Predigt am Reformationstag in Altenberg

31. Oktober 2002

Jürgen Schmude

Predigt zu Psalm 96, 1-6

Ein großartiger Text zum Lob Gottes. Sein Abschluss klingt wie ein Fanfarenstoß; von Pracht und Herrlichkeit ist die Rede.

Wenn der Eindruck dieser kräftigen Sprache nachlässt, bleiben Fragen, kommt Ernüchterung auf. Wo ist er denn, dieser große Gott, der den Himmel gemacht hat? Wo und wie kann man seine Macht und Herrlichkeit erleben?

Ein neues Lied sollen wir ihm singen. Und das sagt uns ausgerechnet ein steinalter Text in seinem Bibeldeutsch?

Vielleicht ist es ja so: Mit dem neuen Lied klappt es nicht so recht. Und deshalb wird dann auch die Macht und die Herrlichkeit Gottes nicht erkennbar. Im Gegenteil, die Kirchen verlieren Mitglieder. Und die Zustimmung zu christlichen Glaubenswahrheiten ist schwach.

Jedenfalls scheint das für Deutschland zu gelten. In der Dritten Welt z.B., in Asien und Afrika, wachsen die Kirchen, nimmt die Zahl der Christen zu. Kann man dort Gottes Herrlichkeit leichter begreiflich machen und deutlicher spüren?

Das muss nicht so sein, dass hier das Glauben schwerer fällt als woanders. Denn wir leben unter günstigen Umständen und genießen weit mehr als die Menschen in den armen Ländern die Schönheit und den Reichtum der Welt. Wir haben sie nicht gemacht, wir haben uns selbst nicht erschaffen. Alle ihre  Vorteile und Chancen sind uns – ohne eigenes Zutun – überlassen worden. Wer es so gemacht und geordnet hat, muss großartig sein. Ein großer Gott, herrlich und kraftvoll. Jedenfalls stärker und zuverlässiger als „alle Götter der Völker“, als die Götzen also. Die machen wir uns selbst mit der Verherrlichung bestimmter Idole, mit der Verliebtheit in das eigene Vergnügen, die eigene Karriere, den eigenen Körper und vieles andere mehr. Unser Herz hängen wir daran und haben damit einen unsicheren Aufhänger gefunden. Lange hält der nicht, dann bricht der Götze weg. Unsere Schwäche, unsere begrenzten Gaben, Krankheit, Alter, Misserfolge, - es gibt viele Ursachen für das Wegbrechen selbstgemachter Götter.

Der Gott der Bibel, der sich in Jesus Christus mit den Menschen verbunden hat, der bleibt, auf Dauer und zuverlässig. Er hält die Welt in seinen Händen und mit ihr die Menschen, uns alle in diesem Gottesdienst.

Stellen wir uns einmal unser Leben wie eine Stadt vor, durch die wir im Lauf der Jahre hindurchgehen. Mal hier, mal da halten wir uns auf, aber dann müssen wir weiter. Schöne Seiten hat diese Stadt und auch dunkle, die Enttäuschungen, Niederlagen und Trauerfälle. Was wir in ihr erleben werden, wissen wir noch nicht. Sie hat viele für uns fremde Straßen und Stadtteile, besonders in der Zukunft.

Der Psalm lädt uns zum Glauben ein, an Gott den herrlichen und mächtigen, der den Himmel gemacht hat und die Erde und der über die „Stadt unseres Lebens“ seine Hand hält. Was immer uns fremd und unberechenbar ist, wir dürfen darauf vertrauen, dass auch hinter den dunklen Wänden an der Straße unseres Lebens Gott regiert und das letzte Wort hat. Gott, der es gut mit uns meint und nicht zulässt, dass wir irgendwo in Gewirr und Kälte verloren gehen.

So brauchen wir Gott und suchen ihn. Wir möchten ihn spüren und erkennen in der unübersichtlichen „Stadt unseres Lebens“. Wenn man sich schon sonst auf nichts endgültig verlassen kann, wollen wir wenigstens im Glauben an Gott Halt und Sicherheit gewinnen.

Kann man das so sagen? Viele suchen Gott ja nicht, jedenfalls in langen Zeiten ihres Lebens nicht. Im Glück nicht, weil dann alles gut läuft und sie schon dafür sorgen werden, dass es so weiter geht. Und im Elend nicht. Da überlässt man sich dem Trübsinn und gibt gern anderen die Schuld an dieser Lage.

Und doch haben wir gerade in schlechten Zeiten das Empfinden, das da doch noch etwas sein muss, was weiter reicht als unser eigenes Erkennen und Begreifen. Es kann doch nicht alles dem blinden Zufall unterworfen und sinnlos sein, vor allem unser Leben nicht.

Und wie ist es in guten Zeiten? Den Tag zu genießen und das Morgen zu verdrängen, das ist ein kurzlebiges Rezept. Auf die Vorboten unserer Zukunft werden wir ja doch gestoßen, und eine Ahnung der Angst vor ihr lässt sich nie ganz verdrängen. Da muss es doch einen Ausweg, einen sicheren Halt geben, ist unser Empfinden.

Bei extremen Erlebnissen, die uns erschüttern und ratlos machen, wird dieses Empfinden offenbar. Wo soll man hin mit Trauer und Entsetzen über die Terroranschläge vom 11. September 2001 in Amerika? Die führenden Politiker sind ebenfalls entsetzt und ratlos. Das merkt man ihren Worten an. Da muss doch jemand noch mehr aufzeigen können, als hilflose Menschen selbst zustande bringen.

Auch der Mordanschlag in der Erfurter Schule – und sicher auch die Terrorakte auf Bali und in Moskau - haben dieses Empfinden und diese Sehnsucht ausgelöst. Große Katastrophenfälle haben es  ebenso getan. Und wenn man einen geliebten Menschen durch den Tod verliert erleben es Einzelne hier und da immer wieder.

Das Empfinden hat etwas zu bedeuten. Es zeigt eine Richtung, wenn die Betroffenen und die Trauernden in solcher Lage Trost im Hören biblischer Worte, in der Besinnung und im Gebet suchen. Da ist etwas, was schon in früheren schlimmen Zeiten galt, was Menschen getröstet und gefestigt hat, so dass sie weiter leben und neuen Mut fassen konnten. Ob jede und jeder Einzelne in den Andachten und Trauergottesdiensten dieses Ziel erreicht, ist offen. Aber sie versuchen es in der Hoffnung, da könnte etwas Verlässliches und Dauerhaftes zu finden sein.

Und damit sind wir bei den alten Texten, der alten Botschaft von dem zeitlosen, ewigen Gott, mächtig genug für jede Hilfe und in guter Absicht  uns Menschen zugewandt. Ihm kann man vertrauen. Jedenfalls möchte man ihm vertrauen können.

Aber wie soll man ihn begreifen, wie sollen aus den alten Texten heutige Einsichten kommen. Durch die Kirche etwa? Sie ist selbst alt und oft genug wirkt sie altmodisch. Das sollte uns nicht abschrecken. Denn sie ist es, die heute wie früher die Herrlichkeit und Freundlichkeit Gottes in Worte fasst, verständlich macht und durch praktische Hilfstätigkeit, besonders in der Diakonie,  anschaulich werden lässt.

Mit Vorschriften, was man zu glauben habe, wäre es freilich nicht getan. Die Kirche verkündigt Gottes Wort, sie hilft bei seinem Verständnis. Wie wir den biblischen Text, den wir auch selbst hören und lesen, dann verstehen und annehmen, darüber entscheiden wir nach bestem Wissen und Gewissen selbst. Darin liegt der große Durchbruch der Reformation Martin Luthers, an die wir am heutigen 31. Oktober besonders zurückdenken. Sie hat in Glaubensdingen die Freiheit des Christenmenschen, die Freiheit von Zwang und Bevormundung gebracht. Und das heißt nun mal ganz praktisch, dass verständlich und einsehbar sein muss, was uns von Gottes Willen und seinen guten Absichten verkündigt wird.

Das neue Lied, das neue Reden und andere neue Darstellungsformen verkündigen denselben Gott, der uns in der Bibel gezeigt ist. Sie machen aber verständlich und müssen es immer wieder neu und besser tun, dass alle Entwicklung der Menschheit, dass die weitreichenden Kenntnisse und herrlichen Chancen, die wir heute haben, der Macht Gottes und der Notwendigkeit seines Eintretens für uns nichts genommen haben.


Viele sehen das gar nicht ein Wir sorgen selbst für uns, wir haben die Kenntnisse und die Mittel dazu, das ist die verbreitete Einstellung des modernen Menschen, als gäbe es keine Grenzen und Unglücke mehr, keine Widersprüchlichkeiten und Schwächen, die uns oft genug an uns selbst verzweifeln lassen.

Da mag die Versuchung groß sein, in die gute alte Zeit zurückzublicken, wo wie es heißt, praktisch alle Menschen gläubige Christen waren, damals als das Glauben soviel einfacher gewesen sein muss. Die Macht der Kirche, so sagt man, sei weit größer gewesen. Gebieterisch habe sie die biblischen Gebote abgekündigt und über ihre Einhaltung mit Eifer gewacht. Heute, so meinen Kirchenkritiker, sei die Kirche oft schwächlich geworden und bequem für die Gläubigen, ohne Provokation und Belastung.

Das trifft man ja nun in vielen Lebensbereichen, dass die Vergangenheit vergoldet wird und ihre Zustände so sehnsuchtsvoll beschrieben werden, als wäre ihre Wiederherstellung das Heil für die Gegenwart. Da sollte man die Zustände erst einmal genau betrachten und würdigen, um sich zu fragen, ob man sie für die Gegenwart wirklich wollen würde.

Ich würde sie nicht wollen. Z.B. nicht die unkritische Bereitwilligkeit der Christen, sich in die von ihrer Obrigkeit beschlossenen Kriege gehorsam einzufügen und diesen Kriegsdienst auch noch als von Gott gewollt anzusehen. Die Predigt des Berliner Dompredigers bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 war ja kein Einzelfall mit der Verkündigung, Gott sei es, der so wörtlich, „unsere Fahne entrollt und unserem Kaiser das Schwert zum heiligen Krieg in die Hand drückt.“ Der Kaiser hatte entschieden, die Kirche rief zur Gefolgschaft auf und die Christen leisteten guten Gewissens den Kriegsdienst.

Nein, die Kriege, die Menschen vernichten und Länder verwüsten, haben leider nicht aufgehört. Sie werden weiterhin geführt, in den alten und vielen neuartigen Formen. Aber die Verantwortung der friedliebenden Völker und auch der Christen wird heute deutlicher und kritischer gesehen. Krieg zu führen ist nicht mehr das gute Recht der Obrigkeit, die so ihre Politik fortsetzt und dafür Gehorsam verlangen kann. Der Einsatz militärischer Gewalt ist das letzte und dann notwendige Mittel, um überragende Gefahren abzuwenden und Menschen vor dem massenhaften Tod zu retten. Die Entscheidung ist von der demokratisch gewählten politischen Führung zu treffen, doch sie muss mitvollziehbar sein für die ganze Bürgerschaft und erst recht für die Soldaten. So sehr deren Verantwortung begrenzt ist, ihre Gewissensprüfung der Vereinbarkeit des Dienstes mit Gottes Gebot wird ihnen nicht einfach weggenommen. Nicht vom Staat und nicht von der Kirche.

Dass es insoweit die Soldaten, auch die christlichen, früher einfacher hatten, ist kein Vorbild. Im Gegenteil: Die Irrwege der Vergangenheit und das Wissen der Gegenwart erzwingen geradezu ein neues Verständnis von dem, was heute Gottes Willen ist. Das neue Lied zu singen, heißt neue und immer bessere Einsichten von Gottes guter Absicht mit den Menschen zu gewinnen und auszusprechen. Seine Gebote sind nicht Unterwerfungsbefehle. Sie sind Hilfe zu einem gedeihlichen und für alle würdigen Zusammenleben der Menschen. In der christlichen Ethik für die Friedenswahrung, die soziale Gerechtigkeit, die Entwicklungshilfe, den Schutz des menschlichen Lebens und vieles andere wird das deutlich. Was wären wir für eine Gesellschaft, wenn Christen und Kirchen solche Einsichten nicht immer wieder zur Geltung bringen würden, so dass sie bei uns inzwischen weithin anerkannt sind.

Jedenfalls grundsätzlich. Wird es konkret, kommt es zum Konflikt zwischen Eigeninteressen und Nächstenliebe oder Solidarität, dann weiß man viele Gründe, warum gerade in diesem Fall der eigene Vorteil wichtiger ist.

Zum Beispiel: In kaum einem anderen Land sind Lebensstandard und Wohlstand so gut wie in Deutschland. Über lange Zeit hin sind sie gewachsen und gewachsen. Was aber, wenn uns die Umstände Stillstand oder gar Rückgang aufzwingen? Wäre dann Schluss mit der guten Zeit auch in unserer Moral, Schluss mit Solidarität, christlicher Rücksichtnahme auf die Schwächeren und am Ende gar Schluss mit der Demokratie?

Das muss nicht sein. Wir könnten uns mit Weniger einrichten – und hätten es dann wohl immer noch besser als z.B. unsere Nachbarn in den Niederlanden. Allerdings: Gerecht und erträglich auch für die Schwachen müssten die Veränderungen gestaltet und die Lasten verteilt werden. So dass alle ihr Auskommen für ein Leben in Würde haben. Für ein Leben, wie Gott es für uns und unsere Mitmenschen will.

Dafür müssen Christen und Kirchen streiten. Ihr Auftrag ist es, als Anwalt der Schwachen für Gerechtigkeit einzutreten, gerade dann, wenn sie sich mit solcher Einmischung in harte Verteilungskämpfe nicht beliebt machen. Sozialagenturen, wie manche vorwurfsvoll sagen, werden die Kirchen damit nicht, sondern sind bei ihrer ureigenen Sache: dem Eintreten für die Gebote der Bibel. Sie gelten der Beziehung des Menschen zu Gott, aber ausführlich auch seinem Umgang mit anderen Menschen. Früher wie heute.  Die Übersetzung der Gebote in die heutige Zeit und in Formen der heutigen Zeit macht das verständlich.

Wir wollen das uns Bestmögliche tun im Singen des neuen Liedes von Gott, von seiner Treue und Macht. Für uns selbst wie für andere wollen wir es tun, um zu erkennen, wo wirkliche Hilfe und Sicherheit für unser Leben ist. Gelassen können wir in dieser Erkenntnis dunkle Stunden ertragen, und sie gibt uns gleichermaßen Gelassenheit und Zuversicht, um glückliche Zeiten in ruhiger Freude zu erleben.

Die Stadt unseres Lebens ist in Gottes Hand. Wir werden auf dem Weg durch sie nicht unter einstürzende Wände geraten, nicht in einem schwarzen Loch verschwinden, Gott liebt uns, Gott erhält uns. Ihm vertrauen wir, zu ihm beten wir, sein Lob singen wir in immer wieder neuer Weise.



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