christus im Holocaust.

2.
"Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn." Wie oft mögen Sie diese Worte des Paulus schon gehört oder selbst gesprochen haben? Wie oft habe ich sie selbst gehört oder gesprochen: bei Beerdigungen zuallererst, bei der Weitergabe der Nachricht von einem Tod. Intensiv trifft es in alle Situationen, in denen uns die Endlichkeit unseres Lebens entgegentritt.

Versöhnlich klingt es dann: es ermutigt uns, nicht nur zum Leben, sondern auch zum Sterben Ja zu sagen. Aber heute geht mir dieses Ja nicht so leicht von den Lippen. Am Tag, bevor wir der sechzigsten Wiederkehr der sogenannten Reichspogromnacht gedenken, kann ich mich mit dem Sterben nicht so leicht versöhnen. Und mit dem Leben ist es auch nicht so einfach.

Es gibt nicht nur das Sterben, das wir als Teil des Lebens zu akzeptieren haben. Sondern es gibt auch das sinnlose, gottwidrige Sterben, für das ich Christus nicht als Herrn in Anspruch nehmen will. Allzu oft ist gerade dieses Sterben mit einem christlichen Mantel behängt worden. Gerade als Christen haben wir die Pflicht, ihm den christlichen Mantel von den Schultern zu reißen und es in seiner nackten Unmenschlichkeit anzuschauen. Gerade als Christen haben wir die Pflicht, unsere Schuld zu bekennen am Tod der schwächsten und wehrlosesten Brüder und Schwestern Jesu, wie Dietrich Bonhoeffer sich ausdrückte. Denn er wußte: Jesus war Jude.

Nur im Aufbegehren gegen das Morden in unserem Jahrhundert, vor allem andern gegen den Mord am europäischen Judentum kann ich in diesem Jahr den Satz mitsprechen: "Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn."

Aber es gibt auch ein Aufbegehren gegen diesen Satz selbst. Mit dem Tod ist alles aus, sagen die einen. Sie drücken eine Todverfallenheit besonderer Art aus. Denn sie geben dem Tod die letzte Macht.

Wer diese Kirche betritt, geht am Totentanz vorbei - achtlos vielleicht, und dies nicht erst, seit die Farben verblaßt sind. Wer sich dem Bild stellt, steht vor der Frage, ob er sich der Todverfallenheit beugen oder ihr Widerstand leisten will. Wer der Todverfallenheit entgehen will, muß wissen, wer Herr auch über den Tod ist. Der christliche Glaube bekennt: Christus, der selbst den Tod auf sich nahm, ist dadurch der Herr über den Tod. Das gilt auch nach dem Brand der Synagogen, auch nach der Pogromnacht vom 9. November 1938.

"Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn." Ein Aufbegehren gegen diesen Satz gibt es auch von anderer Seite. Junge Leute und nicht nur sie hören ihn so, daß ihre Selbstbestimmung dadurch eingeschränkt, ihre Identität beschädigt wird. Sie sind gerade auf dem schwierigen Weg der Ichfindung, und nun wird ihnen Fremdbestimmung verordnet - was kann daraus Gutes werden?

Dabei können Freiheit und Selbstbestimmung sich doch erst dann entfalten, wenn ich meine Endlichkeit annehme, wenn ich weiß, daß ich über Anfang und Ende meines Lebens nicht verfügen kann, daß ich also nicht mir selbst gehöre. Menschlichkeit fängt immer damit an, daß wir uns nicht über andere erheben, uns nicht besser dünken als sie, weil wir unser Sterben wie unser Leben aus Gottes Hand empfangen, weil unser Sterben wie unser Leben seine Richtung durch Christus empfängt, der unser Herr ist. Daß wir uns nicht für stärker halten als andere, gelingt uns, wenn wir uns ihm anvertrauen. Daß wir an unseren Schwächen nicht verzagen, ist möglich, weil er unsere Schwäche auf sich nimmt. Leben wir, so leben wir dem Herrn: das ist kein Ausruf fremdbestimmter Unterwürfigkeit. Sondern die herrliche Freiheit kommt zur Sprache, in der wir alle gleich sein können, weil nur einer der Herr ist. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn: das ist keine Auslieferung an die Macht des Todes. Sondern diese Annahme des Sterbens hat darin ihren Grund, daß mit dem Tod eben nicht alles aus ist. Denn Christus ist Herr auch über den Tod.

Was wäre anders geworden, wenn Christen 1938 und davor sich zu dieser herrlichen Freiheit bekannt hätten, in der die Gleichheit aller Menschen respektiert wird? Die Ausgrenzung von Juden und anderen Minderheiten hätten sie weder tatenlos hingenommen noch aktiv mitbetrieben. Was wäre anders geworden, wenn Christen 1938 und davor Christus als den Herrn auch über den Tod anerkannt hätten? Sie hätten sich der verbrecherischen Anmaßung in den Weg gestellt, in der Menschen über das Leben anderer verfügt, sie verhaftet, vertrieben, gefoltert und schließlich in die Gaskammern abtransportiert haben.

Das schweigende Hinnehmen, das untätige Geschehenlassen, das aktive Mittun: schon als die antijüdischen Verbrechen begannen, wäre Zivilcourage eine christliche Tugend gewesen. Man vergleicht Damaliges mit Heutigem nicht, wenn man daraus die Folgerung zieht: Seid wachsam, bevor Synagogen oder Asylantenheime brennen.

Amen



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