Predigt zum 3. Advent in St. Michaelis zu Hamburg (Römer 15, 4-13)
Robert Leicht
12. Dezember 1999
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde!
Was mag Sie alle an diesem dritten Adventssonntag hierher geführt haben? Vorfreude auf Weihnachten? Der Wunsch nach ein wenig Besinnung in dieser besinnungslosen Zeit? Nach einigen Minuten wahrer Musik - nach all dem kommerziellen Geplärr in den Geschäften? Musik, Besinnung,Vorfreude - und nun sollen Sie einen Predigttext hören, der Sie fragen lassen wird: Was soll denn das mit Advent und Weihnachten zu tun haben?. Aber wie so oft enthalten die Pakete mit dem rauhesten Packpapier am Ende die schönsten Geschenke...
Hören wir also die Verse 4 - 13 aus dem 15. Kapitel des Römer-Briefes - und wir nehmen noch die ersten drei Verse hinzu:
1 Wir aber, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben.
2 Jeder von uns lebe so, daß er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung.
3 Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen, sondern wie geschrieben steht: »Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.«
4 Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.
5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß,
6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.
7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
8 Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind;
9 die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.«
10 Und wiederum heißt es: »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!«
11 Und wiederum: »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!«
12 Und wiederum spricht Jesaja: »Es wird kommen der Sproß aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.«
13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.
Liebe Gemeinde!
In der Gemeinde zu Rom herrscht wahrlich kein adventlicher Friede, sondern größte Unsicherheit. Fast wie bei uns in der Kirche: Was darf man als Christ tun - was muß man lassen? Wie sieht wahre Frömmigkeit aus - streng oder locker? Wer hat die Weisheit mit Löffeln gefressen - und wer befindet sich auf dem Holzweg?
Die junge Gemeinde in Rom hatten ja noch gar keine Kirche und erst recht keine Kirchenleitung, keine Bischöfe, kein Lehramt - auch keine Professoren der Theologie: Nichts von all den segensreichen Einrichtungen, die bei uns so erfolgreich nach dem Rechten sehen. Die Christen in Rom kannten nicht einmal alle die Texte, an die wir uns heute so sicher halten: keine Evangelien, keinen Katechismus, keine Bekenntnischriften, nicht einmal ein richtiges Glaubensbekenntnis - geschweige denn eine "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre". Gerade mal einen Brief vom Apostel Paulus...
Aber sie hatten die Botschaft von der Befreiung des Sünders allein durch den Glauben vernommen. Und damit, mit dieser wahren, mit dieser herrlichen "Befreiungstheologie" - fingen alle Schwierigkeiten leider erst richtig an.
3:28 "So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Die einen fühlten sich durch diese Befreiung vom religiösen Leistungsdruck regelrecht überfordert, ja verängstigt: Wo kommen wir hin, wenn jeder alles darf, wenn jedem alles frei steht?? So fragen (wie Paulus sie nennt:) die Schwachen im Glauben.
Die andern aber fühlen sich einfach stark, wie wir heute salopp sagen würden: saustark. Sie haben die Freiheit mit Löffeln gefressen - und jetzt trauen sie sich sogar, das Fleisch zu essen, das von den Opfertieren stammt.
Von den anderen schreibt Paulus im 2. Vers des vorigen Kapitels: "Der Schwache aber ißt nur Gemüse." Weil er seiner Freiheit nicht über den Weg traut.
In all diese Zweifel hinein meldet sich Paulus mit unserem Predigtext. Ihm geht es um vier Hauptworte: um die Einmütigkeit zwischen den Starken und den Schwachen, um die Hoffnung, die Geduld - und den Trost. Diese vier aber hängen eng zusammen: Wer soll uns unseren Glauben abnehmen, wenn wir nicht einmal einmütig bezeugen können, worauf es im Kern ankommt? Wie sollen wir auf ein seliges Ende - für uns selber und für die ganze Welt! - hoffen, wenn es schon über den Anfang nur unseligen Streit gibt? Und wenn wir dieser Hoffnung nicht in Einmütigkeit gewiß sind - woher soll dann die Geduld kommen, die utopische Spannung bis zum Ende durchzustehen, woher der Trost, wenn wir auf dem Wege immer wieder an unserer Hoffnung - und an unserer Zwietracht - verzweifeln?
Wir stehen kaum besser da, als dieses frühe und kleine Christenvolk in Rom, das bereits in lauter Schwache und Starke zerfällt.
Wer heißt denn nun zu Recht: ein Christenmensch? Der Protestant, der sich auf seinen starken Glauben verläßt - und der schon vorsichtshalber kein gutes Werk tut, damit er ja nicht in den Verdacht gerät, er wolle sich schnöde seine Seligkeit erwerben? Oder der Katholik, der gelernt hat, er müsse durch seine guten Werke mitwirken an der rechten Bewahrung und Stärkung seines Glaubens? Wer gehört dazu? Die Konservativen oder die Liberalen? Die Evangelikalen oder die historisch-kritisch Aufgeklärten? Wer sind denn unsere freigeistlichen Fleisch- und Alles-Verzehrer - und wo sitzen unsere theologischen Vegetarier, die Starken also und die Schwachen?
Selbst in den europäischen Kirchen der Reformation hat es lange gedauert, bis Lutheraner, Reformierte und Unierte einander wirklich für voll nahmen - Kanzel und Herrenmahl vorbehaltslos miteinander teilten. Noch in der Bedrohung durch den Nationalsozialismus, selbst noch bei der Verabschiedung der Barmer Erklärung mußten die lutherische und die unierte Kleiderordnung gewahrt werden, und zwar getrennt. Erst 1973, fast vierzig Jahre nach Barmen, haben Lutheraner, Reformierte und Unierte in Leuenberg untereinander die volle Kirchengemeinschaft erklärt - trotz aller Unterschiede, aber in "versöhnter Verschiedenheit." "Versöhnte Verschiedenheit" - dieses Zauberwort findet sich nun auch in den lutherisch-katholischen Feststellungen, die am 31.Oktober in Augsburg unterzeichnet wurden. Wie lange es wohl noch dauert, bis dieser Zauber sich wirklich entfalten wird?
Versöhnte Verschiedenheit - allein darauf kommt es an, der theologischen Sache nach und dem Apostel Paulus: Vor allem, daß die Versöhnung stärker ist - als die Verschiedenheit. Denn die Verschiedenheit kommt aus der Gemeinde (und zersetzt sie), die Versöhnung aber kommt zur Gemeinde (ohne ihr Zutun; "ohne des Gesetzes Werke", allein aus Gnade und allein im Glauben) - und nur diese voraussetzungslos geschenkte Versöhnung begründet wirkliche Gemeinschaft. Die Verschiedenheit fing in Rom damit an, daß die einen - gerade weil sie den Glauben sehr wohl richtig verstanden hatten - sich stark fühlten, während die anderen aus Schwäche einem noch unfreien Glauben anhingen. Bei unseren Streitereien fühlt sich freilich fast jeder stärker als der andere, und stärker als er selber ist: Angstbeißer nennt man das in der Verhaltensforschung.
1 Wir aber, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben. 2 Jeder von uns lebe so, daß er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung.
Die Mahnung des Apostels richtet sich also zunächst an die Starken:
"Wir aber, die wir stark sind..."
Er meint gerade sich selber - und die gelehrigsten seiner Anhänger. Also diejenigen, die nur noch den ersten Satz von Luthers Freiheitsschrift kennen: "Der Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan." Paulus predigt also gewissermaßen gegen den Paulinismus. Gegen die 150prozentig Befreiten, die den zweiten Satz von Luthers Freiheitsschrift schon nicht mehr kennen: "Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Dabei kommt es uns heutzutage mitunter so vor, als fühlten sich - auch in der Kirche - gerade jene am stärksten, die von der christlichen Freiheit gerade nicht so viel wissen wollen...
Wir aber, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben.
Die Mahnung des Apostels richtet sich also gegen die religiöse Selbstgefälligkeit.
"Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen..." Im griechischen Text steht nicht einfach "Christus" - wie ein Familienname, sondern "der Christus", also der Hoheitstitel: "der Messias". Selbst der : Keinen Gefallen an sich selbst...
Keine Selbstgefälligkeit gegenüber den Kleingläubigen, gegenüber denen, die auf andere Weise Christen zu sein versuchen - das heißt also nicht: Toleranz in unserem landläufigen, vielleicht sogar gleichgültigen Sinne, schon gar nicht nach der Formel des Alten Fritzen: "Jeder soll nach seiner eigenen Façon selig werden." Um gerade das geht es nicht: um die eigene Façon!
Nicht, daß wir uns selber gefallen! Nicht, daß uns die anderen gefallen sollen - obwohl wir doch einander selten gefallen! Nicht einmal, daß wir Christus und Gott gefallen wollen!
All dieses macht unseren Glauben gerade nicht aus. Sondern: daß es Christus gefällt, daß wir ihm gefallen! Daß wir ihm so sehr gefallen - daß er für uns gefallen ist, mit dem Kreuz auf seinen Schultern!
Und wo wir uns das gefallen lassen, da endet alle religiöse Selbstgefälligkeit.
An diesem Punkt - und nur hier! - endet auch alle Rechthaberei, enden die religiösen Fraktionskämpfe in Rom wie in Hamburg, endet der Vorrang der Starken vor den Schwachen, der Schwachen vor den Starken. Beide, die einen, die vor Unfreiheit kaum zu laufen wagen, wie die anderen, die vor Stärke kaum noch zu gehen vermögen, kommen endlich zur Sache. Sie kommen zur Einmütigkeit, weil sie sich nicht mehr auf ihren religiösen Besitzständen ausruhen - oder sie (ängstlich oder wütend oder beides zugleich) gegen andere verteidigen. Denn Gott ist kein Gott der Besitzstände, auch nicht des religiösen - oder des sonstigen - status quo, schon gar nicht des status quo ante, der angeblich guten alten Zeit. Sondern Gott ist, wie es in unserem Text heißt, ein "Gott der Hoffnung".
Was Gott uns zusagt, ist nicht etwas hoffnungslos Abgeschlossenes, was man nur noch rechtgläubig besitzen und im rechthaberischen Kampf verteidigen könnte - zwischen Rom und Genf oder sonstwo. Sondern es ist eine nie abgeschlossene Hoffnung.
Deshalb bittet, ja betet der Apostel in unserem Text regelrecht:
5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß,
6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Diese Einmütigkeit in der Hoffnung auf Zukunft ist es zugleich, die Schluß macht mit unserer Neigung zur Ausgrenzung gegenüber jenen Christenmenschen, die uns in unserer christlichen Selbstgefälligkeit nicht gefallen - und sei es auch nur, weil sie viel öfter zur Kirche gehen als wir, oder weil sie vielleicht nur zu Weihnachten in die Kirche kommen.
Und wie um die Grenzenlosigkeit dieser Nicht-Ausgrenzung auf die Spitze zu treiben, wählt Paulus eine Aussageform, die zwei klar getrennte Gruppen scheinbar zugleich vor den Kopf stößt - aber er stößt sie in Wirklichkeit nur mit der Nase darauf: Er verweist die Heidenchristen - jene Christen, die nicht zuvor zur jüdischen Synagoge gehört hatten - auf die Wahrheit, daß Jesus von Nazareth, wie es bei Luther heißt,
"ein Diener der Juden geworden" ist.
Der griechische Text formuliert drastischer: "ein Diener der Beschnittenen" - und verweist damit auf die gewissermaßen unumkehrbare Folge des Ritus. Und er verweist - um der bleibenden Wahrheit willen - auf den unverrückbaren Ausgangspunkt von Gottes Verheißung im Volk Israel.
Den Judenchristen mutet er aber die Erkenntnis zu, daß der Heilswille Gottes an dieser sozusagen auch anatomisch sichtbaren Grenze eben gerade nicht halt macht: daß er die Heiden einbezieht, die "Gott loben um seiner Barmherzigkeit willen". Und für diese Zumutung bringt Paulus gleich vier Schriftbeweise hintereinander aus der jüdischen Bibel bei. Er ist sich der Provokation, die darin liegt so deutlich bewußt, daß er - der alte Zeltmacher, der er ist - sich sagt: Vierfach genäht hält besser!
Das aber war es doch, was den religiös Selbstgefälligen aller Schattierungen schon immer übel aufgestoßen ist: daß Gott sich auch (und gerade) jener annehmen könnte, die nicht religiös korrekt frisiert sind... Aber wer wäre das schon?
Und was hätte dieses alles nun mit der Adventszeit zu tun? - An ihrem Ende werden wir es wieder hören - oder vom Evangelisten in Bach's Weihnachtsoratorium samt dem Chor:
3 Und alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen - seines Wohlgefallens.
Seines Wohlgefallens! Wie es doch der scheinbar zufällige Gleichklang der Wörter in Luthers Übersetzung schlaglichtartig hervorhebt: Nichts mehr da von Selbstgefälligkeit - religiös begründet oder nicht, stark oder schwach!
Sondern: Er ist es, dem es gefällt, daß wir ihm gefallen. Und zwar ohne Grenzen, die wir ihm setzen könnten. Er macht uns sich gefällig! Nicht wir uns ihm!
Das können wir nicht (das nämlich macht unsere Knechtschaft aus) - das brauchen wir nicht (und eben das macht unsere Freiheit aus). Und das, nur das verbindet uns untereinander in Hoffnung. Nur das kann unserer Trost sein - sonst nichts. Unser Predigttext aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer ist also im Grunde eine frühe Auslegung dieser später erst von Lukas aufgezeichneten Weihnachtsbotschaft: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines - allein: seines! - Wohlgefallens.
Amen.

