Abschlußpredigt zur 4. Tagung der 9. Synode der EKD in der Thomaskirche zu Leipzig

Christine Busch

07. November 1999

Liebe Gemeinde!

I.

Heute abend nimmt die Musik das Wort. Sie lädt sich ein in unsere Herzen mit Klängen und Melodien voller Schönheit. Sie ist eine eigene Mission. Sie klingt unvergesslich nach, spürt Erinnerungen auf und hält sie wach. Sie trägt durch die alte Sprache hindurch, nimmt ihre Bilder auf und singt sie neu. Da mag man über die barocke Sprache, über die "heilige Brunst" und das "ritterliche Ringen" nachsichtig hinweghören. Heute beten wir anders, suchen neue Klänge, wenn wir Gottes heiligen Namen anrufen, finden moderne Worte, wenn wir seine Gegenwart zur Sprache bringen, wenn wir nicht lassen können, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben (Apg. 4,20), was uns trägt und befreit. Im Grunde geht es darum, dem Unberechenbaren Raum zu geben, das Unerwartete zu ermöglichen, sich zu öffnen für eine neue Erkenntnis oder eine alte Wahrheit. Die Kirchenmusik tut das Ihre hinzu, ist selbst ein Schlüssel. Martin Luther - wir denken an seinen Geburtstag - sagt: "Selbst der Heilige Geist ehrt die Musik als ein Werkzeug seines eigenen Amtes, das er in seinen Schriften bezeugt, dass durch dieselben seine Gaben über die Propheten kommen"; er nennt sie "die Herrin und Regentin der menschlichen Herzensbewegungen", "eine ausgezeichnete Gabe Gottes und der Theologie am nächsten". - Sie bringt Menschen in Gottes Nähe, lässt Gott ins Herz und vermag eine Sehnsucht zu wecken, die vor allen Worten ist.

II.

Der Lehrtext für heute ist die Antwort Jesu an Johannes den Täufer, der die Messiasfrage stellt.
(Matthäus 11, Verse 2 - 6)

Da aber Johannes im Gefängnis die Werke Christi hörte,
sandte er zwei seiner Jünger
und ließ ihm sagen:
Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir eines anderen warten?
Jesus antwortete und sprach zu ihnen:
Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr seht und hört:
die Blinden sehen und die Lahmen gehen,
die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören,
die Toten stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt;
und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

Das muss Johannes genügen. Das Unplanbare, Überraschende wird die Wahrheit aufschließen. Eine prophetische Antwort. Das Bild einer Welt, in der es "stimmt", weil das Leben sich in seiner ganzen Fülle für alle ausbreitet. Es ist heilsam - schon jetzt. Lebendiges Wort, das aufrichtet und wachrüttelt, das in die Glieder fährt und die Sinne schärft. Gott will es so.

  • Wo die Augen, die Beine, die Haut und die Ohren heil werden, ist Jesus zu finden.
  • Wo die Toten aufstehen, ist Jesus zu finden.
  • Wo die Armen die gute Nachricht vom Reich Gottes hören, ist Jesus zu finden.

Dieser ist es, der kommen soll und der gekommen ist. Der, in dem sich Gott zu erkennen gibt. Der, in dem Gott uns berührt. Der, in dem Gott sich suchen und finden lässt. Der, durch den Leben und Tod ein Geschenk und ein einziger Trost werden. Der, durch den unsere Zeit aufgehoben und behalten wird, weil Gott wie eine Mutter, wie ein Vater die Hände darüber ausbreitet.

Jesus ist da. Seine Gegenwart ist heilsam. Sie rechtfertigt Lebenspläne, die quer stehen zu Ungerechtigkeit, Armut, Gewalt, Machtmissbrauch. Seine Gegenwart hält die Frage nach der Würde aller Menschen wach. Sie verwandelt die Diktate menschlichen Urteils, die Dogmen der Tradition und die Angst vor Präzedenzfällen. Die Pharisäer, die einen Ehebruch richten wollen, die Jünger, welche Mütter und Kinder und die kanaanäische Frau wegschicken, die Sabbat-Gemeinde, die mit der Heilung der verkrümmten Frau konfrontiert wird, können davon ein Lied der Einsicht und der Erkenntnis singen. Für die Frauen und Kinder ist es das Hosianna der Befreiung und der Wiederherstellung ihrer Würde. Im Alltag und am Sonntag ist davon zu erzählen. Lebendiges Wort, das aufrichtet und ausgestreut werden will, das unseren Mund, unsere Hände und Füße braucht, das liebevolle Zuwendung, intellektuelle Redlichkeit, politische Eindeutigkeit von uns erwartet.

III.

"Geht und sagt, was ihr seht und hört". Mit dieser Mission schickt Jesus die Johannes-Jünger zurück. Gebraucht eure Sinne; teilt eure Erkenntnisse aus. Nehmt sie in eure Verantwortung. Macht euch auf den Weg. Die Fragestunde ist vorbei, die Versammlung aufgelöst, das Zusammenkommen geht zu Ende, auch unsere Synode.

Geht und sagt, was ihr seht und hört.
Verbreitet die Bilanz eurer Erkenntnisse.
Seid euch im klaren über das, was ihr im Gepäck habt.

Und das ist nun nicht gerade wenig.

  • Die EKD-Synode 1989 in Bad Krozingen hatte das Schwerpunktthema "Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche". Die Bundessynode im September 1989 in Eisenach befasste sich mit der Ökumenischen Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen". Beide Synoden haben mit ihren Beschlüssen die Türen geöffnet zu einem besseren Verständnis der Situation von Frauen, haben konkrete Maßnahmen beschlossen für eine gerechtere Beteiligung - und haben die Steine benannt, die den Weg von Frauen in Kirche und Gesellschaft behindern. Nach wie vor gehören Armut, Diskriminierung, Gewalt dazu. Aber wir können sie heute besser identifizieren, und wir haben sie aus der Kultur des Schweigens befreit. Gerechtigkeit jedoch erfordert noch viel, vor allem Umkehr. Auch die Umkehr unserer Kirchen.   
  • Ich erinnere an diese Stadt vor 10 Jahren. Die Freiheit der Christenmenschen war längst eine subversive und dann eine öffentliche Kraft geworden. Sie ermutigte viele zum Einspruch, zu Sprechchören für die Freiheit. Zu den Friedensgebeten waren Glaubende und nicht Glaubende willkommen, und die Kirchen wurden Heimat für alle, die wollten - auch Heimat auf Zeit.
          
  • Ich erinnere auch an die 8. Vollversammlung des ÖRK in Harare vor einem Jahr. Sie hat sich damit befasst, dass und wie der ökonomische Markt die Herrschaft über die Gesellschaft und die Beziehungen der Völker gewonnen hat. Sie hat das Leiden des afrikanischen Kontinents wahrgenommen, das Schreien der Frauen und Männer aus dem Sudan, wo 3,5 Millionen Menschen in den letzten Jahrzehnten im Bürgerkrieg den Tod gefunden haben und die Überlebenden in Flüchtlingscamps dahinvegetieren. Sie hat die Logik der Ausgrenzung, der Missachtung Schwacher und Armer verurteilt und einen Schuldenerlass gefordert. Sie hat den Grundsatz, dass jede Form von Gewalt gegen Frauen Sünde ist, benannt. Sie hat Vorschläge zur Überwindung der Gewalt auf die Tagesordnungen der Mitgliedskirchen überwiesen. Sie hat darum gebetet, dass der Teufelskreis der Gewalt durchbrochen wird und der Leib Christi zu seiner sichtbaren Einheit kommt.

Eisenach, Bad Krozingen, Leipzig und Harare: vier Orte, die ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Sie gehören zu unserer kirchlichen Geschichte, und zwar in den jungen, nicht abgeschlossenen Teil. Sie stehen dafür, die persönliche Frage, die Suche nach dem politischen Weg, aber auch die Sehnsucht nach Gottes Nähe vor Gott und vor die Menschen zu bringen - und das Geschenk einer Antwort dann auch in unsere Verantwortung zu kleiden. Das ist nicht das Ende, sondern der Anfang eines Weges. Steinig ist er, aber gewährt doch viele Ausblicke, und ist so ganz anders als die Tristesse, die im wesentlichen Enttäuschungen offen hält. Und er lässt Raum für das ambivalente Gefühl vieler von uns, dass trotz mancher Fortschritte und Verbesserungen die großen Ziele offen sind: die Gleichheit der Würde, die Gleichberechtigung. Die Freiheit. Der umfassende Systemwandel nach der politischen Wende. Die Transformation kirchlicher Strukturen aufgrund der Herausforderungen der Ökumenischen Dekade. Reformatorische Impulse für unsere alte Kirche. Erneuerung.

Dies alles haben wir längst im Gepäck. Die Beschlüsse unserer Synode, die darin liegende Großzügigkeit oder Engherzigkeit sind öffentliche Antworten. Sie werden zu Hause und bei den Geschwistern in der weiten Welt gehört. Die Armut in Afrika, das Sterben im Sudan schreit zum Himmel - und Gott trauert und weint um die Geschöpfe, um den leidenden Kontinent, wo er als Kind Asyl fand. Geht hin und sagt, was ihr seht und tut. Ein Bild wird sich fügen über unser Maß an Solidarität, über unseren Mut zum Teilen, über die Offenheit unserer privaten und landeskirchlichen Portemonnaies, über die Deutlichkeit unseres Einspruches gegen Ungerechtigkeit und verletzte Würde, aber auch über unsere Lust an Gottes Wort und an der Kraft seiner Sendung.

IV.

Heilung, Leben und Gerechtigkeit: das ist die Antwort Jesu auf die Frage nach seiner Person. Ein anderer muss nicht mehr erwartet werden. Die Zukunft hat schon begonnen. Jesus legt sie uns in die Herzen und in die Hände, den Widerspruch und die Konsequenzen inbegriffen: "Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert". Den einen ist er alles, den anderen ein Ärgernis, den Dritten völlig gleichgültig. Wenn wir Jesus aufnehmen, nehmen wir Gott auf. Wenn wir ihn kennen, erkennen wir Gott. Was wir seinen Geschwistern tun, tun wir ihm. Was wir seinen Geschwistern verweigern, verweigern wir ihm. Geht und sagt, was ihr seht und hört. Das ist nicht die schlechteste Mission, im Gegenteil. Sie ist absolut konkret.

Johannes, der das Ende der Zeit gekommen sieht und darum Buße und Umkehr predigt, sitzt im Gefängnis, den Tod vor Augen. Aber er wird hören von Heilung und Gerechtigkeit, von Auferstehung und neuem Leben, von Zukunft und Hoffnung durch den Tod hindurch. Und Johannes wird in dieser Predigt die alten Worte des Propheten Jesaja erkennen, der die Vision vom Ende des Elends malt. Dann wird Gottes Gerechtigkeit die Wüste in eine blühende Landschaft verwandeln, Mensch und Tier werden friedlich miteinander leben, Augen und Ohren werden sich öffnen für die neue Wirklichkeit. Jesaja nennt sie "die ewige Freude". Einen endgültigen Ort hat sie noch nicht, doch sie lässt sich sehen und schmecken, denn sie wird die Suchenden und Zweifelnden, die Hoffenden und Glaubenden, uns alle und die uns Vorausgegangenen an einen Tisch bringen. Jesaja singt ein Glaubenslied: "Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen" - ein unverlierbarer Klang verspricht die alten Worte. Und sie erinnern uns daran, dass Gottes erwähltes Volk einen anderen, viel älteren Kalender hat als wir, und wie sollten wir beten ohne die Loblieder und Klagelieder Israels.

Und nun lasst uns unsere Zeit in Gottes Hände legen, die uns mütterlich und väterlich bergen. Von Gott sollen wir uns kein Bild machen. Aber dennoch vertrauen wir uns Gott in diesem Bild an: unsere Zeit, wir selbst in Gottes Händen, denn wir sind wach und sehnsüchtig, wollen nicht lassen zu reden von Gott in der Welt. Wir hoffen auf das, was kein Auge je gespürt, kein Ohr je gehört hat: die ewige Freude, Gottes Sehnsucht nach uns. Sie erwartet unser Beten und Singen, unsere Wachsamkeit und unser Aufstehen.

Amen



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