Predigt in der Evangelischen Kirche zu Nümbrecht (bei Gummersbach) an Heilig Abend (Jesaja 9, Vers 1-6)
Manfred Kock
24. Dezember 1999
Wieder erleben wir den Zauber des Festes, hören die Geschichte von Maria und Josef, den Engeln und den Hirten und vom Kind in der Krippe. Da brechen Sehnsüchte auf nach vergangenen Zeiten und Empfindungen, die wir sonst kaum zulassen im Alltag des Jahres. Und da ist noch mehr als Sehnsucht und Gefühl: Die zarte Weihnachtsgeschichte kann uns beflügeln und verwandeln in dieser dunklen Welt.
Ich will heute nicht sprechen vom Mißbrauch des Festes, den gibt es, unübersehbar. Sie hier in dieser Kirche, und Sie an den Lautsprechern sind kritisch genug. Sie wissen, wie sehr wir verwickelt sind in die Welt des Konsums und der Oberflächlichkeit. Ich will heute sprechen von der neuen Hoffnung für uns alle, von der Hoffnung in unserer Trauer, von der Hoffnung, die Tränen abwischen wird. Ich will sprechen von dem gewaltigen Bild der neuen Geburt, das die Weihnachtsgeschichte zeichnet. Das löst Freude aus und Lachen. Das kann unserem Leben Tiefgang schenken. Denn unübersehbar zeigt die neue Geburt dieses an: Nicht nur das ist wirklich, was man zählen und zahlen kann. Hinter den Fassaden dieser Welt leuchten die Zeichen des göttlichen Lichtes. Ich will sprechen von dem Licht, das anders ist als diese Welt. Ein Licht, das Menschen glücklich gemacht hat, - durch Jahrhunderte unablässig und immer wieder; ein Licht, das getröstet hat selbst in den dunkelsten Zeiten.
Dazu will ich die alte Prophetenbotschaft des Jesaja lesen, mehr als 2500 Jahre alt sind seine Worte. "Ein Kind ist uns geboren", Vor-Bild für die Weihnachtsgeschichte, Bild der Hoffnung mitten in den Abgründen der Welt. Ich lese aus dem 9. Kapitel des Jesaja die Verse 1 bis 6.
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.
Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, daß er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.
[Jesaja 9, Vers 1-6]
Wir sind Realisten des Weihnachtsfestes.
Israel ging unter damals vor 2500 Jahren, trotz der Träume des Propheten. Unter den Stiefeln der Macht endete das Reich in Blut und Tränen. Dabei sollte es eigentlich gerettet werden vom drückenden Joch der Feindherrschaft. Die Botschaft des Propheten schien sich als allzu ferne Vision zu erweisen. Aber das Lied wurde weitergesungen, die Hoffnungsbilder sind über die Geschichte hinweg unzerstört geblieben. Auf ein anderes Kind sind sie übertragen worden, auf das Kind von Bethlehem. So sehen wir das Krippenkind im Gewand der alten politischen Hoffnung des Jesaja.
Auch das Kind von Bethlehem endete unter den Schlägen der Mächtigen. Und das Morden will nicht enden bis auf den heutigen Tag.
Was sollen wir tun? Über Weihnachten ein wenig ins Träumen kommen? Wir wollen Realisten sein. Wir wollen den dreckigen Stall nicht übersehen vor lauter Sternenglanz. Die Krippe bildet das Kreuz ab. So nüchtern ist das Weihnachtsfest. Die Windeln des Krippenkindes sind die Leichentücher des Gekreuzigten. Von dieser Spannung her erkennen wir unser Leben und diese Welt.
"Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht", sagt Jesaja. Ein Prinzenkind im alten Israel war ihm Anlaß, ein Zeichen zu sehen für die Zusage Gottes: "Ich lasse euch nicht fallen".
Damit überschreitet der Prophet die historischen Schwellen. Seine Botschaft wird Hinweis auf Christus, Gewähr für Gottes Treue. In einem Stall geboren und am Galgen gestorben, aber sein kurzes Leben hat genügt, die Welt zu verwandeln. Millionen Menschen sind angesteckt von ihm. Zwei haben das in diesem Gottesdienst bezeugt. In der weiten Welt gilt es unübersehbar viele, die Ähnliches zu berichten wissen. (Liedstrophe)
Ein Kind kommt zur Welt. Licht scheint in der Finsternis. Der Sohn ist uns gegeben, er wird sein Volk erretten. Alle Trostlosigkeit der Welt kann die Hoffnung nicht auslöschen, weder beim Propheten noch bei uns.
Mit einem kleinen Kind fängt es an.
Wenn es zur Welt kommt, schreit es, es schläft, es strampelt, es trinkt, es macht in die Windeln, es niest, es lächelt. Genauso kam das Christuskind zur Welt. Es hat klein angefangen und armselig. Für Eltern und Kind gab es keinen Platz in den Häusern von Bethlehem. Man kennt das von den alten Krippenspielen, da wird ausgemalt, wie es zugeht in der Welt: Harte Worte, gleichgültiges Schulterzucken, verlegenes Wegsehen. Es bleibt nur der Stall. Manche erwarten von Kindern nichts als Ärger, und Fremde sind oft unerwünscht. Und dann gibt es noch die, die so beschäftigt sind, daß sie die Schwachen zur Seite drücken; sie rennen und hasten und verstopfen die Straßen; sie übersehen die Hungernden; sie schweigen, wenn Menschen gequält werden.
Die Prophetenbotschaft lautet: Die im Finstern wandeln, sehen ein großes Licht, die Geringen sehen das Heil. Die Hirten in der Weihnachtsgeschichte fanden ein armseliges Kind. Aber sie waren überwältigt vor Glück, weil sie in all dem noch etwas anderes entdeckt haben: Gottes Liebe ist in diesem Kind. Gerade zu ihnen kommt das Licht Gottes, zu den Einfachen und Armen. Es kommt in die leidende, dunkle Welt. Mit dem Kind fängt es an, die Welt wird verwandelt. Mit einem Kind bricht eine neue Herrschaft an.
Das Kind hat starke, überschwengliche Namen: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Das Kind wird stark sein, aber ohne Gewalt. Gottes Liebe zu uns Menschen wird offenbar. Viele unter uns könnten von Erfahrungen berichten, die das bezeugen. Niemals hatten sie damit gerechnet, von diesem Jesus überwältigt zu werden. Zu stark hatten sie sich eingeschätzt, lebten vital und ohne Bedarf nach göttlichem Trost. Bis ihnen mit einem Male aufgegangen ist, wie nichtig ihr Leben ist und wie verwandelt sie sind durch das Kind mit den starken Namen sie verwandelt hat. Andere gibt es, die hatten nie damit gerechnet, wieder Hoffnung zu schöpfen in ihrem Leben. Zu stark schien ihnen ihre Schuld und das Schicksal. Bis ihnen aufgegangen ist, daß sie von Gott geliebte Menschen sind, trotz der Fragwürdigkeit ihres Lebens. Das Kind mit den starken Namen hat sie zu neuem Leben erweckt.
In der Welt steigt die Verzweiflung. In Tschetschenien ist das jetzt offensichtlich. Im Balkan kann nur militärische Macht die Ordnung einigermaßen gewährleisten, aber der Haß und die Angst sind groß. In Indonesien und vielen Teilen Afrikas ist es nicht anders. "Dröhnende Stiefel - Mäntel durch Blut geschleift". Die Sprache des Propheten bildet ab, was bis heute gegenwärtige Not ist. Aber die dröhnenden Stiefel und die blutigen Mäntel werden vom Feuer des göttlichen Geistes verzehrt, so sieht der Prophet es voraus.
"Das Volk, das in Finsternis wandelt, sieht ein großes Licht."
Vielen gehen die Augen auf. Sie fassen Mut und erkennen, wohin Gott sie gestellt hat. Menschen setzen sich ein für die Verfolgten und Vertriebenen. Der Protest gegen das Gedröhn der Stiefel wird unüberhörbar.
Viele haben ihre Herzen und Portemonnaies geöffnet, um Hilfe zu leisten bei Überschwemmungen und Erdbeben. Wenigstens die größte Verzweiflung konnte gelindert werden. Es gab große Hilfsaktionen, und es gibt einfache und stille, unauffällige Hilfe.
Das alles sind Zeichen des Lichtes, das vom Kind im Stall ausgegangen ist.
Den 2000. Geburtstag dieses Kindes feiern wir in diesem Jahr. Lassen Sie sich anrühren von der uralten Botschaft, die das Friedensreich ankündet; das Kind selbst will es stärken durch Recht und Gerechtigkeit.
Darum ist das Gedächtnis der Geburt eine heilsame Erinnerung. Immer wieder wird uns bewußt: Die Nacht ist noch bei uns, aber die Dämmerung ist schon angebrochen. In jedem Kindergesicht sehen wir das Kind von Bethlehem, in jeder Elendshütte den Stall. Hinter den Fassaden des Elends und der Ratlosigkeit ist Gottes wundervolles Ja-Wort zu hören, das allen Menschen gilt. Diese Botschaft stärkt unsere Hoffnung.

