Bibelarbeit zur 3. Tagung der 9. Synode der EKD
Stephan Reimers
02. November 1998
Liebe Schwestern und Brüder, ich hoffe, es geht Ihnen so gut wie nur möglich.
Diesen Briefgruß eines alten Thoralehrers aus Haifa, den ich sehr mag, möchte ich an Sie weitergeben. Er hat sich mir eingeprägt, weil er so realistisch ist und die Erdenschwere, die uns allen in den Knochen steckt, nicht überspringt. Es ist ein Wunsch, der die Wirklichkeit ernst nimmt, daß es uns eben nicht immer gut geht.
An der neuen Diakonie-Denkschrift unserer Kirche gefällt mir auch, daß sie diese Realität der Schwäche und Zerbrechlichkeit des Menschen zum Ausgangspunkt nimmt und es gleich in den ersten Sätzen heißt: "Selbst der vermeintlich starke Mensch ist am Ende und am Anfang - und oft auf dem Weg - ein schwacher. Niemand kann leben ohne die Hilfe anderer. Diakonie ist das handelnde Wort und die sprechende Tat der Christen in dieser Wirklichkeit."
Und ich füge hinzu: Diakonie ist die Seite der Kirche, durch die sie Schwäche annimmt. Ich habe für unsere Bibelarbeit heute morgen ein Prophetenwort der Hebräischen Bibel ausgewählt, in dem das Annehmen schwacher und hilfebedürftiger Menschen als der Weg beschrieben wird, durch den wir selbst lebendig und erfrischt werden. In Jesaja 58, Vers 6 bis 12 heißt es:
Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
Brich dem Hungrigen Dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden läßt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vor Zeiten gegründet war; und du sollst heißen: "Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daß man da wohnen könne".
Lücken zumauern und Wege ausbessern. Gemessen an den weitgreifenden messianischen Visionen von Kapitel 2, 9 und 11 des Jesaja-Buches - wir werden diese Texte ja bald wieder in der Liturgie des Heiligen Abends hören - ist dies eine sehr verhaltene Heilsankündigung. Dort in den Anfangskapiteln des Jesaja-Buches ist die Rede vom Friedefürsten, von Schwertern in Pflugscharen, von jungen Löwen, die mit Kälbern weiden und daß Menschen nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Jesaja 58 dagegen spricht sehr pragmatisch vom Aufbauen und Aufrichten, damit man überhaupt wohnen kann.
Wir wissen, daß zwischen den am Anfang und am Ende des Jesaja-Buches stehenden Prophezeiungen ein Zeitabstand von etwa 200 Jahren liegt. Das Wort in Jesaja 58 blickt schon auf die große Katastrophe der Zerstörung Jerusalems und des Exils zurück. Die Neuanfänge sind bescheiden.
Haggai, ein anderer Prophet aus dieser nachexilischen Zeit, schreibt:
"Ihr säet viel und bringt wenig ein. Und wenn ihr es schon heimbringt, so blase ich es weg." (Haggai 1,5 ff.)
Und über den neuen Tempel resümiert er im Blick auf die frühere Herrlichkeit enttäuscht: "Sieht er nicht aus wie nichts?" (Haggai 2,3)
Jesaja 58 ist ein Text, dessen Entstehungszeit Parallelen zu unserer eigenen geschichtlichen Situation nahelegt. Acht Jahre deutsche Einheit: Manches ist gelungen, vieles steht noch aus. Eine Regierung wurde gerade ausgewechselt, weil Menschen unzufrieden sind. Viele Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger und Sozialhilfeempfängerinnen unter uns suchen vergeblich nach der Herrlichkeit des Neuanfangs im vereinten Deutschland. "Goder päräß meschowew netiwot" - der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert. Mehr wird in Jesaja 58, Vers 12 nicht versprochen, kein Abriß und kein Totalneubau. Hergestellt werden soll ein Zustand, der zugleich die entstandenen Schäden sichtbar erhält. Als wir im September vom Diakonischen Kirchentag in Württemberg nach Hamburg zurückfuhren, kamen wir kurz vor Braunschweig, der Stadt, in der Hitler eingebürgert wurde, an einem Abschnitt erhaltener Grenzsicherungsanlagen der DDR vorbei - ein Stück Todesstreifen, als Denkmal präpariert.
Gut so, dachte ich, keine cleane neue Welt ohne Erinnerung.
Mir fällt dazu die biblische Gestalt Jakob ein. "Nach dem nächtlichen Kampf am Jabbok, da ging ihm die Sonne auf, und er hinkte an seiner Hüfte." Der gewandelte Mensch Jakob, der dem betrogenen Bruder nun waffenlos entgegengeht, um sich zu versöhnen, ist ein Behinderter. Der Listenreiche bleibt für immer von den Spuren des Kampfes gezeichnet, ein Hinkender, der nicht mehr schrankenlos ausschreiten und sein Ich über alle anderen setzen kann.
Das ist auch ein Bild für uns und unser Land: die ausgebesserten Lücken, die mühsam geschlossenen Risse nicht nur in den Gebäuden, sondern auch in den Seelen und die ausgebesserten Wege zueinander. All das, dieser Ruinenumriß im Wiederaufgebauten, hält zugleich die Erinnerung daran wach, wodurch zwei deutsche Staaten entstanden, er erzählt von Unsäglichem, von deutschem Weltherrschaftswahn und furchtbaren Verbrechen.
Das diakonische Anstaltswesen wurde damals, in vielen Fällen unfreiwillig, zum Instrument rassehygienischer Ausrottungspolitik. Schuldig werden Diakonie und Kirche, weil sie die jüdische Herkunft Jesu verleugneten und seine Botschaft der Menschlichkeit und der Achtung des Schwachen verrieten.
Wieviel menschliche Bosheit damals freigesetzt wurde, dafür als Beispiel eine Geschichte, die mir Abraham Möller, der Thoralehrer erzählte, von dem ich Sie grüßte. Sein Bruder war ein geschickter Handwerker, der schon in seiner Lehrzeit für einen besonderen Hohlspiegel mit einem Landespreis ausgezeichnet worden war. Der Meister in der Maschinenbauschule in Hamburg-Altona bestellte ihn ausgerechnet am Samstag, also am jüdischen Sabbat, zur Gesellenprüfung. Trotz vieler Bitten und Eingaben blieb der Meister, der ein engagierter Nationalsozialist war, hart. Die Möllers waren fromme Juden, und so gab es für Abrahams Bruder kein Ausweichen. Er ist in den dreißiger Jahren dann ohne Gesellenbrief nach Israel geflohen.
Abraham Möller hat mir diese Geschichte gelassen und ohne jede Anklage erzählt. Er ist einer, der Brücken baut.
"und du sollst heißen: 'Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daß man da wohnen könne'." Wer darf diesen Ehrentitel aus Jesaja 58, 12 tragen? Die Verse 6 bis 8 geben Antwort genauso wie die Verse 9 bis 11. Inhaltlich sind die jeweils drei Verse parallel, und durch diesen Parallelismus wird die Aussage besonders unterstrichen:
"Wer die Unterdrückung von Menschen aufhebt und jedes Joch wegreißt, wer mit dem Hungrigen sein Brot bricht und den Elenden sättigt, dessen Licht wird hervorbrechen wie die Morgenröte, der wird sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt."
So wie hier werden Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in der Hebräischen Bibel immer zusammengedacht, sehr oft auch in dieser Paarung ausgesprochen.
Lehrbuchartig finden wir dieses Programm des Gottes Israel für unsere Erde in Psalm 146,6 ff. zusammengefaßt: "Der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist, der ewig Treue hält, der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset." Oder in Kurzform: Der Schöpfer schafft Recht den Elenden und speist die Hungrigen.
Gottes Dienst am Menschen ist Diakonie, will, daß unser Leben gelingt. Und wer sich an diesen Gott bindet, wie es Israel am Sinai tat, der ist in diesen Dienst hineingenommen. Das ist Bundessatzung, darauf berufen sich Israels Propheten.
Heil kann der Prophet daher dem verheißen, der Unterjochte befreit und sein Brot mit den Hungrigen bricht. Dessen Licht wird hervorbrechen wie die Morgenröte.
In einer Predigtvorbereitung schreibt Thaddäus Troll zu dieser Textstelle: "Dem Auftrag folgt die Verheißung. Ich erkenne in ihr nicht das Versprechen des Lohns für eine gute Tat. Ich sehe darin weniger eine äußere Illumination, eine lichtvolle Auszeichnung, vor den Menschen ins rechte Licht gerückt zu werden, als vielmehr einen inneren Vorgang, Aufhellung des Gemüts, innere Zufriedenheit, Geborgensein im Transzendenten, im Göttlichen."
Diese Auslegung hat mich an Gespräche in Hamburg mit den Freiwilligen des Mitternachtsbusses erinnert, der schon im dritten Winter bei uns jede Nacht im Einsatz ist. 7000 Wohnungslose werden in Hamburg gezählt. 1400 haben überhaupt keine Bleibe, schlafen in Erdhöhlen, Baustellen oder Hauseingängen. Das Busteam besucht sie, bringt heiße Getränke, erste Hilfe, Gespräche und insgesamt die menschliche Geste und Botschaft: Wir haben euch nicht vergessen. "Entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut", heißt es in unserem Text.
Ein 62jähriger Lehrer berichtet von der unglaublichen Offenheit und Nähe dieser Begegnungen um Mitternacht in klirrender Kälte rund um den Hauptbahnhof, wie bedeutsam sein Einsatz für andere ist und was es ihm bedeutet, wie er selbst bereichert wird Licht wie Morgenröte.
Unter dem Hamburger Rathausmarkt arbeiten seit dem 1. Juli 22 Langzeitarbeitslose mit rund 100 Freiwilligen zusammen in der Rathauspassage. Ein bedrohlich wirkender Verkehrs-tunnel wurde in eine lichtvolle Ladenzeile besonderer Art verwandelt, vom Bücherbasar bis zum Fahrradverleih, Bistrorestaurant, einem Eine-Welt-Laden und vielem mehr. Es ist eine Freude zu erleben, wie Menschen nach Jahren der Arbeitslosigkeit anpacken, sich zu 150 % einsetzen und viele Überstunden machen, wie sie froh sind, endlich wieder etwas leisten und beitragen zu können. Und die 100 Freiwilligen spüren, wie sehr sie gebraucht werden, damit das Projekt Erfolg und Dauer haben kann. Eine bekannte Autorin sagte mir nach einer Lesung in der neuen Rathauspassage über Gespräche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: Sieben habe ich gesprochen, und alle hatten leuchtende Augen.
Mutter aller diakonischer Projekte wie Spendenparlament, Wohnungspool oder Kirchenkarten ist die Obdachlosenzeitung "Hinz und Kunz". Seit November 1993 werden jeden Monat durchschnittlich 100 000 Zeitungen von Obdachlosen verkauft. 1900 Wohnungslose besitzen inzwischen einen Verkaufsausweis. Dieses diakonische Blatt ist seit fünf Jahren die größte Monatszeitung unserer Stadt.
"Wenn wir zum andern uns wenden, dann sind wir hinterher nicht mehr dieselben", schreibt der Philosoph Immanuel Levinas. Daß Menschen, die vorher voneinander wegsahen, diese Wendung vieltausendfach jeden Tag vollziehen, macht "Hinz und Kunz" möglich. Menschen entdecken sich als Menschen mit Witz, Humor und Schlagfertigkeit. Eine Frau sagt entschuldigend zu einem "Hinz und Kunz"-Verkäufer: Tut mir leid, ich habe schon eine bei Ihrem Kollegen gekauft. So, sagt der, was steht denn drin? Eine andere Frau erzählt mir: Als ich bezahlte, da merkte ich, ich hatte kein Geld mehr, um mir noch einen Kaffee zu kaufen. Da sagt der Verkäufer: Macht doch nichts, dann lade ich jetzt Sie ein. Beziehungen zwischen Menschen haben sich verändern können. Wer sich zum anderen in derselben Augenhöhe wendet, der lernt hinzu.
In der ersten großen Krise unseres Projektes habe ich verstanden, wie schwer die Rückkehr in unsere Gesellschaft geworden ist. Damals hatte uns die Sozialbehörde mitgeteilt, daß ab Anfang 1975 die Verkäufer ihre Verdienste auf die Sozialhilfe anrechnen lassen müßten. Wir sahen schon das Ende des Projektes kommen, weil viele Obdachlose ausgesprochen behördenscheu sind. Zu den Gegenbewegungen gegen diese Ankündigung gehörte es damals, daß ich die 13 erfolgreichsten Verkäufer in die Redaktion einlud. Ich habe ihnen damals gesagt: Wißt ihr, ihr könnt dem Projekt jetzt einen Riesendienst tun. Ihr verdient inzwischen genug, daß ihr auf eure Sozialhilfe verzichten könntet. Und wenn ihr das tut, dann könnte ich zur Sozialsenatorin sagen: Die, die es geschafft haben, verzichten von selbst auf den Leistungsbezug. Gebt den anderen die Chance, Erfolgserlebnisse zu haben, das, was ihnen so lange fehlt!
Da haben alle 13 wie mit einer Stimme gesagt: Mok wi. Auf hochdeutsch: Wir sind dabei. Aber was ist mit unserem Bett? Sie wohnten alle in Zwei- und Drei-Bett-Zimmern in den Rotlichtvierteln Hamburgs, St. Georg oder St. Pauli, das Bett im Drei-Bett-Zimmer kostet im Durchschnitt 800 DM Miete. Da haben wir einmal kurz gerechnet: 526 DM Sozialhilfe, 800 DM die Miete und zusätzlich die Versicherungen, die von der Sozialhilfe abgedeckt werden und waren ruckzuck bei 2 1/2 tausend DM, die einer verdienen muß, egal, ob es regnet oder ob es schneit, ob er einen Suchtrückfall hat oder krank ist, um dann auch nur so leben zu können, als wenn er Sozialhilfe bezieht. Das ist ein schlechtes Angebot.
Wir haben damals billige Zimmer besorgt. Die Verkäufer zahlen ihre Miete selbst; die Stadt spart also. Auf die Sozialhilfe konnten sie nicht verzichten, weil wir das Problem der Versicherungen nicht lösen konnten. Mit der Sozialbehörde haben wir dann einen Modus vivendi gefunden, so daß das Blatt bis heute keinen Schaden genommen hat.
Ich habe damals gelernt: Der Weg für einen Menschen, der in seiner Vita für den potentiellen Arbeitgeber ein Risiko mitbringt, zurück auf einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz, ist sehr unwahrscheinlich geworden.
In Jesaja 58, Vers 8 heißt es: "Deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen." Das ist ein schönes Bild, mit dem sich eine diakonische Kirche gern identifiziert. Doch die Bedingungen, unter denen diakonische Einrichtungen in einem verschärften Wettbewerb zu arbeiten haben, sind keinesfalls ideal.
Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Diakonische Dienstgeber und -nehmer haben sich Anfang dieses Jahres auf einen neuen Tarif für die gewerblichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verständigt, der sich vom BAT entfernt. Er bezieht zunächst nur die neu anfangenden Kollegen ein und ist niedriger als der bisherige. Das ist betriebswirtschaftlich geboten. Die Großküche einer diakonischen Einrichtung in Nordelbien zum Beispiel braucht 1 Million DM mehr Lohn, als in einem vergleichbaren Betrieb der Wirtschaft bezahlt würde. Da ist es rational, Löhne zu senken, um Arbeitsplätze in diakonischen Einrichtungen zu erhalten.
Aber wo fangen wir mit Lohnsenkungen an? Bei den ohnehin schon niedrigen Lohnstufen. Mit Geist und Grundsätzen des Wortes der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland ist dies wohl kaum vereinbar. Oh, diese Diakonie! Wie gut läßt sich in Predigten und Denkschriften eine bessere Welt einfordern und mit den Mächtigen ins Gericht gehen.
Durch die institutionalisierte Diakonie wird alles schwieriger, und wir merken, daß wir selber inmitten des Kreises stehen, den der Radius unserer kühnen Rede beschreibt. Dennoch: Wir haben keine Wahl, weil wir gebraucht werden, trotz aller Unvollkommenheit und Widersprüchlichkeit. Gerade der moderne Staat lebt von Voraussetzungen und Werten, die er selbst nicht geschaffen hat. Er lebt von der stets neuen Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, sich für das Gemeinwohl einzusetzen.
Je unabhängiger die Akteure einander begegnen, desto besser kann im Sinne der Menschen und nicht nur im Eigeninteresse der Institution entschieden werden. Deshalb sind wir in der Pflicht. Denn die freie Wohlfahrtspflege erhält ihr Gewicht durch die zwei großen kirchlichen Mitglieder Caritas und Diakonie. Dieses Gewicht gilt es für die neuen sozialen Herausforderungen einzusetzen.
Unsere Sorge ist, daß beim Umbau des Sozialstaates mehr und mehr die Leistungsstarken zum Orientierungspunkt werden und umgekehrt Leistungsschwächere mit Einschränkungen und Kürzungen zu rechnen haben. Deshalb müssen Kirche und Diakonie die Reform des Sozialstaates wachsam begleiten und für die Interessen der Schwachen Partei ergreifen. Die Lücken zuzumauern und die Wege auszubessern, daß alle darin wohnen können, wird die vorrangige gesellschaftliche Aufgabe der nächsten Jahre sein.
Diakonie ist die Seite der Kirche, durch die sie Schwäche annimmt, auch die eigene Schwäche. Rein und gedankenreich, aber tatenarm - wer so existieren will, kann den schönen Namen nicht erwerben, der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daß man da wohnen könne.
Vom Schließen der Lücke erzählt eine Geschichte, die ich vor kurzem gehört habe; ich gebe also eine mündliche Überlieferung an Sie weiter. Die Geschichte handelt von einem Franzosen, der in einem schweren Unwetter seine Frau und seine drei Kinder verlor. Haus und Hof blieben unversehrt.
Aber er verkaufte alles und zog in eine damals wüste Gegend, die Cevennen. Durch Bodenerosion war die Landschaft versteppt, die Dörfer in der Umgebung waren verödet.
Der Mann, der sich in die Einsamkeit zurückgezogen hatte, sammelte in einem kleinen Wäldchen Eicheln, hundert, tausend, hunderttausend im Laufe der Jahre. Er sortierte Zehntausende von den kräftigen Eicheln aus, wässerte sie und pflanzte sie auf seinen weiten Spaziergängen, indem er einen Eisenstab in den Boden rammte, eine Eichel hineinwarf, einige Schritte weiterging und dasselbe wiederholte.
Er tat es über Jahre. Er soll im Alter von 89 Jahren verstorben sein. Er hinterließ in den Cevennen drei Eichenwälder von jeweils 30 bis 40 qkm Fläche. Es sollen die größten und schönsten geschlossenen Eichenwaldgebiete Frankreichs sein.
Aber noch mehr als Eichenwälder hatte er dies hinterlassen: Hoffnung, daß das Leben hier lebenswert ist. Menschen und Tiere kehrten in die Gegend zurück, weil sie dort wieder wohnen konnten. Der Mann hatte Lücken geschlossen und Wege ausgebessert für die, die nach ihm kamen.
Martin Luther hat einmal geschrieben: "Spricht Christus: Ich hab euch nur ein äußerlich Zeichen gegeben. Alle anderen, auch zum Sakrament gehen, können fehlen. Aber an dem einen sollt ihr erkennen, ob ihr meine Jünger seid. Willst du einen Christen erkennen, so suche kein ander Zeichen an ihm als Nächstenliebe. Laß sie beten und Kappen tragen. Hier ist beschlossen: Wenn ihr euch untereinander liebet, so seid ihr meine rechten Jüngerinnen und Jünger."
(Die Bibelarbeit endet mit dem gemeinsam gesungenen Lied "Brich mit den Hungrigen Dein Brot" und dem Vaterunser.)

