Bibelarbeit über Jesaja 65, 17 - 25
Robert Leicht
17. Juni 1999
Liebe Kirchentagsgäste,
liebe Schwestern und Brüder!
Wir wollen heute nachdenken über eine große Veränderung. Was wird sich ändern, was muß sich ändern - wer muß sich ändern, wer wird uns ändern? Dazu hören wir aus dem 65. Kapitel des Propheten Jesaja zunächst die Verse 17 - 25 in der Übersetzung Martin Luthers:
17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, daß man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. 18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, 19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. 20 Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. 21 Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. 22 Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. 23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. 24 Und es soll geschehen: ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. 25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muß Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.
Bevor wir nun den Text bedenken wollen, singen wir uns erst einmal alle Müdigkeit aus Leib und Seele, alle finsteren und fahlen Gedanken, die sich zwischen die alte Nacht und den neuen Morgen schieben wollen:
Lied, Gottesklang, Nr. 7, 1- 3 ( "Es tagt, der Sonne Morgenstrahl") - und wer will, kann versuchen, sich auf die vier Stimmen zu verteilen
"Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen ..."- das Pathos dieser Worte macht auf den ersten Blick die ganze Anziehungskraft unseres Textes aus. Würden wir diesen Textabschnitt heute überhaupt bedenken ohne diese starken Worte?
"Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen..." Wie oft haben wir das schon gehört! So oft, daß einem eigentlich himmelangst werden müßte. "Gebt mir zwölf Jahre und ihr werdet Deutschland nicht wieder erkennen..." Und so kam es dann auch. Oder: "Die Philosophen haben die Welt interpretiert - aber es kommt darauf an, sie zu verändern." Und so wurde die Welt erst willkürlich interpretiert und dann willkürlich verändert.
Wie oft haben wir in der Menschheitsgeschichte nach dem neuen Menschen gerufen, weil es ohne diesen neuen Menschen keine bessere Welt geben könne - nur damit der alte Adam die Gewaltherrschaft seiner unverbesserlichen Sünde austoben konnte? Und wo nicht der Mensch umgebaut werden sollte, war eben die Welt dran: technische Revolution. Und nun fangen wir womöglich wirklich an, die Welt so zu lassen, wie sie ist - und stattdessen, den Menschen umzubauen, zu klonen. Auf daß der Mensch nicht mehr das Ebenbild Gottes ist - sondern das Ebenbild unserer Zweckvorstellungen und Nützlichkeiten. Lebenslänglich - und immer länger.
Wenn also einer daher kommt und uns einen neuen Himmel und gleich noch eine neue Erde dazu verspricht, dann haben wir allen Grund vorsichtig zu sein. Und sind es inzwischen sogar. Allenfalls bei kleineren Versprechungen werden wir schnell leichtgläubig, zumal dann, wenn uns große Veränderungen verheißen werden, ohne daß wir uns selbst verändern müßten: Die Kosten der Einheit lassen sich aus dem Zuwachs bezahlen. Es wird allen besser gehen und niemandem schlechter. Blühende Landschaften allüberall. Wir werden nicht alles anders machen, aber vieles besser. Wir sind die Partei der Besserverdienenden - wer uns wählt, verdient es nicht besser.
Einen neuen Himmel und eine neue Erde - wollen wir das denn überhaupt noch? Aus Schaden klug geworden, halten wir an unserem alten Himmel und unserer alten Erde fest, solange es eben geht, länger als es gut geht. Solange es uns gut geht - auch um den Preis, daß es anderen schlechter geht. Besitzstandswahrung nennen wir das - zuhause und in der Welt. Früher sprachen wir in der entwicklungspolitischen Diskussion so: "Es reicht nicht aus, der Dritten Welt nur aus unseren überschießenden Gewinnen ein Almosen abzutreten - die Menschen dort müssen die Chance bekommen, sich selber ihren Lebensunterhalt zu verdienen." Jetzt, wo die Arbeitsplätze wirklich abwandern, wildwüchsig abwandern, nennen wir das "Globalisierung". Arbeiten dürfen die Menschen in Asien schon, aber nicht billiger, länger und bescheidener als wir; und keineswegs immer ist es die ehrlich empfundene Fürsorge, die uns so feierlich von unseren hohen sozialen Standards reden läßt. Denn den Spargel, den lassen wir uns von arbeitswilligen Saisonarbeitern aus Polen stechen; das ist kein Job für deutsche Arbeitslose; denen ist das nicht zuzumuten; die können das nicht. Essen wollen wir den Spargel schon - aber ernten? Und gar bezahlen - zu unseren Löhnen?
Einen neuen Himmel und eine neue Erde - die reinste Utopie, die vollendete Revolution! Was wäre dagegen eine Reform? Und wo bliebe, wo wäre am Ende die neue Mitte?
Utopie - das ist zu deutsch (und wörtlich übersetzt) das Land Nirgendwo und Nirgendwann. Aber wann immer wir Menschen versucht haben, dieses ferne, ideal gedachte Welt - wann immer also wir Menschen versucht haben, eine Utopie ins Hier und Jetzt zu übersetzen, ging es ohne Gewalt nicht ab; auch nicht ohne Opfer. (Übrigens waren Utopien ursprünglich negative Visionen, gerade deshalb! Deshalb möglichst nirgends und nie!!)
Revolution - also: der gewaltsame Umsturz! Noch immer fragte man sich hinterher, ob die Veränderungen gegenüber dem ancien régime die vielen Opfer der vielen Robbespierres gerechtfertigt haben. Das gilt selbst im französischen Nachdenken über die Französische Revolution, die nun wahrlich die Welt verändert hat - allerdings allein ein Frankreich einen Rattenschwanz von weiteren Revolutionen nach sich gezogen hat, bevor das Land einigermaßen zum inneren Frieden kam.
Reformen also - der Mittelweg zwischen tödlichem Stillstand und mörderischem Umsturz: Wie oft sind sie steckengeblieben in bürokratischem Dickicht und der Selbstbegünstigung derer, denen es sowieso schon ganz gut ging?
Was wundert es einen, daß jemand, der etwas verändert will - und sei es nur die Machtverteilung -, am besten verspricht, er wolle nicht viel ändern, schon gar nicht alles?
Doch das Wort vom neuen Himmel und der neuen Erde verspricht uns gerade dieses: Eine Veränderung an allem.
Es geht also um unser Verhältnis zur Veränderung. Soll sich überhaupt etwas ändern? Und wer soll die Veränderung bewirken - nachdem uns schon so viele eigenmächtigen Veränderungen gründlich daneben gegangen sind? Weil wir eben alles ändern wollten - außer uns selbst. Ja, weil alles sich ändern sollte, damit wir bleiben können, wie wir sind, was wir sind: die führende Rasse, die führende Klasse - die führende Nation, die exporttüchtigste Volkswirtschaft.
"Es muß sich ab sofort alles ändern!", das ist ein uns durchaus bekannter Befehl, der freilich den Befehlshaber selber nicht berührt.
Jedoch: Eine Veränderung an allem - das verweist über uns selber weit hinaus, denn es bezieht uns ein: in den Prozeß der Veränderung. Wir sind nicht die Ursache der Veränderung, sondern der Gegenstand der Veränderung; sogar der erste Gegenstand der Veränderung. Wir können die Veränderung nicht befehlen. Sie wird uns ja von einem ganz anderen versprochen. Wir können sie nur - von ihm - erbitten. Weil er sie verspricht.
Wer war dieser Jesaja? Wer ist der Prophet, der heute morgen nicht etwa seine eigene, sondern Gottes Rede vor uns stellt? Und wann hat er ursprünglich geredet?
Es ist die dritte der Personen, die sich hinter dem 'Firmennamen' Jesaja verbirgt, der dritte Jesaja: Tritojesaja genannt.
Er spricht zu einem Volk, das eine, das eine große selbstverschuldete nationale Katastrophe gerade hinter sich hat. Ein halbes Jahrhundert, gut fünfzig Jahre zuvor wurde Jerusalem zwei Mal belagert, schließlich lagen Tempel, Palast und Stadt zerstört, die politische Selbständigkeit - die Souveränität, die Zuständigkeit , wie wir heute sagen würden, für Israel als Ganzes - war verlorengegangen, das davidische Königtum beendet. Beachtliche Teile Israels wurden ins Exil verschleppt: "An Wasserflüssen Babylons wir saßen und weinten..."
Doch 539 vor Chr. unterwirft der Perserkönig Kyros die Babylonier, ein Jahr später - 538 vor Chr. - ergeht sein Befehl zum Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels, der sich freilich hinziehen wird. Die verschleppte Tempelgerätschaft, die Beutekunst, wird zurückgegeben; die Rückwanderung aus dem Exil setzt ein, die Wiedervereinigung des Volkes.
In dieser frühen Zeit nach dem Exil erhebt der Tritojesaja seine Stimme - mitten in den nach-katastrophalen, wirtschaftlich ärmlichen Verhältnissen, vielleicht gerade ein Jahr lang.
Dies ist eine Lage, die uns eigentlich bekannt sein müßte, fünfzig Jahre und etwas mehr nach unserer nationalen Katastrophe, deren spaltende Wirkung, deren Vertreibung aus der nationalen Selbständigkeit ins Exil des sowjetischen Blockherrschaft für einen Teil unseres Volkes erst vor einem Jahrzehnt enden sollte. In diesen Wochen vor zehn Jahren auf dem Kirchentag ahnten wir alle noch nicht, was kommen sollte. Aber was ist aus unseren blühenden Landschaften geworden? Und dabei meine ich nicht in erster Linie die wirtschaftlichen Versprechungen, sondern die blühenden Landschaften in unseren Seelen? Was ist aus dem Befreiungserlebnis geworden, das doch auch uns Westdeutsche heftig ergriffen hatte - sofern wir Freiheit nicht gleich mit Toskana übersetzt hatten. Aber natürlich gilt die Frage auch der Art und Weise, wie wir politisch und wirtschaftlich und sozial mit dem Einigungsprozeß umgegangen sind - und dies, obwohl wir doch aus der nationalen Katastrophe fast unverdient entlassen worden waren. Weshalb mußte zum Beispiel Freiheit für die Ostdeutschen so oft übersetzt werden mit: Eigentum für die Westdeutschen? Warum mußten die ostdeutschen Universitäten sich nach Strich und Faden evaluieren lassen (Recht so übrigens!), während die westdeutschen weiterwursteln durften wie bisher?
Doch das soll heute nicht unser Thema sein - es gehört dies alles nur zum Umfeld unseres Textes, damals wie heute. Denn auch damals war man nach der nationalen Katastrophe schnell wieder in den schnöden Alltag verfallen. Die Gesellschaft, die eben wiedervereinigt worden war, teilte sich alsbald wieder - in Arme und Reiche, Mächtige und Ohnmächtige, wie das eben so ist. Als ob es Gleichheit nur in der Unterdrückung gäbe, als ob die Gnade der späten Befreiung schneller vergessen sei als die Unfreiheit.
Hören wir einmal, wie der große Alttestamentler Gerhard von Rad - und zwar ohne unsere heutige nationale Lage zu kennen - die Situation schilderte, die der Prophet seinerzeit vorfand:
"Die letzten Jahre vor der Zerstörung Jerusalems waren durch die Unabwendbarkeit der nahen Katastrophe nicht ohne Größe, und ebenso hatte die Situation der Exulanten in Babylon durch die Eindeutigkeit ihrer Not Größe. Die Zeit nach der Rückkehr war weder eindeutig noch groß....
Eine also "offenbar in keiner Weise eindeutige Situation" - aber doch eindeutig zu bezeichnende Verhältnisse im Einzelnen, weiter bei Gerhard von Rad:
"...er hatte es als Prophet doch auch mit schweren Mißständen zu tun, mit nahezu katastrophalen sozialrechtlichen Verhältnissen und mit einer versagenden Regierung. Hier dringt er in einer Schärfe auf Recht und Gerechtigkeit, die den Anklagen der vorexilischen Propheten kaum nachsteht. das gilt vor allem für seine prophetische Kritik am leeren kultischen Betrieb, demgegenüber vor Jahwe eine soziale Barmherzigkeit viel wohlgefälliger sei. Aber anders als die vorexilischen Propheten hat es Tritojesaja nicht mit einem äußerlich hoffärtigen, sondern viel eher kleingläubig gewordenen Volk zu tun."
Gerade weil Gerhard von Rad, als er diese Sätze 1960 in Druck gab, unsere Situation nicht kennen konnte, ist diese Darstellung der Lage des Propheten so erhellend - für unsere heutige Lage. Uns fallen die ungewollten politischen Anspielungen natürlich sofort auf. Aber wirklich beunruhigen müßte uns der Mangel an theologischen Parallelen. Denn wo wird bei uns eigentlich noch öffentlich das Eintreten in die nationale Katastrophe, die Gnade der späteren Befreiung aus der Katastrophe noch geistlich reflektiert. Im Gegenteil, wenn jemand wie Richard Schröder vorschlägt, an der geplanten zentralen nationalen Gedenkstätte das fünfte Gebot ("Nicht morden!") auch in der hebräischen Originalsprache zu zitieren, immerhin in der ersten Muttersprache all unserer Theologie und Kultur! - schon kommen die schlauen Ausreden, nach denen man den jüdischen Opfern beinahe einen Gefallen tut, wenn man diese notwendige Erinnerung geradewegs unterläßt. Vor allem aber heißt es: Der moderne Staat dürfe nicht religiös getönt erinnern - was in die Praxis übersetzt nur heißen kann: Er habe ausgerechnet gegenüber diesem einmaligen Menschheitsverbrechen die religiös grundierte Erinnerung demonstrativ zu tilgen.
Bei Tritojesaja verhält es sich da noch ganz anders - trotz aller Parallelen.
Übrigens zur Kleingläubigkeit im nach-exilischen Jerusalem: Inzwischen wird ja auch bei uns der Vorwurf der Kleingläubigkeit erhoben - und zwar geschieht dies so: Den Ostdeutschen fehle der rechte Glaube an die Freiheit und die Demokratie - sie hätten sich wohl zu lange an die 'fürsorgliche Belagerung' durch ihre recht und schlecht nicht mehr funktionierende Versorgungsdiktatur gewöhnt. (Ziemlich unverschämt, wenn man sich daran erinnert, wie man sie erst dafür gerühmt hatte, daß sie ihre Diktatur mit Kerzen, Liedern, Gebeten und Fluchtbewegungen beiseitedrückten - beseitedrückten zu einem Zeitpunkt, als wir Westdeutschen (wahrscheinlich jeden der hier Anwesenden eingeschlossen) noch kleingläubig die Politik der "kleinen Schritte" predigten; und vielleicht nicht einmal zu Unrecht.
Also, über den Kleinglauben zu rechten oder falschen Zeit läßt sich streiten - auch mit den Ostdeutschen, auch unter Ostdeutschen. Aber solange wir Westdeutschen nicht wissen, wieviel wir selber von Freiheit, Demokratie, Chance und Risiko halten werden, wenn es an den gewaltigen Umbau unserer sozialen Systeme und Erwartungen geht, sollten wir das Glashaus schonen, unter dem wir noch sitzen.
Womit wir wieder - und immer noch bei unserem Thema sind:
Es geht um unser Verhältnis zur Veränderung. Soll sich überhaupt etwas ändern? Was darf sie uns kosten und abverlangen? Und wer soll die Veränderung bewirken?
"Es muß sich ab sofort alles ändern - vor allem im Freiheitsbewußtsein und Demokratieverständnis der Ostdeutschen!", das ist ein Befehl, der freilich den westdeutschen Befehlshaber selber nicht berührt.
Jedoch: Eine Veränderung an allem - das verweist über uns selber weit hinaus, denn es bezieht uns ein: in den Prozeß der Veränderung. Wir selber sind der Gegenstand der Veränderung.
Was also soll sich ändern - nach der Rede Gottes beim dritten Jesaja? Alles! Ein neuer Himmel, eine neue Erde - unter dem tut es der Text nicht. Und am Ende heißt es gar - in dem Vers vom "Tierfrieden":
Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muß Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.
Da muß ich Sie aber leider erst einmal enttäuschen:
Wir müssen davon ausgehen, daß sowohl die Rede vom neuen Himmel und der neuen Erde als auch die Vision vom Tierfrieden - daß also die utopischen, die wahrlich: hinreißenden Verheißungen, die den Rahmen unseres Textes bilden, spätere Zutat sind. Jedenfalls spricht die ursprüngliche Verkündigung des Propheten nicht von jener Welt, sondern von dieser Welt. Der Alttestamentler Claus Westermann sagt dazu: "Das von Tritojesaja angekündigte Heil ist durchaus diesseitig; d.h. die große Wende zum Heil führt einen Zustand herauf, der innerhalb der Grenzen geschichtlicher Existenz bleibt." Also nichts da mit Utopie, mit Nirgendwo und Nirgendwann, mit neuem Himmel und neuer Erde - jenseits unserer geschichtlichen Möglichkeiten? Und: Wäre das schade?
Schauen wir uns doch vorher erst einmal näher an, was der Prophet nun wirklich verheißt:
Jedenfalls redet er von den konkreten, bedrückenden Sorgen der Menschen seiner Zeit und Nähe. Und die sehen so aus:
Sie bauen Häuser und siedeln, pflanzen Reben: - aber ein anderer siedelt, ein anderer verzehrt ihre Ernte.
Künftig aber soll es so aussehen:
B/R 22 sie bauen nicht, daß ein anderer siedle, pflanzen nicht, daß ein anderer esse. Denn wie die Tage des Baums sind die Tage meines Volks nun, was das Tun ihrer Hände erbringt, sollen meine Erwählten verbrauchen.
Sie bauen - ein anderer siedelt; sie pflanzen - ein anderer ist: Das erinnert zunächst an die Besatzungszeit unter den Babyloniern und die heimatlose Arbeit im Exil: Ausgebeutet und vertrieben. Aber offenbar hat sich daran noch nicht viel geändert nach der Rückkehr aus dem Exil, nach der Wiedervereinigung und der neuen Selbständigkeit, im Wiederaufbau. Neue, alte soziale Spaltungen führen nach wie vor zu ungerechten sozialen Verhältnissen.
Sie bauen nicht, daß ein anderer siedle, pflanzen nicht, daß ein anderer esse. Denn wie die Tage des Baums sind die Tage meines Volks nun, was das Tun ihrer Hände erbringt, sollen meine Erwählten verbrauchen.
Künftig also soll jedem das, was er arbeitet, auch zustehen. Das ist noch keine egalitäre Gesellschaft, noch kein Sozialstaat - denn was wird aus denen, die sich nur wenig oder gar nichts erarbeiten können? Aber immerhin soviel: Es kommt jedenfalls nicht mehr einer daher wie ein Besatzer, und nimmt einem - ohne selber etwas zu tun - den Ertrag der Arbeit weg: einfach, weil er die Macht dazu hat.
Insofern ist aber eben doch von sozialer Gerechtigkeit die Rede. Denn soviel gilt allemal: Jedem das seine - und nicht: Mir das Deine!
Und noch eines:
Denn wie die Tage des Baums sind die Tage meines Volks nun; was das Tun ihrer Hände erbringt, sollen meine Erwählten verbrauchen.
"Wie die Tage des Baumes" : Ein Baum holt aus der Erde, was er braucht - und kein bißchen mehr. Er kann weder mehr aus dem Boden holen, als er braucht - noch kann er mehr verbrauchen, als ihm guttut; noch kann er auf Vorrat und Macht hin raffen und Beute machen. Er nimmt und verbraucht genau soviel wie ihm zusteht und guttut. Der Baum ist sozusagen der große erste Ökologe - die Viecher müssen da noch dazulernen, bevor der Wolf nur so viel frißt, wie das Schaf - und nicht das ganze Schaf selber. (Schafe übrigens, das weiß jeder, der einmal auf der Alb Schafe gehütet hat, Schafe fressen leider nicht nur so viel, wie ihnen bekommt - deshalb muß man sie nämlich hüten. Ach, was sind wir doch selber oft für Schafe!)
Der Baum ist aber nicht nur der erste Ökologe - er ist auch ein Bild für die göttliche Gerechtigkeit, die seddaqah: Gerecht ist, was sich willig, freundlich in die Wohlordnung Gottes einfügt: Was sich nicht bläht, was nicht Mutwillen treibt, was nicht das Seine allein sucht, was nicht eifert - was sich nicht ungehörig verhält. Was sich an der Ungerechtigkeit schlechterdings nicht erfreuen kann, sich aber an der Wahrheit freut.
Soviel zur Arbeit der Männer - damals: Bauen und Feldarbeit. Die Arbeit der Frauen: das Gebären:
"Sie mühen sich nicht ab ins Leere und gebären nicht für jähen Tod." Bisher wurden die unter Schmerzen geborenen Kinder für den Krieg geboren - einen Krieg, der zudem verloren ging, der mit Besatzung und Vertreibung endete. Auch damit soll Schluß sein.
Und wie soll es künftig aussehen?
Wir kommen hier in eine kleine Verlegenheit wegen der Übersetzung von Vers 20:
Anstelle der Luther-Textes und der Übersetzung des Kirchentages, die sich an Buber/Rosenzweig anlehnt, wähle ich für diesen Vers die Übertragung von Claus Westermann:
Es gibt dort nicht mehr ein Kind von wenigen Tagen und einen Greis, der seine Tage nicht erfüllt hätte, sondern der Jüngste soll hundert Jahre alt sterben und wer es nicht erreicht, gilt als verflucht.
Die Verheißung lautet also nicht: Der Tod wird nicht mehr sein. Aber doch: Es wird keinen unzeitigen Tod mehr geben. Gestorben wird - aber erst nach einem erfüllten Leben. Und als erfülltes Leben gilt : hundert Jahre des Lebens. Des Lebens - wie ein Baum, Leben im natürlichen Gleichgewicht, in göttlicher Ausgeglichenheit von Brauchen, Nehmen und Verbrauchen. Und Geben!? Keiner stirbt mehr vor der Zeit. Wen es aber früher erwischt, der muß irgendeinem Fluch erlegen sein - der hat offenbar anders gelebt als der Baum, der hat schwer gesündigt, hat sich aus dem göttlichen Gleichgewicht von Brauchen und Verbrauchen herausgestohlen.
Erfülltes Leben, gerechtes Leben, friedfertiges Leben - wie ein Baum: Hundert Jahre lang. Nicht weniger - aber auch nicht mehr. Das ist die konkrete Utopie des Tritojesaja.
Adonaj aber, der Gott dieses Namens, er freut sich, er jubelt über sein Jerusalem und sein Volk. Er hört kein Weinen und kein Geschrei mehr aus der Stadt seiner Wahl. Sie lebt in Frieden und Genügsamkeit. Und die Menschen folgen der göttlichen Aufforderung: "Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude..."
Eigentlich nicht unbescheiden - weder von Adonaj, noch vom dritten Jesaja!
Denn: Warum soll es uns Menschen schlechter gehen, als dem Baum, der bescheiden vor sich hin wächst?
Aber warum geht es uns schlechter als dem Baum? Weil der Mensch selber es ist, der dem Mitmenschen nicht die Ruhe und den Frieden und das gerechte Gleichgewicht von Brauchen und Verbrauchen läßt.
Weil wir mehr wollen, als wir brauchen.
Weil wir mehr verbrauchen, als uns guttut.
Weil wir uns nehmen, was wir nicht brauchen.
Mehr, als den anderen guttut, als der Welt guttut - und der Umwelt. Weil unser Wollen nicht zu unserem Wesen paßt, weil unser Wesen Unwille ist - der Unwille, auf Gottes Gerechtigkeit zu hören, uns in seine Wohlordnung einzufügen. Weil wir lieber Schafe fressen als Heu. Und weil wir schlimmer sind noch als der Wolf. Der reißt wenigstens "nur" Schafe aus dem Leben - jedenfalls nicht Wölfe, jedenfalls nicht Seinesgleichen. Weil wir nicht sein wollen wie ein Baum.
Und was wird nun aus unserem neuen Himmel, aus unserer neuen Erde? Wo doch der Prophet ursprünglich nicht mehr verspricht als dieses:
"Ja, wie die Tage des Baumes sind die Tage meines Volkes, und was ihre Hände erarbeiten, sollen meine Erwählten verbrauchen."
Offenbar können wir uns nicht ändern. Alles was wir verändern, hat noch immer dem geglichen, was wir sind - und immer waren. Ganz stimmt das zwar nicht: Denn in der Geschichte der Menschheit hat es Fortschritte gegeben: politische, wirtschaftliche, soziale, rechtliche - kulturelle. Das soll niemand verachten, vor allem nicht, wenn man selber in den positiven Konjunkturen der Menschheitsgeschichte lebt. Es lohnt sich auch immer, für solche Fortschritte weiter zu streiten (sagte ich: streiten?) zu kämpfen also (sagte ich: kämpfen?)- noch unsere Sprache spiegelt unsere unfriedliche Beschaffenheit! , also: Spielräume auszuschöpfen, zu suchen - für Bäume und Menschen, für Menschen wie Bäume. Aber inzwischen lassen wir Menschen nicht einmal mehr die Bäume in Frieden leben, überfallen sie mit saurem Regen - im Dienste unseres Fortschritts. Fortschritte - die gibt es; aber der Fortschritt selber kann ein Wolf sein, ein Mensch. Der Fortschritt ist kein Baum - der bleibt ruhig stehen.
Wenn wir etwas verändern - dann ändern wir uns nicht!
Und deshalb brauchen wir einen neuen Himmel und eine neue Erde - und zwar einen neuen Äon, den nicht wir schaffen.
Wollen wir uns auf eine Veränderung einlassen, die nicht von uns ausgeht? In der nicht wir selber uns verwirklichen? Wollen wir uns auf Veränderungen einlassen, die nicht von uns ausgeht, aber bei uns anfängt?
Ob die Sätze über den neuen Himmel und die neue Erde, ob die himmlischen Sätze über den Tierfrieden nun von Tritojesaja notiert worden sind - oder ob sie ein späterer Bearbeiter als Rahmen um den Kerntext gefügt hat, spielt so gesehen keine so übergroße Rolle mehr.
Denn eines ist offenkundig:
- Wenn auch nur die bescheidene, sozusagen innerweltliche Utopie des dritten Jesaja wahr werden soll...
- wenn nur wahr werden soll, was dieser Prophet seinem nach der nationale Katastrophe wiedervereinigten Volk wünscht...
- wenn aus der Stadt nicht mehr Weinen noch Geschrei, weder Ostalgie, noch Westalgie zu hören sein soll...
...selbst dafür müßte an den Menschen eine Veränderung vor sich gehen, die weit über das hinausgeht, was sie selber jemals ändern könnten.
Ich möchte das einmal so ausdrücken: Wir müßten uns ändern - ohne daß wir uns ändern.
Wir müßten uns ändern, ohne daß wir selber es sind, die uns zu ändern versuchen. Weil wir uns doch nur nach unserem Bild ändern könnten - und folglich blieben, wie wir sind.
Bevor wir aktiv zu Veränderern werden, müssen wir uns passiv verändern lassen: Erst als Passiva werden wir zu Aktiva.
Nicht der neue Mensch von des Menschen Gnaden, nicht der Mensch, den wir herbeiregieren, erziehen, erzwingen, klonen - sondern nur der neue Mensch von Gottes Gnaden kann so groß werden, so bescheiden, so friedlich - wie jener Baum.
Wenn das kein neuer Himmel und keine neue Erde wäre - was dann? Amen.

