Predigt im Berliner Dom am Ostersonntag
Wolfgang Huber
04. April 1999
"Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, daß ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, daß er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfaßten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, daß sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen."
1. Wann ist die Karwoche zu Ende? Die Frage drängte sich mir auf, als ein Reporter gestern, am Karsamstag bereits, die Karwoche für beendet erklärte. Ein Radrennen in Kreuzberg bot ihm dazu den Anlaß. Mit diesem Radrennen, so erklärte er forsch, gehe die Karwoche zu Ende. Und siehe da, auch Ostereiersuchen gehörte zum Beiprogramm. Skandalös ist an einem solchen Vorgang vor allem die Gedankenlosigkeit, die aus ihm spricht. Nach einer solchen Denkweise endet die Karwoche mit dem Spaß, den wir uns selber machen. Aber damit verkommt das Osterfest zu einer Form der Oberflächlichkeit, an der uns gerade in diesem Jahr die Lust vergehen sollte. Wie feiern wir im Jahr 1999 Ostern, das letzte Osterfest des alten Jahrtausends, ein Ostern, an dem im Kosovo weiter gemordet und gestorben wird, an dem über 600 000 Flüchtlinge aus diesem geplagten Land nicht wissen, wo sie ihr Haupt betten, ja wie sie überleben sollen, ein Ostern, an dem die NATO, Deutschland eingeschloßen, zum Mittel militärischer Gewalt gegriffen hat - und keiner weiß, wohin das alles führt? Nein, die Osterfreude aus dem Spaß abzuleiten, den wir uns selber machen, greift wirklich zu kurz. Daran vergeht uns die Lust. In diesem Jahr zählt nur eine Freude, die mit der Ratlosigkeit zusammengeht und sie nicht überspielt. Alles andere wäre unglaubwürdig.
2. Aber das wirkliche Ostern hat es erst recht mit einem Skandal zu tun, mit einem wirklichen Skandal. Ein Grab wird geöffnet, der Stein wird weggewälzt. So ungeheurlich ist der Vorgang, daß der Evangelist Matthäus dafür drastische Ausdrücke verwendet: Ein großes Erdbeben ereignet sich; der, der den Stein wegwälzt, ist ein Engel Gottes vom Himmel herab, blitzgestaltig und mit einem Gewand, das weiß ist wie unberührter Schnee. Daß das Geschehen alles Begreifen übersteigt, könnte kaum anschaulicher beschrieben werden. Ein Grab wird geöffnet. Das gilt normalerweise als pietätlos. Von Grabschändung sprechen wir, wenn jemand - meistens zu nächtlicher Stunde - ein Grabmal beschädigt. Als das Grab Heinz Galinskis, des früheren Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, durch einen Sprengstoffanschlag zerstört wurde, hat uns das alle tief empört. Als bekannt wurde, daß zu DDR-Zeiten das Grab Goethes in Weimar geöffnet wurde, um den Zustand des Leichnams zu begutachten, hat das zu Recht Unwillen erregt. Ein Grab wird bewahrt und geachtet - nach jüdischer Vorstellung sogar nicht nur für eine befristete Liegezeit, sondern unbegrenzt. Ein Grab wird nicht geöffnet.
Als Maria Magdalena und die andere Maria zwei Tage nach Jesu Kreuzigung, also am dritten Tag frühmorgens zum Grab kamen, taten sie das in der Gewißheit, daß daraus eine Tradition würde. Wie oft würden sie nach diesem ersten Besuch noch zu Jesu Grab gehen? Gewiß so oft, wie es ihnen nur irgend möglich wäre. Sie waren schon mit Jesus durch Galiläa gezogen und hatten ihn unterstützt, wo immer sie konnten. Mit einigen anderen hatten sie ihn auch nach Jerusalem begleitet. Stumme Zeuginnen seiner Kreuzigung waren sie geworden; aber auch bei seinem Begräbnis waren sie anwesend. Sie sahen, wie Joseph von Arimathia den Leichnam in seinem eigenen Felsengrab beisetzte, das er mit einem großen, schweren Stein verschloß. Für sie selbst gab es dabei nichts mehr zu tun. Wie erstarrt "saßen sie dem Grabe gegenüber" (Mt.27,61). Aber kaum war der Sabbat vorüber, machten sie sich auf den Weg. Das Grab war ihr Ziel. Die Trauer brauchte einen Ort. Wie soll man trauern ohne einen solchen Ort?
Deshalb war es gut für sie, daß Jesus nicht anonym bestattet worden war. Man kannte seine Grabstätte - wie es auch heute gut für alle Trauernden ist, wenn sie das Grab des Verstorbenen kennen und aufsuchen können. Auch wenn die trauenden Frauen auf lange Frist wieder nach Galiläa zurückkehren mußten - wie hätten sie mit ihrer Trauer umgehen sollen ohne einen Ort, an dem sie mit dem Verstorbenen Zwiesprache halten und ihren Schmerz vor Gott bringen konnten? Und nun fanden sie das Grab offen - ein unübersehbares Zeichen dafür, daß etwas Grundstürzendes geschehen war. Nun ging es nicht mehr darum, einem Abschied Gestalt zu geben. Sondern aus dem Tod war ein Neubeginn geworden. Das war gewiss ein Neubeginn in anderer, verwandelter Gestalt. Als Rückkehr in den alten sterblichen Leib wird man sich die Auferstehung Jesu nicht vorstellen können. "Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich" (1.Kor.15,42). Was Paulus allgemein über die Auferstehung von den Toten sagt, gilt von Jesus ebenso. Die Auferstehung ist keine Wiederbelebung. Die Wirkung eines solchen rein physischen Wunders hatte Jesus selbst höchst skeptisch beurteilt.: "Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen laßen, wenn jemand von den Toten auferstünde." (Lk 16,31). Es war deshalb auch nichts weiter als Hohn, wenn einige Besserwisser unter dem Kreuz Jesu stehend erklärt hatten: "Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben!" (Mt 27,42).
Jesus ist nicht der große Zauberer, der Wundertaten austeilt, um die Menschen dadurch freundlich zu stimmen. Er weiß ja, daß das unmittelbare Gelingen auch von dem Wunder ablenken kann, das sich im Glauben Ausdruck verschafft. Vom Reichen, der sich an den materiellen Erfolg gewöhnt hat, sagt er deshalb "Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen." (Mt. 19,23). Denn der Glaube ist ein Skandal, an den sich nur schwer gewöhnt, wer alles von dieser Welt, vom eigenen Erfolg oder vom selbst veranstalteten Spaß erwartet. Leistung braucht nicht madig gemacht, Freude nicht geringgeschätzt zu werden. Aber der Sinn unseres Lebens ergibt sich daraus nicht. Er liegt nämlich in der wahrhaftigen Beziehung zu Gott, zu den anderen Menschen und zu uns selbst: "Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich" (Mt.5,3).
Das ist das eigentliche Wunder: Das Absolute begegnet uns in der Zerbrechlichkeit des Lebens. Das Weizenkorn vergeht und bringt dadurch neue Frucht hervor. Der Schmerz wird zum Glück, die Furcht zur Freude, der Tod zum Leben. Nicht an einem physischen Mirakel hängt der Auferstehungsglaube, sondern an der Gewißheit, daß der Tod Jesu ein für allemal Heil bedeutet, an der Gewißheit, daß der Gekreuzigte bei uns ist, daß er lebendig ist und lebendig macht: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Mt.28,20). Es gibt für den christlichen Glauben keinen dramatischeren Umschwung als das Ostergeschehen. Es ist wie ein Blitz aus der Höhe, weiß wie unberührter Schnee. Es ist ein Geschehen, in dem Furcht und Freude sich nicht außchließen, sondern zusammengehören. Nicht einmal nur, nein zweimal werden die beiden Frauen aufgefordert: Fürchtet euch nicht. Einmal durch den Boten Gottes, einmal durch Jesus selbst erreicht sie diese Aufforderung. In jedem Osterfest feiern wir diesen Übergang: von der Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben.
3. Jesus ist auferstanden - und sein erster Auftrag ist eine eindeutige Ortsangabe: Geht nach Galiläa; dort bin ich zu finden. Der Ort seiner irdischen Wirksamkeit wird damit benannt, der Ort, an dem er den Menschen nahe war, den Leidenden zumal. Ostern läßt sich nicht feiern ohne diese Ortsangabe. Geht dorthin, wo Jesus sich finden läßt. Er ist bei denen, die unter Gewalt und Tod zu leiden haben. Was ist die Ortsangabe für uns, an diesem letzten Osterfest in einem zu Ende gehenden Jahrtausend? Wir feiern Ostern angesichts der Katastrophe im Kosovo, die von Kundigen lange vorhergesehen wurde und die uns doch so ratlos macht. Aber wir halten an dem Skandal fest, den Ostern bedeutet. Wir halten uns nicht an die Allerweltsweisheit, daß der Tod das letzte Wort hat. Wir beugen uns nicht der Herrschaft des Todes, dem Diktat der Hoffnungslosigkeit, der glaubenslosen These vom unabänderlichen Schicksal. Wir glauben nicht daran, daß die Gewalt das Recht beugt und die Lüge der Wahrheit keine Chance läßt. Wir halten an der Hoffnung fest. Und deshalb liefern wir uns der Ratlosigkeit nicht aus. Es gibt einen Weg aus der Todverfallenheit dieser Welt. Christus ist ihn gegangen. Deshalb sind wir Christen Protestleute gegen den Tod.
Viele Menschen demonstrieren in diesen Ostertagen für den Frieden. Die Ostermärsche werden mehr Zulauf haben als in den vergangenen Jahren. Die auf die Straße gehen, wollen auf ihre Weise Protest einlegen gegen den Tod. Kritische Einwände gegen den NATO-Einsatz der letzten Tage werden dabei laut werden. Es ist wahr: Er hat das Leiden im Kosovo und die Flucht von Hunderttausenden bisher nicht aufhalten oder gar beenden können. Aber der Protest muß sich doch zuallererst gegen die mörderische Politik richten, die das alles ausgelöst hat und die sich immer noch weiter verschärft. Tatenloses Zusehen ist jedenfalls keine zureichende Antwort. Unsere Ratlosigkeit darf uns nicht die Hände feßeln. Aber daß wenigstens in diesen Ostertagen die Waffen schweigen und daß Verhandlungen wieder in Gang kommen, muß man nicht nur hoffen, sondern dringend fordern. Vor allem aber werden Versöhnungsbereitschaft und praktizierte Feindesliebe gebraucht. Dem Vorhaben, die Kosovo-Albaner zu vertreiben, ja auszurotten, muß Einhalt geboten werden.
Aber es kann auch nicht hingenommen werden, wenn das Volk der Serben in Bausch und Bogen mit der mörderischen Politik des Regimes Milosevic gleichgesetzt wird. Allzu lange blieben Oppositionsgruppen unbeachtet. Auch eigenständige Stimmen in der Serbischen Orthodoxen Kirche wurden nicht gehört. In dem gemeinsamen Aufruf von Bischof Lehmann als Vorsitzendem der Deutschen Bischofskonferenz und Präses Kock als Vorsitzendem des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland heißt es: "Wir wissen uns im Gebet um Frieden verbunden mit unseren Schwestern und Brüdern in der Ökumene, insbesondere in der Serbischen Orthodoxen Kirche." Im Anschluß an diesen Gottesdienst will ich deshalb der serbisch-orthodoxen Gemeinde hier in Berlin einen Besuch abstatten. Ein bescheidenes Zeichen des Friedens soll das an diesem Ostersonntag sein. Die Auferstehungsgewißheit versetzt uns nicht in eine andere Welt. Aber sie setzt das Leben in dieser Welt in ein neüs Licht. Ein neür reinigender Wind kann von Ostern her in die gegenwärtige Welt wehen. Dietrich Bonhöffer hat das 1944 gesagt. Nun sind wir 1999 wieder auf einen solchen neuen reinigenden Wind angewiesen. Wenn wir uns wirklich von ihm bewegen laßen, kann vieles anders werden. Nicht ein happy end ist das, sondern ein glücklicher Neubeginn.
Amen

