Predigt zum 350. Jahrestag des Westfälischen Friedens in der St. Marienkirche zu Osnabrück
Manfred Kock
24. Oktober 1998
"Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Söhne und Töchter heißen."
(Matth. 5, 9)
Das sei unser Dankgebet, 350 Jahre nach dem Ende des schrecklichen 30jährigen Krieges.
Dank sei Gott für alle, die Frieden stifteten und dem Krieg ein Ende machten.
Als ein Religionskrieg hatte er begonnen. Die Kirchen hatten ihn nicht nur nicht verhindert, sondern gerechtfertigt, gefördert, angestiftet. Aber schon bald ging es nicht mehr um die Konfessionen und ihre Wahrheitsansprüche. Es ging um Macht, um Einflußsphären, um die Vormachtstellung in Europa. Und bald konnte auch das nicht mehr das Ziel sein. Denn was immer eine oder eine andere Seite als Vorteil erkämpft haben sollte, es war über die Maßen bezahlt mit Verwüstung und Tod.
Kaum je vorher und nachher waren die Menschen, die Übriggebliebenen, des Mordens und Leidens so müde geworden. Die einfachen Menschen sind immer die Leidtragenden: die Frauen, die Kinder, die Alten - und natürlich auch die jungen Männer, deren Seelen und deren Würde die Gewalt zerstört.
Vier Jahre lang hatte man mühsam verhandelt um Auswege aus dem Dschungel der Wahrheitsansprüche und der gegenläufigen Interessen.
Eigentlich - so denken wir - eigentlich hätte das doch viel schneller gehen müssen. Und eigentlich hätte man vor dem Ausbruch des Krieges verhandeln müssen. Krieg ist immer die schlechteste Möglichkeit, Interessen auszugleichen.
Friedensstifter sind so wichtig: Menschen, die Gelassenheit ausstrahlen, die nicht nur selber keinen Streit vom Zaune brechen, sondern versöhnende Worte finden; Menschen, die Interessen ausgleichen, um Gewalt zu vermeiden.
Bewundernswert sind gar diejenigen, die bereit sind, eher auf Recht zu verzichten, als es mit Gewalt durchzusetzen. Oft werden sie gar nicht ernstgenommen, sie werden verlacht, weil sie sich ausnutzen lassen. Denn in uns drängt ein Rechtsempfinden, das sich nicht gern hilflos gewalttätigem Rechtsraub ausliefert. Wir brauchen so etwas wie vergeltenden Ausgleich.
Aber das ist sicher - die Welt wäre noch schlimmer dran, wenn es nicht solche Menschen gäbe, die lieber Unrecht leiden, als Unrecht tun.
Dreißigjährige Kriege jedoch und ähnliche Konflikte sind nicht von einzelnen Duldern zu vermeiden oder zu beenden.
Ausgleich und Rechtsregelungen in Konflikten sind oft sehr schwer und mühselig zu erreichen.
Diplomaten und Politiker sind angesichts der verwirrenden Interessen und der schwierigen Mentalitäten der Beteiligten oft hoffnungslos überfordert.
Haß zu säen und zu schüren ist einfacher, als ihn zu besänftigen, wenn er ausgebrochen ist.
Darum erstickt die alte Erde im Blut Abels und aller erschlagenen Brüder; der alte Himmel wird verfinstert vom Rauch der auf Scheiterhaufen verbrannten Schwestern und vom Ascheflug der gemordeten Söhne und Töchter Israels.
Von uns kann da gar nicht die Rede sein, wenn wir seliggepriesen werden sollten wegen der Kräfte der Versöhnung und des Ausgleichs, die in uns selber wären.
Aber es ist der Mann aus Nazareth, der die Friedensstifter selig preist. Seine Wirklichkeit, Erbarmen, das die Welt umspannt und Hoffnung zuspricht, schafft unsere Möglichkeiten.
Sein Wort ist ein wärmender Strahl, der in die herzlose Geschichte der Menschheit fällt. Sein Erbarmen enthüllt zunächst den Feind in uns selber. Ihn gilt es zu entdecken, unsere Gedanken der Verachtung, der bequemen Überheblichkeit, der Angst. Dann lernen wir, den Feind im anderen neu einzuordnen, sein Lebensrecht zu achten und den Kreislauf der Vergeltung zu durchbrechen.
Die Kraft für diesen mühsamen Weg erwächst aus dem Gottesfrieden, der uns zugesagt ist. Wir haben den Rücken frei, wir tragen unsere Vergangenheit nicht wie einen Mühlstein um den Hals.
Das ist eine gute Ausgangslage auch für alle, die das politische Geschäft des Ausgleichs und der Friedenssicherung zu leisten haben.
Die säkulare Rechtsordnung kann in Verantwortung vor Gott geprägt und gesichert werden. Der Frieden von Münster und Osnabrück zeigt: Pragmatische Vernunft kann aus der Botschaft des Friedensstifters erwachsen. Die Konfessionen brauchen ihre Wahrheitsansprüche nicht aufzugeben, wenn sie sich einem verbindenden Ethos des Rechts und des Ausgleichs zuordnen.
Natürlich ist auch eine solche Rechtsordnung nicht gegen ihren Mißbrauch gefeit.
Immer wieder brechen die mühsam gezähmten Furien aus: fundamentalistische Rechthaberei, rassistische, nationalistische, ethnische Überheblichkeit. Und schnell mischen sich andere Interessen ein: der Wunsch nach Einfluß, nach Herrschaft über Ölquellen, nach Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen. Wir zwingen die Neue Erde und den Neuen Himmel nicht herbei.
Aber das Bild des neuen Himmels und der neuen Erde - gemalt in den Visionen derer, die von Gott ergriffen sind - prägt unser Bild wie humanesZusammenleben zu gestalten ist. Die dieses Bild vor Augen tragen, können Frieden stiften. Keinen ewigen Frieden, denn sie bleiben immer zurück hinter dem, was uns aufgetragen ist; aber praktischen, vorläufigen Frieden wohl.
Und wie bewegend war das heute Nacht, als ein Schritt im mühseligen Friedensprozeß im Nahen Osten getan wurde. König Hussein von Jordanien hat es auf den Punkt gebracht. Er sagte: "Wir mögen streiten, wir mögen uns verstehen. Aber wir haben kein Recht, die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder zu zerstören."
Mit unseren Gebeten stützen wir die, die Frieden stiften. Unsere Gebete öffnen die Sinne für die Leidenden und öffnen die Augen für den Frieden, der nach Gottes Willen möglich ist. Darum gilt:
"Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Söhne und Töchter sein".

