Morgenandacht zur 3. Tagung der 9. Synode der EKD
Inge Gurlit
05. November 1998
(Lied EG 666)
Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Für diesen Text aus dem Paulus-Brief an die Galater habe ich mich entschieden, weil er sehr gut zum Schwerpunktthema der diesjährigen EKD-Synode paßt und weil sein Inhalt auch heute, fast 2000 Jahre später, uns unmittelbar angeht.
Im Jahr 49 nach Christi Geburt schreibt Paulus einen besorgten Brief an seine neugegründete Gemeinde in Galatien. Diese römische Provinz lag in der heutigen Türkei, ungefähr auf der Höhe von Ankara. Besorgt ist Paulus, weil diese Gemeinde offenbar noch nicht auf festen Füßen steht. Irrlehrer versuchen, ihm ins missionarische Handwerk zu pfuschen. Einige zum Christentum Bekehrte sind bereits wieder abgesprungen. Auch kommt es immer wieder zu Schwierigkeiten unter den Brüdern der Gemeinde, von den Schwestern sagt er nichts. Nicht alle bringen die geistlichen Gaben, die gleiche Kreativität, die gleiche Ausdauer mit.
In dieser schwierigen und angespannten Situation mahnt er sie eindringlich: "Einer trage des anderen Last. So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." Und was mit dem Gesetz Christi gemeint ist, auch darüber gibt der Paulus-Brief Auskunft. "Die Frucht des Geistes aber", so heißt es da, "ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut." Begriffe, die der römischen Welt, aus der Paulus kommt, völlig fremd sind. Einem anderen die Last abnehmen, sie mittragen helfen, das kann ich aber nur, wenn ich diesen anderen akzeptiere, wenn ich einen Blick für seine Beschwernis habe, wenn ich meinen Egoismus überwinde, wenn ich meinen Nächsten liebe wie mich selbst, wie es schon im dritten Buch Mose gefordert wird und wie es Paulus in seinem Brief an die Galater wieder aufnimmt.
Wenn wir als Christen einer heutigen Gemeinde, und damit meine ich auch die Ortsgemeinde, meine unser Leben in Gemeinschaft schlechthin. Wenn wir diese beiden Forderungen zusammen sehen und beherzigen könnten - "einer trage des anderen Last" und "liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du", so hat es Martin Buber übersetzt, wäre schon viel gewonnen, wäre das Leben in dieser Gesellschaft humaner. Diese beiden Forderungen zu bejahen und in unserem täglichen Leben zu erfüllen, bedeutet übrigens nicht, daß wir immer die Gebenden, daß wir immer die Liebenden sein müssen. Es bedeutet eben auch, angenommen und aufgefangen zu werden von den anderen. Geben und nehmen, lieben und geliebt zu werden im stetigen Wechsel. Das ist wichtig. Geben und Nehmen in Gegeneitigkeit. Hier kommt es aber immer wieder zu Mißverständnissen, die Horst Joost in einer länger zurückliegenden Publikation der Evangelischen Frauenhilfe so beschreibt:
Ein Mißverständnis: "Es ist typisch menschlich, auf das eigene Wohl bedacht zu sein. Es ist ganz natürlich, um das eigene Wohlbefinden und Wohlergehen besorgt zu sein. Manche Leute sind nur von den Interessen für die eigene Person erfüllt. Sie sind egozentrisch, nur sich selbst zugewandt. Diese Art der Zuwendung zu sich selbst hat zur Folge, daß die anderen aus dem Blickfeld der Fürsorge verlorengehen.
Menschen, die nur sich selbst sehen und lieben und die anderen ausklammern, erwarten häufig, daß diese sich ihnen mit ungeteilter Zuneigung und aufmerksamer Anteilnahme zuwenden müßten. Offen oder versteckt fordern sie: Ihr müßt immer und in erster Linie an mich denken und auf mein Wohl bedacht sein. Sie wollen ständig beachtet, anerkannt, bestätigt werden. In jedem Augenblick wollen sie im Mittelpunkt des anderen und seiner Fürsorge stehen. Alle und alles soll sich um diese Achse drehen. Wo jeder nur an sich denkt, kann keine Gemeinschaft entstehen. Es verstärkt sich eher die Isolierung und die Angst voreinander und die eifersüchtige Gegenwehr. Selbstsucht und Egoismus sind immer eine große Gefahr und entsprechen nicht der Gesinnung Jesu."
Ein zweites Mißverständnis: "Es gibt Menschen, die hören nur die einseitige Weisung: Jeder achte auf das Wohl des anderen. Sie überhören gleichsam die andere Seite, die die eigene Person miteinbezieht. Sie meinen, sie müßten von sich selbst absehen und immer nur das des anderen sehen. Sie konzentrieren ihre Aufmerksamkeit und ihr Bemühen nur auf die Bedürfnisse der anderen. Sie entwickeln eine Art und einen Eifer der Zuwendung, die bis zur Selbstaufgabe geht. Sie meinen, als gute Christen müßten sie aus lauter Bescheidenheit und Uneigennützigkeit ihr eigenes Wohl zurückstellen. Sie opfern sich auf für den Partner, die Kinder, die Eltern, das Geschäft, die Firma.
Es sieht so heroisch, so liebevoll aus. Aber es ist häufig ein Mißverständnis des Gebotes der Nächstenliebe. Wer sich selbst aus dem Auge, aus dem Sinn verloren hat, nimmt sich selbst nicht ernst. Er mißachtet die eigene Person und die eigenen Belange. Er versäumt es, sich in den Bereich der liebevollen Fürsorge einzubeziehen. Oft steht hinter dieser Selbstlosigkeit die Erwartung, daß die Umsorgten sich in gleicher Weise erkenntlich zeigen und ihm in ähnlich selbstloser Hingabe zugewandt sind. Auch dies entspricht nicht der Gesinnung Jesu." Wir alle kennen in unserem Bekanntenkreis, in der Familie, in der Gemeinde, am Arbeitsplatz Menschen, die sich so verhalten, wie es zunächst geschildert wurde. Egoismus scheint ein wachsendes Problem unserer Zeit zu sein. Schon beim morgendlichen Lesen der Zeitung werden wir konfrontiert mit Berichten über unsere Ellenbogen-Gesellschaft.
Ehrlich gesagt, beim Thema der heutigen Andacht "Einer trage des anderen Last" war ich versucht, ausschließlich über unsere Egoismus-Gesellschaft zu reden, endlich einmal meinen Unmut über diese Negativ-Entwicklung zum Ausdruck zu bringen. An Beispielen hätte es mir da nicht gemangelt. Über das Mißverständnis des Egoismus werden wir ständig und überall auf dem laufenden gehalten - fast immer> ohne nennenswerte Wirkung.
Wenden wir uns lieber dem zweiten Mißverständnis zu. Wir alle kennen Menschen, die immer und zuerst auf das Wohl anderer bedacht sind. Die sich selbst, ihre eigenen Bedürfnisse darüber vergessen.
Aber sind wir nicht - besonders in der Kirche - stets ermahnt worden, uns selbst zurückzunehmen und zuerst dem anderen zu helfen:
Wenn er arm ist?
Wenn er krank ist?
Wenn er alt und gebrechlich ist?
Wenn er in der sog. Dritten Welt lebt?
Wenn er als Flüchtling zu uns kommt?
Die Aufgaben in Kirche und Diakonie sind im Laufe der Jahre ständig angewachsen. Je mehr sich der Staat aus seinen Verpflichtungen zurückzieht, um so mehr haben Kirche und Diakonie große Teile der Sozialarbeit übernommen.
Im Berliner Historischen Museum legt die große Ausstellung "Die Macht der Nächstenliebe" beredtes Zeugnis davon ab, wie sich die Verbands-Diakonie im Laufe von 150 Jahren ausgeweitet und immer mehr Sozialaufgaben des Staates übernommen hat. So konnte Herr Kohl in seiner damaligen Eigenschaft als Bundeskanzler bei der Eröffnung der Ausstellung am 27. August in seiner Festrede darauf hinweisen, daß nicht ein Sozialabbau stattfände, wie er überall beklagt würde, sondern daß man hier, in der Diakonie, das genaue Gegenteil feststellen könne. Trotz dieser zutreffenden Feststellung müssen wir aber hinnehmen, daß immer mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren, ihr die Unterstützung entziehen, auch und gerade in finanzieller Hinsicht.
Manchmal will es mir erscheinen, daß darin eine irritierende Gesetzmäßigkeit liegt. Je intensiver Christen sich bemühen, den Benachteiligten dieser Gesellschaft zu helfen, um so häufiger stehen diese Helfer mit leeren Händen da.
Ist es vielleicht das, was manchen Christen zunehmend zu schaffen macht? Diese ständige Überforderung? Dieser nie endende Anspruch an ihre Hilfsbereitschaft, das immerwährende Einfordern ihrer Solidarität? Könnte das ein Grund dafür sein, warum es immer schwieriger wird, Menschen fürs Ehrenamt zu gewinnen? Aus Enttäuschung darüber, daß ihr Einsatz ja doch nie groß genug ist, um Nöte zu beseitigen? Weil immer mehr Leistung gefordert wird, die Anerkennung dieser Leistung aber meistens ausbleibt? Weil sich schließlich so etwas wie ein Burnout-Syndrom einstellt?
Rund eine halbe Million Ehrenamtliche soll es bundesweit allein im kirchlichen Bereich geben. Und was zunächst ein Grund zur Freude ist, daß die Egoismus-Gesellschaft hier wirksam durchbrochen wird, muß uns doch zugleich Anlaß zum Nachdenken geben. Wir brauchen in dieser Gesellschaft, in unserer Kirche, dringend Menschen, die der anderen Lasten tragen, die für andere da sind, die ihren Nächsten lieben wie sich selbst. Aber Hilfsbereitschaft, die die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt, ist ein Mißverständnis und nicht im Sinne Jesu. Dies ist für mich eine wichtige Erkenntnis aus dem Paulus-Brief an die Galater, wie ich ihn verstehe.
Und wir, die wir hier alljährlich auf der EKD-Synode versammelt sind, wie verhalten wir uns? Ich meine jetzt nicht privat, sondern als Synodale, als Vertreterinnen und Vertreter von 24 Landeskirchen?
Im Spannungsfeld zwischen Egoismus und Helfer-Syndrom gilt es, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber was sind die richtigen Entscheidungen?
Manchmal will es mir scheinen, daß wir uns bisher auf einer ermüdenden Einbahnstraße befunden haben. Finanziell gut ausgestattet, haben wir die "Macht der Nächstenliebe" beinahe weltweit wirken lassen. Wenn ich mir als Mitglied des Haushaltsausschusses ansehe, wo die EKD überall aktiv ist, dann frage ich mich schon manchmal, ob das wirklich alles im Sinne Jesu ist. Ob wir nicht manchmal andere mit unserer Fürsorge so sehr umarmen, daß sie sich eingeengt fühlen. Ich träume dann von einer Straße, auf der uns Menschen entgegenkommen und uns zurufen: "Kehrt um, wir kommen jetzt allein zurecht. Und wenn Ihr Hilfe braucht, wir kommen auch gern mal zu Euch. Ihr habt uns zwar gezeigt, wie man einen Brunnen bohrt, aber wir sagen Euch, wie man Wasser spart. Ihr habt uns Missionare geschickt, aber von uns könnt Ihr lernen, wie man einen lebendigen, fröhlichen, gut besuchten Gottesdienst feiert!"
Daß hier kein drittes Mißverständnis entsteht:
Natürlich bin ich für eine helfende Diakonie. Selbstverständlich müssen wir von unserem immer noch vorhandenen Wohlstand abgeben. Und auch in Zukunft müssen Kirche und Diakonie auf Defizite und Mißstände in unserer Gesellschaft reagieren und sich auf die Seite der Bedrängten und Benachteiligten stellen. Aber kann es nicht sein, daß uns über all dem Sorgen für andere, dem Jagen nach Erfolg, dem Ringen um Anerkennung die Zeit zum Ausruhen fehlt? Zum Innehalten, zum Meditieren, zum Beten, zum Austausch von Sinnfragen? Kann es sein, daß dies zunehmend zum Problem unserer Kirche wird: diese ewige Hektik, die Unrast, die fehlende Muße.
Und daß auch dies ein Grund ist, warum immer mehr Menschen auf ihrer Suche nach Gott, nach dem Sinn ihres Lebens, nach ethischer Orientierung bei anderen Religionen oder gar esoterischen Sekten das suchen, was sie bei uns nicht mehr finden?
Einer trage des anderen Last, daß heißt auch, immer wieder herausfinden, wer denn nun gerade auf der Seite der Schwachen und wer auf der Seite der Starken ist.
Die Grenzen sind durchaus fließend. Wir können finanziell unabhängig sein, uns aber trotzdem in einer ausweglosen Situation befinden. Wir können uns einer ausgezeichneten Gesundheit erfreuen und trotzdem ein Häuflein Elend sein. Unser Leben ist ständig bedroht und eine einzige Gratwanderung.
Ich meine, daß es genau dies war, wasPaulus in seinem Brief an die Galater ausdrücken wollte. Einer trage des anderen Last enthält immer beides: tragen und getragen werden, helfen und sich helfen lassen, lieben und geliebt zu werden.
Ich habe ein kleines russisches Märchen entdeckt, das in anschaulicher Weise deutlich macht, wie das Wort "einer trage des anderen Last" zu verstehen ist.
Ein Rabbi kommt zu Gott: "Herr, ich möchte die Hölle sehen und auch den Himmel." - "Nimm Elia alsFührer", spricht der Schöpfer, "er wird dir beides zeigen." Der Prophet nimmt den Rabbi bei der Hand. Er führt ihn in einen großen Raum. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Aber die Menschen sehen mager aus, blaß und elend. Kein Wunder: Ihre Löffel sind zu lang. Sie können sie nicht zum Munde führen. Das herrliche Essen ist nicht zu genießen. Die beiden gehen hinaus. "Welch seltsamer Raum war das?" fragt der Rabbi den Propheten. "Die Hölle", lautet die Antwort. Sie betreten einen zweiten Raum. Alles genau wie im ersten. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Aber - ein Unterschied zum ersten Raum: Diese Menschen sehen gesund aus, gut genährt, glücklich. "Wie kommt das?" - Der Rabbi schaut genau hin. Da sieht er den Grund: Diese Menschen schieben sich die Löffel gegenseitig in den Mund, sie geben einander zu essen. Da weiß der Rabbi, wo er ist.
Ich möchte mit Ihnen beten: Gott, der du uns Vater und Mutter bist, mach uns sensibel für die Not der anderen. Hilf uns, unseren Egoismus zu überwinden, unsere Trägheit, unseren Geiz. Weite unseren Blick. Stärke unsere Aufmerksamkeit, damit wir niemanden übersehen. Aber auch hierum bitten wir dich: daß wir unsere eigene Schwachheit zulassen, daß wir es lernen, Hilfe anzunehmen, daß wir bei allem Tun und Lassen das Gesetz Christi erfüllen, das da heißt: Einer trage des anderen Last. - Amen.
(Gemeinsamer Gesang des Liedes EG 181, Strophe 6)

