Morgenandacht zur 3. Tagung der 9. Synode der EKD
Annegret Lingenberg
03. November 1998
(Lied EG 438, Psalm 63)
Liebe Schwestern und Brüder! Schon in den ersten Grußworten unserer Gäste am Sonntag, so fiel mir auf, war häufig die Rede von neuen Zielen, von Aufbrüchen, von Veränderungen, aber ebenso von unbeantworteten Fragen, von Problemen, bei deren Lösung auch das Wort der Kirchen erwartet wird. Und in den Diskussionen gestern und vorgestern, in unseren eigenen Überlegungen wurde deutlich, Veränderungsbedarf ist bei uns tatsächlich da, in den kirchlichen Strukturen zum Beispiel. Aber auch bedrängende Fragen, Probleme und Sorgen machen uns zu schaffen.
Wie sollen wir zum Beispiel unserer Verantwortung gerecht werden, unserer Verantwortung vor der Welt, die von uns ein klärendes Wort erwartet und die von uns Verstehbarkeit erwartet? Dabei haben wir Mühe, uns gegenseitig zu verstehen, unsere oft ganz unterschiedlichen Sorgen und Vorstellungen wahrzunehmen.
Wie sollen wir unseren kirchlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gegenüber gerecht werden? Sie erwarten von uns zu Recht, daß wir ihnen gegenüber unserer Fürsorgepflicht nachkommen. Ganz materiell, aber auch in den Worten und Formulierungen, mit denen wir ihre Arbeit in unseren Papieren würdigen wollen.
Wie sollen wir einem "Gestaltungsauftrag in Permanenz" nachkommen, wenn wir uns schon über die Grundvoraussetzungen der anstehenden Gestaltung nicht einigen können?
Und nebenbei sprechen wir uns auch gegenseitig Mut zu: 2000 Jahre Diakonie, da kann man doch etwas mehr Vertrauen haben, so wurde gesagt.
Es ist, so empfinde ich das, im Augenblick bei uns eine Mischung von Besorgnis und Entschlossenheit, die unsere Befindlichkeit kennzeichnet. Eine Mischung von bedrängenden Schwierigkeiten und Aufbruchstimmung. Eine Mischung von Abschied von Gewohntem, schmerzlicher Trennung von Liebgewordenem und auf der anderen Seite Vorstellungen, Plänen, Phantasien von Neuem.
Als Christen möchten wir gerne in die Bibel schauen, nicht nur in die Bekenntnisschriften möchten wir auf Gottes Wort hören. Die Bibel ist aber kein Rezeptbuch. Wir werden schwerlich in ihr die Lösungen und die Antworten für unsere Probleme und Fragen finden. Wenn auch manche von uns das vielleicht gerne hätten. Etwas anderes aber finden wir in der Bibel: Wir finden in ihr den Erfahrungsschatz von Menschen, die wie wir mit Gott unterwegs sind. Auf weiten Strecken ist die Bibel ja ein Erzählbuch, sie stülpt uns ja gar nicht in erster Linie Dogmen und Handlungsanweisungen über, sondern sie erzählt von kollektiver Gotteserfahrung. Das kommt mir entgegen. Ratschläge lasse ich mir manchmal nicht so gerne geben, aber erzählen lasse ich mir gerne, wie es anderen Menschen in ähnlichen Situationen ergangen ist.
In meinem Tagzeitengebetbuch, das ich regelmäßig benutze, fand ich für heute einen kurzen Textabschnitt aus dem zweiten Mosebuch vorgegeben. Ich möchte mit Ihnen auf diesen kurzen Abschnitt hören.
Exodus 14, Verse 19 und 20, da steht:
Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster, und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.
Sie kennen alle den Zusammenhang dieser Verse: Der schnelle Aufbruch der Israelitenschar aus Ägypten, dramatisch und etwas atemberaubend. Und ob wirklich alle weg wollten aus Ägypten, das mag füglich bezweifelt werden. Die Schatten der Vergangenheit in Gestalt des ägyptischen Heeres sind den Fliehenden noch auf den Fersen. Es ist schwer, ja unmöglich, sie abzuschütteln aus eigener Kraft. Und vor den Israeliten - Wasser, in dem sie zu versinken drohen. Sie wissen es ja nicht vorher schon, daß das Wasser sich teilen würde. Und hinter dem Wasser - Wüste, in der man verdursten, elend umkommen kann. Sie wissen es ja nicht vorher schon, daß sie rechtzeitig und in ausreichendem Maße etwas zu essen und zu trinken finden würden.
Erst viel später, Jahrhunderte später, von hinten her hat das Gottesvolk seine kollektiven Geschichtserfahrungen formuliert und aufgeschrieben. Es hat sich erinnert und erinnert sich bis heute und macht an dieser Erinnerung seine Glaubensidentität fest:
Das ist unsere Erfahrung mit dem Gott, der mit uns auf dem Wege ist. Er zog vor uns her, damit wir die Orientierung nicht verloren. Aber wenn von hinten Gefahr drohte, wenn unsere Vergangenheit nach uns griff und uns wieder zurückholen wollte, dann stellte er sich hinter uns. Von einem Engel spricht die eine Traditionsschicht, von einer Wolkensäule die andere.
Wenn Israel sich erinnert, sich seine Geschichte und seine Gotteserfahrungen erzählt, dann nicht, um rückblickend, historisierend und mit verklärtem Blick zu sagen: So war das mal. Sondern solche Erinnerung ist Vergegenwärtigung: So ist unser Gott. Mit einem solchen Gott sind wir unterwegs durch die Zeiten. Mit einem Gott, der mir den Rücken stärkt, wenn ich Angst habe vor der Zukunft. Mit einem Gott, der mir den Rücken freihält, wenn die Schatten der Vergangenheit nach mir greifen, wenn mich bedroht, wovon ich mich gerade freigemacht zu haben glaube. Ich kann mich also auf die Zukunft konzentrieren.
Aber, der Gott, der mit uns auf dem Weg ist, versperrt uns auch den Weg nach hinten. Es gibt kein Zurück. Die Wolke ist undurchdringlich, nicht nur für das Heer der Ägypter, sondern auch für die Israeliten. Es gibt keine "Regression" zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Zur Freiheit gibt es keine Alternative, auch wenn noch so laut gemurrt wird. Es gibt nur den Weg nach vorn, den - und ich sage es noch einmal - "Gestaltungsauftrag in Permanenz".
Liebe Schwestern und Brüder, ich bin froh, daß wir in Christus zu diesem Gottesvolk gehören. Wir dürfen uns die kollektive Gotteserfahrung des Volkes Israel mit vergegenwärtigen und sie weiterschreiben. Es ist Christus, der uns freimacht von den Schatten unserer Vergangenheit. Und es ist der Geist, der Paraklet, den Christus verheißen hat. Der ist mit uns auf dem Weg und erinnert uns an die Gottes-, an die Christus-Erfahrung der Kirche.
Solche Erinnerung mag uns den Mut und die Zuversicht geben, heute unseren synodalen Weg zu gehen. Und sie mag uns den Mut und die Zuversicht geben, in den kommenden Wochen und Monaten und Jahren den Weg unserer Kirche gestaltend weiterzugehen - mit dem schützenden Engel im Rücken. Amen.
Wir beten:
Ewiger Gott, du hast uns deinen Heiligen Geist gegeben, der mit uns auf dem Wege ist. Segne mit seiner Gnade und Gegenwart unsere Synode, die in deinem Namen versammelt ist, daß deine Kirche in dieser Welt dir diene, in der Liebe, mit der du uns begegnest in Jesus Christus, deinem Sohn. Dir, dem Dreieinigen Gott, sei Ehre in Ewigkeit. Amen.
Wir singen von dem angefangenen Lied 438 die beiden letzten Strophen, Strophe 5 und 6.
Vaterunser
Segensbitte

