Predigt zum Diakonie-Kirchentag im Eröffnungsgottesdienst in der Schloßkirche Wittenberg

Mandfred Kock

25. September 1998

 "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat."
Psalm 103,2

Ein Lob-Psalm zum Jubiläumsfest - wie gut ist das. Wir wollen Gottes Güte preisen, der seiner Kirche durch Wicherns Impuls eine Reform geschenkt hat, die reichen Segen ausstrahlt bis heute.

"Lobe den Herrn, meine Seele ..."
Ein Beter / eine Beterin fordert sich selber auf, Gott zu loben. Das Psalmgebet als Selbstgespräch; das Selbstgespräch als Ruf zum Lobpreis. Keine Selbstvorwürfe, keine Selbstanklage, keine Selbstdarstellung, kein Eigenlob, sondern: Gotteslob.

Nicht die eigenen Leistungen, nicht die diakonischen Heldentaten - schon gar nicht die Bilanzsummen und Spendenerfolge sind der Grund des Lobes. Es sind Gottes Wohltaten, die gepriesen werden. Das ist angemessen am Diakoniejubiläum. Das entspricht dem Verständnis J. H. Wicherns. Er hat kein neues Leistungsdenken in die Kirche bringen wollen. Er hat vielmehr den Schatz der Kirche, das Senfkorn wachsen sehen wollen, die rettende Macht Gottes für unser ganzes Volk.

"Lobe den Herrn, meine Seele ..."
Der Psalmbeter hat es nicht so eilig, uns Menschen zum Kampf um Gerechtigkeit auf dieser Erde zu mobilisieren. Er hält inne, besinnt sich. Aber vor aller Besinnung auf die eigenen Kräfte nimmt er sich zunächst die Zeit, Gott zu loben und dankend an das zu denken, was schon da ist, bevor die menschliche Kraft etwas dazutun kann.

Gesunde, leistungsfähige Menschen können einiges bewegen, zuwege bringen und auch zum Ziel kommen. Auch Kranke und Behinderte, also in ihrer Leistungsfähigkeit gegenüber Gesunden eingeschränkte Menschen, können in der Kompensation ihres Handicaps Erstaunliches leisten, für sich und für andere. Das erleben wir in der Diakonie täglich, wenn wir beispielsweise behinderte Kinder ermutigen, ihre Fähigkeiten soweit wie möglich zu trainieren. Sie stoßen vielleicht schneller an die Grenzen ihrer Kräfte als sogenannte "Nichtbehinderte". Aber auch die haben ja Grenzen, und ihre Stärke ist nicht unerschöpflich. Und wenn es hart auf hart kommt, dann erfahren Rollstuhlfahrer und Langstreckenläufer gleichermaßen: "Boden unter den Füßen hat keiner" (Ulrich Bach).

Wir tun gut daran, uns auf unsere Stärken zu besinnen und dabei unsere Grenzen realistisch zu bedenken.

Aber Gott loben und nicht vergessen, was er mir Gutes getan hat, heißt, mich auf eine Stärke zu besinnen, die nicht die meine ist. Woher bezieht mein Leben, mein Machen und mein Denken seine Kraft? Meine Stärke ist die von fremder Hand gewährte Kraft.
So ist das auch mit unserer Diakonie. Wir verweisen mit ihr nicht auf uns selbst, auf unsere Bedeutsamkeit und Unentbehrlichkeit im Sozialstaat, auf unser Organisationsgeschick und unsere humanitäre Größe.

Die Stärke der Diakonie sind die Geschenke Gottes, nämlich die Begabungen, die Fähigkeit und der Glaube ihrer ehrenamtlich und hauptamtlich Mitarbeitenden.

Der Diakonie kann man zum Jubiläum zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gratulieren und Gott danken für alles, was sie in ihren Dienst einbringen.

Vergiß nicht, was Gott dir Gutes getan hat.
Wir kranken an Vergeßlichkeit. Nicht erst Alterserscheinungen, das Alzheimer Syndrom oder andere dramatische Krankheitsprozesse quälen uns. Im Kern macht uns Gottvergessenheit zu schaffen.

Eine eindrückliche Geschichte für menschliche Vergeßlichkeit wird von von Jesus erzählt. Zehn Kranke waren durch die Begegnung mit ihm gesund geworden. Nur einer vergaß nicht, ihm dafür zu danken. Neun zu eins - so stellt Jesus fest - ist unsere Vergeßlichkeit der Erinnerung überlegen.

Wir entwickeln uns mit immer feineren Diagnosemethoden dem Ideal von kontrollierter Gesundheit entgegen. Der gentechnische Fortschritt verspricht, Krankheiten auszumerzen, bevor sie ausbrechen. Doch was heißt das eines Tages für Eltern, die sich für ihr behindertes Kind entscheiden? Was heißt Fortschritt, wenn demnächst Menschen mit nachgewiesenen Genabweichungen sich nicht mehr in Versicherungen einkaufen könnten, weil sie ein unzumutbares "Risiko" für die Beitragsgemeinschaft wären? Was heißt das für Arbeitsverträge, wenn sie nur noch bei nachweislich genetisch Risikoarmen zustande kämen? Die Menschen, die Jesus heilte, konnten wieder krank werden und sind irgendwann gestorben. Heilungsfortschritte sind nicht automatisch Fortschritt zu unserem Heil. Was wird aus unserer Humanität, wenn wir ernsthaft glauben, wir könnten unseren Schwächen davonlaufen, indem wir sie im voraus zu vermeiden suchen? Wie schnell haben wir vergessen, woher wir kommen und wohin wir gehen!

Während der Epoche des rasanten wirtschaftlichen Aufbruchs im vergangenen Jahrhundert waren viele alte Tugenden und Werte in Vergessenheit geraten. Eine neue Zeit war angebrochen. Sie raste mit ständiger Beschleunigung nach vorne. Wer nicht mitkam, wer auf dem Trittbrett des rasenden Fortschrittszuges keinen Halt fand, der stürzte ab. Wer dem Wandel im Wege stand, kam unter die Räder. Vorwärts ... lautete die Parole des ungezügelten Liberalismus. Und schon war vergessen, was über Jahrtausende gewachsene Werte bedeuteten. Auch heute sind einige dabei, mit dem Hinweis auf "Globalisierungssachzwänge" gleiche Schrankenlosigkeit zu fordern - und unser Land ruft nach den Werten!

Wicherns Ruf an die Kirche war ein Ruf gegen die Vergeßlichkeit. "... vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat ..."
Erstaunlicherweise klingt der Eigenappell des Psalmbeters gar nicht verzweifelt, sondern gelassen und fröhlich: Er genießt geradezu die Erinnerung an etwas, was schon längst für ihn geschehen ist und sich bis jetzt durchhält. Er erinnert sich an den, der "alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit..."(Ps.103, 3+4)

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht das Wunder der Heilung und der Versöhnung und der Rettung vom Tod. Wer sich so an seine Gesundung erinnern kann, für den fallen Liturgie und Diakonie, Predigt und Praxis nicht auseinander. Keines ersetzt das andere, keines ist dem anderen überlegen.

Wo Glaube und Liebe, Beten und Arbeiten, Hören und Tun, Reden und Handeln nicht auseinanderfallen, vollzieht sich die heilsame Erinnerung. In den diakonischen Einrichtungen und in den Kirchengemeinden muß die Erinnerung gelebt werden: "Vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat, ... der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit." Dann kann Barmherzigkeit frei werden in der Zuwendung und im Einsatz für die Hungernden, Dürstenden, Kranken und Gefangenen.

Heute wird die Frage "Gott und Kirche" schnell mit dem Verweis darauf beantwortet, was Kirche im diakonischen Bereich leistet. Anstatt sich selbst die Botschaft von der Rechtfertigung sagen zu lassen, rechtfertigt sich die Kirche selbst. Ihr gutes Werk, mit dem sie Gnade in der Gesellschaft finden möchte, ist die Diakonie.

Natürlich ist die Diakonie ein Aktivposten in unserer Gesellschaft. Aber wir sollten doch zurückweisen, wenn oberflächliche Kritik nur die speziell sozialen Aufgabenfelder für gesellschaftlich relevant erklärt.

Für die Gesellschaft ist gerade die verkündigende und die seelsorgerliche Arbeit wichtig. Sie bewahrt das kollektive Gedächtnis, das Glaubenserfahrungen und Werte erhält und weitergibt. Dadurch wird immer wieder daran erinnert: Menschen sind nicht einfach Konsumenten und Arbeitsmaschinen. Sie haben eine Würde, die unabhängig ist von dem, was einer zahlt und zählt.

Durch die Botschaft des Mannes von Nazareth werden Menschen mobilisiert und motiviert, sich für andere zu engagieren, werden gestärkt zum Durchhalten, vor allem in den Bereichen, in denen Menschen durch die Maschen der sozialen Hilfssysteme fallen.

"Lobe den Herrn, meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat, der dir alle deine Sünden vergibt ..."
Wichern hatte erkannt: Wir brauchen einen neuen Zugang zur Wirklichkeit und zu uns selbst durch Gottes Zuwendung, die unsere Schuld vergibt.

Gott hat sich uns zugewandt, und wir wurden entschuldet und gerecht gesprochen, ohne selber etwas dazu getan zu haben. Damit kann jede Christin und jeder Christ auf andere Menschen zugehen, auch wenn sie absolut nichts beibringen können zu ihrer Rettung.

Leider wird für viele Diakonie-Dienstleistungen irgendwann eine Rechnung aufgemacht. Schon der barmherzige Samariter bezahlte den Pflegedienst, den er nicht selber erbringen konnte. Aber der Arzt, der uns von unseren ureigenen Gebrechen, der Gottvergessenheit und unsere Schuld heilt, macht keine Rechnung auf. Sie ist schon beglichen! Schon längst hat ein anderer die Schuld getilgt, die Wechsel zerrissen, und wir können gehen! Geheilt und befreit und mit dem Wissen, worin unsere Stärke besteht, können wir uns anderen zuwenden: anderen Menschen und anderen Aufgaben.

Vergiß nicht, was Gott dir Gutes getan hat.
Gottvergessenheit beklagte Wichern vor 150 Jahren und predigte das erlösende Wort: Das Entscheidende ist schon geschehen, bevor wir uns mit unserer Kraft daranmachen, etwas zu verändern und zu verbessern: "Der Glaube gehört mir wie die Liebe -", und zwar als Geschenk. Die Kirche hat das damals gehört. Dieses Hören hat viel verändert. Mehr als alle politischen "Rettungsprogramme" hat der Aufruf zur Diakonie Menschen in Bewegung gebracht. Das hat viel bewirkt in der Kirche und weit darüber hinaus. Zahlreiche große Werke der Diakonie wurden gegründet; viele Gemeinden gestalteten ihre Arbeit neu, bezogen diakonische Angebote in ihre Lebensformen ein.

All das hat die Kirche nicht perfekt gemacht, hat sie nicht vor Schuld bewahrt. In finsterer Nazizeit - als die Würde des Menschen beschränkt wurde auf die Leistungsfähigen und Gesunden - war der Widerstand zu schwach gegen Rassenwahn und Euthanasie. Und mancherorts ließen sich in der Diakonie Verantwortliche auch zu Helfershelfern der Unmenschlichkeit machen.
Diese Schuld wird heute nicht verdrängt und nicht vergessen. Sie gehört zu unserer Diakoniegeschichte hinzu.

Im Angesicht dieser Geschichte sind wir sensibel und wachsam, wenn heute das Leben behinderter, chronisch kranker und sterbender Menschen als unnütze Last erklärt wird, gar wieder in der Maske einer humanitären, gnädigen Gesinnung.

Dienen kommt aus dem Danken. Wir brauchen nur den alten Faden wiederzufinden - so wie es Wichern vor 150 Jahren in großer Spontaneität gemacht hat - und Diakonie und Kirche, Liebe und Glaube, Handeln und Hören wären keine Gegensätze mehr.

"Lobe den Herrn, meine Seele und vergiß nicht ..."
Das ist rettende Erinnerung. Im 103. Psalm besingt ein Mensch, der dem Verderben ausgeliefert war, seine neu gewonnene Zukunftsperspektive. Unser Unglück speist sich aus vielen Quellen, unsere Rettung aber nur aus einer einzigen: aus der Liebe Gottes, die in Jesus Christus Gestalt angenommen hat, die in seinem Diakonat an uns spürbar wird. All die vielen Geschichten und Bilder, all die Gleichnisse und Wunder von der Nähe und Solidarität Gottes mit den Verzweifelten, Gescheiterten helfen gegen die Vergeßlichkeit.

"Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat."



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