Predigt anläßlich der Konstituierung des Deutschen Bundestages in Bonn

Manfred Kock

26. Oktober 1998

Liebe Gemeinde,

als Grundlage für diese Predigt lese ich aus dem Buch des Propheten Micha einen Satz, der in der evangelischen Kirche Leitspruch für diese Woche ist:

"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist
und was Gott von dir fordert:
nichts anderes als dies:
Recht tun,
Güte und Treue lieben;
aufmerksam den Weg deines Gottes mitgehen." (Micha 6,8)

(1) Ihnen, verehrte Abgeordnete, ist hohe Verantwortung übertragen worden, die Sie für vier Jahre auszufüllen haben.

Und nun müssen Sie einen alten Prophetensatz hören, der Ihnen Gottes Forderung vorhält. Dabei hätten Sie eigentlich eher Ermutigung nötig und Tröstendes, jedenfalls Entlastendes. Denn Ihnen werden mit Ihren parlamentarischen Ämtern und Ihren Regierungsämtern Aufgaben zugemutet, die über die Maßen viel Kraft erfordern.

Die Probleme unseres Landes sind groß; zudem sind sie verwickelt in die unüberschaubaren Konflikte der ganzen Welt.

Im Handumdrehen ist nichts gelöst. Die meisten Ihrer Entscheidungen sind in ihren Auswirkungen kaum überschaubar, wenn Sie sie treffen. In vielen Bereichen bleiben die getroffenen Maßnahmen nur provisorisch. Konzepte zur Kriegsschlichtung und Friedenssicherung stellen vor schwere Entscheidungen des Gewissens, wie viele andere Fragen mit ethischen Hintergründen und Auswirkungen.

Im Wechselspiel von Regierung und Opposition ist fast alles umstritten, was gesagt oder verschwiegen, getan oder unterlassen wird.

Die kritische Begleitung der Öffentlichkeit wird Sie unter heftigen Druck setzen. Sie werden die Macht der Medien sogar für Ihren Kampf untereinander zu nutzen suchen. Dazu kommt, daß Sie von Verbänden, Organisationen und auch von den Kirchen mit Ratschlägen und Erwartungen bedacht werden.

Sie werden gemessen nicht nur an dem, was Sie versprochen haben oder versprechen werden, sondern vor allem auch an den Erwartungen aller, die Sonderinteressen haben: darunter auch subjektive, egoistische, widerstreitende Interessen.

Und natürlich stehen über Ihnen die Erwartungen derer, die Sie gewählt haben, die Sehnsüchte von Millionen, die hoffen, daß es ihnen weiterhin gut geht und womöglich auch besser oder wenigstens etwas besser als bisher.

In all diesem Gewirr der Erwartungen und der Anforderungen brauchten Sie eher Trost und Ermutigung - vor allem aus der wunderbaren Botschaft der Vergebung, die Sie entlastet angesichts der Unzulänglichkeit menschlicher Möglichkeiten.

Offen gestanden, ich selber hätte mir zunächst auch ein anderes, ein nicht so fordernd klingendes Wort wünschen können für diese Predigt.

Denn wir aus den Kirchen erwecken nicht selten bei Politikern den Eindruck, als bestünde unsere kirchliche Politik-Verantwortung vor allem darin, sie mit erhobenem Zeigefinger auf ihre Verantwortung zu verweisen. Unsere kirchlichen Stellungnahmen, Appelle und Botschaften haben oft genug den Charakter von Forderungen, die Ihnen das Leben und Arbeiten meistens nicht erleichtern.

Angesichts dessen möchte ich, daß wenigstens dieser Gottesdienst nicht neue Lasten auferlegt, sondern Ihnen Raum zum Atmen läßt. Denn für das, was Sie nun für unser Land übernehmen werden, brauchen Sie Spannkraft, Gelassenheit und Freude.

(2) Nun aber ist uns das Prophetenwort übermittelt in der Gestalt von Forderungen: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert ..."

Diese Forderungen lauten:

Recht tun,
Güte und Treue lieben,
aufmerksam Gottes Weg mitgehen.

Die Forderungen wären eine große zusätzliche Last, wenn sie Ihnen zu den konkreten diesseitigen Erwartungen, denen Sie ausgesetzt sind, noch drei abstrakte jenseitige draufsatteln würden. Diese Forderungen sind aber nicht von abstrakt jenseitiger Art.

Gottes Anspruch hat seinen Grund nicht in seiner Macht, mit der er Menschen überwältigen oder vernichten könnte. Gottes Forderungen sind befreiende Orientierungen, die uns Menschen aus den Qualen unserer Selbstanklagen und Selbstrechtfertigungen herausholen. Darum sind sie keine zusätzliche Last, sondern heilsame Wegweisung. Sie sind auch deshalb für Sie heilsam, weil Sie sie nicht neu erfinden müssen. "Es ist dir gesagt ..." - Man weiß es im Grunde ja schon.

Wir verdanken diesen Satz dem Volk Israel und seiner geschichtlichen Überlieferung.

Wenn wir diese Herkunft beachten, verstehen wir die Forderung nicht mehr als ein abstraktes Gesetz; es ist vielmehr eine Lebensordnung, die im Zutrauen gegründet ist.

Aus der Sklaverei befreit, so versteht Israel seine Geschichte. Alle Gebote und Weisungen wurzeln in dieser Befreiung. Die Lebensregeln sind Verabredungen, die der Treue entsprechen.

Das kann man auch an dem Zusammenhang erkennen, in den der Prophet Micha den Leitspruch stellt.

Er beschreibt politische Bedrohungen und nennt die Ursachen der Gefahr: "Sie hassen das Gute und lieben das Böse", heißt es da. Katastrophen sind Folgen der Ungerechtigkeit. Ganz drastisch wird das formuliert: Von den Mächtigen wird den Menschen das ‚Fell über die Ohren' gezogen, ihnen werden ‚die Knochen gebrochen'. Auf der anderen Seite ist da das leidenschaftliche Mitleid: Mitleid mit den Frauen und Kindern, die aus ihren Häusern getrieben werden, weil Mächtige sie übervorteilen. Die prophetische Rede drängt auf Lösung der sozialen Probleme und ihrer Ursachen.

Die Menschen selber versuchen das Chaos mit religösen Leistungen zu heilen, mit Geld, mit Opfern, mit äußerer Fassade, mit klingenden Worten, mit besänftigenden Wohltaten, die kurzfristig befriedigen, aber in der Wurzel nicht helfen.

Micha sagt dagegen: Es ist ein einfacher Weg, den du gehen kannst, denn "Es ist dir gesagt, was gut ist ...".

Was gut ist: Das ist nicht, was du leistest, sind nicht deine Wahlgeschenke, sind nicht die hektischen Sattmacher, sind nicht deine Alibi-Almosen, sind nicht deine frommen Sonntagsgesinnungen.

Ich denke, wir können das mitvollziehen. Im Privatleben kann man sich nicht von Schuld so einfach freikaufen; wie z. B. mit glitzernden Spielsachen das schlechte Gewissen gegenüber den vernachlässigten Kindern beruhigen. Das entlarvt sich schnell selbst.

(3) " ... was gut ist und was Gott von dir fordert", heißt zum ersten

Recht tun.

In dieser Übersetzung klingt das etwas fremd. Unrecht tun ist bei uns sprachlich geläufig. Die biblische Tradition ist aber in diesen Begriffen eindeutig: Recht tun heißt, gerecht handeln.

Gerechtigkeit steht gegen die Verwüstung der Rechtsbeziehungen. So haben die Propheten Israels das formuliert.

"Recht tun" ist nicht der bloße Vollzug einer bestehenden Ordnung. Recht tun zielt immer auf Besserung, auf Heilung einer zerbrochenen Gemeinschaft.

Wichtig und nötig zu sagen ist: "Recht tun" steht nicht gegen die Rechtsordnung. Geordnete und formale Rechtsbeziehungen haben einen unschätzbaren Wert.

In diesem Jahr erinnern wir uns an das Ende des 30jährigen Krieges vor 350 Jahren. Da wurde eine säkulare Rechtsordnung entwickelt, in der pragmatische Vernunft zu einer Ordnung kam, die sich auf dem die damaligen Konfessionen verbindenden Ethos gründete. So konnte trotz gegeneinander stehender Wahrheitsansprüche und Machtinteressen ein vorläufiger Ausgleich erzielt werden. Wenn das Ethos des Rechtes und des Ausgleichs beachtet wird, können Gegensätze ausgehalten werden, und dann kann auch - wenigstens aufs erste - Frieden einkehren.

Natürlich sind solche Rechtsordnungen wie die von Münster und Osnabrück nicht gegen Mißbrauch sicher. Rechthaberei, Vorurteile, unterdrückte Überheblichkeit, nationalistischer Dünkel, all das ist nur vorläufig gebändigt. Aber gerade darin besteht die entlastende und beschützende Funktion des Rechts.

In seinen Zielen aber weist das Recht immer über diese Schutzfunktion hinaus. Verbindlichkeit des Rechtes ist Verbundenheit mit den Schwachen; so jedenfalls ist es biblische Tradition.

Seit den Zeiten der Propheten ist Gerechtigkeit nie zu messen am Bruttosozialprodukt, am Luxus, den eine Gesellschaft sich leisten kann, oder am Durchschnittseinkommen.

Sie mißt sich vielmehr daran, wie es den Witwen und Waisen, den Fremdlingen und Sklaven geht, den Alleinerziehenden, den Arbeitslosen, den Wohnungslosen.

Gerechtigkeit ist Aufmerksamkeit dem Nächsten gegenüber. Sie vollzieht sich als Gemeinsinn. Individualität lebt im Bunde mit Verantwortung. Nur dann ist sie Ausdruck der Freiheit.

Die zweite Forderung Gottes:

Güte und Treue lieben

Diese Forderung ist keine, die zusätzlich neben der ersten erhoben wird. Persönliche Verbundenheit ist das Maß des Rechtes. Gemeinschaft, auch Rechtsgemeinschaft, lebt von Güte und Treue, von Zuneigung im persönlichen Umfeld und von Solidarität im gesellschaftlichen Leben. Das politische Handeln darf nicht darauf beschränkt sein, nur die bösen Furien, die Egoismen und Ungeheuerlichkeiten in uns Menschen durch Recht und staatliche Gewalt zu bannen. Das eigentliche Ziel ist, Menschenwürde zu wahren. Und die ist unabhängig von dem, was einer leistet und bringt und bezahlen kann.

Recht und Güte müssen einander durchdringen. Eine Gesellschaft, in der es nur Recht und keine Liebe gibt, wäre schrecklich. Wo es freilich nur Liebe und keinen Rechtsschutz gibt, wäre das Chaos unvermeidlich.

Güte und Treue lieben, das steht nicht gegen den Streit untereinander. Der politische Alltag lebt von der kontroversen Diskussion. Niemand verfügt über die ganze Wahrheit. Politisch-parlamentarische Handlungsmöglichkeit braucht wohl auch eine gewisse Unterordnung persönlicher Positionen unter das, was man Fraktionsdisziplin nennt. Auch das widerspricht nicht von vornherein der Prophetenforderung. Aber die Grenze wäre überschritten, wenn die Bündelung der Macht zur Durchsetzung egoistischer Partei- oder Gruppenvorteile mißbraucht würde. Daher ist der Maßstab klar und hilfreich, den die Gottesforderung an die Hand gibt.

Beide Forderungen: "Recht tun" und "Güte und Treue lieben" wollen unter der dritten entfaltet werden:

Aufmerksam den Weg deines Gottes mitgehen

Das ist eine überraschende Redewendung: Nicht ein Überwesen hat sich dem Menschen versprochen, sondern ein Mitgehender.

Darum soll der Mensch aufmerksam seinen Lebensweg gehen: Die Zeichen an unserem Weg beachten, die Geschichte, in deren Wirkungen wir leben, achtsam im Bewußtsein tragen. Das ist oft schwer, aber unerläßlich und letztlich befreiend.

Schwer, weil in der Fülle der Zeichen und Markierungen nicht ohne weiteres auszumachen ist, ob es Gottes Zeichen sind.

Befreiend, weil die meisten unter uns in vielen Phasen ihres persönlichen Lebens, in der Geschichte unseres Gemeinwesens, in der Entwicklung unserer Grundordnung eine Fülle von Wohltaten erkennen können.

Befreiend auch, weil Gott, dem wir aufmerksam folgen sollen, nicht hocken bleibt in den ewig gleichen, ungereimten, ungerechten, unübersichtlichen Strukturen. Er eröffnet neue Horizonte.

‚Den Weg deines Gottes mitgehen'. Das wirkt ganz vertraut und nahe. Ganz unmittelbar kann ich die Spuren meines persönlichen Lebens lesen und darin erkennen: Immer schon gehen Recht und Güte voraus. Diese Entdeckung läßt gute und zuversichtliche Schritte tun. Der Prophet weist hin auf die Erfüllung dieser Verheißung durch den, der den Weg der Menschen ging. Draußen vor dem Tor wurde er ans Kreuz geschlagen. Er ist Gottes Bewegung zu uns Menschen hin.

So realisiert er Gerechtigkeit und Güte in einem! Und er lädt Sie ein, den Weg aufmerksam mitzugehen, damit Sie den Weg der Gerechtigkeit und der Güte beschreiten.

Die Forderung Gottes will Ihnen keine zusätzliche Last auferlegen. Sie will orientieren und entlasten.

Sie sind nicht allein! Nicht nur die Kritik und die scharfe Beobachtung werden Sie begleiten. Es sind auch die Gebete der Christinnen und Christen, die die Beziehung bewahren zu dem Gott, der uns vorangeht.

Amen



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