Predigt anläßlich der Eröffnung der "Woche für das Leben" in der Johanneskirche in Düsseldorf (Römer 8, 20-23, 28,29)

Manfred Kock

02. Mai 1999

Die Hoffnung auf die Erlösung der Welt

1. "Gottes Erde - zum Wohnen gemacht."
So bestimmt sich der Raum, in dem wir leben. Seit den Zeiten der alten Propheten bis heute geht es immer wieder um die Zukunft der Erde. Sie ist der Teil von Gottes Schöpfung, auf den wir gestellt sind. Sie ist unser Wohnort. Für ihn sind wir mitverantwortlich. Unser Tun und Lassen verändert die menschlichen Lebensbedingungen auf lange Sicht tiefgreifend. Darüber wird in dieser "Woche für das Leben" informiert und nachgedacht.

Wir besinnen uns dabei auf die Worte der Bibel. Sie weisen uns auf unsere Verantwortung hin. Sie eröffnen den Horizont der Hoffnung.

Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.
Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.
Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, daß wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden. ...

Wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind;
denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei. [Römer 8, 20-23,28f.]

2. "Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen - sie seufzt bis zum heutigen Tag."
So beschreibt der Apostel die Welt, in der wir leben. So beschreibt er auch uns Menschen - die wir Teile von dieser Welt sind.
Sklaverei und Verlorenheit sind ihre Kennzeichen.
Leben bricht ab, wo eben noch Hoffnung war.
Krieg wird begonnen, wo wir dachten, die Spannungen seien geringer geworden seit dem Ende der Teilung der Welt in zwei Machtblöcke.

Viele machen die Erfahrung von Leerlauf und Vergeblichkeit in ihrem Alltag, wenn Türen zuschlagen, wenn Streit herrscht ohne Hoffnung auf Versöhnung.

Und vor uns tauchen die Gesichter auf von Kranken, die unheilbar sind, die umkommen in dem Wissen um die Unausweichlichkeit ihres Endes oder in der Angst vor diesem Wissen.

Auch wo der Mensch auf Fortschritt zum Wohl der Menschen aus ist, hat er die Zukunft nicht in der Hand; er stößt unweigerlich immer wieder an die Grenze der Machbarkeit. Das gewaltige Anwachsen der menschlichen Verfügungsmacht, wie sie sich mit der modernen Wissenschaft und Technik verbindet, führt in dieser Hinsicht manchmal zu Täuschungen.

Das biotechnische Zeitalter, in das wir eingetreten sind, ist dafür ein anschauliches Beispiel. Das Bemühen durch Entwicklung von Arzneien und Apparaten zur Verlängerung des Lebens, durch Bekämpfung des Hungers mit Hilfe der Züchtung neuer Sorten und Rassen ist Ausdruck eines Fortschritt-Strebens, das Krankheit und Tod überwinden möchte. Aber die Kräfte, die dem Tod die Macht nehmen wollen, führen gleichzeitig in die Überlebenskrise unserer Zeit.

Tadeusz Roszewic drückt das in einem Gedicht so aus:

Diese Mauer,
die wir gemeinsam bauten
Tag für Tag,
Wort für Wort,
bis zum Schweigen,
diese Mauer
schlagen wir nicht durch.
Eingemauert
mit eigenen Händen
verdursten wir.
Wir hören nebenan,
daß andere sich bewegen,
hören Seufzer,
rufen um Hilfe,
sogar unsere Tränen
fließen nach innen.

3. Wie wir in dieser Welt leben können und warum, das sagt der Apostel in dem Abschnitt des Römerbriefs, den wir eben hörten. Er zeigt uns den Weg in die Freiheit. Damit wird uns ein dritter Weg eröffnet, der uns vor zwei Irrwegen bewahrt.

Der eine Irrweg: Das Leid zu verdrängen. Dieser Weg richtet Schäden an in den Tiefen der Seele.

Der zweite Irrweg: Das Leid zu verklären. Dieser Weg sucht, dem Leid vorschnell einen Sinn zu verklären

Der dritte Weg des Apostels ist der Weg der Hoffnung. Er hilft einzustimmen die Klage der Leidenden. Er macht sensibel für das Leid. Er öffnet die Augen für die menschlichen Ursachen des Leides. Dieser dritte Weg hilft, das unvermeidliche Leid anzunehmen und im Umgang mit ihm das eigene Menschsein zu bewähren und die Menschenwürde anderer zu bewahren.

Der dritte Weg des Apostels ist eine Provokation. Denn er meint damit allen Ernstes: Das alles ist Vorstufe der Herrlichkeit. Das sind die Wehen einer neuen Geburt.

Wenn Paulus dafür nicht selber eingestanden wäre mit seinem Leben, könnte seine Auffassung zynisch wirken.

Das Zukunftsbild des Glaubens verändert die Gegenwart. Was Glaubende sehnsüchtig erwarten, schafft Veränderung schon jetzt. Wer die Zukunft in einem neuen Licht sieht, kann die Dunkelheit anders erleben.

Ich will die Gefahr nicht verschweigen. Solche Zukunftshoffnung kann auch zu einem illusorischen Träumen degenerieren, kann religiöse Apathie hervorrufen.

Für den Apostel Paulus, aber ist solche Gefahr gebannt. Christus ist die Anzahlung. "Schau ihn an!" Er ist das Ja Gottes zur Schöpfung. Seine Schwachheit ist der Zustand, in dem wir nachfolgen.
Damit wird klar: Nicht unser Wohlbefinden steht auf dem Spiel, sondern das Heil der Welt. Die Kreatur seufzt. Das formuliert der Apostel realistisch und nimmt die Erfahrung auf, die wir Menschen von Anfang an machen. Das setzt die Worte der Klage frei. Tränen fließen nach außen. Im Bilde des Christus führt Klage nicht in die Resignation, sondern in den Protest des Lebens gegen die Produktion des Elends. Leidende nehmen Leid wahr, stoßen hindurch durch die Mauern der Angst und der Hoffnungslosigkeit.

Sie organisieren den Protest gegen die Ursache des Leids. Das ist der Vorgriff auf die noch ausstehende Freiheit.

Über die Grenzen des Persönlichen geht das hinaus. Die ganze Existenz der Christenheit ist nichts anderes als ein Vorgriff auf noch ausstehende Freiheit: Mitten im Leid dieser Welt Verantwortung für diese Welt zu tragen.

Drei Folgerungen sind zu ziehen:

1. Wir können staunen über die Vielfalt der Geschöpfe Gottes, können staunen über die Lebenskräfte der Schöpfung, über die Regenerationsfähigkeit von Luft, Wasser und Boden, können uns freuen an der Vielfalt und Buntheit, auch über die Kreativität der Natur. Das sind keine frommen, romantische Gefühle, es fließt vielmehr aus unserer Grundeinstellung dem Leben gegenüber. Das Gotteslob bestimmt unser Handeln.

2. Wir sehen unseren konkreten Anteil an der Gefährdung des Lebens. Globale Zusammenhänge stehen immer auch mit lokalen Handlungsmöglichkeiten in Bezug. Die Gewalt der Natur entzieht sich zwar oft der menschlichen Planung und Berechnung. Dann spüren wir unsere Ohnmacht. Aber wir wissen heute, daß viele Naturkatastrophen, wie der Hurrikan "Mitch" und seine Folgen nicht nur blindes Schicksal sind. Sie sind auch deshalb so zerstörerisch, weil der Boden durch menschlichen Einfluß ökologisch so stark vorgeschädigt wurde, daß er nun besonders anfällig ist für Erosion durch sintflutartige Regenfälle.

3. Das Kreuz aus Nicaragua.
In unsere Johanneskirche wurde dieses Kreuz gebracht. Es verbindet das Leid der Menschen mit dem Leiden Jesu Christi. Wir erhalten eine neue Perspektive durch dieses Kreuz von Ostern her. Das ist eine Botschaft, die viel tiefer eingreift in unsere Weltwahrnehmung als die im Frühling erwachende Natur. Das Kreuz ist das Zeichen für Leid und Aufbruch, für Tod und für die Überwindung des Todes. Christusförmig wird das Leid im Kreuz zusammengefügt. "Der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können." sagt der Apostel. Gott ist so unter uns gegenwärtig, daß er selbst die sprachlose Sprache des Seufzens und Stammelns spricht.

Christus nimmt die Gestalt von uns sprachlosen Menschen an und gerade so vertritt er uns. Durch dieses Bild von dem Christus, der den stummen Schrei unserer Verzweiflung in Gottes Ohr trägt, ist die Hoffnung qualifiziert. So können wir die Schöpfung bestaunen als einen Ort des Lebens gegen das Chaos und gegen den Tod. So können wir uns aufmachen, Gottes Willen zu erfüllen: Die Erde zu verwalten und das Leben zu erhalten. So können wir aufstehen gegen die Philosophie der Gewalt, gegen die Vernichtung des Lebens durch Verfolgung, Vertreibung und Krieg. Angesichts der nicht endenden Bombardements auf Jugoslawien muß doch endlich klar werden: Gewalt verstrickt sich in sich selbst und führt nicht zum Ende der Verbrechen.

Es gibt kein fremdes Leid, das uns nichts anginge.

"Gottes Erde - zum Wohnen gemacht." Das ist tröstender Zuspruch angesichts gegenteiliger Realitäten. Und zugleich ist es mahnender Anspruch an uns, die Erde für alle bewohnbar zu lassen.



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