Bibelarbeit zur 4. Tagung der 9. Synode der EKD in Leipzig
Axel Noack
08. November 1999
1. Timotheus, der Gottesfürchtige
Uns ist ein Abschnitt aus dem 2. Brief, den der Bruder Timotheus (zu gut deutsch: "Fürchtegott"), unterzeichnet mit der Autorität des Apostels Paulus, erhalten hat, für heute zur Bibelarbeit aufgegeben. Wir wollen ihn bedenken unter dem Thema dieser Synode. In dieser Hinsicht kann man diesen Brief durchaus als einen "apostolischen Rippenstoß", als eine Ermunterung, möglicherweise sogar als eine Ermutigung zu missionarischem Handeln, mindestens aber zum zeugnishaften Reden verstehen.
Im Zeugnis der Schrift ist dieser Timotheus identisch mit dem oft genannten Schüler, Gefährten und Mitautoren des Apostels Paulus, der ihn auf etlichen seiner Missionsreisen begleitet hat. Nicht ganz deutlich ist seine Herkunft: Nach der Apostelgeschichte stammt er aus Lystra und war der Sohn einer jüdischen Mutter und eines griechischen Vaters. Timotheus hatte einen guten Ruf. Manche Exegeten meinen, dass die Mutter nur "mittelfromm" gewesen sein muss, da ihr Sohn nicht beschnitten worden war.
(Apg 16,1ff.: Er (nämlich Paulus) kam auch nach Derbe und Lystra; und siehe, dort war ein Jünger mit Namen Timotheus, der Sohn einer jüdischen Frau, die gläubig war, und eines griechischen Vaters. Der hatte einen guten Ruf bei den Brüdern in Lystra und Ikonion. Diesen wollte Paulus mit sich ziehen lassen, und er nahm ihn und beschnitt ihn wegen der Juden, die in jener Gegend waren; denn sie wussten alle, dass sein Vater ein Grieche war.)
Im 2. Timotheusbrief hingegen wird aber nicht nur der "ungefärbte Glaube" seiner Mutter Eunike, sondern sogar der seiner Großmutter Lois gerühmt.
(Kap. 3,14f: "Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus.")
Darüber hinaus belegen mehre Hinweise des Apostels Paulus, dass er selbst einiges zur Glaubensstärkung des Timotheus getan hat. Möglicherweise hält er sich sogar zugute, Timotheus missioniert zu haben.
Sei es, wie es sei: Klein Fürchtegott hat möglicherweise schon eine gute christliche Erziehung erhalten, jedenfalls haben sich andere, vielleicht sogar der berühmte Apostel Paulus selbst, um ihn und seinen Glauben bemüht. Aber: Selbst diese geballte evangelistische Grundsteinlegung scheint noch nicht zu reichen. Auch Timotheus muss wiederholt und eindrücklich an das Erlernte und Akzeptierte erinnert und zum offenen, schamfreien Bekenntnis ermuntert werden.
Übrigens: "Erinnern" ist eine Vorzugsvokabel bei Paulus.
(Zentrale Stelle: 1. Korinther 15: "Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht...") "Erinnern" steht für das, was wir gewöhnlich "konfirmierendes Handeln", also "Festmachen im Glauben" nennen.
2. Ererbter und erworbener Glaube
Man darf den Hinweis auf die dauernd nötige Befestigung des Glaubens nicht als eine Geringschätzung der christlichen Erziehung durch Mutter und Großmutter deuten. Das sollen wir mit Ernst hören, denn bis heute scheinen manche engagierten Missionare die "normale" christliche Erziehung etwas verächtlich zu betrachten und meinen, erst die evangelistische Bemühung würde zum richtigen, weil wahren und lebendigen Glauben führen. Das Beispiel des Timotheus belehrt uns eines Besseren: Man sehe sich nur hier im östlichen Teil des Landes oder in der Stadt Leipzig um: Da hat man es klar vor Augen, wie es in einer Gesellschaft aussieht, wo die meisten Eltern nichts von ihrem Glauben weitergeben können, weil nichts da ist. Hier hat Mission es wirklich schwer und ist eine besondere Herausforderung. Mit "Erinnern" und "Auffrischen" ist es hier nicht getan.
Dass religiöse Erziehung und das Finden eines eigenständigen Glaubens kein Gegensatz sind, soll ein Zitat des jüdischen Gelehrten Martin Buber belegen. Er macht es an den zu unterscheidenden, häufig nahezu synonym gebrauchten Formulierungen "Unser Gott" und "Gott unserer Väter" deutlich:
"Warum sprechen wir: "unser Gott" und "Gott unserer Väter!"? Es gibt zwei Gattungen von Menschen, die an Gott glauben. Der eine glaubt, weil es ihm von seinen Vätern überliefert ist; und sein Glaube ist stark. Der andere ist durch das Forschen zum Glauben gekommen. Und dies ist der Unterschied zwischen ihnen: Des Ersten Vorzug ist, dass sein Glaube nicht erschüttert werden kann, wie viel Widerspruch man auch vorbringen mag, denn sein Glaube ist fest, weil es von den Vätern überkommen ward; aber ein Mangel haftet daran: dass sein Glaube nur ein Menschengebot ist, erlernt ohne Sinn und Verstand.
Des Zweiten Vorzug ist, dass er, weil er Gott durch großes Forschen fand, zum eigenen Glauben gelangt ist; aber auch an ihm haftet ein Mangel, dass es ein Leichtes ist, seinen Glauben durch widerstreitenden Beweis zu erschüttern. Wer jedoch beides vereinigt, dem ist keiner überlegen. Darum sprechen wir: "Unser Gott", unserer Forschung halber, und "Gott unserer Väter", um unserer Überlieferung willen."
(Martin Buber; Des Baal-Schem-Tow Unterweisung im Umgang mit Gott)
3. Geist der Kraft und der Besonnenheit
Der erinnernde apostolische Rippenstoß ist nötig, weil deutlich ist, welch Geistes Kind auch fromme Christen sein können: Der Geist der Furcht, oder besser der Verzagtheit, kann sie befallen, damals wie heute. Dass wir aus einem Geist der Kraft leben und der umsichtigen Besonnenheit muss immer wieder einmal gesagt werden, sonst gewinnt auch bei uns der Geist der Angst die Oberhand:
- Furcht vor dem sinkenden öffentlichen Einfluss der Kirche;
- Furcht vor der schwindenden Akzeptanz in der Gesellschaft;
- Furcht vor der Entwicklung einer Gesellschaft, in der etliche Politiker sich nicht mehr Gott verpflichtet wissen;
Furcht vor der religiösen Konkurrenz; - Furcht vor dem Kleinerwerden unserer Kirche.
Es gibt viele Ausdrücke und Realgründe für den Geist der Furcht und der zerfressenden Sorge unter uns. Der Geist,der Kraft hat nichts mit dem Pfeifen im Walde, mit Auftrumpfen und trotzigem "Dennoch" zu tun. Er ist gleichzeitig ein Geist der umsichtigen Besonnenheit und Liebe zu den Menschen. Das meint zu allererst: Dieser Geist hilft zum genauen Hinsehen, was ist und versucht, Selbsttäuschungen zu vermeiden. Er hält harte Fragen aus und verschließt vor der Realität nicht die Augen, auch nicht vor Misserfolgen. (Auch der Apostel berichtet von seinen Misserfolgen: Mehrere Christen werden als Ausgetretene geoutet (V 15), weil sie "diese Welt liebgewonnen" haben (Kap. 4,10).)
4. Die doppelte Aufforderung, sich nicht zu schämen
Der eigentliche apostolische Rippenstoß, die klare Aufforderung, sich dem Thema der Mission zu stellen, enthält zwei Teile. Sie wird eingeleitet mit einem begründeten "Darum". Es braucht also Klarheit darüber, wes Geistes Kind einer oder eine ist, um wirklich nach außen wirksam werden zu können. Das Erlernte muss verfügbar sein, und die Gewissheit muss vorhanden sein, dass wir wirklich einen Geist der Kraft und der Besonnenheit empfangen haben. Die Voraussetzung ist nötig, auch wenn damit nicht bestritten werden soll, dass auch der Missionar unter seiner missionarischen Tätigkeit im Glauben wachsen und reifen kann. Aber: "Orientierung kann nur von Orientierten ausgehen!", wie es der vorige Bundespräsident einmal kurz und bündig formuliert hat. Das gilt auch für missionarische Bemühungen. Wer wirklich missionarisch tätig sein und andere ansprechen will, muss selbst ein Hörender sein. Wer sich selbst nicht dem Worte Gottes immer wieder aussetzt, wird es auch nicht weitersagen können.
Dass der eigentliche apostolische Anstoß zweimal mit der Aufforderung, sich nicht zu schämen, verbunden wird, dürfte einigermaßen verwundern, obwohl es gerade unserer Zeit und uns heutigen Christen unmittelbar nahe kommen dürfte. Haben wir doch gerade im aufgeklärten Europa, wo Religion aus wichtigen, auch emanzipatorischen Gründen zur "Privatsache" erklärt wurde, die Erfahrung machen müssen, dass sie nicht nur zur "Privatsache" im rechtlichen Sinne, sondern geradezu zur "Intimsphäre" geworden ist, über die man heute verschämter schweigt, als über seine Sexualität. Die Scham, über den eigenen Glauben zu reden, also Zeugnis abzulegen, ist offensichtlich und findet in einer breiten Sprachlosigkeit ihre Entsprechung. Die in München nach der McKinsey-Analyse gezogene Schlussfolgerung, wir müssten ein deutliches "Ja" sprechen zu den Themen des Glaubens, sehe ich in Parallele zu der apostolischen Aufforderung, sich des Zeugnisses von unserem Herrn nicht zu schämen. Komplizierter ist die Aufforderung, sich auch des in Gefangenschaft sitzenden Apostels nicht zu schämen. Die Nachfolge Jesu - verschiedene Berichte des NT belegen das deutlich - wird uns in Situationen und zu Menschen bringen, wo es sogar den Jüngern und Jüngerinnen peinlich sein wird, dazu zu gehören. (Beispiel: die Reaktion der Jünger, als Kranke und Bettler hinter Jesus hinterher schreien.)
Ein gefangener Apostel ist kein werbewirksames Aushängeschild für eine Kirche, sondern weist eher auf deren Mickrigkeit und Erbärmlichkeit hin. So gesehen ist die Aufforderung, sich des einsitzenden Apostels nicht zu schämen, gleichzusetzen mit der Aufforderung, sich nicht der vorfindlichen Kirche zu schämen, sie nicht verächtlich oder lächerlich zu machen. Wir haben ja keine andere. Ich sehe hier ein ernstes Thema angesprochen und bitte alle missionarisch Begeisterten und Engagierten, doch auch einmal ihr Reden über unsere "real existierende" evangelische Kirche kritisch zu prüfen bis hin zu der nicht nur in idea-Kreisen zu hörenden Frage, ob man denn Menschen, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben, wirklich an unsere vorfindlichen Gemeinden weisen dürfte. Schäme dich dessen nicht, kann man da nur mit dem Apostel sagen. Wir müssen darüber offen reden. Es ist nämlich eine ungute Arbeitsteilung, wenn die Kirchenprofis sich schämen, vom Evangelium klar und zeugnishaft zu reden, und wenn andererseits die missionarisch Engagierten sich schämen, zu so einer Art Kirche einzuladen. Der apostolische Rippenstoß für Timotheus weist uns auf die nötige Verbindung von beiden. Und wenn Sie so wollen: Die Aufforderung, sich seiner Kirche nicht zu schämen, sehe ich in Parallele zu der zweiten Schlussfolgerung der erwähnten Untersuchung im Münchenprogramm: Wir müssen ein "Ja" zur Institution der Kirche finden.
5. Das "Anbefehlen" als missionarische Praxis
Ich mache einen kleinen Sprung zum 2. Kapitel, weil hier noch einmal in ähnlicher, aber auch ergänzender Weise die apostolische Aufforderung an Timotheus zu lesen ist: "So sei nun stark, mein Sohn, durch die Gnade in Christus Jesus. Und was du von mir gehört hast vor vielen Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren." V 5,1f
Die Forderung, sich nicht zu schämen und stark zu sein, wird hier ergänzt um die positive Aussage: treuen Menschen das Evangelium "anzubefehlen". Diese etwas ungewöhnliche Vokabel sollte unsere Neugier herausfordern: "Anbefehlen" ist in der deutschen Sprache eine dringlich gemachte Empfehlung, aber wiederum kein Befehl im imperativischen Sinne. Im Griechischen hat der entsprechende Wortstamm eine vielschichtige Bedeutung. Er reicht vom empfehlenden Vorsetzen einer Speise, etwa bei der Speisung der 5000 (Mk 6,41) über die argumentierende Vorlage eines Gleichnisses Jesu (Mt 13,24.31) über das positiv gemeinte "Vorhalten" der Worte Gottes oder seiner Rechtsordnungen durch Mose (So 2. Mose 19,7 u. 21,1 in der griechischen Übersetzung der Septuaginta) bis zum Anvertrauen vieler Gaben: "Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern!" (Lk 12,48). In diesem Sinne ist das "Anbefehlen" der Lutherübersetzung also durchaus als eine dringlich gemachte Einladung, als das rechenschaftsfordernde Anvertrauen kostbaren Gutes zu verstehen.
Ist das eigentlich der Stil unseres missionarischen Redens, oder müssen wir nicht auch auf diesem Feld von einer unguten Arbeitsteilung ausgehen, nämlich dergestalt, dass wir Prediger haben, die zum Glauben fröhlich einladen und ihn wärmstens empfehlen, aber den ganzen nachdrücklichen Ernst verschweigen. Andere evangelistische Predigt ist dagegen mehr eine Strafpredigt, gespickt mit Sünde, Hölle und ewiger Verdammnis, die die frohmachende Freundlichkeit Gottes schuldig bleibt. Das ist vermutlich die größte Schwierigkeit unseres missionarischen Handelns, fröhlich zum Glauben einzuladen und das dennoch mit dem ganzen Ernst dessen zu tun, der weiß, dass es um Heil und Unheil geht. Gerade die Verbindung scheint uns jedenfalls nicht sonderlich gut zu gelingen. Das ändert sich nicht, wenn der Evangelist in seine im Kern bedrohliche Predigt ein paar betont witzige Bemerkungen einbaut.
Andererseits verstehe ich natürlich auch die Enttäuschung über die "Soft-Kirche", die einlädt - völlig unverbindlich und nur so zum "Schnuppern". Auch das kann es nicht sein. "Anbefehlen" ist eine gute Übersetzung und ist in sich schon ein Konzept, damit deutlich wird und bleibt: Jesus Christus ist Gottes Zuspruch und mit gleichem Ernst auch sein kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben. "Durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen" (Barmen 2).
6. Kurzformeln des Glaubens finden
Jetzt aber die Rückkehr zu den Versen 9 und 10: In diesen zwei Versen erfolgt so etwas wie eine kurze Inhaltsangabe der Verkündigung. Ich halte das für besonders wichtig für unsere synodale Arbeit, weil es falsch wäre, uns hier über verschiedene missionarische Methoden zu verständigen und dabei - wie es in unserer Kirche leider oft geschieht - stillschweigend vorauszusetzen, dass das, was wir zu verkündigen haben, eigentlich klar sei. Genaueres Nachfragen wird hier unter uns manche Verlegenheit ans Licht bringen. Können wir eigentlich kurz und bündig sagen, was wir mit dem Evangelium meinen, welches wir missionarisch verkündigen wollen? Hier im 2. Timotheusbrief wird es versucht. Die Medienvertreter müssten eigentlich entzückt sein. Hier wird präzise und deutlich in weniger als 1.30 Minuten die Sache auf den Punkt gebracht. Ist es das, und können wir das noch genauso sagen? Die Exegeten scheinen dem zu misstrauen, indem sie darauf hinweisen, dass hier ein "alter Hymnus", gedacht für den liturgischen Gebrauch, zum Lobpreis Christi zitiert wird. Ich möchte die Verse einmal anders lesen: Gerinnt nicht jede wirklich kurze und elementare Glaubensaussage zu einem quasi liturgischen Text? Freilich nur, wenn sie gut und verständlich ist. Das ging Martin Luthers Kleinem Katechismus so und auch der Barmer Theologischen Erklärung von 1934: Gelungene, konzentrierte und verständliche Bündelungen dessen, was Inhalt unserer Verkündigung ist, sind zum geformten Text geworden, der sich lernen und zitieren lässt. Der nötige Verweis auf die Väter zeigt an, wie selten es gelingt, solche guten, wirklich tragenden Kurzformeln des Glaubens zu formulieren. Wir müssen es dennoch immer wieder versuchen und dürfen uns davor nicht scheuen. Der Hinweis, dass das alles sehr kompliziert sei, man eigentlich einmal ausführlich darüber sprechen müsste und man dieses oder jenes dicke Buch zum gesegneten Gebrauch empfehlen könne, macht die ganze Verlegenheit deutlich.
Theologisches verantwortliches Reden scheint sich in unserer Tradition mit kurzer präziser und vor allem eindeutiger Rede kaum vereinbaren zu lassen. Aber das brauchen wir heute dringend und nicht nur, weil es das Medienzeitalter erfordert, sondern die Menschen brauchen die klare Rede. Natürlich gehört in dieser "Schlagzeilengesellschaft" Mut dazu, komplizierte Sachverhalte kompliziert sein zu lassen und nicht den großen Vereinfachern das Wort zu reden. Aber wenn das auf Kosten der Klarheit unserer Rede und der Eindeutigkeit unserer Entscheidungen geht, darf uns das nicht ruhig werden lassen. Der Geist der Kraft und der Besonnenheit und der Liebe scheut sich nicht, auch in Glaubensfragen ein klares Ja zu formulieren. (2. Kor 1,19: Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm.)
Die Vorbereitungsgruppe für die Synodenentschließung hat sich bemüht, kurz und knapp auch eine Inhaltsangabe dessen zu geben, was wir verkündigen, wenn wir Zeugnis von unserem Glauben geben. Ich halte auch dafür, dass die Kurzformel des 2. Timotheusbriefes eine gute und hilfreiche, knappe Form ist, auch wenn sie möglicherweise für heutige Hörer erläuterungsbedürftig scheint.
(Versuch:
"Gott ruft uns mit unverfügbarem, heiligem Ruf. Er hat uns schon immer gerufen, seit er die Schöpfung ins Leben rief. Wer sich recht in dieser Welt umsieht kann diesen Ruf Gottes vernehmen, auch wenn er nichts von Jesus Christus weiß, weil der schon immer dabei war. Jesus, der Christus, ist aber die Präzisierung dieses Rufes Gottes. Durch ihn wissen wir besser und genauer, was Gottes Wille ist und wo er mit unserer Welt hin will. Durch die Tatsache seiner Auferweckung von den Toten wurde er darüber hinaus zur Bekräftigung und sichtbaren Bestätigung dieses Rufes Gottes. Der Ruf gilt allen Menschen unabhängig von ihrem Tun und Lassen, ihren Taten und Untaten.
Wer diesen Ruf Gottes hört und sich ihm öffnet, erfährt konkret Hilfe zum konkreten Leben in dieser Welt. Er findet sich zurecht, und sei es in Zeiten des Leidens und der Bedrängnis. Er muss nicht nach dem unergründlichen Schicksal und der Vorsehung forschen. Ein Leben im Hören auf Gottes Ruf ist ein erfülltes, volles oder "seliges" Leben. Es ist gut und richtig, diesem Ruf zu folgen und leichtsinnig, sich ihm zu verschließen. Kriterium dafür, dass wir diesen Ruf gehört und angenommen haben, ist, dass wir ihn weitersagen und den heutigen Menschen "anbefehlen".
Da wir vergesslich und ablenkbare Wesen sind, ist es gut, sich dieses Rufes immer wieder neu zu erinnern. Auch das passiert am besten, indem wir ihn als Apostel, Lehrer und Prediger weitersagen.")
Im Synodendokument wird ein anderer, ich denke auch guter und sinnvoller, Weg versucht, elementarisiert zu sagen, was unser Glaube ist. Die Konzentration im 2. Timotheusbrief auf den "Heiligen Ruf Gottes an uns" empfinde ich als hilfreich. Er bringt das gut zum Ausdruck, was Mission meint: Gottes Zuruf, Aufruf, aber auch Warnruf.
Wir heute in Leipzig, im zehnten Jahr nach der Wende und wenige Wochen vor der großen Kalenderumstellung, können doch gar nicht anders, als dankbar und erstaunt festzustellen: Schau an, erstaunlicher und gnädiger Weise: Gott ruft immer noch. Noch ist seine Geschichte mit uns nicht zu Ende. Noch können wir seinen Ruf hören. Nun sollen wir es aber auch tun! Das weiterzusagen, als Apostel, Lehrer und Prediger, will der apostolische Rippenstoß, den Bruder Fürchtegott erhält, bewirken, und so sollen auch wir es hören.

