Predigt zum internationalen Eröffnungsgottesdienst des 28. Deutschen Evangelischen Kirchentages in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle Stuttgart

Manfred Kock

16. Juni 1999

"Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz dumm wird, womit soll gesalzen werden? Zu nichts taugt es mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden."
(Matth. 5, 13)

Der Friede Jesu Christi sei mit euch allen!

Die Seligpreisungen der Bergpredigt sind gelesen worden. Sie gelten den Armen und den Trauernden, den Sanftmütigen und den Barmherzigen, denen die hungern nach Gerechtigkeit, den Friedenstiftern.
Seliggepriesen sind sie - und sind ein Zeichen für die Welt.
"Ihr seid das Salz der Erde."
Aus dem Herzen der frohen Botschaft kommt diese Losung des Kirchentages.

Man könne mit der Bergpredigt keine Politik machen, sagen viele halten die Forderungen für unrealistisch und weltfremd - und wehren damit ab, welch großes Geschenk die Botschaft des Evangeliums uns anbietet. Wir können die biblischen Texte auf uns beziehen, können uns von ihnen stärken und ermutigen lassen. Glück, Freude und Seligkeit werden uns versprochen. Das ist die frohe Botschaft. In dieser Grundlage wurzeln alle Forderungen der Bergpredigt.

I. Hoher Anspruch

"Ihr seid das Salz der Erde." - Welch hohen Anspruch enthalten diese sechs Worte! Salz muß würzen und schützen und ist unentbehrlich für die Erde. Warum sollen ausgerechnet Christen das unentbehrliche Salz der Erde sein? Kritikern fällt es nicht schwer, genau das Gegenteil zu behaupten, und sie hätten wahrhaftig Beispiele genug, um ihre Behauptung zu untermauern.

Der Satz klingt besonders dann als anmaßend, wenn man die vor Augen hat, denen er damals galt. Das war keine Elite. Die meisten werden kaum die Möglichkeit gehabt haben, die Lebensverhältnisse in ihrer engsten Umgebung oder in ihrem Land mitzugestalten, von dem damaligen, bewohnten Erdkreis ganz zu schweigen. Die Fischer vom See Genezareth waren ohne Macht. Besondere Stärken, die sie dazu ausgezeichnet hätten, Salz der Erde zu sein, hatten sie nicht.

Und wir heute? Die Botschaft hat sich ausgebreitet in alle Länder. Aber - Salz der Erde? Die Gesetze der Welt scheinen kaum beeinflußbar zu sein. Krieg herrscht an vielen Orten. Auch Christen sind in Machtkämpfe um ideologischen und wirtschaftlichen Einfluß verwickelt. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist von Armut bedroht, und bei den Satten ist der Hunger nach Gerechtigkeit kaum spürbar. Angesichts des Krieges im Kosovo sind die meisten von uns hilflos und im ethischen Dilemma befangen.

"Ihr seid das Salz der Erde", den Satz sagen wir uns nicht selbst. Er ist Zuspruch Jesu auch für uns. Menschen, die nichts Besonderes sein können oder wollen und denen nichts bleibt, als nur der Liebe Gottes zu trauen, sind das Salz der Erde.

Und das bleiben sie bis heute - und auch in Zukunft - das Salz der Erde: Menschen, die ihr Menschsein mit allen seinen Grenzen bejahen, weil sie der Liebe Gottes trauen.

Sie bleiben auch in der heutigen Gesellschaft etwas Fremdes, etwas, das hinzukommt zum Ganzen, wie das Salz zur Speise, - und sie sind Provokation in einer Gesellschaft, in der Machtbesitz, persönliche Durchsetzungskraft und materieller Wohlstand als so überwältigend wichtig gelten.

II. Starke Gewißheit

Es heißt: Ihr seid das Salz der Erde. Nicht: Ihr sollt es sein. Es ist gar nicht in das Belieben der Christen gestellt, ob sie Salz sein wollen. Salz können sie nicht werden, sie sind Salz. "Ihr seid Salz." Das Wort beschreibt nicht, was andere an uns ablesen können, es sagt vielmehr zu, was wir von Christus zugesprochen bekommen: Es ist die Botschaft, die die Welt erhält und ihr Hoffnung gibt. Die Botschaft ist es, die uns Christen zu Salz der Erde macht. Salz der Erde ist - wie andere biblische Bilder der Hoffnung, z. B. Samen, Hefe, Licht - nicht durch Größe, sondern durch Wirksamkeit gekennzeichnet. Für die junge Christenheit damals waren es großartige Hoffnungsbilder. Sie gewinnen heute neu Bedeutung, wo Christsein nicht selbstverständlich ist und Christengemeinden wieder in eine Diasporasituation geraten. Dem Leben in der Zerstreuung wird die Streuwirkung des Salzes entsprechen.

Darum erwächst aus dem Zuspruch "Ihr seid das Salz der Erde" eine Kraft gegen die Mutlosigkeit angesichts des scheinbar schwindenden Einflusses von Kirche heute. Mut- und Ratlosigkeit entstehen, wenn man sich an Vergangenem orientiert und scheinbar goldenen Zeiten nachtrauert. Zuversicht kann dort entstehen, wo man sich an die Verheißung des Salzwortes Jesu erinnert.

Es geht nicht darum, ob die Kirche den Beifall des Zeitgeistes findet und ob sie durch öffentlichen Erfolg recht bekommt oder nicht. Im Kern der Botschaft, wo es um Kreuz, Leiden und Tod geht, kommt es nicht einmal darauf an, ob sie den Erwartungen der Menschen entspricht. Es geht vielmehr darum, aus welchem Geist die Kirche redet und handelt.

Eine nach Erfolg um jeden Preis schielende und eine auf allen Hochzeiten tanzende Kirche will niemand, und es braucht sie auch niemand.

Wir haben viele Möglichkeiten, die lebenserhaltende Botschaft mit Wort und Tat weiterzugeben. Auch dort, wo die Zahlen der Christen klein sind, kann Entscheidendes geschehen. Auch wenn in einzelnen Gottesdiensten sich nur kleine Gemeinden sammeln, immer wird daran erinnert, daß Menschen nicht bloß Konsumenten und Arbeitsmaschinen sind, sondern Gottes geliebte Söhne und Töchter. Auch wenn die Taten der Christen oft nur punktuell und zeichenhaft sind - immer erinnern sie daran, daß die Würde des Menschen unabhängig ist von dem, was einer zahlen und zählen kann.

Wir kommen zu Hunderttausend hier in Stuttgart zusammen. Das bestärkt uns. Aber wir machen uns keine Illusionen. Die Kirchen in unserem Land sind kleiner, ihre öffentliche Aufmerksamkeit ist geringer geworden. Für eine kleiner werdende Kirche ist die Gefahr groß, daß sie sich in kleinen Gruppen von der Welt abschottet in der Angst, sie könnte sich sonst ganz an die Welt verlieren. Aber Salz nützt nichts um seiner selbst willen. Christsein ist nicht Selbstzweck, ist vielmehr Hingabe und Dienst. Eine Kirche, die sich in Konventikel und in Katakomben verkriecht ohne Not, ist dummes kraftloses Salz.

Eine kleinere Kirche muß keine Winkelkirche, keine Nischenkirche sein! "Ihr seid das Salz der Erde!" Wenn diese Welt zugrunde geht, dann nicht an sich selbst, sondern an unserer kirchlichen Harmlosigkeit und an unserer Angst, angesichts des Bedeutungsrückganges stimme die Botschaft nicht mehr.

Gott liegt an dieser Welt, ER liebt diese Welt. Christus ließ sein Leben nicht für einen kleinen frommen Kreis. Diese Welt interessiert Gott, sonst nichts. Auf ihr sollen Gerechtigkeit und Frieden wohnen. Auf ihr sollen alle in Fülle leben können. Das können wir Christen bekennen, auch wenn wir eine kleine Kirche geworden sind.

Unter dieser Voraussetzung lohnt es sich, für diese Kirche einzustehen, auch für ihre äußerliche Gestalt; denn sie bietet den Raum für Geborgenheit und die Möglichkeit, das Evangelium in dieses Land hineinzurufen, und öffentlich darüber zu predigen, zu diskutieren und zu meditieren, was es heißt, "Salz der Erde" zu sein.

Manchmal wird die Nachfolge Jesu nur symbolisch sein. Meistens können wir nur kleine Zeichen geben. Aber es gibt überall im Lande kleine Projekte, die Mut machen. Vor allem, wenn wir spüren, das sind Teile einer Bewegung in aller Welt.

Da gibt es z. B. die Arbeit von Frauen mit ihrer Lebensnähe und Durchhaltekraft in vielen Gruppen und Gemeinden. Es gibt Partnerschaften mit Gemeinden und Gruppen in aller Welt, es gibt Unterstützer von Tschernobyl-Kranken, es gibt Amnesty International.

Im Lichte Jesu arbeiten viele Christen und Christinnen gegen die Einsamkeit der Alten, gegen die Mißachtung der Fremden, - und gegen das Wachsen neuer Vorurteile und Rassismus; kämpfen gegen den Handel mit Waffen und gegen die Produktion von Minen. Sie sind Salz und nicht Öl im Getriebe der Welt.

III. Eigenes Profil

Wir Christen finden unsere Identität nicht in der Absonderung, sondern im Austausch.

Gott gibt seiner Kirche gelegentlich so etwas wie "Nachhilfeunterricht in Nächstenliebe" durch Samaritaner, durch Ungläubige und Ausländerinnen, wie die Evangelien das bezeugen. Ich betone das, weil uns die Frage nach dem Besonderen unseres Beitrags zum Leben der Gesellschaft nicht in die Selbstbespiegelung führen darf. Die Frage nach dem "Eigentlichen" kirchlichen Handelns muß uns geradewegs hineinführen in die Lebens- und Zukunftsfragen der Gesellschaft. Was dort auf dem Spiel steht, steht auch für unsere Kirche auf der Tagesordnung. Diesen Herausforderungen müssen wir uns stellen. Aber anders als viele haben wir dabei eine wichtige Stärke: Uns ist durch den Mann am Kreuz ein anderes Schema der Welt bekannt geworden. Die Frage nach vorläufigen und nach endgültigen Dingen ist durch ihn beantwortet. Die Prioritäten des Lebens sind von ihm längst neu sortiert. Das macht uns gelassener als die, die meinen, alles jetzt sofort haben und ausprobieren und ganz und gar auskosten zu müssen. Das gibt uns mehr Spielräume im Umgang mit knappen Mitteln als denen, die am Ende des Geldes auch mit ihrer Phantasie am Ende sind. Vielleicht ist es die Geduld, die uns Christen besonders auszeichnet, wenn wir auf die Grenzen menschlicher Möglichkeiten blicken. Nicht eine Geduld, die sich abfindet, mit den Dingen, wie sie sind, nicht eine Geduld, die sich einlullen läßt, sondern eine, die durchhält, damit unsere Sehnsucht nach der Gerechtigkeit wachbleibt.

IV. Heilende Botschaft

Salz ist ein Konservierungsmittel.

Zu Zeiten, als es noch keine Kühlschränke und Gefriertruhen gab, wurden Lebensmittel damit haltbar gemacht. Die Botschaft von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die uns zum Salz macht, erhält die Welt. Unsere Welt braucht Menschen, deren Herzen nicht in sozialer Kälte erstarren, die sich vom Unfrieden nicht zur Gewalt hinreißen lassen, sondern Phantasie für den Frieden entwickeln und die sich der Zerstörung der Schöpfung widersetzen.

Auch wenn die Welt nicht danach fragt, braucht sie die Botschaft, die sich dem einzelnen Menschen zuwendet und ihn an die Mitmenschen weist. Ich möchte sogar behaupten, je weniger die Gesellschaft nach dieser Botschaft fragt, desto mehr braucht sie diese.

Christliche Alternativen für diese Gesellschaft anbieten, das bedeutet nicht, ein neues Zeitalter klerikaler Besserwisserei auszurufen. Aber wir Christen müssen wissen, wo wir stehen. Nur von einem eigenen bewußten Standpunkt aus wird es uns gelingen, eine "Kirche für andere" zu sein. Der Schritt hin auf die Mitte in der Person Jesu Christi führt zu Gott und zugleich auf den Weg zu den Menschen. Gerade die säkulare und plurale Gesellschaft wird davon profitieren, daß sich die Christen dieser Welt nicht gleichstellen, sondern versuchen, ihre Alternativen im gesellschaftlichen Diskurs anzubieten. Der Welt, die an Geld und Rentabilität orientiert ist, müssen Wert und Würde der Menschen eingeschärft werden.

Darin wird unsere Kirche mit ihren Christinnen und Christen besonders gefragt, in einem Ausmaß wie dies viele gar nicht wissen, nicht merken und darum auch nicht für möglich halten. Diese Nachfrage rührt daher, daß die Last der Probleme, unter denen die Erde leidet, schier untragbar ist. Wir denken jetzt besonders an die Vertreibungen, den Mord und die Bomben in Jugoslawien. Angesichts dessen gilt auch das Entlastende des Bildes vom Salz: Es wirkt unauffällig. Es hat nicht die Aufgabe, eine ganz neue Welt zu schaffen, sondern die Erinnerung an die Verheißung von Gottes neuer Welt wachzuhalten.

Nicht jeder / nicht jede braucht sich alle Probleme zu eigen zu machen. Atlas, der die ganze Welt zu schultern hat, zählt nicht unter die Heiligen der Kirche. Das Vertrauen in den Gekreuzigten und Auferstandenen gibt Gelassenheit und die Achtung vor dem, was er durch andere tut - und was er uns in der Gemeinschaft der Feier und des Gebetes erfahren läßt. "Ihr seid das Salz der Erde", sagt Christus.



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