Abschlußgottesdienst der 3. Tagung der 9. Synode der EKD

Karl-Ludwig Kohlwage, Lübeck

05. November 1998, Erlöserkirche zu Münster

Predigtext Lukas Kap. 10 Vers 25 - 37 Die Geschichte vom barmherzigen Samariter

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

der Barmherzige Samariter: Erinnern Sie sich noch an den Film, der vor vier Jahren die Kinos füllte: "Schindlers Liste"? Ein großer Film von Steven Spielberg, der von Rettung in der Vernichtung handelt, von Menschlichkeit mitten in der brutalsten Unmenschlichkeit. Schindler, der Lebemann und Frauenheld, der Kriegsgewinnler, der im eroberten Osten glänzende Geschäfte macht, und zwar durch den Einsatz billigster Arbeitskräfte, Juden. Von der Veranlagung her für ein angenehmes Leben bestimmt, wird ihm immer unabweisbarer deutlich: Die Juden in deinem Betrieb, 1.100 Menschen, mußt du retten, ihr Leben hängt an dir. Er ist ein Abenteurer, und immer mehr wird es zu seinem einzigen Abenteuer, Bedrohten, Verfolgten, Gedemütigten ein Mensch zu sein.

So betrügt, schmiert und besticht er die SS-Schergen, so setzt er seine Mittel ein, sein Vermögen, ja sich selbst, um Juden zu retten - und es gelingt ihm.

Am Ende aber steht nicht der Triumph, nicht die Selbstbestätigung: Was hast du Großartiges gemacht! Am Ende, nach der Befreiung, bricht er zusammen: Du hast nicht genug getan! Du hättest noch mehr Menschen retten müssen! Aber er wird von den Erniedrigten getröstet, die mit seiner Hilfe der Hölle entronnen sind. Sie schenken ihm einen Ring, in dem eingraviert steht: "Wer einen Menschen rettet, der rettet die Welt." Später wird ihm ein Baum gepflanzt in der Allee der Gerechten in Yad Vashem in Jerusalem. Er verdient es, ein Gerechter genannt zu werden, weil er alle Selbstgerechtigkeit aufgegeben hat. Ob das auch ein Beitrag ist zu unserer Rechtfertigungsdebatte?

Nur der ist auf dem Weg der Menschlichkeit, der weiß, wie viel er ihr schuldig bleibt. Aber auch nur der ist auf dem Weg der Menschlichkeit, der tatsächlich einen Schritt tut und nicht von vornherein gleichgültig und resigniert aufgibt: Da kannst du ja doch nichts machen! Es lohnt nicht.

Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, oft gehört, zitiert und längst bekannt, und doch immer wieder bewegend und eine Wohltat nach alldem, was wir über Diakonie diskutiert haben.

Zwei Leute gehen an einem Halbtoten vorbei und beachten ihn nicht, ein dritter aber bleibt stehen und hilft. Erst ein Notverband, dann schafft er den Schwerverletzten in eine Raststätte, dort kümmert er sich weiter um ihn. Er trifft auch wirtschaftliche Vorsorge für die kommenden Tage, er organisiert Hilfe. Es ist schon eine große Geschichte, die Jesus erzählt und mit der er unsere Vorstellung von Gut und Böse, ja unsere ganze Kultur in der Tiefe geprägt hat.

Natürlich gibt es nach wie vor Gewalt und Totschlag, die Kain und Abel-Geschichte ist aktuell wie eh und je. Natürlich gibt es nach wie vor Gleichgültigkeit: "Was geht es mich an, wenn einer unter die Räuber fällt? Der hat Pech gehabt. Was soll ich mich einmischen. Jeder muß selbst sehen, wie er durchkommt". Diese Sprüche sind bekannt. Es gibt Stimmen, die behaupten, daß diese Sprüche an Einfluß und Überzeugungskraft zunehmen. Man kann dem bösen Wort von der Wegseh-Gesellschaft begegnen. Ein Afrikaner wird zusammengeschlagen, keiner greift ein. Ein Junge wird von Gleichaltrigen erpreßt und gequält, niemand will etwas gemerkt haben.

Das Sich-Abwenden und Gewährenlassen begegnet in kleinen unerheblichen Dingen: Rauchen im Nichtraucherabteil, der Walkman mit blechernem Rhythmus neben einem, die Handybenutzer, die in der Wartehalle nicht nur die allernächste Umgebung mit ihren wichtigen Durchsagen versorgen. Sie kennen die übliche Reaktion: man läßt es über sich ergehen, schluckt es runter und fühlt sich nicht zuständig.

Da baut sich möglicherweise eine Frage auf: Was akzeptieren wir und was nicht, damit das Zusammenleben funktioniert. Und es kann dabei nicht nur die Hauptsache sein, daß ich selbst glatt durchkomme.

Unsere Geschichte ist eine Gegengeschichte gegen die Wegseh-Gesellschaft, denn hier sieht einer nicht weg. Das ist eine große Ermutigung: Einer ist da, der macht es anders, der macht es richtig, der hilft, der stiehlt sich nicht davon, wenn er gebraucht wird, er erklärt sich nicht für unzuständig. Barmherzigkeit und Vernunft verbinden sich zu tatkräftiger, für den unter die Räuber Gefallenen lebensentscheidener Hilfe.

Die alte Frage, oft gestellt, nicht beantwortbar: Warum sind bloß die beiden anderen an dem Halbtoten und Ausgeplünderten vorbeigegangen? Priester und Levit, Theologen, theoretisch also bestens unterrichtet über das Gebot der Nächstenliebe. Aber sie tun nichts. Waren sie in Eile? Wollten sie keine Unterbrechung? Ekelte es sie vor einem vermeintlich Toten? Hatten sie Angst, auch überfallen zu werden? Waren sie einfach gleichgültig? Nehmen sie möglicherweise eine moderne zerklüftete Gesellschaft vorweg, in der die eine Gruppe die andere aus ihrem sozialen Bewußtsein gestrichen hat? Man kann nur spekulieren.

Aber dieses eine steht fest: Sie hätten es doch wissen müssen! Wie oft begegnen wir diesem Vorwurf. Wie oft machen wir ihn uns selbst: Du hättest es doch wissen müssen! Wie konntest du nur!

Die Nordelbische Synode hat sich im September mit den antijüdischen Gesetzen und Verlautbarungen der Nordelbischen Vorgängerkirchen aus der NS-Zeit befaßt und sich in aller Form davon distanziert, was bisher noch nicht geschehen war. Der Ungeist dieser Zeit kommt am deutlichsten zum Ausdruck in einer kirchlichen Bekanntmachung von 1941 über die Stellung evangelischer Juden. In ihr heißt es: "Durch die christliche Taufe wird an der rassischen Eigenart eines Juden, seiner Volkszugehörigkeit und seinem biologischen Sein nichts geändert. Eine deutsche evangelische Kirche hat das religiöse Leben deutscher Volksgenossen zu fordern. Rassejüdische Christen haben in ihr keinen Raum und kein Recht. Die unterzeichneten deutschen evangelischen Kirchen und Kirchenleiter haben deshalb jegliche Gemeinschaft mit Judenchristen aufgehoben." Das ist Selbstzerstörung christlicher Theologie und christlichen Glaubens. Das ist Schulterschluß mit der Ausrottungspolitik des NS-Regimes, und das Erschrecken bleibt: Sie hätten es doch wissen müssen! Auch das gehört zur Erinnerung des 9. November.

Der Samariter, der in den Augen seiner Zeitgenossen nicht viel galt, verpaßt den entscheidenden Augenblick nicht. Vielleicht zeichnete ihn bis dahin nichts Besonderes aus. Aber hier an dieser Stelle ist er ganz Mensch, da versagt er nicht, da tut er, was zu tun ist.

Der Samariter: er überschreitet Grenzen. Er bringt zusammen, was nach landläufiger Meinung überhaupt nicht zusammengehört. Er überwindet die Trennungslinie einer bitteren Geschichte von Haß, Vorurteilen und Unversöhnlichkeit. Wir wollen nicht vergessen, daß am Anfang von Diakonie und Hilfswerk und Schuldspeisung in der Nachkriegszeit diese Erfahrung steht: Da sind welche, die überschreiten diese Grenze. Wir wollen es weitergeben: deswegen Hilfe für Osteuropa, Brot für die Welt, grenzüberschreitende Partnerschaften.

Der Barmherzige Samariter: er verpaßt den entscheidenden Augenblick nicht, zwei verpassen ihn, die viel besser qualifiziert gewesen wären. Das ist eine Konstellation, die in Unruhe hält.

Es gibt Geschichten, die bleiben offen, weil sie uns, unser Leben, das Leben der Kirche, der Gemeinde Jesu Christi als Antwort haben wollen. Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter ist solch eine offene Geschichte. Wer sieht? Wer tut das Notwendige im richtigen Augenblick? Wer ist mein Nächster? - Das ist die Ausgangsfrage. Die Antwort ist einfach und schwierig zugleich. Der Nächste ist der, der dich als Nächsten braucht. Nächster ist man nicht durch räumliche Nähe oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Nächster wird man.

Der Schriftgelehrte, mit dem Jesus diskutiert, will eine eindeutige Definition: Wer ist mein Nächster? Für wen gilt das Gebot: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst", und für wen gilt es nicht?

Diese begehrte Definition bekommt er nicht. Er bekommt von Jesus eine Geschichte als Antwort, und er kann aus der Sicht des Opfers miterleben, wer dem Opfer zum Nächsten wird. Und so kehrt Jesus die Ausgangsfrage um: Wer diese Geschichte hört und zu Herzen nimmt, der kann gar nicht mehr kühl und distanziert fragen: Wer ist mein Nächster? Sondern der muß fragen: Wer hilft denn nun eigentlich? Wer überwindet Apathie, Gleichgültigkeit, Verweigerung und wird dem zum Nächsten, der unter die Räuber gefallen war? Es gibt nur eine Antwort: der die Barmherzigkeit an ihm tat.

Diese Geschichte ist ein grundlegender Text der Diakonie. Hier begegnen wir dem Lebensgesetz der diakonischen Kirche: sehen, wahrnehmen, erkennen und tun, das jetzt Notwendige und Vernünftige auch langfristig tun. Diakonie braucht Menschen, die beides zusammenbringen und zusammenhalten: ein waches Herz und praktische Vernunft.

Diakonie sieht sich kaum in Konkurrenz mit anderen. Sie wird auch keinen Monopolanspruch erheben. Nach dieser Geschichte kann man sich ja nur über jeden Menschen freuen, der ebenfalls unter die Räuber Gefallene wahrnimmt und ihnen hilft.

Und was die Räuber angeht: Sie fallen in sehr verschiedener Gestalt über den Menschen her, so wie hier, aber auch als Sucht, als Armut, als Verwahrlosung, böse Kindheit, Krankheit, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit usw. Es gibt viele Mächte, die niedermachen, das Leben schädigen, Lebensmöglichkeiten abschneiden. Das wissen wir von Bert Brecht, daß man einen Menschen nicht nur umbringt, indem man ihm ein Messer in den Leib stößt. Entscheidend ist diese Erkenntnis, die einen Menschen nicht mehr losläßt: Hier muß ich helfen!

Jesus hält es nicht für unmöglich, daß das Notwendige erkannt und getan wird. Sein Gleichnis drängt auf Zustimmung: Ja, so ist es! "Gehe hin und tue desgleichen" - dem kann man nicht ausweichen. Und das wollen wir nicht nur als Forderung oder Zumutung hören. Nein, er, der diese Geschichte erzählt, traut uns Menschlichkeit zu. Er traut es uns zu, in einer Welt der Räuber, der verweigerten Hilfe, der Gleichgültigkeit das Richtige zu tun und für das Leben einzutreten.

Die Geschichte der Diakonie ist eine Geschichte von Menschen, die in diesem Gleichnis einen Schlüsseltext ihres Lebens lesen. Viele Prominente sind zu nennen. An Johann Hinrich Wichern und die Anstöße, die er ausgelöst hat, denken wir in diesem Jahr besonders. Daneben gab und gibt es ungezählte andere Frauen und Männer, die sich von dieser Geschichte bestimmen lassen. Sehen, was los ist, wo Menschen Hilfe brauchen. Diese Hilfe organisieren, leidenschaftlich und nüchtern zugleich, wenn es geht, ohne Dauerabhängigkeit zu schaffen. Auch Vorbeugen und Vorbauen, sich Gedanken machen, wie die Straße von Jerusalem nach Jericho sicherer gemacht werden kann - auch das gehört zum diakonischen Auftrag. In dieser vielschichtigen Geschichte läßt sich Diakonie auch in dem Herbergswirt wiedererkennen, der den unter die Räuber Gefallenen aufnimmt und gegen Kostenerstattung pflegt.

Jesus überfordert nicht, aber er traut uns etwas zu. Er traut uns zu, tatkräftige Zeugen des barmherzigen und heilenden Gottes zu sein. Und dabei wollen wir dieses nicht vergessen: Er selbst ist ja der barmherzige Samariter, der auf den gefährlichen Straßen des Lebens keinen allein lassen will. Wenn wir das nicht wüßten, ist das Ganze vielleicht doch eine große Überforderung. Aber er ist an unserer Seite, in ihm ist der gegenwärtig, aus dem sich alle Barmherzigkeit speist. Amen.



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